Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 13

Kapitel 13 - Der Kampf um das Zentrum der Welt

Von Beginn dieses Buchs an habe ich den nordamerikanischen Kontinent als Dreh- und Angelpunkt des internationalen Systems beschrieben. Bislang habe ich Nordamerika mehr oder weniger mit den Vereinigten Staaten von Amerika gleichgesetzt, da diese eine unangefoch- tene Vormachtstellung auf dem Kontinent einnehmen. Der Ausgang des Ersten Weltraumkriegs zeigt, dass in Eurasien auf absehbare Zeit keine ebenbürtige Macht entstehen wird. Außerdem bestätigt und aktualisiert er ein entscheidendes geostrategisches Prinzip: Wer den Atlantik und den Pazifik beherrscht, kontrolliert den Welthandel, und wer den Weltraum dominiert, der beherrscht die Weltmeere. Nach dem Krieg sind die Vereinigten Staaten die unangefochtene Vormacht im Weltall und damit auf den Weltmeeren. Doch die Wirklichkeit ist wie immer etwas komplizierter. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts sehen sich die Vereinigten Staaten mit einer Schwachstelle konfrontiert, die sie zweihundert Jahre lang unter Kontrolle zu haben schienen. Ihr erstes geopolitisches Gebot, auf dem alle weiteren basieren, verlangt, dass sie die führende Macht auf dem nordamerikanischen Kontinent sein müssen. Seit dem Amerikanisch-Mexikanischen Krieg und dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo aus dem Jahr 1848, der diesen beendete, hatten sie praktisch die absolute Vorherrschaft. Dies schien seither geradezu ein Naturgesetz zu sein. Zum Ende des 21. Jahrhunderts ist dies allerdings nicht mehr der Fall. Die Frage nach dem Verhältnis von Mexiko und den Vereinigten Staaten stellt sich ein weiteres Mal, und diesmal in äußerst komplexer Art und Weise. Nach zweihundert Jahren ist Mexiko nun in einer Position, die territoriale Integrität der Vereinigten Staaten und damit das gesamte Machtgleichgewicht auf dem Kontinent in Frage zu stellen. Wenn Ihnen dies weit hergeholt erscheinen sollte, werfen Sie noch einmal einen Blick in das einleitende Kapitel, bedenken Sie, wie sehr sich die Welt innerhalb von nur zwanzig Jahren verändert, und erinnern Sie sich, dass wir über Ereignisse sprechen, die ein dreiviertel Jahrhundert in der Zukunft liegen. Die neue mexikanische Herausforderung hat ihre Wurzeln in der Wirtschaftskrise der 2020er Jahre, die mit den neuen Einwanderungsgesetzen der 2030er Jahre behoben wird. Diese Gesetze begegnen dem Arbeitskräftemangel in den Vereinigten Staaten mit einer aggressiven Einwanderungsförderung. Es kommt zu einem massiven Zustrom von Einwanderern aus allen Ländern der Erde, darunter natürlich auch aus Mexiko. Die neuen Einwanderergruppen verhalten sich wie alle anderen vor ihnen. Allein die Mexikaner fallen aus dem Rahmen, aber nicht etwa aufgrund ihrer Kultur oder ihres nationalen Charakters, sondern allein aus geografischen Gründen. Dies und die zunehmende Bedeutung Mexikos als Wirtschaftsmacht sorgen für eine Verschiebung des Machtgleichgewichts in Nordamerika. In der Vergangenheit verteilten sich Einwanderer in einer typischen Klumpenbildung über das Territorium der Vereinigten Staaten und lebten in nationalen Enklaven zusammen. Einzelne Nationalitäten konnten zwar einen Stadtteil dominieren und Einfluss auf dessen Umfeld ausüben, doch zumindest seit Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten sie nie eine Region oder gar einen ganzen Bundesstaat. Die zweite Generation wurde jeweils kulturell assimiliert und verteilte sich über das ganze Land. Das Leben in der nationalen Enklave war weniger attraktiv als die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die ihnen im Rest des Lands offenstanden. Minderheiten bildeten nie einen schwer verdaulichen Brocken – mit Ausnahme der Afroamerikaner, die nicht freiwillig nach Amerika gekommen waren, und der Ureinwohner, die bei Ankunft der Einwanderer bereits auf dem Kontinent gelebt hatten. Die übrigen kamen, bildeten zunächst ihre Enklaven, verteilten sich dann und fügten der Gesellschaft eine weitere kulturelle Schicht hinzu.
Dies war immer die Stärke der Vereinigten Staaten. In Europa haben sich beispielsweise die Muslime stets ihre religiösen und nationalen Identitäten bewahrt, mit denen sie sich von der übrigen Bevölkerung unterschieden, während ihnen der Rest der Gesellschaft nie besondere Assimilationsanreize gab. In den Vereinigten Staaten wurden die Angehörige der Islam dagegen wie alle anderen Einwanderer auch im Laufe von einigen Generationen zu Amerikanern, sie akzeptierten die Werte ihrer neuen Heimat und behielten ihre Religionszugehörigkeit eher als eine Art kultureller Verbindung zur Vergangenheit bei. Dies stellte eine enge Bindung der Einwanderer mit ihrem neuen Heimatland her und verursachte einen Graben zwischen der ersten Immigrantengeneration und den nachfolgenden (und damit auch zwischen den amerikanischen Muslimen und ihren Glaubensbrüdern in aller Welt). Die mexikanischen Einwanderer, die mit Beginn der 2030er Jahre ins Land kommen, verhalten sich jedoch anders. Sie verteilen sich zwar auch wie frühere Einwanderergenerationen über das gesamte Land und werden zum Teil in die amerikanische Gesellschaft integriert. Doch anders als alle anderen Einwanderergruppen sind die Mexikaner nicht durch Ozeane von ihrer alten Heimat getrennt. Auch wenn sie die Grenze zu den Vereinigten Staaten überqueren, bleiben ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu ihrer Heimat erhalten. Dies schafft eine vollständig andere Dynamik. Die neue Heimat ist keine Diaspora, für einen großen Teil der mexikanischen Einwanderer ist es lediglich ein kleiner Schritt in ein Grenzland zwischen zwei Nationen, das große Ähnlichkeit mit dem zwischen Deutschland und Frankreich liegenden Elsass-Lothringen hat. Es ist ein Gebiet, in dem sich die Kulturen vermischen, selbst wenn es durch eine Grenze geteilt ist. Dies verdeutlicht die folgenden Karte, die auf Daten des Statistischen Bundesamts der USA beruht und aus der die Verteilung der hispanischstämmigen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten im Jahr 2000 hervorgeht. Schon damals ist es entlang der Grenze vom Pazifik bis zum Golf von Mexiko zu einer offensichtlichen Ballung von mexikanischstämmigen Einwohnern gekommen. Die Counties entlang der Grenze sind zu einem Fünftel bis zwei Drittel mexikanisch (dieser Begriff bezieht sich in der Folge nicht auf die Staatsangehörigkeit, sondern auf die Herkunft). In Texas und Kalifornien reicht diese Konzentration sogar bis weit ins Landesinnere hinein, doch es sind vor allem die Grenzcounties, die sich in mexikanischer Hand befinden. Auf der Karte habe ich das Gebiet eingezeichnet, das ursprünglich zu Mexiko gehörte: Texas und die sogenannte Mexican Cession, das Gebiet, das Mexiko im Jahr 1848 an die Vereinigten Staaten abtreten musste. Im Jahr 2000 hat sich die mexikanische Bevölkerung just in diesen ehemals mexikanischen Staaten konzentriert. Es gibt zwar auch außerhalb dieser Region mexikanische Inseln, doch es sind auffallend wenige, und die Mexikaner dort verhalten sich eher wie die Einwanderer aus allen anderen Teilen der Welt. Im Grenzland sind die Mexikaner jedoch nicht von ihrer Heimat getrennt. In vieler Hinsicht ist die Grenzregion so etwas wie eine Fortsetzung Mexikos in die Vereinigten Staaten hinein. Mit der sich verändernden Bevölkerungs- situation wird die Grenze zunehmend als willkürlich und illegitim wahrgenommen. Die Einwanderung findet von der ärmeren in die reichere Region statt, nicht umgekehrt. Die kulturelle Grenze Mexikos verschiebt sich nach Norden, während die politische Grenze fest bleibt. Dies ist die Situation im Jahr 2 000 gewesen. Im Jahr 2060, nach drei Jahrzehnten einer aggressiven Einwanderungspolitik, werden die Regionen, die heute zu 50 Prozent von Mexikanern bewohnt sind, nahezu vollständig in mexikanischer Hand sein, und wo heute 25 Prozent aller Einwohner Mexikaner sind, werden es 50 Prozent sein. Die Karte aus dem Jahr  2000 wird um ein bis zwei Töne dunkler werden. Das Grenzland, das weit in die Vereinigten Staaten hineinreicht, wird überwiegend von Mexikanern bewohnt. Mexiko hat die Probleme der letzten Phase seines Bevölkerungswachstums gelöst, indem es seine nicht-politischen Grenzen in die ehemals mexikanischen Gebiete hinein verschoben hat – und zwar mit Zustimmung der Vereinigten Staaten. 

Die Krise des Jahrs 2080

Die Einwanderungswelle und die Folgen des Kriegs lösen einen Wirtschaftsboom aus, der etwa von 2040 bis 2060 dauert. Die Verfügbarkeit von Land und Kapital sowie eine der dynamischsten Arbeit- nehmerschaften der industriellen Welt sind Wasser auf die Mühlen der Wirtschaft. Die relative Unkompliziertheit, mit der die Vereinigten Staaten Einwanderer aufnehmen, verschafft ihnen einen Vorteil gegenüber anderen Industrienationen. Doch der Aufschwung hat eine weitere Dimension, die wir uns ansehen wollen, ehe wir zu Mexiko zurückkehren: die technologische Entwicklung. Während der Krise des Jahrs 2030 suchen die Vereinigten Staaten nach Möglichkeiten, den Arbeitskräftemangel zu kompensieren, unter anderem durch die Entwicklung von Technologien, mit denen sich menschliche Arbeitskräfte ersetzen lassen. In den Vereinigten Staaten verlief die technologische Entwicklung überwiegend nach folgendem Muster ab: 

1. Universitäten und einzelne Erfinder betreiben Grundlagenforschung und entwickeln erste Pilotprojekte. Häufig stellen diese einen konzeptionellen Durchbruch dar und werden in bescheidenem Umfang kommerziell genutzt. 
2.Veranlasst durch militärische Notwendigkeiten investiert der Staat  große Summen in ein Projekt, um die Entwicklung von spezifischen, militärischen Produkten zu beschleunigen. 
3.Der private Sektor nutzt die Technologie kommerziell, und es ent steht eine neue Branche. Genau dies geschieht auch auf dem Gebiet der Robotertechnologie. 

Ende des 20. Jahrhunderts wurde die Grundlagenforschung betrieben, Wissenschaftlern gelangen entscheidende theoretische Durchbrüche, und es wurden erste kommerzielle Produkte entwickelt. Trotzdem sind Roboter bislang nicht zum festen Bestandteil der Wirtschaft geworden. Doch seit Jahren investiert das Militär in die Grundlagenforschung, DARPA und andere militärische Einrichtungen finanzieren die Robotorentwicklung mit großen Summen. Der Bau eines mechanischen Lastesels zum Transport von Infanteriegerät oder die Entwicklung von unbemannten Flugzeugen und Drohnen sind nur zwei Beispiele von vielen. Ein weiteres Ziel ist die Stationierung von intelligenten Systemen im All, die nicht mehr von der Erde aus kontrolliert werden müssen. Letztlich ist die technologische eine Folge der demografischen Entwicklung. Weniger junge Menschen bedeuten weniger Soldaten, während gleichzeitig die strategischen Verpflichtungen der Vereinigten Staaten eher zu- als abnehmen. Mehr als jede andere Nation benötigen sie daher Roboter zur Wahrung ihrer Sicherheitsinteressen. Zum Zeitpunkt der gesellschaftlichen und politischen Krise um das Jahr 2030 werden erste Roboter vom Militär erprobt und sind kommerziell nutzbar. Im Jahr 2030 kommt es noch nicht zu einem massenhaften Einsatz von Robotern, die Technik ist noch nicht in der Lage, die Einwanderung zu ersetzen. Sie befindet sich etwa in dem Stadium, in dem sich die Computertechnik im Jahr 1975 befand. Der massenhafte Einsatz der Robotertechnologie wird noch bis in die 2040er Jahre auf sich warten lassen, und erst um das Jahr 2060 wird man von einer Roboterrevolution sprechen können. Ironischerweise spielen ausgerechnet zugewanderte Spezialisten eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Technologie, deren Zweck darin besteht, die Zuwanderung überflüssig zu machen. In dem Moment nämlich, in dem die Robotertechnologie die Gesellschaft erreicht, tritt sie in Konkurrenz zu den Einwanderern, die am unteren Ende der wirtschaftlichen Pyramide stehen und unqualifizierte Tätigkeiten verrichten. Einmal mehr wird die Lösung eines früheren Problems zum Auslöser für ein weiteres. Im Jahr 2080 ist es soweit. Die offensive Einwanderungspolitik ist fester Bestandteil der amerikanischen Kultur und Politik. Nach wie vor locken Headhunter Einwanderer mit Anreizen in die Vereinigten Staaten. Was anfangs eine Notlösung war, ist zu einer festen Einrichtung geworden. Doch um das Jahr 2060 ist dank der Einwanderung und der neuen Technologien der Arbeitskräftemangel behoben. Die letzten Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge sind längst verstorben, und die Bevölkerungsstruktur der Vereinigten Staaten erinnert wieder eher an die vertraute Pyramide. Fortschritte auf dem Gebiet der Robotertechnik machen ein ganzes Segment von Einwanderern überflüssig. Schon immer haben neue Technologien versprochen, Arbeitskräfte einzusparen. Meist war das Gegenteil der Fall, und es entstanden neue Arbeitsplätze rund um diese Technologie. Allerdings war meist eine Verschiebung von unqualifizierter hin zu qualifizierterer Arbeit zu beobachten. Dies trifft auch auf die Robotertechnik zu. Irgendjemand muss die Roboter schließlich entwickeln und warten. Doch die Robotertechnik unterscheidet sich grundlegend von allen früheren Technologien: Die Einsparung von Arbeitskräften ist kein Nebenprodukt, sondern ihr ausdrückliches Ziel. Sie wurde entwickelt genau mit der Absicht, menschliche Arbeitskräfte durch eine günstigere technische Lösung zu ersetzen. Ihr Zweck besteht erstens in der Übernahme der Aufgaben der nicht mehr verfügbaren Arbeitskräfte, zweitens in der Verlagerung von verfügbaren Arbeitskräften in die Robotertechnologie und drittens – und hier beginnt das Problem – in der direkten Verdrängung menschlicher Arbeitskräfte. Mit anderen Worten: Roboter sollen fehlende Arbeitskräfte ersetzen, doch sie schaffen neue Arbeitslosigkeit unter denjenigen Arbeiternehmern, die ersetzt werden und nicht ausreichend qualifiziert sind, um in die Robotertechnologie zu wechseln. Daher kehrt die Arbeitslosigkeit um das Jahr 2060 wieder zurück und steigt in den kommenden beiden Jahrzehnte erneut an. Kurzfristig kommt es zu einem Bevölkerungsüberschuss. Bestand im Jahr 2030 das Problem im Umgang mit dem Bevölkerungsmangel, geht es in den Jahrzehnten zwischen 2060 und 2080 darum, mit dem Arbeitskräfteüberschuss fertig zu werden, der sich aus der übermäßigen Einwanderung und der strukturellen Arbeitslosigkeit ergibt. Dazu kommen die Fortschritte in der Genmedizin, die die Lebenserwartung zwar vermutlich nicht dramatisch steigen lassen, jedoch dafür sorgen, dass die Menschen länger produktiv bleiben. Doch auch ein erheblicher Anstieg der Lebenserwartung ist nicht ganz ausgeschlossen. Roboter-, Gen- und andere Technologien werden im Zusammenspiel einerseits Arbeitskräfte ersetzen und andererseits die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte ansteigen lassen, weil sie die Arbeitsproduktivität des einzelnen Arbeitnehmers steigern. Da alles bringt eine Zeit zunehmender gesellschaftlicher Unruhen mit sich. Auch auf dem Energiesektor kommt es zu einer Revolution. Roboter, die sich selbstständig fortbewegen und Information verarbeiten, sind noch größere Energieschlucker als Autos. Dies ist einer der Auslöser der zuvor angesprochenen Energiekrise und leitet das Ende der fossilen Brennstoffe ein, die das europäische Zeitalter dominierten. Die Vereinigten Staaten sind gezwungen, ihre Energie aus dem All zu beziehen. Um das Jahr 2050 sind erste weltraumgestützte Solarkraftwerke im Einsatz, und die Krise des Jahrs 2080 beschleunigt diese Entwicklung. Ein deutlicher Rückgang der Energiepreise ist Voraussetzung für die breite Umsetzung der Roboterstrategie, und diese wiederum ist erforderlich, um auch in Zeiten des Bevölkerungsrückgangs die wirtschaftliche Produktivität aufrecht erhalten zu können. Wenn die Bevölkerung nicht wächst, muss die Technologie einspringen, und dazu ist billigere Energie nötig. Daher unternehmen die Vereinigten Staaten nach 2080 erhebliche Anstrengungen, in großem Umfang Energie mit Hilfe von weltraumgestützten Sonnenkraftwerken zu gewinnen. Das Projekt ist kostspielig, doch wenn die Privatwirtschaft gegen Ende des Jahrhunderts den Nutzen aus den gewaltigen staatlichen Investitionen ziehen kann, sinken die Energiepreise deutlich. Erinnern Sie sich zum Vergleich an die Evolution der Personalcomputer zwischen 1990, als kaum ein Haushalt oder Büro über E-Mail verfügte, und dem Jahr 2005, als täglich Milliarden E-Mails rund um den Erdball geschickt wurden. Als eine der wenigen Industrienation erleben die Vereinigten Staaten vorübergehend einen Bevölkerungsüberschuss. Das wirtschaftliche Gebot der vorangegangenen fünfzig Jahre – die Förderung der Einwanderung mit allen verfügbaren Mitteln – hat sich überlebt und wird nun zum Problem. Der erste Schritt zur Lösung der Krise ist daher eine Begrenzung der Einwanderung, ein traumatischer Kurswechsel, der eine ähnliche innere Krise auslöst wie die Öffnung der Einwanderungspolitik fünfzig Jahre zuvor. Nach der Verhängung des Einwanderungsstopps müssen die Vereinigten Staaten zunächst das wirtschaftliche Ungleichgewicht bewältigen, das sich durch den Bevölkerungsüberschuss ergeben hat. Entlassungen und Arbeitslosigkeit betreffen vorrangig die unqualifizierten Arbeitnehmer und hier vor allem die mexikanische Bevölkerung im Grenzland. Es kommt zu ernsthaften außenpolitischen Problemen. Wenn wir den rapiden Anstieg der Energiepreise hinzunehmen, haben wir die Auslöser für die Krise der 2080er Jahre.

Die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos

Heute belegt die mexikanische Wirtschaft weltweit Rang 15. Von der wirtschaftlichen Kernschmelze des Jahrs 1994 hat sich das Land erstaunlich gut erholt. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von kaufkraftbereinigt knapp 13 000 US-Dollar pro Kopf und Jahr ist Mexiko heute das reichste Land Lateinamerikas und zählt zu den Schwellenländern. Außerdem ist Mexiko kein kleines Land: Mit einer Bevölkerung von 110 Millionen hat es mehr Einwohner als die meisten europäischen Nationen. Sollte seine Wirtschaft über die kommenden sechs oder sieben Jahrzehnte weiter wachsen, würde Mexiko zu einer der führenden Volkswirtschaften der Welt aufsteigen. Angesichts seiner politischen Instabilität, der zunehmenden Auswanderung und seiner langen Geschichte wirtschaftlicher Probleme fällt es möglicherweise schwer, sich Mexiko heute als eine der mächtigsten Nationen der Welt vorzustellen. Andererseits finden es die meisten Beobachter mindestens ebenso unglaublich, dass Mexiko es überhaupt unter die fünfzehn führenden Wirtschaftsnationen geschafft hat. Es gibt einige Faktoren, die dafür sprechen, dass die mexikanische Wirtschaft auch in Zukunft weiter wachsen wird. Der erste Faktor ist das Öl. Seit mehr als einem Jahrhundert ist Mexiko ein wichtiger Erdölproduzent und -exporteur. Manche Beobachter halten dies eher für ein Argument gegen Mexikos weiteren Aufstieg, denn Ölexporte hindern oder demotivieren viele Nationen, andere Industriezweige aufzubauen. Dazu sollte man allerdings wissen, dass der Energiesektor trotz der Ölpreisexplosion seit 2003 einen immer kleiner werdenden Teil der mexikanischen Volkswirtschaft ausmacht. War das Erdöl im Jahr 1980 noch für 60 Prozent aller Exporte des Lands verantwortlich, waren es im Jahr  2000 nur noch 7 Prozent. Mexiko verfügt über weitere Reserven, doch sein Wachstum hängt nicht von Ölexporten ab. Der zweite Faktor ist die Nähe zu den Vereinigten Staaten. Mit oder ohne das Freihandelsabkommen NAFTA hat Mexiko den besten Zugang zum größten und dynamischsten Markt der Welt. Obwohl die NAFTA natürlich die Exportkosten senkt und die Beziehung zwischen den Institutionen beider Staaten effizienter gestaltet, hat Mexiko schon allein durch die räumliche Nähe zu den Vereinigten Staaten einen wirtschaftlichen Vorteil, so groß die geopolitischen Nachteile dieser Lage auch sein mögen.
Ein dritter Faktor sind die erheblichen Mengen an Bargeld, die legal und illegal in den Vereinigten Staaten lebende Einwanderer an ihre Familien in Mexiko schicken. Diese Überweisungen sind massiv gestiegen und sind inzwischen die zweitwichtigste Quelle von Einnahmen aus dem Ausland. In den meisten Ländern stellen ausländische Investitionen das wichtigste Mittel zur Entwicklung der Wirtschaft dar. In Mexiko entspricht die Höhe der Überweisungen der Höhe der ausländischen Investitionen. Das hat zwei Folgen. Werden die Überweisungen auf der Bank angelegt, stellen sie eine zusätzliche Quelle für Investitionskapital dar. Außerdem sind sie eine Art soziales Sicherungssystem für die Unterschicht, aus der die meisten Empfänger der Überweisungen stammen. Der Geldfluss aus dem Ausland hat in Mexiko ein Wachstum der technologiegestützten Industrien und Dienstleistungen ermöglicht. Dienstleistungen machen heute 70 Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts aus, die Landwirtschaft dagegen nur 4 Prozent. Der Rest stammt aus der Fertigungsindustrie, der Ölindustrie und dem Bergbau. Der Tourismussektor ist für einen relativ großen Anteil der Dienstleistungen verantwortlich, doch insgesamt ist die Mischung typisch für ein Schwellenland. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hat eine interessante Messgröße namens Human Development Index (HDI) entwickelt, die anhand von Faktoren wie Lebenserwartung und Alphabetisierungsquote weltweit den Lebensstandard misst. Auf der folgenden Karte sind die führenden Industrienationen schwarz, die Schwellenländer grau und die Entwicklungsländer hellgrau eingefärbt. Wie auf der Karte auf Seite 268 zu erkennen ist, hat Mexiko hinsichtlich dieser Entwicklungsparameter inzwischen zu Europa und den Vereinigten Staaten aufgeschlossen. Das heißt nicht, dass es schon mit den führenden Industrienationen auf einer Stufe steht, doch es ist auch bei Weitem kein Entwicklungsland mehr. Wenn wir uns den HDI jedoch genauer ansehen, stoßen wir auf eine interessante Erkenntnis. Mexiko als ganzes befindet sich mit einem Index von 0,7 in derselben Gruppe wie Europa und die Vereinigten Staaten. Doch innerhalb Mexikos ergeben sich drastische Unterschiede. Während die dunkel gefärbten Bundesstaaten durchaus mit einigen europäischen Nationen mithalten können, befinden sich die heller gefärbten auf einer Stufe mit den armen Staaten Nordafrikas. 
In einem Land, das einen schnellen Entwicklungsprozess durchläuft, ist eine derart extreme Ungleichheit durchaus nichts Ungewöhnliches. Sie erinnert an Beschreibungen aus den Romanen von Charles Dickens oder Victor Hugo. Diese Autoren beschrieben die typische Entwicklung im Europa des 19. Jahrhunderts: rasches Wirtschaftswachstum inmitten einer sich verschärfenden Ungleichheit. Im modernen Mexiko lässt sich dieser Gegensatz innerhalb von Großstädten wie Mexiko-Stadt oder Guadalajara finden. Er zeigt sich jedoch auch in extremen Unterschieden zwischen den Regionen. Ungleichheit ist nicht gleichbedeutend mit Unterentwicklung, sie ist vielmehr ein typisches Nebenprodukt der Entwicklung. Interessanterweise haben die Staaten entlang der Grenze zu den Vereinigten Staaten, die Touristenregionen auf der Halbinsel Yucatan sowie Mexiko-Stadt den höchsten Entwicklungsstand. Je weiter man sich von der Grenze zu den Vereinigten Staaten entfernt, desto niedriger fällt der HDI aus. Daraus lässt sich auch eine ernsthafte Gefahr für Mexiko ablesen: durch die Ungleichverteilung motivierte Unruhen im Süden. Diese Ungleichheit wird im Laufe der weiteren Entwicklung des Lands eher zu- als abnehmen. Es gibt jedoch noch einen weiteren wichtigen Faktor, der das mexikanische Wirtschaftswachstum beflügelt: das organisierte Verbrechen und der Drogenhandel. Im Allgemeinen gibt es zwei Arten von Verbrechen. Die erste ist eine einfache Form der Umverteilung und des Konsums: Jemand stiehlt Ihren Fernseher und verkauft ihn. Die zweite schafft große Mengen an Kapital. Die amerikanische Mafia, die in den 1920er Jahren den illegalen Alkoholhandel kontrollierte, investierte ihre Einnahmen in legalen Unternehmen, sodass das Geld Eingang in den allgemeinen Kapitalfluss fand und seine Herkunft keine Rolle mehr spielte. In Fällen wie diesen stimulierte das Verbrechen die Wirtschaft. Handelt es sich um grenzüberschreitenden Transfer zwischen zwei Nationen, dann bedeutet dies einen wirklichen Anschub für die Wirtschaft. Das Geheimnis besteht darin, dass die Illegalität den Preis des Produkts künstlich in die Höhe treibt. Dies motiviert die Gründung von Kartellen, die Konkurrenz verhindern, die Preise hoch halten und den Geldtransfer erleichtern sollen. 
Im Fall des modernen Drogenhandels sorgt der Verkauf von Rauschmitteln zu künstlich überteuerten Preisen an Konsumenten in den Vereinigten Staaten für eine Anhäufung riesiger Mengen an Kapital in Mexiko. Die Summen sind derartig gewaltig, dass sie investiert werden müssen. Komplexe Geldwäscheoperationen sollen dafür sorgen, diese Gelder in legalen Geschäften unterzubringen. Die nächste Generation erbt mehr oder minder legale Vermögen. Die Angehörigen der dritten Generation sind wirtschaftliche Aristokraten. Das ist natürlich eine fahrlässige Vereinfachung. Sie übersieht, dass in Mexiko beheimatete Dealer ihr Geld oft nicht zuhause investieren, sondern in den Vereinigten Staaten oder anderswo. Doch wenn die mexikanische Wirtschaft zunehmend produktiv wird und wenn sich die Regierung so weit korrumpieren lässt, dass sie Geldwäschegeschäfte duldet, dann ist eine Investition der Gewinne aus dem Drogenhandel durchaus sinnvoll. Hören Sie genau hin: Das laute Rauschen, das Sie da hören, ist das Geräusch des Investitionskapitals, das die Vereinigten Staaten verlässt und über die Drogenkartelle nach Mexiko strömt. Dieser Prozess hat ein kleines Problem: Er wirkt politisch destabilisierend. Da sich die staatlichen Stellen zu Komplizen machen und die Gerichte und die Polizei nicht effektiv arbeiten, schafft diese Situation Instabilität, die von der Straße bis hinauf in die höchsten Regierungskreise reicht. Wenn so viel Geld im Spiel ist, kann eine Gesellschaft daran zerbrechen. Doch wenn sie ausreichend groß und komplex ist und wenn die fraglichen Summen nur einen Bruchteil des verfügbaren Kapitals ausmachen, wird sie sich schließlich stabilisieren. In den Vereinigten Staaten, wo das organisierte Verbrechen in den 1920er Jahren und danach eine entscheidende Rolle spielte und ganze Regionen destabilisierte, konnten die Gewinne aus kriminellen Aktivitäten schließlich in legalen Unternehmen kanalisiert werden. Ich gehe davon aus, dass dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Mexiko passieren wird und dass der Drogenhandel schließlich zum Wachstum der mexikanischen Wirtschaft beitragen wird. Was nicht heißen soll, dass Mexiko nicht eine schmerzhafte Periode der Instabilität durchleben wird. In den kommenden Jahren muss der Staat beweisen, dass er die Kartelle unter Kontrolle bekommen kann, und Mexiko wird eine schwere innere Krise durchmachen. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts wird Mexiko diese Krise jedoch überwinden und seinen Vorteil aus dem massiven Geldstrom aus den Vereinigten Staaten ziehen können. Ein letzter Faktor ist schließlich die demografische Entwicklung. Die mexikanische Bevölkerung wird weiter wachsen, und das zu einer Zeit, in der die Wirtschaft Arbeitskräfte benötigt, um weiter zu expandieren. Zur Jahrhundertmitte flacht das Bevölkerungswachstum ab, was eine Phase der gesellschaftlichen Stabilisierung und des abnehmenden demografischen Drucks einleitet. Diese Entwicklung ermöglicht auch eine Zunahme der Auswanderung in die Vereinigten Staaten während der 2030er Jahre, die wiederum eine Zunahme der Überweisungen und damit der Kapitalbildung zur Folge hat und das Problem der Überbevölkerung innerhalb Mexikos abmildert. Die Auswanderung ist zwar nicht entscheidend für die Entwicklung des Lands, doch sie stellt eine gewisse Unterstützung dar. Mexiko, das in vieler Hinsicht einen ähnlichen Lebensstandard erreicht wie Europa, durchläuft also eine unvermeidliche Periode der Turbulenzen und des Wachstums auf dem Weg zu Ordnung und Stabilität. Um die Mitte des 21. Jahrhunderts, wenn sich die Vereinigten Staaten im Krieg befinden, hat sich Mexiko zu einer reifen, ausgeglichenen Volkswirtschaft mit einer stabilen Bevölkerung gemausert, es befindet sich unter den führenden sechs oder sieben Wirtschaftsnationen der Welt und schließt außerdem zu den wichtigsten Militärmächten auf. Mexiko ist die führende Wirtschaftsnation in Lateinamerika, es unterhält möglicherweise enge Beziehungen zu Brasilien und stellt eine zunehmende Herausforderung für die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten auf dem nordamerikanischen Kontinent dar.

Die mexikanische Geostrategie

In den 1830er und 1840er Jahren, nach der texanischen Rebellion und dem Amerikanisch-Mexikanischen Krieg, verlor Mexiko seinen Norden. Das gesamte Staatsgebiet nördlich des Rio Grande und der Wüste von Sonora wurde von den Vereinigten Staaten annektiert. Diese nahmen keine ethnischen Säuberungen vor, die mexikanische Bevölkerung blieb und vermischte sich schließlich mit den ankommenden nicht mexikanischen Siedlern. Die Grenze zwischen beiden Staaten ist traditionell durchlässig. Wie zuvor beschrieben entstand ein klassisches Grenzland mit festen politischen, aber unklaren und komplexen kulturellen Grenzen. Mexiko war nie in der Position, die eroberten Gebiete zurückzufordern. Es fand sich damit ab, dass es keine anderer Wahl hatte, als den Verlust seines Nordens zu akzeptieren. Selbst während des Amerikanischen Bürgerkriegs, als der Südwesten der Vereinigten Staaten weitgehend ungeschützt war, unternahm es keinen Versuch, das verlorene Territorium zurückzuerobern: Unter Kaiser Maximilian war das Land schwach und zerrissen und hatte weder den Willen noch die Möglichkeiten zu handeln. Als Deutschland während des Ersten Weltkriegs versuchte, Mexiko zum Kriegseintritt gegen die Vereinigten Staaten zu bewegen, und ihm im Gegenzug Nordmexiko anbot, lehnten die Mexikaner ab. Auch der Versuch Kubas und der Sowjetunion, in Mexiko eine kommunistische Bewegung zu gründen und die Südgrenze der Vereinigten Staaten zu gefährden, scheiterte kläglich. Mexiko war nie in der Lage, etwas gegen seinen Nachbarn im Norden zu unternehmen, und es ließ sich auch nicht von ausländischen Mächten dazu manipulieren. Es hatte schlicht nicht die militärischen Mittel dazu. Der Grund war nicht etwa das Fehlen anti-amerikanischer Ressentiments. Die waren im Gegenteil tief verwurzelt, wie man angesichts dieser Geschichte der mexikanisch-amerikanischen Beziehungen vermuten kann. Doch Ressentiments zu hegen, bedeutet noch nicht, auch nach ihnen handeln zu können. Vielmehr waren die Mexikaner mit komplexen innenpolitischen Auseinandersetzungen beschäftigt. Außerdem wussten sie nur zu gut, wie sinnlos es gewesen wäre, die Vereinigten Staaten herauszufordern. Nach 1848 hatte Mexiko eine ganz einfache geopolitische Strategie: Erstens musste es seine nationale Einheit gegenüber regionalen Bewegungen und Aufständen bewahren. Zweitens musste es sich vor ausländischen Interventionen vor allem seitens der Vereinigten Staaten schützen. Drittens musste es die Regionen zurückfordern, die in den 1840er Jahren von den Vereinigten Staaten annektiert worden waren. Und viertens musste es die Vereinigten Staaten als führende Macht auf dem nordamerikanischen Kontinent verdrängen. Mexiko kam kaum je über sein erstes geopolitisches Ziel hinaus. Seit dem Amerikanisch-Mexikanischen Krieg ging es vorrangig darum, den inneren Zusammenhalt zu bewahren. Nach dieser Niederlage hatte das Land das Gleichgewicht verloren und nie wiedererlangt. Das lag zum Teil an der amerikanischen Politik, die zur Destabilisierung beitrug, vor allem aber erwies es sich als Nachteil, neben einem derart dynamischen Giganten zu leben. Das Kräftefeld der Vereinigten Staaten formte die mexikanische Wirklichkeit stets mehr als die Politik in Mexiko-Stadt. Im 21. Jahrhundert wirkt dieses Kräftefeld nicht mehr destabilisierend, sondern stabilisierend. Die Beziehung zwischen den beiden Nachbarländern hat nun einen Machtzuwachs für Mexiko zur Folge. Wenn die mexikanische Wirtschaft zur Jahrhundertmitte hin an Bedeutung gewinnt, stärkt dies unweigerlich den Nationalismus Mexikos, der sich angesichts der geopolitischen Realität nicht nur in Stolz, sondern auch in Antiamerikanismus äußert. Vor dem Hintergrund der Einwanderungsprogramme, die Mexikaner zur Übersiedlung in die Vereinigten Staaten bewegen sollen, während gleichzeitig die mexikanischen Geburtenraten sinken, wird der Nachbar beschuldigt, eine für Mexiko schädliche Politik zu verfolgen. Das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn ist traditionell gespannt. In den 2040er Jahren gewinnt Mexiko jedoch an Macht und tritt entsprechend selbstbewusster auf. Die Vereinigten Staaten sind natürlich nach wie vor die mit großem Abstand mächtigere Nation, doch der Abstand fällt nicht mehr ganz so extrem aus wie noch fünfzig Jahre zuvor. Zwischen 2040 und 2070 verschiebt sich das Gleichgewicht weiter. Mexiko ist nicht mehr das Problemkind des Kontinents, sondern befindet sich auf dem Weg zu einer ernstzunehmenden Regionalmacht. In den Vereinigten Staaten nimmt man diese Entwicklung allerdings nicht zur Kenntnis. Während des Ersten Weltraumkriegs befürchtet man in Washington zwar, Mexiko könne sich der Koalition anschließen, doch als es sich aus dem Krieg heraushält, verlieren die Vereinigten Staaten wieder das Interesse. In der Zeit der Euphorie und des Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit nehmen die Vereinigten Staaten ihre gewohnt gleichgültige Haltung gegenüber den Interessen ihres Nachbarn ein. Sobald die Vereinigten Staaten erkennen, dass sich Mexiko zur Bedrohung entwickelt, reagieren sie einerseits außerordentlich alarmiert auf die dortigen Ereignisse und die Stimmung unter den Mexikanern, andererseits sind sie jedoch gelassen und sicher, eine ihnen genehme Lösung zu finden. Mit der zunehmenden Stärke Mexiko wachsen auch die latenten Spannungen zwischen beiden Ländern. In den Vereinigten Staaten sieht man die neue Dynamik der mexikanischen Wirtschaft als eine zu begrüßende stabilisierende Kraft sowohl für das Land selbst als auch für die nachbarschaftlichen Beziehungen. Letztlich sieht man Mexiko in Washington jedoch nach wie vor als Teil des amerikanischen Hinterhofs. Auch im Jahr 2080 behalten die Vereinigten Staaten weiter ihre Vormachtstellung auf dem Kontinent. Doch Vormacht ist nicht gleich Allmacht, wie die Amerikaner immer wieder lernen, und so zu tun als ob, kann viel Kraft kosten. Um das Jahr 2080 stehen die Vereinigten Staaten erneut vor einer Herausforderung, und zwar einer, die erheblich komplexer ist als die des Jahrs 2050. Die Konfrontation ist alles andere als herbeigeführt. Sie ergibt sich vielmehr organisch aus den geografischen Gegebenheiten der beiden Länder. Doch anders als in anderen regionalen Auseinandersetzungen sind die Kontrahenten diesmal die Weltmacht und ein Emporkömmling, und es geht um das Kerngebiet des internationalen Systems. Die Konfrontation speist sich aus drei Faktoren:

1.Mexiko steigt zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt  auf. Mit einer Bevölkerung von 100 Millionen Menschen wird es überall auf der Welt ernst genommen – nur nicht an der Südgrenze der Vereinigten Staaten. 
2.Die Vereinigten Staaten durchlaufen in den 2070er Jahren eine ih rer zyklischen Krisen, die in den Präsidentschaftswahlen des Jahrs 2080 ihren Höhepunkt erreicht. Neue Technologien und demografische Veränderungen verringern den Bedarf an neuen Zuwanderern. Der innenpolitische Druck wächst, Mexikaner, die lediglich im Besitz einer zeitlich befristeten Aufenthaltserlaubnis sind, wieder nach Mexiko abzuschieben, selbst wenn diese bereits seit fünfzig Jahren im Land leben und Kinder und Enkelkinder haben, die in den Vereinigten Staaten auf die Welt gekommen sind. Dabei handelt es sich überwiegend um unqualifizierte Arbeitskräfte. Die Vereinigten Staaten schieben schließlich sämtliche Mexikaner mit befristeter Aufenthaltserlaubnis über die Grenze ab und belasten die mexikanische Wirtschaft mit den am schwersten vermittelbaren Arbeitnehmern. 
3.Trotzdem ist der demografische Wandel im Grenzland unumkehr bar. Mexikaner – ob mit amerikanischem Pass oder ohne – überwiegen in der Region weiterhin. Die in den 1840er Jahren von den Vereinigten Staaten annektierten Gebiete werden kulturell, gesellschaftlich und in vieler Hinsicht auch politisch wieder mexikanisch. Die Ausweisung von Mexikanern mit zeitlich befristeter Aufenthaltserlaubnis mag aus amerikanischer Sicht ein rein bürokratischer Akt sein, doch in den Augen der Mexikaner handelt es sich um eine Form der ethnischen Säuberung.

In der Vergangenheit hätte man in Mexiko amerikanische Politikwechsel wie diese duldsam hingenommen. Diesmal liegt der Fall anders. Während sich in den Vereinigten Staaten die Einwanderungsdebatte in den 2070ern zuspitzt und im Jahr 2080 zum zentralen Wahlkampfthema wird, verhält sich Mexiko in noch nie dagewesener Weise. Die Krise in den Vereinigten Staaten fällt mit einem Reifeprozess der mexikanischen Wirtschaft und Gesellschaft zusammen, was zu völlig neuen Konflikten führt. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen (die vor allem die in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner treffen) sowie eine dramatische Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung im Südwesten der Vereinigten Staaten führen zu einer Krise, die sich nicht ohne weiteres mit amerikanischer Macht und Technologie aus der Welt schaffen lässt. Die Krise beginnt als eine Angelegenheit der amerikanischen Innenpolitik. Die Vereinigten Staaten sind eine demokratische Gesellschaft, die in weiten Teilen nicht mehr von der englischsprachigen Kultur beherrscht wird. Sie haben sich in eine bikulturelle Nation verwandelt, vergleichbar mit Kanada oder Belgien. Diese zweite Kultur erfährt zwar keine formelle Anerkennung, doch sie ist real, und zwar nicht nur in kultureller, sondern auch in geografischer Hinsicht. Wenn Bikulturalismus einfach ignoriert wird, weil die Mehrheitskultur der Minderheit die formelle Anerkennung verweigert und versucht, den Status quo aufrechtzuerhalten, dann wird er schnell zum Problem. Vor allem dann, wenn die Mehrheitskultur Maßnahmen ergreift, die den Eindruck erwecken, sie zielten auf eine Zerstörung der Minderheitenkultur ab. Und wenn die Minderheitenkultur letztlich nichts anderes ist als eine Fortsetzung der Kultur des Nachbarlandes und wenn diese noch dazu in einer Region lebt, die von diesem Nachbarland beansprucht wird, dann kann die Situation explosiv werden. In den 2070er Jahren stellen die Mexikaner die Bevölkerungsmehrheit in einem dreihundert Kilometer breiten Streifen nördlich der amerikanisch-mexikanischen Grenze, der durch Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas verläuft. Diese Region unterscheidet sich grundsätzlich von anderen Einwanderungsregionen: Kulturell und zum Teil sogar wirtschaftlich handelt es sich um eine Fortsetzung Mexikos. Die Grenze hat sich effektiv nach Norden verschoben. Diese Einwanderer sind alles andere als rechtlose Tagelöhner. Dank der wirtschaftlichen Expansion Mexikos und des amerikanischen Aufschwungs der 2050er und 2060er Jahre sind sie wohlhabend. Sie sind die Mittelsmänner des amerikanisch-mexikanischen Handels, der in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts eines der lukrativsten Geschäfte der Welt ist. Die Mexikaner beherrschen nicht nur die Kommunalpolitik, sondern auch die Bundesstaaten Arizona und New Mexico, und sie spielen eine entscheidende Rolle in der Politik von Kalifornien und Texas. Allein die Größe dieser beiden letztgenannten Bundesstaaten verhindert, dass die Mexikaner auch sie vollständig ten führen zu einer Krise, die sich nicht ohne weiteres mit amerikanischer Macht und Technologie aus der Welt schaffen lässt. Die Krise beginnt als eine Angelegenheit der amerikanischen Innenpolitik. Die Vereinigten Staaten sind eine demokratische Gesellschaft, die in weiten Teilen nicht mehr von der englischsprachigen Kultur beherrscht wird. Sie haben sich in eine bikulturelle Nation verwandelt, vergleichbar mit Kanada oder Belgien. Diese zweite Kultur erfährt zwar keine formelle Anerkennung, doch sie ist real, und zwar nicht nur in kultureller, sondern auch in geografischer Hinsicht. Wenn Bikulturalismus einfach ignoriert wird, weil die Mehrheitskultur der Minderheit die formelle Anerkennung verweigert und versucht, den Status quo aufrechtzuerhalten, dann wird er schnell zum Problem. Vor allem dann, wenn die Mehrheitskultur Maßnahmen ergreift, die den Eindruck erwecken, sie zielten auf eine Zerstörung der Minderheitenkultur ab. Und wenn die Minderheitenkultur letztlich nichts anderes ist als eine Fortsetzung der Kultur des Nachbarlandes und wenn diese noch dazu in einer Region lebt, die von diesem Nachbarland beansprucht wird, dann kann die Situation explosiv werden. In den 2070er Jahren stellen die Mexikaner die Bevölkerungsmehrheit in einem dreihundert Kilometer breiten Streifen nördlich der amerikanisch-mexikanischen Grenze, der durch Kalifornien, Arizona, New Mexico und Texas verläuft. Diese Region unterscheidet sich grundsätzlich von anderen Einwanderungsregionen: Kulturell und zum Teil sogar wirtschaftlich handelt es sich um eine Fortsetzung Mexikos. Die Grenze hat sich effektiv nach Norden verschoben. Diese Einwanderer sind alles andere als rechtlose Tagelöhner. Dank der wirtschaftlichen Expansion Mexikos und des amerikanischen Aufschwungs der 2050er und 2060er Jahre sind sie wohlhabend. Sie sind die Mittelsmänner des amerikanisch-mexikanischen Handels, der in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts eines der lukrativsten Geschäfte der Welt ist. Die Mexikaner beherrschen nicht nur die Kommunalpolitik, sondern auch die Bundesstaaten Arizona und New Mexico, und sie spielen eine entscheidende Rolle in der Politik von Kalifornien und Texas. Allein die Größe dieser beiden letztgenannten Bundesstaaten verhindert, dass die Mexikaner auch sie vollständig sich als Sprecher einer eigenständigen nationalen Gruppierung. Sie gründen einen Partido Mexicano und bilden im Kongress eine eigenständige Fraktion. Diese Entwicklung ist einer der Gründe für die Wende in der Einwanderungspolitik, die in den 2070ern Jahren einsetzt und die Wahlen des Jahrs 2080 beherrscht. Einerseits geht es um eine Neudefinition der Zuwanderung, andererseits sorgt allein die Diskussion für eine Radikalisierung im amerikanischen Südwesten. Dies wiederum erschreckt den Rest der amerikanischen Öffentlichkeit. Der Anti- hispanismus nimmt zu. Die Sorge, die Ergebnisse der texanischen Rebellion und des Amerikanisch-Mexikanischen Kriegs könnten wieder umgekehrt werden, schürt die Ressentiments gegen die im eigenen Land lebenden Mexikaner und gegen Mexiko. Schließlich sorgt die übermächtig werdende Gegenreaktion im Rest der Vereinigten Staaten dafür, dass die Grenzen geschlossen werden, wodurch sich die Lage weiter verschärft. Die angelsächsischen Amerikaner nehmen die unterschiedlichen Positionen innerhalb der mexikanischen Minderheit immer weniger wahr, die radikalsten Figuren beherrschen das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Mexiko und der mexikanischen Volksgruppe macht. Es gibt durchaus vernünftige und wohlmeinende Versuche, einen Kompromiss zu finden, doch diese werden von einer, wenn nicht von beiden Seiten als Verrat an den grundsätzlichen Interessen abgelehnt. Die Beteiligten an geopolitischen Auseinandersetzungen sind in den seltensten Fällen rationalen Kompromissen gegenüber aufgeschlossen – das beste Beispiel ist der arabisch-israelische Konflikt. Währenddessen werden mexikanische Staatsangehörige, die zum Teil schon seit Jahrzehnten mit befristeten Aufenthaltsgenehmigungen in den Vereinigten Staaten leben, nach Mexiko abgeschoben. Die Vereinigten Staaten verschärfen die Grenzkontrollen – gar nicht deshalb, um die illegale Einwanderung zu verhindern, an der inzwischen kaum noch ein Mexikaner interessiert ist, sondern um einen Keil zwischen Mexiko und die hierzulande ansässigen Mexikaner zu treiben. Die Regierung verkauft dies als Sicherheitsmaßnahme, doch in Wirklichkeit geht es um die Durchsetzung der 1848 geschaffenen Realitäten. Diese und andere Maßnahmen sind für die Mehrzahl der Mexikaner zu beiden Seiten der Grenze nicht mehr als ein leidiges Ärgernis, doch sie sind Wasser auf die Mühlen der Radikalen und gefährden den wichtigen Handel zwischen beiden Nationen. In Mexiko wird die Forderung lauter, die Regierung solle Stärke zeigen. Eine immer größer werdende Fraktion fordert, die amerikanischen Annexionen rückgängig zu machen und den Südwesten der Vereinigten Staaten zu besetzen. Diese Gruppe hat zwar keine Mehrheit, doch sie ist auch keine unbedeutende Splittergruppe mehr. Andere schlagen vor, die Vereinigten Staaten sollten die Kontrolle über die betreffenden Gebiete behalten, doch sie verlangen von den Vereinigten Staaten, die Rechte der mexikanischen Einwohner zu garantieren und die Ausweisung von Mexikanern unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus zu beenden. Eine dritte Gruppe, die aus wirtschaftlichen Interessen Stabilität wünscht und den Status quo aufrechterhalten will, verliert immer weiter an Einfluss. Die Rufe nach einer Annexion sind ebenso laut wie die nach einer Autonomie der mexikanischen Gebiete. Anti-hispanische Stimmen in den Vereinigten Staaten nutzen die Radikalisierung der mexikanischen Politik und behaupten, Mexiko mische sich in die inneren Angelegenheiten der Vereinigten Staaten ein und plane sogar eine Invasion des Südwestens, was radikale Elemente ja in der Tat fordern. Damit wiederum rechtfertigen Extremisten ihre Forderung nach noch schärferen Maßnahmen, etwa der Deportation sämtlicher mexikanischstämmiger Amerikaner unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit sowie einen Einmarsch in Mexiko für den Fall, dass sich die mexikanische Regierung dieser Maßnahme widersetzen sollte. Die Extremisten schaukeln sich in ihrer Rhetorik gegenseitig hoch und bestimmen die Diskussion. Werfen wir einen Blick in die mögliche Zukunft dieses Konflikts und bedenken wir dabei, dass wir über Einzelheiten nur Vermutungen anstellen können. 

In den 2080er Jahren kommt es in MexikoStadt sowie in Los Angeles, San Diego, Houston, San Antonio, Phoenix und anderen überwiegend mexikanischen Städten der Grenzregion zu anti-amerikanischen Demonstrationen. Zentrales Thema sind die staatsbürgerlichen Rechte der in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner. Es gibt allerdings auch Demonstrationen für eine Besetzung des Südwestens der Vereinigten Staaten durch Mexiko. Radikale mexikanische Separatistengruppen verüben Sabotageakte und kleinere Terroranschläge gegen Einrichtungen der amerikanischen Bundesregierung. Obwohl weder die mexikanische Regierung noch die Regierungen der von Mexikanern dominierten amerikanischen Bundesstaaten und schon gar nicht die Mehrheit der Mexikaner zu beiden Seiten der Grenze diese Terroraktionen unterstützen, werden sie in der Öffentlichkeit als Beginn eines geplanten Aufstandes oder einer Unabhängigkeitsbewegung dieser Region verstanden. Der amerikanische Präsident steht unter immensem Druck, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Er entzieht den betroffenen Bundesstaaten den Oberbefehl über die Nationalgarde und unterstellt sie Washington, um staatliches Eigentum zu schützen. Die Gouverneure von New Mexico und Arizona erklären jedoch, die Nationalgarde falle unter ihre Hoheit, und weigern sich, den Oberbefehl an Washington abzugeben. Sie stellen eigene Sicherheitskräfte zur Bewachung der bundesstaatlichen Einrichtungen ab, doch sie bestehen darauf, dass diese weiter unter ihrem Befehl stehen. Die Angehörigen der Nationalgarde, mehrheitlich Mexikaner, hören weiter auf den Befehl der beiden Gouverneure. Im Kongress werden Stimmen laut, es handele sich um eine Revolte. Der Präsident erklärt diese Argumentation für abwegig, doch er bittet den Kongress um Erlaubnis, die Armee in diesen Staaten zu mobilisieren, was zu einer direkten Konfrontation zwischen Einheiten der Armee und der Nationalgarde führt. Die Situation gerät außer Kontrolle. Das Problem verschärft sich, als der mexikanische Präsident auf Druck von Nationalisten die mexikanische Armee mobilisiert und an die Grenze verlegt. Er rechtfertigt diese Maßnahme mit der Mobilmachung der US-Armee entlang der Grenze und erklärt, er wolle lediglich Grenzverletzungen verhindern und sich mit Washington koordinieren. Das eigentliche Motiv ist jedoch ein anderes. Der mexikanische Präsident befürchtet, die USArmee könne die immigrierten Mexikaner massenhaft festnehmen und unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus nach Mexiko abschieben. Ihn graut vor einer möglichen Flüchtlingswelle, und außerdem will er vermeiden, dass in den Vereinigten Staaten lebende Mexikaner ihren Besitz verlieren. In Reaktion auf die Mobilisierung der mexikanischen Armee werden die Streitkräfte der Vereinigten Staaten in Alarmbereitschaft versetzt. Die US-Armee hat keine Erfahrung mit der Kontrolle einer feindlich gesinnten Bevölkerung, schon gar nicht, wenn es sich um amerikanische Staatsbürger handelt. Andererseits hat sie sehr große Erfahrung in der Zerstörung feindlicher Armeen. Daher beginnen die Weltraumstreitkräfte und die Bodentruppen mit den Vorbereitungen für eine bewaffnete Auseinandersetzung mit der mexikanischen Armee auf der anderen Seite der Grenze. Ein Treffen zwischen beiden Präsidenten entschärft die Lage, und es wird deutlich, dass beiden Seiten einen Krieg genausowenig wollen, wie sie die Krise im Südwesten der Vereinigten Staaten forciert haben. Doch in den Verhandlungen wird ein Problem deutlich: Beide Seiten wollen zum Status quo ante zurückkehren, doch der mexikanische Präsident sieht sich immer mehr in der Rolle des Verhandlungsführers für die amerikanischen Staatsbürger mexikanischer Herkunft. Am Ende ist er es, der für die Mexikaner in der Mexican Cession spricht. Die Krise der 2080er Jahre wird entschärft, ohne dass ihre Ursachen beseitigt würden. Das Grenzland bleibt strittig, eine politische und gesellschaftliche Lösung ist nicht in Sicht, und eine radikale Separatistenbewegung, die von mexikanischen Nationalisten finanziert wird, sorgt weiterhin für dauerhafte Spannungen. Um das Jahr 2090 provozieren diese Nationalisten eine neue Krise. Nach einer Verfassungsänderung dürfen nun auch Auslands-Mexikaner, die keine Staatsbürgerschaft besitzen, an mexikanischen Wahlen teilnehmen. Der mexikanische Kongress richtet Wahlkreise außerhalb Mexikos ein, sodass beispielsweise nach Argentinien emigrierte Mexikaner ihren eigenen Abgeordneten wählen können, der im Parlament ausdrücklich deren Interessen vertritt. Aufgrund der großen Zahl der Wähler wird die Mexican Cession – um die es ja bei der Verfassungsänderung eigentlich ging – in etliche Wahlkreise eingeteilt, sodass beispielsweise die Großräume Los Angeles zwanzig und San Antonio fünf Abgeordnete in das Parlament von Mexiko-Stadt schicken. Da die mexikanischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten diese Wahlen aus privaten Mitteln bestreiten, ist unklar, ob dieses Vorgehen gegen die amerikanische Verfassung verstößt. Es geht ein Aufschrei durch den Rest des Lands, doch Washington hat Angst, einzuschreiten. So kommt es, dass die in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner im Wahljahr 2090 zugleich Abgeordnete in die Parlamente von Mexiko-Stadt und Washington entsenden. In einigen wenigen Fällen ist es sogar ein und dieselbe Person, die in beiden Parlamenten sitzt. Das ist ein geschickter Schachzug, der die Vereinigten Staaten in die Defensive drängt, ohne dass sie im Gegenzug eine vergleichbare Maßnahme ergreifen könnten. In den 2090er Jahren sehen sich die Vereinigten Staaten innen- wie außenpolitisch einer schwierigen Lage gegenüber. Mexiko rüstet im konventionellen Bereich auf und ist am Boden bald im Vorteil. Die US-Armee ist nicht sonderlich groß, und die Kontrolle einer Stadt wie Los Angeles erfordert nach wie vor ganz einfache Infanteristen. In Reaktion auf die Besatzung durch die Armee im Jahr 2080 entstehen mexikanische Paramilitärs, die sich auch nach Abzug der USTruppen nicht auflösen. Da diese bewaffneten Gruppen im Falle eines Konflikts die US-Truppen an der stark militarisierten Grenze vom Nachschub abschneiden könnten, stellen sie durchaus eine Gefahr dar. Die Vereinigten Staaten könnten zwar möglicherweise die mexikanische Armee zerschlagen, doch damit würden mitnichten ihren eigenen Südwesten befrieden, von Mexiko ganz zu schweigen. Etwa um diese Zeit legt Mexiko ein eigenes Satellitenprogramm auf und baut unbemannte Flugzeuge. Währenddessen schaut die Welt zu. In Mexiko hofft man auf Unterstützung aus dem Ausland. Brasilien, das inzwischen selbst zu einer ernstzunehmenden Macht geworden ist, erklärt seine Solidarität mit Mexiko. 

Der Rest der Welt würde es zwar mehr oder weniger offen begrüßen, wenn sich die Vereinigten Staaten in Mexiko eine blutige Nase holten, doch niemand will sich aktiv beteiligen und die Supermacht herausfordern. Mexiko steht allein da und begnügt sich vorerst damit, den Amerikanern an der Grenze Schwierigkeiten zu bereiten und darauf zu warten, dass anderswo ein Herausforderer auf den Plan tritt: Polen etwa, das inzwischen ernsthaften Groll gegen die Vereinigten Staaten hegt, oder aufstrebende Mächte wie Brasilien, die an der Entfaltung ihrer Aktivitäten im Weltraum gehindert werden. Mexiko wird nicht gegen die Vereinigten Staaten in den Krieg ziehen, ehe es nicht militärisch ebenbürtig ist. Es benötigt eine Koalition, doch deren Aufbau erfordert Zeit. Mexiko hat jedoch einen großen Vorteil: Die Vereinigten Staaten sind mit inneren Unruhen konfrontiert, die einen Teil ihrer Energie beanspruchen und ihre Handlungsoptionen einschränken. Ein militärischer Sieg und eine Besetzung des Nachbarlands würde das Problem nicht lösen, sondern es womöglich noch verschlimmern. Die Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko verläuft faktisch nun durch Mexiko selbst, denn dessen reale, gesellschaftliche und kulturelle Grenzen befinden sich inzwischen Hunderte von Kilometern nördlich der eigentlichen politischen Grenze. Dieses Problem bleibt auch dann bestehen, wenn die Vereinigten Staaten Mexiko militärisch besiegen sollten. Alles läuft auf ein Patt hinaus. Es stellt sich die Frage, die die Vereinigten Staaten seit ihrer Gründung beschäftigt hat: Was ist die Hauptstadt des nordamerikanischen Kontinents – Washington oder Mexiko-Stadt? Anfangs sah es ganz so aus, als würde es Mexiko-Stadt werden. Ein paar Jahrhunderte später war es plötzlich Washington. Nun ist die Frage erneut auf dem Tisch. Sie lässt sich zwar aufschieben, aber nicht vermeiden. Vor einer ähnlichen Frage standen Spanien und Frankreich im 17. Jahrhundert. Einhundert Jahre lang hatte Spanien die europäischen Atlantikstaaten und die Welt beherrscht. Dann trat eine neue Macht auf den Plan. Wer würde sich durchsetzen: Frankreich oder Spanien? Fünfhundert Jahre später, am Ende des 21. Jahrhunderts, haben die Vereinigten Staaten die Welt mehr als ein Jahrhundert lang beherrscht. Nun entwickelt sich plötzlich Mexiko zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten. Wer wird sich durchsetzen? Die Vereinigten Staaten kontrollieren den Weltraum und die Ozeane, doch Mexiko stellt sich ihnen auf dem Boden entgegen – und vor allem (wozu eben nur Mexiko in der Lage ist) auf amerikanischem Boden. Auf diese Herausforderung ist das amerikanische Militär am allerwenigsten vorbereitet. Daher stellt sich am Ende des 21. Jahrhunderts die Frage: Nordamerika ist der Dreh- und Angelpunkt des internationalen Systems – aber wer herrscht in Nordamerika? Diese Frage wird erst im 22. Jahrhundert beantwortet werden.

Epilog

Es mag unwahrscheinlich klingen, dass ein erstarktes Mexiko irgendwann die Machtposition der Vereinigten Staaten gefährden könnte. Doch wie ich bereits in der Einleitung zu diesem Buch erläutert habe, hilft der gesunde Menschenverstand bei der Prognose zukünftiger Entwicklungen nicht weiter – sehen Sie sich nur die erstaunlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts an und stellen Sie sich vor, Sie hätten diese mit gesundem Menschenverstand vorhersehen sollen. Ein Teil der Menschen, die heute zur Welt kommen, wird das 22. Jahrhundert noch erleben. Als ich in den 1950er Jahren aufwuchs, war das 21. Jahrhundert für mich keine Realität, die ich irgendwann erleben würde, sondern Science-Fiction. Inzwischen hat sich das 21. Jahrhundert jedoch als sehr konkrete Angelegenheit herausgestellt, und ich werde noch einen guten Teil meines Lebens in ihm verbringen. Der Weg hierher, die Geschichte mit ihren Kriegen sowie ihren technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen, hat mein Leben geprägt. Ich bin zwar Zeuge vieler und zumeist unerwarteter Kriege geworden, aber schließlich bin ich doch nicht in einem Atomkrieg mit den Sowjets ums Leben gekommen. Unser Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat wenig mit dem der Jetsons zu tun (dieser Zeichentrickfiguren, von denen keiner so genau weiß, in welcher Zukunft sie angesiedelt worden sind), doch ich schreibe auf einem Computer, den ich in einer Hand halten und mit dem ich in Sekundenschnelle Information aus aller Welt abrufen kann – und das ganz ohne Kabel. Die Vereinten Nationen haben zwar nicht sämtliche Menschheitsprobleme gelöst, doch der Status von Afroamerikanern und Frauen hat sich radikal verändert. Es liegen Welten zwischen dem, was ich irgendwann einmal erwartet habe, und dem, was tatsächlich eingetreten ist. Im Rückblick auf das 20. Jahrhundert lassen sich Entwicklungen ausmachen, die absehbar oder zumindest wahrscheinlich waren, und solche, die sich nicht vorhersehen ließen. Man konnte mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Menschen die Welt nach wie vor in Nationalstaaten aufteilen würden. Man wusste, dass die Kriege immer mehr Opfer fordern würden. Alfred Nobel warnte, dass seine  Erfindung des Dynamits den Krieg in einen endlosen Schrecken verwandeln würde, und er behielt Recht. Auch die Revolution auf den Gebieten der Kommunikation und der Mobilität war absehbar, denn schließlich gab es bereits Autos, Radios und Flugzeuge. Die tatsächlichen Entwicklungen waren zwar komplex, aber nicht unbedingt unvorhersehbar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb der Science-Fiction-Autor H.G. Wells die Waffen, mit denen künftige Generationen Krieg führen würden. Es genügte, sich das anzusehen, was es bereits gab beziehungsweise was sich in Planung befand, und es auf die Kriege der Zukunft zu projizieren. Doch nicht nur die Technologie ließ sich vorhersehen. Kriegsplaner des US Naval College und des japanischen Kriegsministeriums konnten einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Japan in groben Zügen vorhersagen. Vor den beiden Weltkriegen zeigten deutsche Generäle mögliche Kriegsverläufe und deren Risiken auf. Winston Churchill sah die Folgen des Zweiten Weltkriegs vorher, und zwar sowohl den Verlust des Britischen Weltreichs als auch den Kalten Krieg. Natürlich konnte niemand die Zukunft bis ins Details vorhersagen, doch die groben Züge des 20. Jahrhunderts ließen sich durchaus erahnen. Genau das habe ich in diesem Buch versucht: mit Hilfe der Geopolitik das 21. Jahrhundert zu erahnen. Ich habe mit dem Unveränderlichen angefangen: dem Fortbestehen der Menschheit zwischen Himmel und Hölle. Dann habe ich den langfristigen Trend gesucht und ihn im Niedergang Europas als Mittelpunkt der westlichen Zivilisation sowie im Aufstieg Nordamerikas und der Vormacht auf dem nordamerikanischen Kontinent, den Vereinigten Staaten, gefunden. 
Vor dem Hintergrund dieser profunden Verschiebung innerhalb des internationalen Gefüges war es einfach, den Charakter der Vereinigten Staaten – stur, unreif und genial – sowie die Reaktionen der Welt auf dieses Land – Angst, Neid und Widerstand – vorzusehen. Danach konnte ich mich auf zwei Fragen konzentrieren: erstens, wer würde Widerstand leisten, und zweitens, wie würden die Vereinigten Staaten darauf reagieren. Der Widerstand erfolgt in Schüben, analog zu den kurzen, wechselhaften Epochen des 20. Jahrhunderts. Zunächst ist es der Islam, dann Russland, danach ein Bündnis aufstrebender Mächte (Türkei, Polen, Japan) und schließlich Mexiko. Um die jeweilige amerikanische Reaktion zu verstehen, habe ich die FünfzigJahres-Zyklen betrachtet, die ich in der mehr als 200-jährigen Geschichte der amerikanischen Gesellschaft ausgemacht hatte, und habe versucht, mir vorzustellen, wie die Jahre 2030 und 2080 aussehen würden. Auf diese Weise konnte ich darüber nachdenken, inwieweit sich der dramatische gesellschaftliche Umbruch, der bereits heute im Gange ist – das Ende der Bevölkerungsexplosion nämlich –, auf die Zukunft auswirken würde. Und ich konnte analysieren, welche Rolle bereits vorhandene Technologien in gesellschaftlichen Krisen spielen werden, und auf diese Weise die Entwicklungen der Roboter- und der weltraumgestützten Solartechnologie skizzieren. Je detaillierter man eine Entwicklung prognostiziert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mit seiner Vorhersage danebenliegt. Doch ich habe meine Aufgabe eher darin gesehen, meinen Lesern ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie das 21. Jahrhundert aussehen und wie es sich anfühlen wird. Natürlich werde ich mich in vielen Einzelheiten irren. Ich könnte mich beispielsweise darin täuschen, wer die zukünftigen Mächte sein und in welcher Form sie Widerstand gegen die Vereinigten Staaten leisten werden. Doch ich bin mir sicher, dass deren Rolle innerhalb des internationalen Gefüges das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts sein wird und dass andere Nationen sich dieser Vormacht widersetzen werden. Wenn dieses Buch eine zentrale Aussage hat, dann die, dass die Vereinigten Staaten heute alles andere als im Niedergang begriffen sind, sondern dass sie ihren Aufstieg gerade erst begonnen haben.

Dieses Buch soll in keiner Hinsicht als Huldigung an die Vereinigten Staaten verstanden werden. Ich bin ein Anhänger der amerikanischen Demokratie, doch die Vereinigten Staaten verdanken ihre Macht weder der Verfassung noch den Federalist Papers. Die verdanken sie vielmehr Andrew Jacksons Schlacht von New Orleans im Jahr 1815, der Niederlage des mexikanischen Generals Antonio López de Santa Anna in der Schlacht von San Jacinto im Jahr 1836, der Annektierung Hawaiis im Jahr 1898 und der Übergabe der britischen Flottenstützpunkte in der westlichen Hemisphäre an die Vereinigten Staaten im Jahr 1940 sowie ihren einmaligen geostrategischen Vorteilen, die ich in diesem Buch ausführlich dargestellt habe. Ein Thema habe ich nicht angesprochen. Vermutlich haben Sie bemerkt, dass ich nicht auf das Thema der Erderwärmung und des Klimawandels eingehe. Sie könnten das für fahrlässig halten. Ich bin überzeugt, dass sich die Erdatmosphäre erwärmt, und dass diese Erwärmung von Menschen gemacht ist. Doch Karl Marx schrieb: »Die Menschheit [stellt sich] immer nur Aufgaben, die sie lösen kann.« Ich weiß nicht, ob sich das auf jedes Problem übertragen lässt, doch in diesem Fall scheint es zuzutreffen. Zwei Kräfte werden der Erderwärmung entgegenwirken. Erstens wird das Ende der Bevölkerungsexplosion dafür sorgen, dass in den kommenden Jahrzehnten die Nachfrage nach fast sämtlichen Gütern und Dienstleistungen zurückgeht. Zweitens führen die steigenden Kosten für die Förderung und den Einsatz von fossilen Brennstoffen zu einer intensivierten Suche nach Alternativen. Die naheliegende Alternative ist die Sonnenenergie, doch erdgestützte Sonnenkraftwerke bringen meiner Ansicht nach zu viele ungelöste Probleme mit sich, die sich mit weltraumgestützten Solaranlagen umgehen lassen. Aufgrund der demografischen und technologischen Veränderungen der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts wird sich das Thema Erderwärmung erledigen. Mit anderen Worten, der Bevölkerungsrückgang und die Stromproduktion im Weltall werden das Problem des Treibhauseffekts lösen. Diese Entwicklung ist schon heute vorstellbar, und sie wird sich als ungeplante Folge anderer Entwicklungen einstellen. Diese ungeplanten Folgen sind Protagonisten dieses Buches. Wenn wir freie Entscheidungen treffen und diese eins zu eins umsetzen könnten, wäre jede Zukunftsprognose unmöglich, denn der freie Wille entzieht sich definitionsgemäß jeder Vorhersage. Doch wir sind erstaunlich unfrei. Es steht beispielsweise jedem von uns offen, zehn Kinder zu bekommen, doch kaum einer entscheidet sich für diese Möglichkeit. Die räumlichen und historischen Gegebenheiten, unter denen wir leben, schränken unsere Handlungsmöglichkeiten erheblich ein. Und die Handlungen, für wie wir uns schließlich entscheiden, haben eine Reihe von Folgen, die wir nicht eingeplant haben. Als die NASA einen Mikrochip entwickelte, um einen Bordcomputer für eine Raumkapsel zu bauen, hatte sie nicht vor, den iPod zu erfinden. Meine Methode besteht daher darin, mir die Zwänge anzusehen, denen Menschen und Nationen unterliegen, zu beobachten, wie sie in Reaktion auf diese Zwänge handeln, und zu verstehen, welche ungeplanten Folgen diese Handlungen haben. Es bleiben unendliche viele Unbekannte, und keine Prognose eines ganzen Jahrhunderts kann vollständig oder gar vollständig richtig sein. Doch wenn es mir gelungen ist, ein Verständnis für wichtigsten Zwänge, die wahrscheinlichsten Reaktionen auf diese Zwänge und das Resultat dieser Handlungen im allgemeinsten Sinne zu vermitteln, dann bin ich zufrieden. Persönlich finde ich es mehr als merkwürdig, ein Buch zu schreiben, von dem ich nie wissen werde, ob seine Vorhersagen eintreten oder nicht. Daher schreibe ich dieses Buch für meine Kinder und noch mehr für meine Enkel, die es wissen werden. Wenn dieses Buch ihnen eine Orientierung bietet, dann war meine Arbeit zu etwas nütze.

Dank

Dieses Buch wäre weder denkbar noch realisierbar gewesen ohne meine Kollegen bei Stratfor. Mein Freund Don Kuykendall hat mich während der gesamten Vorarbeiten unterstützt. Scott Stringer hat mit Geduld und Kreativität die Karten gezeichnet. Sämtliche Kollegen bei Stratfor haben geholfen, dieses Buch zu verbessern. Vor allem danke ich Rodger Baker, Reva Bhalla, Lauren Goodrich, Nate Hughes, Aaric Eisenstein und Colin Chapman. Dank auch an Peter Zeihan, dessen pedantische und vernichtende Kritiken mich genauso weitergebracht wie zunächst einmal geärgert haben. Jenseits der Stratfor-Familie möchte ich John Mauldin und Gusztav Molnar danken, von denen ich gelernt habe, die Dinge anders zu sehen. Susan Copeland stellte sicher, dass ich nicht nur meine Arbeiten an diesem Buch, sondern auch eine Menge anderer Dinge erledigte. Schließlich danke ich meinem Literaturagenten Jim Hornfischer und meinem Lektor Jason Kaufman bei Doubleday, die alles getan haben, um meine Texte verständlich zu machen. Rob Bloom stellte schließlich sicher, dass das Buch fertig wurde. Dieses Buch hat viele Eltern, doch für seine Fehler und Schwächen bin allein ich verantwortlich.

Kapitel 12
Kapitel 1

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 12

Kapitel 12 - Ein goldenes Nachkriegsjahrzehnt

Der Kriegsausgang bestätigt die Vereinigten Staaten als unangefochtene Supermacht und den nordamerikanischen Kontinent als den Dreh- und Angelpunkt des internationalen Beziehungsgefüges. Die Vereinigten Staaten festigen ihre Vorherrschaft im Weltall und damit ihre Kontrolle der internationalen Schifffahrtsrouten. Wichtigstes Ergebnis des Kriegs ist ein Vertrag, der den Vereinigten Staaten das alleinige Recht zur militärischen Nutzung des Weltalls zusichert. Andere Nationen dürfen den Weltraum ausschließlich zu nicht militärischen Zwecken nutzen und unterliegen der Inspektion der Vereinigten Staaten. Es handelt sich letztlich nur um eine Anerkennung der militärischen Wirklichkeit. Die Vereinigten Staaten haben Japan und die Türkei im Weltraum besiegt und werden sich diese Vormachtstellung nicht nehmen lassen. Der Vertrag begrenzt außerdem die Zahl der japanischen und türkischen Hyperschallbomber; es ist jedoch klar, dass sich diese Klausel kaum durchsetzen lässt und lediglich eine Formel darstellt, mir der die Sieger die Besiegten erniedrigen. Der Friedensvertrag dient den Interessen der Vereinigten Staaten und wird so lange Gültigkeit haben, wie diese ihn durchsetzen können. Der eigentliche Sieger des Kriegs heißt Polen. Obwohl das Land von allen Kriegsteilnehmern die größten Verluste erlitten hat, dehnt es seinen Machtbereich erheblich aus. China und Korea befreien sich aus der Umklammerung durch Japan, das zwar sein Reich verloren, aber sein Territorium behalten und nur wenige Tausend Opfer zu beklagen hat. Japan leidet nach wie vor unter seinen Bevölkerungsproblemen, doch das ist der Preis der Niederlage. Die Türkei bleibt die führende Macht der islamischen Welt und steht einem Reich vor, das durch die Niederlage unruhig geworden ist. Doch trotz des Sieges ist man in Polen verbittert. Da die Verbündeten anderweitig beschäftigt waren, konnten die Türkei und Deutschland nach Polen vordringen. Die Zahl der zivilen Kriegsopfer geht in die Zehntausende, die Infrastruktur und die Wirtschaft des Lands liegen am Boden. Polen ist zwar in der Lage, seinen Wiederaufbau mit Hilfe der eroberten Gebiete voranzutreiben, doch der Sieg ist schmerzhaft. Deutschland, das traditionelle Feind der Polen im Westen, ist geschwächt und eine zweitrangige Nation mit eher düsteren Aussichten, während die Türken, die für den Moment zurückgeschlagen wurden, wenige hundert Kilometer entfernt im südlichen Balkan und in Südrussland sitzen. Polen verfügt über den Hafen von Rijeka und unterhält Stützpunkte in Westgriechenland, um türkische Aggressionen an der Einfahrt in die Adria zu verhindern. Doch die Türkei ist nach wie vor präsent, und die Europäer haben ein Elefantengedächtnis. Am meisten schmerzt es die Polen vermutlich, dass die Vereinigten Staaten keine Ausnahme machen und auch ihnen die militärische Nutzung des Weltalls verwehren. Gleichwohl hat das Land das Reich zurückerlangt, das es im 17. Jahrhundert besaß, und noch weit mehr. Polen schafft einen föderativen Staatenbund für seine früheren Verbündeten und gliedert Weißrussland direkt in sein Territorium ein. Der Krieg hat das Land wirtschaftlich geschwächt und weitgehend zerstört, doch es hat Zeit und Raum, um sich zu erholen. Der Sieg Polens über Deutschland und Frankreich hat das europäische Machtzentrum entschieden nach Osten verlagert. Der Niedergang der europäischen Atlantikstaaten, der 1945 begann, kommt in gewisser Hinsicht in den 2050er Jahren zum Abschluss. Die Vereinigten Staaten stehen der europäischen Vorherrschaft eines starken, selbstbewussten Polen langfristig skeptisch gegenüber. Daher ermutigen sie Großbritannien, ihren engsten Verbündeten, der entscheidend zum Sieg beigetragen hat, seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf dem Kontinent zu erweitern. Angesichts des demografischen und wirtschaftlichen Niedergangs Westeuropas und der verbreiteten Furcht vor einem polnischen Machtzuwachs organisiert Großbritannien einen Block, der merkwürdige Ähnlichkeiten mit der NATO des 20. Jahrhunderts hat und es sich zur Aufgabe setzt, Westeuropa erneut zu stärken und eine Westausdehnung Polens nach Deutschland, Österreich oder Italien zu verhindern. Die Vereinigten Staaten selbst beteiligen sich nicht, doch sie unterstützen dieses Bündnis. Interessanterweise bemühen sich die Vereinigten Staaten um eine Verbesserung ihrer Beziehung zur Türkei. Sie halten sich an das alte britische Sprichwort, nach dem Staaten keine dauerhaften Freunde oder Feinde haben, sondern nur dauerhafte Interessen. Das amerikanische Interesse besteht darin, schwächere Mächte in der Auseinandersetzung mit stärkeren zu unterstützen, um ein Machtgleichgewicht zu erhalten. Die Türkei, die das langfristige Gefahrenpotenzial Polens erkennt, lässt sich gern auf engere Beziehungen zu Washington ein, weil sie sich davon eine langfristige Existenzgarantie verspricht. Eines der Gesetze der Geopolitik lautet: Es gibt keine dauerhaften Lösungen für geostrategische Probleme. 

Doch in den 2060er Jahren hat es ähnlich wie in den 1920ern und den 1990ern den Anschein, als wäre keine unmittelbare Bedrohung und kein Herausforderer für die Vereinigten Staaten in Sicht. Zwar wissen sie inzwischen, dass dieses Gefühl der Sicherheit illusorisch ist, doch sie genießen es trotzdem. Der Krieg stellt keine Gefahr für das amerikanische Wirtschaftswachstum dar, das in den 2040er Jahren begonnen hat. Im Gegenteil, es setzt sich unvermindert fort. Über die Jahrhunderte haben die Vereinigten Staaten immer wieder von großen Kriegen profitiert. Sie bleiben unversehrt, und die zusätzlichen staatlichen Investitionen fördern das Wirtschaftswachstum. Da die Vereinigten Staaten ihre Kriege unter großem Technologieeinsatz führen, bewirkt jeder Krieg oder jede ernsthafte Bedrohung staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung. Nach dem Krieg stehen dann die jeweils neuen Technologien für die kommerzielle Nutzung zur Verfügung. Daher beginnt nach dem Krieg eine Phase des Aufschwungs, die etwa bis zum Jahr 2070 anhält und von zahlreichen gesellschaftlichen Umwälzungen begleitet wird. Der Krieg fällt etwa in die Mitte eines Fünfzig-Jahres-Zyklus der amerikanischen Wirtschaft und damit in eine Zeit größter innerer Stabilität. Die Bevölkerungsprobleme, die ohnehin nie so gravierend sind wie im Rest der Welt, sind dank einer geschickten Einwanderungspolitik und dem Ende der geburtenstarken Jahrgänge unter Kontrolle. Es herrscht ein Gleichgewicht zwischen Kapitalangebot und Konsumnachfrage, und beide nehmen zu. Die Vereinigten Staaten treten in eine Phase dramatischer wirtschaftlicher und damit gesellschaftlicher Veränderungen ein. Wenn wie in den 1940er Jahren ein Krieg in die erste Hälfte eines Fünfzig-Jahres-Zyklus fällt, beschleunigt sich der Zyklus unter dem Einfluss der Nachkriegseffekte. Das heißt, in der zweite Hälfte der 2050er beginnen wirtschaftlich und technologisch goldene Zeiten, die etwa fünfzehn Jahre anhalten. In den 2030er Jahren, nach dem Zusammenbruch Russlands, haben die Vereinigten Staaten ihre Verteidigungsausgaben gesenkt, nur um sie mit Beginn der neuen Auseinandersetzungen in den 2040er Jahren wieder drastisch anzuheben. Während des Kriegs leisten die Vereinigten Staaten Außerordentliches auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung und bringen ihre Entdeckungen umgehend zum Einsatz. Was in Friedenszeiten Jahre gedauert hätte, nimmt unter der Dringlichkeit des Kriegs nur wenige Monate und sogar nur Wochen in Anspruch. Die Vereinigten Staaten sind geradezu besessen vom Weltall. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 setzte sich in der Bevölkerung und vor allem im Militär die Überzeugung fest, es könne jeden Moment ein vernichtender Angriff erfolgen, vor allem dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Diese Wahrnehmung sollte die atomare Strategie des Lands für die nächsten fünfzig Jahre motivieren. Diese konstante Angst vor einem Überraschungsschlag bestimmte die gesamte militärische Planung. Nach dem Zerfall der Sowjetunion legte sich diese Furcht, doch mit dem Angriff des Jahrs 2050 lebt der Schrecken von Pearl Harbor wieder auf. Erneut wird die Furcht vor einem Überraschungsangriff zu einer nationalen Obsession, nur dass sie sich diesmal auf das Weltall richtet. Die Bedrohung ist durchaus real. Die Kontrolle des Weltalls bedeutet strategisch dasselbe wie die Kontrolle der Schifffahrtswege. Pearl Harbor hätte die Vereinigten Staaten beinahe die Kontrolle über die Weltmeere gekostet, und der Krieg der 2050er kostet sie fast die Kontrolle über das Weltall. Die daraus resultierende Angst vor dem Unerwarteten führt zur Investition von gewaltigen staatlichen und privaten Mitteln in die Raumfahrt. Daher errichten die Vereinigten Staaten eine eindrucksvolle Infrastruktur im All, die von Erdsatelliten über bemannte Raumstationen in geostationären Umlaufbahnen bis zu Mondbasen und Mondsatelliten reicht. Viele dieser Systeme werden von Robotern gesteuert oder sind selbst Roboter. Die unterschiedlichen Entwicklungen auf dem Gebiet der Robotertechnologie aus den vorhergehenden Jahrzehnten kommen nun im Weltall zusammen. Außerdem stationieren die Vereinigten Staaten nun dauerhaft militärische Einheiten im All. Ihre Aufgabe besteht vor allem in der Systemüberwachung, da Roboter, so gut sie sein mögen, alles andere als perfekt sind, und dies in den 2050er und 2060er Jahren als nationale Überlebensfrage wahrgenommen wird. Die Weltraumstreitkräfte werden zum größten Posten des Verteidigungshaushalts und zur stärksten Teilstreitkraft. Eine Vielzahl günstiger Raumfähren, vielfach kommerzielle Modelle, pendeln zwischen der Erde und den Raumstationen hin und her. Mit ihren Weltraumaktivitäten verfolgen die Vereinigten Staaten drei Ziele. Erstens wollen sie ihre Weltraumverteidigung so robust, redundant und tief aufstellen, dass keine Macht je wieder die Möglichkeit erhält, sie auszuschalten. Zweitens wollen sie in der Lage sein, jeden Versuch einer anderen Nation, gegen die eigenen Bestrebungen im All Fuß zu fassen, unterbinden zu können. Schließlich wollen sie ein massives weltraumgestütztes Arsenal von Raketen und neuen Hochenergiestrahlern errichten, um die Ereignisse auf der Erde kontrollieren zu können. Die Vereinigten Staaten sind sich im Klaren, dass sie nicht jede Bedrohung (etwa die durch Terroristen oder durch neue Bündnisse) von ihrer Warte im Weltall ausschalten können, doch sie wollen sicher sein, dass keine Nation in die Lage kommt, ihre Position zu gefährden. Die Kosten für diese militärische Infrastruktur sind gewaltig. Innenpolitisch stößt das auf geringen Widerstand, obwohl diese Kosten ein riesiges Haushaltsdefizit verursachen. Aber zugleich kurbeln sie die Wirtschaft an. Wie schon nach dem Zweiten Weltkrieg schaltet auch jetzt die Furcht jegliche Vorsicht aus. 

Die Energierevolution

Die amerikanische Weltraumbesessenheit überschneidet sich mit einem weiteren, immer dringlicheren Problem: der Energieversorgung. Während des Kriegs investieren die Vereinigten Staaten große Summen, um das Problem der Energieversorgung der Truppen vom Weltall aus zu lösen. Das System ist unwirtschaftlich, ineffizient und primitiv, doch es erreicht seinen Zweck: Es liefert den alliierten Truppen in Polen die Energie, die sie im Kampf gegen die türkischen und deutschen Invasoren benötigen. Für das Militär bietet die weltraumgestützte Energieerzeugung die Lösung für ein schwerwiegendes logistisches Problem im Kriegsgebiet. Es würde außerdem das Problem der Versorgung der neuen Energiekanonen lösen. Daher ist das Militär bereit, die Entwicklung von weltraumgestützten Kraftwerken voranzutreiben, und der Kongress ist bereit, diese zu finanzieren. Es handelt sich um eine der wichtigsten Lektionen des Kriegs, was das Projekt umso dringlicher erscheinen lässt. Zwei ähnliche Episoden der amerikanischen Geschichte erklären diese Entscheidung. Im Jahr 1956 begannen die Vereinigten Staaten mit dem Bau ihres landesweiten Autobahnnetzes. Dwight D. Eisenhower befürwortete das Projekt aus militärischen Gründen. Als Unteroffizier hatte er versucht, einen Konvoi durch die Vereinigten Staaten zu führen, und dazu Monate gebraucht. Im Zweiten Weltkrieg beobachtete er, wie die Deutschen während der Ardennenoffensive auf der Autobahn ganze Divisionen in kurzer Zeit von der Ost- an die Westfront verlegten. Der Unterschied beeindruckte ihn. Da durch den Bau eines landesweiten Autobahnnetzes generell Transportkosten und -zeiten verringert werden konnten, wurde auch das Umland der Städte mit einem Mal attraktiv. Die Städte erlebten eine rapide Dezentralisierung, die Menschen zogen in die Vorstädte und die Industrie siedelte sich außerhalb des eigentlichen Stadtge- bietes an. Das Autobahnnetz veränderte die Vereinigten Staaten,  doch ohne die militärische Begründung wäre es vermutlich nie gebaut worden. Ein zweites Beispiel stammt aus den 1970er Jahren, als das Militär gewaltige Summen in die Forschung investierte. Die Armee benötigte eine Möglichkeit, Informationen schneller zwischen den Labors auszutauschen, als dies per Post oder Kurier möglich gewesen wäre. Eine Behörde mit dem Namen Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) finanzierte ein Projekt zur Einrichtung eines Computernetzwerks, über das sich Daten über große Entfernungen hinweg austauschen ließen. Das Projekt nannte sich ARPANET. Es wurde unter großen Kosten für einen hochspezialisierten Zweck entwickelt. Aus dem ARPANET wurde schließlich das Internet, dessen Architektur und Protokolle bis in die 1990er Jahre vom Verteidigungsministerium und seinen Vertragspartnern entwickelt und verwaltet wurden. Wie die Autobahn hätte natürlich auch die Datenautobahn in einem privatwirtschaftlichen Rahmen entstehen können. Doch das war nicht der Fall. Das Militär übernahm die Kosten für die Entwicklung eines Projekts, mit dem es eines seiner logistischen Probleme lösen wollte. Die Energieautobahn entspringt einem ähnlichen Bedürfnis. Weil sie für das Militär entwickelt wird, ist sie gegenüber anderen Formen der Energieversorgung konkurrenzfähiger. Da das Militär die Entwicklungskosten und die Errichtung des Systems übernimmt, kostet die kommerziellen Nutzung dieser Energie erheblich weniger, als dies ansonsten der Fall wäre. Auf dem zivilen Sektor ist billige Energie jedoch entscheidend, zumal Roboter in der Wirtschaft eine immer größere Rolle spielen. Auch kommerzielle Raumfahrtprogramme profitieren davon, dass sie buchstäblich auf militärische Projekte aufsatteln können. Fortschrittliche kommerzielle Raumfähren senken zwar die Transportkosten, doch sie erreichen nie die Kapazitäten, die für ein Großprojekt wie die Errichtung eines weltraumgestützten Sonnenkraftwerks erforderlich sind. Das großangelegte Militärprogramm der 2050er und 2060er Jahre löst das Problem auf zweierlei Weise. Erstens senkt es die Transportstückkosten, da die Vereinigten Staaten große Mengen Material ins All transportieren und daher den Preis pro Start drücken müssen. Neue Technologien sowie die schiere Menge des zu transportierenden Materials sorgen für einen dramatischen Rückgang der Kosten sogar unter die der kommerziellen Fähren. Zweitens verfügt das System über große überschüssige Kapazitäten. Eine Lektion aus dem Krieg ist, dass den Vereinigten Staaten nach dem ursprünglichen Angriff keine zusätzlichen Kapazitäten zur Verfügung standen und sie Schwierigkeiten hatten, auf den ersten Angriff zu reagieren. Dies soll nicht wieder passieren. Daher hat die Nation einen erheblichen Überschuss an Transportkapazitäten bei einem gewaltigen Haushaltsdefizit; die private Nutzung dieser Kapazitäten trägt wesentlich zur Kostensenkung bei. Sowohl der Bau der landesweiten Autobahnen als auch die Einrichtung des Internet hatten einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge. Der Straßenbau beschäftigte Heere von Bauarbeitern und Ingenieuren, doch der eigentliche Boom wurde von den ungeplanten wirtschaftlichen Folgen ausgelöst. McDonald‘s war ebenso ein Produkt der Autobahn wie die Einkaufszentren der Vorstädte. Das Internet förderte den Verkauf von Servern und Rechnern, doch der Boom und die wirtschaftlichen Umwälzungen begannen erst mit Amazon, Ebay und iTunes. 

Die NASA betreibt seit den 1970er Jahren Forschung auf dem Gebiet der weltraumgestützten Energieerzeugung in Form von Sonnenenergie. Im Krieg der 2050er Jahre bringen die Vereinigten Staaten das Prinzip zum ersten Mal zum Einsatz. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt gehört das System bereits zum Alltag. Riesige fotovoltaische Anlagen, die Sonnenlicht in elektrischen Strom umwandeln, werden in geostationären Umlaufbahnen und auf dem Mond installiert. Die Elektrizität wird in Mikrowellen umgewandelt, zur Erde gesandt, dort in elektrischen Strom zurückverwandelt und in das Stromnetz eingespeist. Die Fläche der erforderlichen Sonnensegel lässt sich mit Hilfe von Brennlinsen reduzieren, was wiederum die Transport- und Installationskosten verringert. Die Empfänger müssen zwar in abgeschirmten Regionen auf der Erde aufgestellt werden, da die Mikrowellenstrahlung von hoher Intensität ist, doch verglichen mit Atomreaktoren und Kohlekraftwerken ist die Umweltbelastung gering. Auf der Erde würden die Sonnenkollektoren unvertretbar große Flächen von der Größe ganzer Staaten einnehmen, doch im grenzenlosen Weltall verschwinden sie. Außerdem gibt es hier keine atmosphärischen Störungen, und die Sonnenkollektoren lassen sich so ausrichten, dass sie ununterbrochen bestrahlt werden. Diese Entwicklung senkt die Energiekosten, weshalb mehr energieintensive Aktivitäten möglich werden. Es ergeben sich erstaunliche unternehmerische Möglichkeiten. Das APRANET lässt sich nicht vom iPod trennen, die zweite Welle der Innovationen verändert die Wirtschaft mindestens ebenso sehr wie die erste, weshalb die Folgen aus den technischen Neuerungen in den 2060er Jahren genauso viel Wohlstand bringen werden wie die Autobahn in den 1960er und das Internet in den  2000er Jahren. Damit bauen die Vereinigten Staaten ihre geostrategische Machtposition weiter aus: Sie werden zum größten Energieproduzenten der Welt, ihre Produktionsstätten sind vor jedem Angriff geschützt. Japan, China und die meisten anderen Nationen der Welt müssen dagegen Energie importieren. Mit den Veränderungen der Energiewirtschaft werden andere Energiequellen wie fossile Brennstoffe immer unattraktiver. Andere Nationen sind nicht in der Lage, ihre eigenen Weltraumkraftwerke zu errichten, zum einen, weil ihr Militär hierfür die Entwicklungskosten nicht übernimmt, zum anderen, weil kein anderes Land sich mit den Vereinigten Staaten anlegen will. Angesichts des Machtungleichgewichts ist ein Angriff auf amerikanische Anlagen undenkbar. Die Fähigkeit, günstige Sonnenenergie zu liefern, wird somit zu einem weiteren Instrument, mit dem die Vereinigten Staaten ihre internationale Vormachtstellung zementieren. Die Welt erlebt einen geopolitischen Paradigmenwechsel. Seit Beginn der Industriellen Revolution hat die Industrie Energie nachgefragt, die nach dem Zufallsprinzip über die Welt verteilt war. Der Arabischen Halbinsel, einer an sich bedeutungslosen Region, kam wegen ihrer Ölfelder eine Schlüsselrolle zu. Mit der Einführung der weltraumgestützten Kraftwerke wird die Industrie mit einem Mal zum Energieerzeuger. Die Raumfahrt ist ein Resultat der Industrialisierung, und Industrienationen erzeugen Energie, mit der sie ihre Industrie betreiben. Der Weltraum wird wichtiger, als es Saudi-Arabien je war, und die Vereinigten Staaten kontrollieren den Zugang. Eine neue Welle amerikanischer Kultur erfasst die Welt. Erinnern wir uns, dass mit dem Begriff »Kultur« nicht nur die Kunst gemeint ist, sondern auch unser Alltag und unsere Arbeitswelt. Mehr noch als Kino und Fernsehen ist der Computer die Verkörperung der amerikanischen Kultur. Der Roboter ist die logische Fortsetzung und dramatische Vollendung des Computers. In einer Welt, die trotz des anhaltenden Bevölkerungsrückgangs weiteres wirtschaftliches Wachstum benötigt, werden die Roboter zum Motor der Produktivität. Angetrieben werden sie von den Sonnenkraftwerken im Weltall, die ausreichend Energie für deren Betrieb erzeugen. Sie werden vor allem in den führenden Industrienationen und Schwellenländern übernommen, wo die Bevölkerung inzwischen schrumpft. Die Gentechnik sorgt für weiterhin steigende Lebenserwartung und bekommt eine Reihe von genetisch bedingten Erkrankungen in den Griff. Das Ergebnis ist eine zunehmende gesellschaftliche Instabilität. Soziale Umwälzungen wie die Veränderung der Frauenrolle und der Familienstruktur, die von Europa und den Vereinigten Staaten ausgingen, erreichen nun auch den Rest der Welt. In den Entwicklungsländern kommt es zu heftigen Konflikten zwischen den Vertretern von traditionellen Werten und den veränderten gesellschaftlichen Realitäten. Sämtliche Weltreligionen werden von diesen Auseinandersetzungen erfasst. Christentum, Konfuzianismus und Islam vertreten ein traditionelles Verständnis von Familie, Sexualität und dem Verhältnis der Generationen. Doch diese traditionellen Werte werden erst in Europa und den Vereinigten Staaten und schließlich auch im Rest der Welt unterliegen. Dies führt zu großen gesellschaftlichen Spannungen. Ende des 21. Jahrhunderts versuchen viele Religionen, die medizinisch und technologisch bedingten Umwälzungen aufzuhalten. Da ein Großteil der umstrittenen Technologien aus den Vereinigten Staaten stammt und deren Modell des gesellschaftlichen Chaos sich als Norm durch setzt, werden sie zum Feindbild der Traditionalisten in aller Welt. Amerika wird als gefährlich, unkultiviert und zersetzend wahrgenommen, aber es wird mit Vorsicht behandelt, und es wird beneidet. Es ist eine Zeit internationaler Stabilität, regionaler Spannungen und gesellschaftlicher Unruhen. Außerhalb der Vereinigten Staaten denken vor allem zwei Nationen über eigene Raumfahrtprogramme nach. Zum einen Polen, das seine Föderation festigt und wegen des Friedensvertrags der 2050er Jahre noch immer zutiefst gekränkt ist. Das zweite Land, das Welt- raumambitionen hegt, ist Mexiko, das Ende der 2060er Jahre zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten der Welt vorgestoßen ist. Mexiko sieht sich als Rivalen der Vereinigten Staaten und betritt die Bühne der Weltpolitik. Noch hat es allerdings keine eigene nationale Strategie. Beide Länder schrecken davor zurück, die Vereinigten Staaten herauszufordern. Auch in anderen Schwellenländer expandiert die Wirtschaft, sobald sich ihre Bevölkerung auf einem stabilen Niveau einpendelt. Eines ist Brasilien, dessen Bevölkerung eine Generation weiter von der Stabilisierung entfernt ist als die mexikanische. Brasilien zieht ein regionales Wirtschaftsbündnis mit Argentinien, Chile und Uruguay in Erwägung, die sich ebenfalls rasch entwickeln. Brasilien denkt an eine friedliche Zusammenarbeit, doch wie so oft kommen bald auch aggressivere Überlegungen ins Spiel. Im Jahr 2060 unterhält auch Brasilien ein eigenes Raumfahrtprogramm, wenn auch kein sonderlich umfassendes, und vor allem keines, mit dem es geopolitische Absichten verfolgen würde. Länder wie Israel, Indien, Korea und der Iran unterhalten in begrenztem Umfang eigene Raumfahrtprogramme, doch keines verfügt über die Ressourcen oder die Absicht, den Vereinigten Staaten die Vorherrschaft im Weltraum streitig zu machen. Daher stehen den Vereinigten Staaten am Ende des Ersten Weltraumkriegs alle Möglichkeiten offen, und sie nutzen sie. Sie erleben ein goldenes Zeitalter, das etwa mit dem Jahr 2070 endet. 

Kapitel 11
Kapitel 13

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 11

Kapitel 11 - Der neue Weltkrieg: Ein Szenario

Bislang habe ich in diesem Buch geopolitische Prognosen formuliert, ich habe dargestellt, wie sich die zentralen Themen des 21. Jahrhunderts entwickeln, und überlegt, inwieweit sie sich auf internationalen Beziehungen auswirken. In diesem Kapitel ändere ich meinen Ansatz ein wenig, um einen Krieg zu beschreiben, der meines Erachtens nach um die Mitte des 21. Jahrhunderts ausgetragen werden wird. Natürlich weiß ich weder, wann dieser Krieg genau stattfinden wird, noch kann ich seinen Verlauf in allen Einzelheiten vorhersagen. Ich kann jedoch versuchen, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie ein Krieg des 21. Jahrhunderts aussieht. So wie sich das 20. Jahrhundert nicht verstehen lässt, ohne den Ersten und den Zweiten Weltkrieg zu berücksichtigen, bekommt man erst dann ein Gefühl für das 21. Jahrhundert, wenn man weiß, wie seine Kriege aussehen werden. Ein Krieg fällt aus dem Rahmen des bisher beschriebenen, denn im Krieg spielen die Einzelheiten eine ganz entscheidende Rolle. Ohne diese Einzelheiten lässt er sich nicht von Grund auf erfassen. Um einen Krieg wirklich verstehen zu können, reicht es nicht zu wissen, warum er ausgetragen wurde. Wichtiger ist ein detailliertes Verständnis der Technologie, der Kultur und anderer Aspekte. In einer Analyse des Zweiten Weltkriegs muss man unter anderem auch auf Pearl Harbor eingehen. Der Angriff auf Pearl Harbor war ein strategischer Versuch Japans, Zeit zu gewinnen, um Südostasien und Niederländisch-Ostindien zu erobern. Doch um Pearl Harbor wirklich zu verstehen, muss man den Angriff in seinen Einzelheiten verstehen – die Verwendung von Flugzeugträgern, die Erfindung von Torpedos, die im flachen Hafenbecken von Pearl Harbor zum Einsatz kommen konnten sowie die Entscheidung, den Angriff auf einen Sonntagmorgen zu legen. In den vorhergehenden Kapiteln habe ich versucht zu zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten, der Türkei und Japan im kommenden Jahrhundert entwickelt und warum sich die letzteren beiden Nationen derart bedroht fühlen, dass ihnen aus ihrer Sicht keine andere Wahl bleibt als ein Präventivkrieg. In diesem Buch geht es um meine Wahrnehmung der Ereignisse der kommenden 100 Jahre, und an dieser Stelle möchte ich den künftigen Krieg darstellen. Dazu muss ich allerdings so tun, als wüsste ich mehr, als ich tatsächlich weiß. Ich muss so tun, als wüsste ich, wo und wann Schlachten ausgetragen werden und wie sie verlaufen. Ich denke, ich habe ein gutes Verständnis der militärischen Technologien, die in diesem Krieg zum Einsatz kommen werden. Ich habe außerdem eine ungefähre Vorstellung, wann dieser Krieg ausgetragen und was sein Ergebnis sein wird. Doch ich befürchte, dieser Krieg wird sich nur dann wirklich verstehen lassen, wenn ich darüber hinaus gehe und ihn mit Einzelheiten ausstatte, die ich streng genommen gar nicht darstellen dürfte. Ich hoffe also, Sie sehen es mir nach, wenn ich mir gewisse Freiheiten herausnehme und diesen Krieg mit »echten« Einzelheiten versehe, um Ihnen auf diese Weise ein Gefühl für die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts und insbesondere dieses Kriegs zu vermitteln.  

Der Eröffnungszug

Die Zerstörung der drei Kampfsterne ist für den 24. November 2050, 17 Uhr, vorgesehen. Zu dieser Uhrzeit an Thanksgiving sitzen die meisten Menschen in den Vereinigten Staaten vor dem Fernseher, um sich ein Footballspiel anzusehen, oder sie halten ein Verdauungsschläfchen nach einem üppigen Festtagsmahl. Manche sitzen im Auto und sind auf dem Weg nach Hause. Niemand in Washington erwartet ein Problem. Genau in diesem Moment will das japanische Militär zuschlagen. Gegen Mittag nimmt es letzte Kurskorrekturen an seinen Geschossen vor, die auf die Kampfsterne zufliegen. Selbst wenn die Geschosse entdeckt werden sollten, so die Logik, dann würde es ein oder zwei Stunden dauern, um das nationale Sicherheitsteam in Washington zusammenzurufen, und wenn die Geschosse gegen 15 oder 16 Uhr entdeckt werden würden, dann bliebe keine Zeit mehr, um rechtzeitig zu reagieren. Um den 21. November startet Japan seine Geschosse vom Mond aus. Schon am Tag zuvor haben die Vorbereitungen für den Alternativplan begonnen, den erwähnten Schuss aus der Hüfte. Der Start der Geschosse auf dem Mond verläuft unbemerkt. Viele werden zwar von den Sensoren der Kampfsterne registriert, doch keines bewegt sich auf einer Flugbahn, die auf eine Gefahr für einen Satelliten oder die Erde schließen ließe. Die Daten werden nicht an das menschliche Kontrollpersonal weitergegeben. Ein Techniker, der am zweiten Tag die tägliche Zusammenfassung überfliegt, entdeckt eine ungewöhnlich große Zahl von Meteoriten, von denen sich einige der Station nähern werden, doch da es sich nicht um ein außergewöhnliches Ereignis handelt, misst er dem keine Bedeutung bei. Gegen Mittag des 24. November werden wie geplant die Triebwerke gezündet, und die Geschosse ändern ihren Kurs. Gegen 14 Uhr gibt der Kollisionsradar des Kampfsterns Uganda eine erste Warnung heraus und bittet den Computer um Bestätigung. Innerhalb der nächsten Stunde identifiziert jede der drei Stationen mehrere Flugobjekte auf Kollisionskurs. Gegen 15.15 Uhr erkennt der kommandierende Flottengeneral auf Kampfstern Peru, dass es sich um einen organisierten Angriff auf seine Satelliten handelt. Er informiert das Hauptquartier der Weltraumeinheiten in Colorado, das wiederum die Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte und den Nationalen Sicherheitsrat alarmiert. Inzwischen versucht der kommandierende General auf Kampfstern Peru, den Angriff mit Laserkanonen und Raketen abzuwehren. Doch die Zahl der Geschosse übersteigt die Kapazitäten der Raumstationen, das System ist nicht darauf ausgelegt, auf 15 Angreifer gleichzeitig zu reagieren. Er erkennt rasch, dass der Schutzschirm Lücken hat und dass einige der Projektile ihr Ziel erreichen werden. Der Präsident wird informiert, doch wegen Thanksgiving ist nur ein Teil seiner Berater erreichbar. Der Präsident stellt die zwei entscheidenden Fragen: Wer hat den Angriff ausgeführt und von wo aus? Niemand kann ihm diese Frage sofort beantworten. Der nächstliegende Kandidat ist die Türkei als einer der Protagonisten der jüngsten Krise, doch die Geheimdienste sind sich sicher, dass diese nicht in der Lage wäre, einen solchen Angriff durchzuführen. Die Japaner verhalten sich ruhig, und auch von ihnen nimmt niemand an, dass sie zu diesem Schlag in der Lage seien. Während immer mehr Berater im Weiße Haus eintreffen, kristallisiert sich zweierlei heraus: Die Kampfsterne stehen unmittelbar vor ihrer Zerstörung, und niemand weiß, wer dahinter steckt. Gegen 16.30 Uhr informiert Japan seinen Bündnispartner. Noch hält es jedoch detaillierte Informationen zurück, um zu verhindern, dass die Türkei ihr eigenes Spiel spielt. Doch diese ist bereits vorgewarnt, das Theater von Anfang November war das Vorspiel, und sie steht Gewehr bei Fuß für den Fall, dass Japan sie alarmiert. Weniger als dreißig Minuten vor dem Einschlag autorisiert der Präsident die Evakuierung der Kampfsterne. Die Zeit reicht nicht aus, um die Raumstationen vollständig zu evakuieren, Hunderte von Menschen müssen zurückbleiben. Obwohl niemand weiß, auf wessen Konto der Angriff geht, schaffen es die Berater, den Präsidenten davon zu überzeugen, die Verlegung der Hyperschallbomber von ihren Heimatbasen auf verstreute kleinere Stützpunkte anzuordnen. Dieser Befehl erfolgt zur gleichen Zeit wie der Befehl zur Evakuierung der Kampfsterne. Vieles geht schief. Die kommandierenden Offiziere – lediglich eine Rumpfbesatzung – bitten wiederholt um Bestätigung des Befehls. Im Laufe der kommenden Stunde werden einige Maschinen verlegt, die Mehrzahl bleibt jedoch in ihren Hangars. Um 17 Uhr explodieren alle drei Kampfsterne. Die verbleibenden Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Der Rest der amerikanischen Weltraumflotte – Sensoren und Satelliten, die überwiegend mit dem Kampfstern Peru kommunizieren – treibt damit führerlos durchs All. Japanische Spionagesatelliten melden das Ende des Funkverkehrs zwischen den Kampfsternen und Boden, und der japanische Radar erkennt die Zerstörung der Raumstationen.
Sobald die Nachricht bestätigt ist, starten die japanischen Streitkräfte Phase 2 der Operation. Sie schicken Tausende unbemannter Hyperschallbomber – Maschinen, die klein, schnell und wendig genug sind, um den Abwehrsystemen zu entkommen – in Richtung der Vereinigten Staaten, ihrer Schiffe und ihre Basen im Pazifik. Ziele sind die Hyperschallflotte der Vereinigten Staaten, Luftabwehrstellungen am Boden sowie Kommandozentralen. Städte nehmen die japanischen Bomber nicht ins Visier – mit massiven zivilen Opfern würde Japan nicht nur nichts erreichen, sondern es würde auch die angestrebte Verhandlungslösung von vornherein unmöglich machen. Es geht auch nicht darum, den Präsidenten und seinen Mitarbeiterstab zu treffen, denn schließlich benötigt Japan Ansprechpartner, mit denen es verhandeln kann. Gleichzeitig startet die Türkei eigene Angriffe auf Ziele, die in der gemeinsamen Kriegsplanung festgelegt worden sind. Da die Türkei bereits geahnt hat, dass etwas geschehen würde, und sich beinahe in Alarmzustand befindet, benötigt sie kaum Vorbereitung, um ihren Teil des Kriegsplans umzusetzen. Japan teilt ihr die Zerstörung der Kampfsterne mit, und die türkischen Sensoren bestätigen das. Das türkische Militär beeilt sich, um die Situation zu nutzen. Viele seiner Ziele befinden sich in den Vereinigten Staaten östlich des Mississippi. Doch die Türkei startet auch massive Angriffe gegen den polnischen Block und Indien, das zwar keine wichtige Macht, wohl aber ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten ist. Ziel der Koalition ist es, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten militärisch handlungsunfähig zu machen. Innerhalb weniger Minuten treffen die Raketen der unbemannten Hyperschallbomber die amerikanischen Streitkräfte in Europa und Asien. Es dauert jedoch noch fast eine Stunde, bis sie in den Vereinigten Staaten eintreffen. Diese Stunde verschafft den Vereinigten Staaten wertvolle Zeit. Die meisten der weltraumgestützten Sensoren sind ausgefallen, doch ein altes Infrarotsystem, das Raketen mit Hilfe von Wärmesensoren ortet und das zu veraltet war, um an die Kampfsterne angeschlossen zu werden, meldet noch immer Daten nach Colorado Springs. Es entdeckt Hunderte von Starts in Japan und der Türkei, doch kann darüber hinaus wenig Information liefern. Es ist unmöglich festzustellen, auf welche Ziele die Raketen und Hyperschallbomber gerichtet sind. Doch die Tatsache, dass beide Ländern innerhalb weniger Minuten nach der Zerstörung der Kampfsterne aktiv werden, lässt endlich einen Schluss darauf zu, woher die Angriffe kamen. Die Vereinigten Staaten unterhalten eine Datenbank von militärischen Zielen in der Türkei und Japan. Die Flugzeuge der Koalition befinden sich längst in der Luft, und es wäre sinnlos, deren Basen zu bombardieren. Doch in beiden Ländern gibt es feste Ziele, vor allem Befehlszentralen, Flugplätze, Treibstoffvorräte und so weiter, die angegriffen werden können. Außerdem will der Präsident seine Hyperschallflotte in der Luft und nicht auf dem Rollfeld. Also befiehlt er die Aktivierung eines vorhandenen Kriegsplans. Doch bis die Befehle übermittelt sind und die Kontrolleure Posten bezogen haben, bleiben nur noch 15 Minuten, bis die türkischen und japanischen Bomber amerikanisches Festland erreichen. Einige der Flugzeuge starten und zerstören Ziele in beiden Ländern, doch ein Großteil der Bomberflotte wird am Boden zerstört. In den osteuropäischen Staaten sind die Folgen des Angriffs noch verheerender. Das Hauptquartier der Streitkräfte in Warschau erfährt nichts von der Zerstörung der Kampfsterne und wird erst von den Vereinigten Staaten gewarnt, als schon die ersten Raketen in ihren Militärbasen einschlagen. Ohne jede Vorwarnung werfen die türkischen Hyperschallbomber ihre Lenkwaffen ab. Von einem Augenblick auf den anderen ist das Arsenal des polnischen Blocks vollkommen vernichtet. Gegen 19 Uhr ist die Weltraum- und Hyperschallflotte der Vereinigten Staaten weitgehend zerstört. Sie haben die Kontrolle über das Weltall verloren, und ihnen stehen nur noch einige hundert Flugzeuge zur Verfügung. Die Streitkräfte der europäischen Verbündeten wurden völlig überrumpelt. Amerikanische Kriegsschiffe in aller Welt wurden angegriffen und versenkt. Auch Indien hat seine Streitkräfte verloren. Das amerikanische Bündnis hat einen vernichtenden Schlag erlitten.

Der Gegenschlag

Die Gesellschaft der Vereinigten Staaten ist dagegen intakt, genau wie die ihrer Verbündeten. Hier liegt der Schwachpunkt der japanischtürkischen Strategie. Die Vereinigten Staaten sind eine Atommacht, genau wie Japan, die Türkei, Polen und Indien. Konventionelle Angriffe auf militärische Ziele haben keinen nuklearen Gegenschlag zur Folge. Sollte die Koalition jedoch versuchen, durch Angriffe auf die amerikanische Bevölkerung eine Kapitulation zu erzwingen, könnte der Punkt erreicht sein, an dem die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten Nuklearwaffen einsetzen. Da es der Koalition nicht um eine gegenseitige Auslöschung, sondern um eine politische Lösung geht, mit der die Vereinigten Staaten leben können, und da die Amerika- ner oft extrem unberechenbar sein können, wäre der Einsatz von  Hyperschallbombern gegen die Zivilbevölkerung extrem gefährlich. Der Besitz von Nuklearwaffen trägt also dazu bei, den Konflikt zu begrenzen. Andererseits sind die Vereinigten Staaten militärisch angeschlagen und wissen nicht, wie weit die Koalition gehen wird. Diese wiederum hofft, das Ausmaß des Schadens und ihre potenzielle Unberechenbarkeit könnten die Vereinigten Staaten dazu bewegen, einer Verhandlungslösung zuzustimmen, türkische und japanische Einflusssphären anzuerkennen, die amerikanischen Sphären zu begrenzen und einer überprüfbaren Rüstungskontrolle im Weltraum zuzustimmen. Mit anderen Worten: Die Koalition hofft darauf, dass die Vereinigten Staaten einsehen, dass sie nun nur noch eine Macht unter vielen sind, und sich mit einer großzügig bemessenen und sicheren eigenen Einflusssphäre zufriedengeben. Außerdem hofft sie, dass die Plötzlichkeit und Effizienz des Angriffs dazu führt, dass die Vereinigten Staaten die militärische Stärke der Koalition überschätzen. Die Vereinigten Staaten überschätzen die Stärke der Koalition in der Tat, doch ihre Reaktion ist das genaue Gegenteil dessen, was sich die Koalition erhofft. Sie sehen sich nicht in einem begrenzten Krieg mit einem Gegner, der klar umrissene politische Ziele verfolgt, mit denen sie sich gegebenenfalls anfreunden könnten. Sie nehmen vielmehr an, die Streitkräfte der Koalition seien sehr viel größer, als sie es in Wirklichkeit sind, und dass sie selbst vor einem weitgehenden Machtverlust, wenn nicht gar vor einer völligen Zerstörung stehen, und durch weitere Angriffe der Koalition und anderer Mächte verwundbar sein könnten. Dies stellt eine existenzielle Bedrohung dar. Die Vereinigten Staaten reagieren emotional und aus dem Bauch heraus auf den Angriff. Würden sie die politische Lösung akzeptieren, die ihnen am Abend des 24. November übermittelt wird, wäre die Zukunft des Lands auf lange Sicht ungewiss. Die Türkei und Japan würden Eurasien unter sich aufteilen. Es gäbe nicht eine Hegemonialmacht, sondern zwei, doch wenn diese beiden zusammenarbeiteten, wäre Eurasien ein geeinter Block, den die beiden systematisch ausbeuten konnten. Damit würde der amerikanische Alptraum wahr, und es wäre nur eine Frage der Zeit, ehe die Koalition die Weltraum- und Seehoheit gewinnen würde. Eine Zustimmung zu den Forderungen der Koalition würde zwar den Krieg beenden, doch sie würde auch den Niedergang der Vereinigten Staaten einläuten. An diesem Abend ist keine sorgfältig überdachte Reaktion möglich. Wie nach dem Untergang der Maine im Hafen von Havanna, der 1898 den Spanisch-Amerikanischen Krieg auslöste, dem Angriff auf Pearl Harbor und den Attentaten des 11. September 2001 reagieren die Vereinigten Staaten auch jetzt mit unbedachter Wut. Sie weisen sämtliche Bedingungen zurück und ziehen in den Krieg. Die Vereinigten Staaten können allerdings nichts unternehmen, solange die Aufklärungssatelliten der Koalition existieren. Diese kommen zwar nicht an die Leistungsfähigkeit der Kampfsternflotte heran, doch es handelt sich um Satelliten der jüngsten Generation, die der Koalition in Echtzeit Informationen über die Vereinigten Staaten liefern. Solange diese Satelliten in Betrieb sind, kann die Koalition jede Bewegung der Vereinigten Staaten verfolgen und ihr begegnen. Daher muss das amerikanische Aufklärungssystem so schnell wie möglich wiederhergestellt, und die Informationen der zahlreichen verbleibenden Satelliten müssen auf die Erde umgeleitet werden. Damit können die Vereinigten Staaten die Bewegung ihrer Feinde wieder verfolgen und zurückschlagen. In einem ersten Schritt müssen sie sämtliche Weltraumstartrampen auf dem Territorium der Koalition zerstören, um zu verhindern, dass diese weitere Satelliten in Stellung bringt. Die japanische Aufklärung ist zwar nicht perfekt, doch sie arbeitet hervorragend. Daher haben die Vereinigten Staaten bewusst mehrere sorgfältige getarnte Startrampen angelegt. Das ist eines der wichtigsten Geheimprojekte der 2030er Jahre. Als die Japaner mit ihrer Überwachung der Vereinigten Staaten begonnen haben, haben diese versteckten Rampen bereits seit geraumer Zeit existiert. In Friedenszeiten sind diese Anlagen nicht besetzt. Die heimliche Verlegung von Personal zu diesen Rampen wird einige Tage in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit strecken die Vereinigten Staaten durch die Vermittlung des neutralen Deutschland ihre diplomatischen Fühler aus, um Verhandlungsmöglichkeiten zu eruieren. In Wirklichkeit geht es jedoch nur darum, Zeit zu gewinnen. Die Verhandlungen sind lediglich ein Deckmantel für die Vorbereitung eines Gegenschlags. Die Vereinigten Staaten versuchen, mit Hilfe ihrer verbliebenen Streitkräfte die Chancengleichheit wiederherzustellen. Dazu müssen sie zunächst die Aufklärungssatelliten der Koalition ausschalten und dieser die Sicht nehmen. Sie verfügen über Hunderte von Anti-Satelliten-Raketen und Energiekanonen, die an geheimen Standorten stationiert sind. Diese werden nicht auf einen Schlag, sondern über einige Tage hinweg mit Mannschaften bestückt, um den Aufklärungssatel- liten der Koalition keinen Grund zu liefern, Verdacht zu schöpfen. Während die Vereinigten Staaten mit der Koalition in Verhandlungen treten, bereiten sie die Basen vor. Etwa 72 Stunden später zerstören sie binnen zweier Stunden sämtliche Aufklärungssatelliten der Koalition. Damit ist die Koalition nahezu blind. Nach der Zerstörung der Satelliten starten die verbliebenen amerikanischen Hyperschallbomber Angriffe gegen die türkischen und japanischen Weltraumstartrampen, in der Hoffnung damit den Start von Killersatelliten der Koalition zu verhindern, mit denen diese die eigenen noch funktionstüchtigen Satelliten zerstören könnten. Anders als die Japaner wissen die Amerikaner, die seit der Zeit des Kalten Kriegs überzählige Aufklärungskapazitäten haben, sehr genau, wo sich die Geheimbasen ihrer Feinde befinden. Es gelingt den Hyperschallbombern, sämtliche Stützpunkte zu zerstören. Kurze Zeit später empfangen die amerikanischen Satellitenkontrollzentren auf der Erde erste Signale von ihren Satelliten im All. Die Aufklärungskapazitäten der Koalition sind nahezu vollständig ausgeschaltet. Schuld ist die japanische Unkenntnis über die Existenz der geheimen Antisatellitenraketen in den Arsenalen der Vereinigten Staaten.

Neue Waffen, alte Kriege

Die Mitglieder der Koalition müssen erkennen, dass ihr ursprünglicher Plan fehlgeschlagen ist. Sie wissen zwar nicht, wie viel die Vereinigten Staaten sehen, doch sie wissen, dass sie selbst sehr wenig sehen. Am meisten verstört sie die Tatsache, dass sie nicht wie angenommen die gesamte Bomberflotte der Vereinigten Staaten ausgeschaltet hatten und dass diese nach wie vor in der Lage ist, gezielte Luftschläge durchzuführen. Sie haben keine Ahnung, dass es sich lediglich um die Überreste der Flotte handelt, die zwischen der ersten Warnung und dem Luftangriff der Koalition in Sicherheit gebracht worden waren. Sie tappen im Dunkeln, wie groß die Reserven der Vereinigten Staaten sind, und sie haben keine Möglichkeit, dies herauszufinden. Der Nebel des Kriegs ist im 21. Jahrhundert noch genauso dicht wie in der Vergangenheit. Mit Hilfe aller verfügbaren Daten ermitteln Ingenieure der amerikanischen Streitkräfte die Herkunft der Geschosse, mit denen die Kampfsterne zerstört wurden. Das Militär greift diese Basen mit Raketen an und zerstört sie. Außerdem erteilen die Vereinigten Staaten ihren heimlich auf dem Mond stationierten Streitkräften den Befehl, die japanischen Mondstationen anzugreifen. Sie werden sich nicht ein weiteres Mal überraschen lassen. Wie so oft im Krieg beginnt nach dem ersten und über Jahre hinweg sorgfältig geplanten Schlag die Phase der Improvisationen und der Unsicherheit. Die meisten Kriegspläne gehen davon aus, dass die Kampfhandlungen schnell beendet sein werden. Das sind sie so gut wie nie. Dieser Krieg geht weiter, und zwar in drei Phasen.
Erstens starten die Vereinigten Staaten, nachdem sie die vorläufige Kontrolle über das Weltall wiedererlangt haben, ein improvisiertes Verteidigungsprogramm, um ihre eigene Herrschaft zu festigen und die Koalition an neuen Aktivitäten im Weltall zu hindern. Im Lauf des kommenden Jahrs steigern sie ihre Aufklärungskapazitäten bis auf Vorkriegsniveau. In Kriegszeiten ist das Tempo von Forschung, Entwicklung und Implementierung um ein Vielfaches höher als zu Friedenszeiten. Ein Jahr nach Thanksgiving 2050 haben die Vereinigten Staaten größere Kapazitäten im Weltall als je zuvor. Zweitens bauen sie ihre Hyperschallflotte wieder auf, während gleichzeitig Flugzeuge der Koalition fortgesetzte Angriffe auf bekannte Produktionsstätten fliegen. Doch die Koalition ist nicht in der Lage, die Vereinigten Staaten ausreichend zu überwachen, und trotz einiger Rückschläge sind die Fabriken binnen Kurzem wieder einsatzbereit und produzieren neue Flugzeuge. Drittens versucht die Koalition, auf dem Boden Tatsachen zu schaffen, ehe die Vereinigten Staaten ihre Streitkräfte wiederherstellen können. Japan versucht, Gebiete in China und Ostasien zu besetzen. Dabei geht es allerdings weit weniger aggressiv vor als die Türkei, die eine Gelegenheit gekommen sieht, den polnischen Block auszuschalten und sich als führende Macht der Region zu etablieren, während die Vereinigten Staaten anderweitig beschäftigt sind. Der Krieg begann mit einem Scheinangriff auf den polnischen Block und geht mit massierten türkischen Boden- und Luftangriffen weiter. Eine Zerschlagung des polnischen Blocks gäbe der Türkei an allen Fronten freie Hand. Statt sich also an verschiedenen Schauplätzen wie Nordafrika oder Russland zu verzetteln, bündelt die Türkei ihre Kräfte auf einen Angriff im Norden und dringt von Bosnien aus in den Balkan vor. Die entscheidende Waffe dieses Krieges ist der gepanzerte Infanteriesoldat – ein Soldat in einem motorisierten Panzeranzug, der erhebliche Lasten bewegen kann, den Soldaten beschützt, und seine rasche Fortbewegung ermöglicht. Es handelt sich um einen hocheffektiven Ein-Mann-Panzer, der mit verschiedenen Waffensystemen ausgestattet ist, Vorräte transportiert und mit Hochleistungsbatterien betrieben wird. Diese Batterien sind die entscheidende Schwachstelle, denn so modern sie sind, sie müssen aufgeladen werden. Das macht den Zugang zum Stromnetz zum kriegsentscheidenden Faktor. Für die Kriege des 21. Jahrhunderts ist der elektrische Strom so wichtig wie das Benzin für die Kriege des 20. Jahrhunderts. Das Ziel der Türkei besteht darin, die Streitkräfte des polnischen Blocks in eine vernichtende Schlacht zu ziehen. Anders als im Krieg gegen die Vereinigten Staaten kommen sämtliche Teilstreitkräfte zum Einsatz, darunter gepanzerte Infanteriesoldaten, robotergesteuerte Transport- und Kampfplattformen und die inzwischen allgegenwärtigen Hyperschallbomber mit ihren Fernlenkwaffen. Nach einigen schweren Niederlagen versucht der polnische Block, seine Bodentruppen zu verteilen, um sie gegen Luftschläge zu schützen. Die Türkei versucht dagegen, die gegnerischen Streitkräfte durch Angriffe auf wichtige Ziele zu einer Konzentration zu zwingen oder alternativ den Block zu spalten, für den Fall dass Polen oder eine andere Nation sich weigern sollte, sich an der Verteidigung dieser Ziele zu beteiligen. Die Türkei dringt von Bosnien aus nach Kroatien und von dort ins flache Ungarn vor, das keine natürlichen Hindernisse bietet. Ihre Streitkräfte dringen bis nach Budapest vor, obwohl ihr Ziel letztlich die Karpaten in der Slowakei, der Ukraine und Rumänien sind. Sollte es ihnen gelingen, die Karpaten einzunehmen, sind Rumänien und Bulgarien abgeschnitten und müssen sich ergeben. Damit wäre das Schwarze Meer endgültig ein türkisches Binnengewässer. Ungarn wird besetzt, Polen isoliert und von Süden her bedroht. Sollten sich die Polen jedoch auf der ungarischen Tiefebene sammeln, um Budapest zu schützen und den Block zusammenzuhalten, wären die türkischen Luftstreitkräfte in der Lage, die gegnerische Armee zu vernichten. Polen fordert amerikanische Luftunterstützung an, um den Vormarsch der türkischen Kräfte aufzuhalten, doch die Vereinigten Staaten haben selbst kaum noch Flugzeuge. So kann die Türkei innerhalb weniger Wochen Ungarn erobern und kurz darauf die Karpaten besetzen. Das isolierte Rumänien streckt die Waffen. Südosteuropa ist bis zur polnischen und ukrainischen Grenze in türkischer Hand. Was bleibt, ist Polen.
Die türkische Armee marschiert auf Krakau, und ihre Luftstreitkräfte dezimieren das polnische Militär. Die Vereinigten Staaten sind besorgt, Polen könnte dem Druck nicht standhalten und zu Friedensverhandlungen gezwungen sein. Sie müssen Zeit gewinnen, um ihre strategischen Kräfte wiederaufzubauen und einen überraschenden weltweiten Gegenschlag gegen die Türkei und Japan auszuführen. Sie wollen ihre Kräfte nicht zerstreuen, um taktische Gefechte in Südpolen zu unterstützen. Gleichzeitig können sie nicht riskieren, den polnischen Verbündeten zu verlieren, denn damit wäre der Kampf gegen die Türkei verloren. Um Polen zu einer Fortsetzung des Kampfes zu motivieren, müssen sie der Türkei einen schweren Schlag versetzen. Im Februar 2051 schicken die Vereinigten Staaten einen großen Teil ihrer verbliebenen Luftstreitkräfte sowie einige neue, weiterentwickel- te Bomber gegen Stellungen der türkischen Armee und deren Logistikzentren im Süden Polens, in Bosnien und weiter südlich. Trotz der schweren Verluste, die ihnen die türkischen Verteidiger zufügen, gelingt es ihnen, Hunderte gepanzerter Infanteriesoldaten zu töten und eine große Zahl Robotorsysteme und Gerät zu zerstören. Die Türken erkennen schnell, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können. Ihre Unfähigkeit, im Weltraum aktiv zu werden, und der zügige Wiederaufbau der amerikanischen Luftstreitkräfte bedeuten über kurz oder lang ihre sichere Niederlage. Doch Japan ist nicht in der Lage, sie zu unterstützen, da es in China mit eigenen Problemen zu kämpfen hat. Ihr großer Wurf droht zu scheitern, und nun steht jeder für sich allein. Die Vereinigten Staaten konzentrieren sich offenbar zuerst auf die Türkei und dann auf Japan, also muss die Türkei Polen möglichst schnell ausschalten. Doch die türkischen Kräfte sind inzwischen weit über das große Reich verteilt. Sie ausschließlich auf Polen zu konzentrieren, würde bedeuten, sie anderswo abzuziehen, was langfristig keine gangbare Option darstellt. Die Türkei müsste sich auf Aufstände von Zentralasien bis Ägypten gefasst machen. Schon lange vor Beginn des Kriegs hatte die Koalition Verbindung zu Deutschland aufgenommen, um einen gemeinsamen Angriff auf Polen zu vereinbaren, doch seinerzeit hatte Deutschland abgelehnt. Als die Türkei diesmal auf Deutschland zukommt, macht sie ein verlockendes Angebot. Sollte sich Deutschland am Krieg gegen Polen beteiligen, werde sich die Türkei nach dem Krieg auf den Balkan zurückziehen und nur Rumänien und die Ukraine behalten. Die Türkei werde ihre Macht um das Schwarze Meer, die Adria und das Mittelmeer ausbauen, während Deutschland nördlich davon, etwa in Ungarn, Polen, dem Baltikum und Weißrussland, freie Hand hätte. Was aus deutscher Sicht vor 2050 nichts als türkisches Wunschdenken war, ist mit einem Mal ein bedenkenswerter Vorschlag. Deutschland hat wie Polen und Russland auf der nordeuropäischen Tiefebene eine offene Flanke und könnte auf diese Weise seine Ostgrenze sichern. Außerdem würde diese Lösung Osteuropa endlich wieder in die Schranken weisen und damit den Trend umkehren, der seit dem Ende des zweiten Kalten Kriegs gegen Deutschland und Westeuropa läuft. Natürlich weiß man in Deutschland, dass die Amerikaner sich früher oder später wieder um die Region kümmern werden, doch das könnte noch eine Weile dauern. Währenddessen eröffnet sich eine reale Chance. Deutschland, das sich vorzugsweise in der Nabelschau ergeht, ist bei weitem nicht so abenteuerlustig wie die Türkei. Doch trotz seiner Risikoscheu entscheidet es sich, dieses Risiko einzugehen. Es mobilisiert sein Heer sowie seine nicht mehr ganz modernen Luftstreitkräfte und dringt im Frühsommer 2051 nach Westpolen vor, während die Türkei ihre Angriffe von Süden her verstärkt. Deutschland gewinnt die politische Unterstützung von Frankreich und einigen anderen Nationen, die sich jedoch militärisch nicht beteiligen. Großbritannien dagegen betrachtet die Entwicklung mit Entsetzen. Auch wenn es sich um ein globales Machtspiel handelt, sind die Briten zutiefst besorgt um das regionale Machtgleichgewicht. Erneut sehen sie sich der Möglichkeit eines von Deutschland beherrschten Kontinentaleuropa gegenüber, so unbeholfen es die Deutschen auch angehen und so sehr sie dabei von der Türkei abhängen. Sollte es dazu kommen und sollten sich die Vereinigten Staaten wie so oft nach den von ihnen geführten Kriegen aus der Weltpolitik zurückziehen, dann würde dies eine Katastrophe für Großbritannien bedeuten. Die Briten haben keinerlei Interesse, sich an diesem Krieg zu beteiligen, doch es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl. Bei einem Kriegseintritt könnten sie jedoch ein ansehnliches Gewicht in die Waagschale werfen: eine kleine, intakte Luftstreitmacht, die bei einer Zusammenarbeit mit der amerikanischen Aufklärung den deutschen und türkischen Streitkräften ernsten Schaden zufügen könnte. Darüber hinaus ist die Insel mit ihren modernen Luftabwehrsystemen vor deutschen und türkischen Luftschlägen geschützt – ein sicherer Stützpunkt also. Großbritannien gibt sich zurückhaltend, doch es beginnt mit der heimlichen Verlegung großer Teile seiner Luftstreitkräfte in die Vereinigten Staaten, wo die Luftabwehr aufgrund der größeren Distanz noch wirkungsvoller ist. Schließlich wird Polen von zwei Seiten, von Westen und Süden her, angegriffen. Die Angreifer dringen auf das polnische Staatsgebiet vor, genau wie in früheren Kriegen, nur mit einer vollständig anderen Technologie. Die Truppen sind nicht mehr Napoleons riesige Infanterieeinheiten oder Hitlers Panzerdivisionen, sondern zahlenmäßig sehr kleine Einheiten. Die Soldaten sind gepanzerte Infanteristen, die wie in der Vergangenheit aufgefächert vordringen, jedoch klare und einander überlappende Schussfelder haben, die Dutzende Kilometer weit reichen. Sie stehen über ein Computernetzwerk miteinander in Verbindung und bedienen nicht nur die Waffen, die sie selbst bei sich haben, sondern auch Robotersysteme und Hyperschallbomber, die Tausende Kilometer entfernt stationiert sind und auf Abruf bereitstehen. Die Robotersysteme benötigen Daten und elektrischen Strom. Fällt eines der beiden Netzwerke aus, sind sie nutzlos. Nach der Zerstörung ihrer weltraumgestützten Informationssysteme setzt die Türkei unbemannte Fluggeräte ein, die das Schlachtfeld überfliegen und die Roboter mit Informationen versorgen. Da diese Fluggeräte häufig abgeschossen werden, sind diese Informationen unvollständig. Die Truppen der Vereinigten Staaten verfügen über weitaus bessere Informationen, doch ihnen fehlt es an Luftstreitkräften, mit denen sie die Angreifer dezimieren könnten. Auch die Stromversorgung für die gepanzerten Kampfanzüge der Infanteristen sowie für die Roboter stellt ein Problem dar. Täglich müssen ihre großen Batterien aufgeladen oder ausgetauscht werden. Daher spielen Kraftwerke und das Stromnetz eine kriegsentscheidende Rolle. Werden die Kraftwerke zerstört, müssen die Angreifer große Mengen von bereits aufgeladenen Batterien von anderen Kraftwerken herantransportieren und in der Kampfzone verteilen. Je weiter die Truppen vordringen, desto länger wird der Nachschubweg. Wenn die Verteidiger gemäß der Strategie der verbrannten Erde ihre eigene Stromversorgung abschalten und ihre Kraftwerke zerstören, wird der Vormarsch der Angreifer gebremst. Bei einem Geheimtreffen verabreden amerikanische, britische, chinesische und polnische Oberbefehlshaber eine Strategie: Polen soll Widerstand leisten und allmählich vor den angreifenden Truppen der Koalition zurückweichen. Die Stoßrichtung beider Fronten ist Warschau. Die polnische Armee soll immer wieder zurückfallen, sich dann neu formieren, um so viel Zeit wie möglich zu gewinnen, während ihre Verbündeten ihre Luftstreitkräfte wiederherstellen. Dabei soll die polnische Armee von mehreren Tausend amerikanischen Soldaten unterstützt werden, die über den Nordpol nach Petersburg eingeflogen werden. Wenn die Situation Ende 2051 schwieriger wird, sollen Luftstreitkräfte aus Großbritannien zum Einsatz kommen, um den Vormarsch der türkischen Armee zu verlangsamen. Die Industrie der Vereinigten Staaten verspricht, gewaltige Anstrengungen zu unternehmen, um Tausende weiterentwickelte Hyperschallbomber zu bauen, die doppelt so schnell sind wie die Vorkriegsmodelle und die doppelte Bombenlast tragen können. Dank der massiven Rüstungsanstrengungen und des erheblichen Ausbaus der weltraumgestützten Systeme sollen die amerikanischen Streitkräfte Mitte 2052 zu einem massiven und vernichtenden Gegenschlag bereit sein, der die Streitkräfte der Koalition in aller Welt zerstören soll. Bis dahin soll die polnische Armee auf Zeitgewinn spielen. Die Koalition hat die Kapazitäten der amerikanischen Industrie sträflich unterschätzt. Sie geht davon aus, dass sie Jahre Zeit hat, um die polnische Armee zu niederzuringen. Zunächst verschont sie daher das polnische Stromnetz, um es nach dem Krieg nicht wieder aufbauen zu müssen und es im Gefecht selbst nutzen zu können. Die polnische Armee zerstört das Netz dagegen auf dem Rückzug, um den Vormarsch der Koalition zu behindern und die deutschen und türkischen Truppen zu zwingen, schwere elektrische Speichereinheiten an die Front zu transportieren und damit Kräfte im Nachschub zu binden. Später, als im Sommer 2052 schließlich die Gegenoffensive beginnt, soll sich genau dieser Nachschub als Schwachstelle erweisen. Sobald die gepanzerten und über Satelliten gesteuerten Infanteristen der Amerikaner zum Einsatz kommen, erkennt die Koalition, dass Polen nicht leicht einzunehmen sein wird. Außerdem sieht sie ein, dass sie die polnische Stromversorgung zerstören und die Amerikaner zwingen muss, Batterien aus den Vereinigten Staaten heranzutransportieren, wenn die Alliierten nicht als Sieger aus dem Krieg hervorgehen sollen. Im Sommer 2051 beginnt die Koalition daher mit der Zerstörung der polnischen Kraftwerke bis weit nach Weißrussland hinein. Polen liegt im Dunkeln. In den darauf folgenden zwei Wochen verwickelt die Koalition die alliierten Truppen in anhaltende Gefechte, um sie dazu zu zwingen, ihre bestehenden Energievorräte aufzubrauchen. Sie greift an allen Fronten an, in der Erwartung, dass den Amerikanern und Polen bald der Strom ausgeht. Doch die Koalition trifft nicht nur auf erbitterten Widerstand, sondern die Alliierten fügen ihr außerdem mit neuen Luftschlägen erhebliche Verluste zu. Die Alliierten schicken britische Luftstreitkräfte in die Schlacht. Ein hervorragend koordiniertes, weltraumgestütztes Aufklärungssystem, das von einem neuen, fortschrittlicheren Kampfsternsystem gesteuert wird, ermöglicht zudem die Identifizierung und Zerstörung der deutschen und türkischen Infanterie. Die Vereinigten Staaten haben inzwischen gelernt, militärisch nicht alles auf eine Karte zu setzen, vor allem nicht in Hinblick auf ihre weltraumgestützten Systeme. Vor Kriegsbeginn verfügten sie bereits über einen geheimen Kampfstern der nächsten Generation, der jedoch aufgrund fehlender Haushaltsmittel noch nicht im All stationiert worden war. Ausnahmsweise erweist sich die Langsamkeit der politischen Mühlen diesmal als Glücksfall, die neue Raumstation befindet sich während des japanischen Angriffs noch auf der Erde. Wenige Monate nach Kriegsbeginn und nach der Zerstörung der japanischen Mondstationen wird sie im All stationiert, und die in der Umlaufbahn befindlichen amerikanischen Satelliten kommunizieren sofort mit ihr. Der neue Kampfstern wird in der Nähe von Uganda stationiert, kann sich jedoch im Bedarfsfall rasch an andere Punkte über dem Äquator bewegen und ist vor allem in der Lage, Angriffen der Art auszuweichen, wie sie seine drei Vorgänger zerstörten. Damit stellen die Vereinigten Staaten ihre Vorherrschaft im All nicht nur wieder her, sondern bauen sie gegenüber der Vorkriegszeit sogar noch aus. Die türkischen und deutschen Truppen sind überrascht. Nachdem sie die polnische Stromversorgung zerstört haben, erwarten sie einen Zusammenbruch des Widerstandes, da nach ihren Berechnungen den gegnerischen Truppen der Strom ausgehen müsste. Doch die Alliierten zeigen unverminderte Kampfkraft. Da die Amerikaner unmöglich so viele Batterien einfliegen können, stellt sich die Frage, woher der notwendige Strom kommt. In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts hat ein amerikanisches Unternehmerkonsortium große Summen in die Entwicklung von billigen Raumfähren investiert, die die Amerikaner dann in großer Zahl einsetzten. Gleichzeitig haben sie Experimente durchgeführt, um im All Strom zu erzeugen, diesen in Form von Mikrowellen auf die Erde zu transportieren und dort wieder in elektrischen Strom umzuwandeln. In ihren zahllosen Kriegsszenarien rund um die Verteidigung Polens haben auch die amerikanischen Militärs die Stromversorgung als Knackpunkt erkannt. Elektrischer Strom wird der Schlüssel zum Sieg. Die Technologie existiert bereits. Die Raumfähren lassen sich genauso schnell bauen wie die Solaranlagen und Mikrowellensysteme. Die größte Herausforderung besteht darin, die Empfangsanlagen zu bauen und im Kriegsgebiet zu stationieren, doch mit einem schier grenzenlosem Budget und äußerster Motivation vollbringen die Amerikaner einmal mehr Wunder. Der neue Kampfstern, von dem die Koalition nichts weiß, hat zwei Aufgaben: Kriegsführung sowie die Leitung der Konstruktion von Sonnensegeln und Sendeanlagen für Mikrowellen. Mobile Empfangsanlagen werden ins Kriegsgebiet transportiert. Als der Schalter umgelegt wird, erhalten Tausende von Empfangsanlagen hinter der polnischen Front Mikrowellen und verwandeln diese in elektrischen Strom. Das System erinnert ein wenig an Mobiltelefone, die das Festnetz ersetzen. Das gesamte Energieversorgungssystem wird revolutioniert. Das wird später noch eine wichtige Rolle spielen. In diesem Moment bedeutet es, dass der Widerstand gegen die türkische Armee nicht nachlässt und die Alliierten weit mehr Energie zur Verfügung haben, als ihre Feinde erwarten. Die Koalition ist nicht in der Lage, dieses neue Energieversorgungssystem im All auszuschalten oder die Empfangsstationen zu identifizieren. Zu viele Sonnensegel befinden sich an zu vielen Stellen, und zudem bewegen sie sich. Doch selbst wenn sie abgeschossen werden könnten, würden die Amerikaner sie schneller ersetzen, als die Koalition sie zerstören kann. Die Koalition ist also nicht in der Lage, die alliierten Streitkräfte vom Nachschub abzuschneiden. Außerdem hat sie kaum Aufklärungsmöglichkeiten, da ihre Satelliten frühzeitig zerstört wurden. Daher verliert sie die Kontrolle über den Luftraum. Die alliierten Luftstreitkräfte sind zwar anfänglich kleiner, können aber erheblich effektiver agieren. 

Das Endspiel

Bis zum Sommer 2052 hält sich am Boden eine Pattsituation. Dann bringen die Vereinigten Staaten ihre neuen Luftstreitkräfte zum Einsatz. Unterstützt von den Waffen und Aufklärungssystemen des Kampfsterns zerstören ihre unbemannten Hyperschallbomber die Truppen der Koalition in Polen sowie deren Energieversorgungssystem. In China versetzen sie den japanischen Truppen einen vernichtenden Schlag. Außerdem versenken sie die japanische Flotte. Die Gegenoffensive erschüttert die polnischen und türkischen Truppen und reibt die deutschen vollkommen auf. Die Bodentruppen der Koalition lösen sich nahezu in Luft auf. Nun sehen sich die Vereinigten Staaten einer nuklearen Bedrohung gegenüber. Sollten die Angehörigen der Koalition angesichts dieses Schlags um ihre nationale Souveränität oder gar um ihr Überleben fürchten, könnten sie durchaus den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung ziehen. Die Vereinigten Staaten fordern daher keine bedingungslose Kapitulation. Sie haben jetzt genauso wenig ein Interesse daran, das nationale Überleben ihrer Gegner in Frage zu stellen, wie vor dem Krieg. In den vorhergehenden fünfzig Jahren haben sie gelernt, dass die völlige Vernichtung eines Feindes nicht die beste Strategie darstellt. Ihnen geht es darum, das Machtgleichgewicht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass sich die Regionalmächte mit ihren Nachbarn auseinandersetzen müssen, nicht mit den Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten legen es also gar nicht auf eine völlige Zerstörung Japans an. Stattdessen wollen sie ein Gleichgewicht zwischen Japan, Korea und China herstellen. Genausowenig geht es ihnen darum, die Türkei zu vernichten und die islamische Welt ins Chaos zu stürzen, sondern nur um ausgewogene Machtverhältnisse zwischen dem polnischen Block und der Türkei. Der polnische Block wird die Türkei bestrafen wollen, ebenso wie China und Korea den japanischen Gegner. Doch die Vereinigten Staaten verfolgen dieselbe Linie wie knapp 140 Jahre zuvor Woodrow Wilson in Versailles: Im Namen der Menschlichkeit werden sie dafür sorgen, dass das Chaos in Eurasien erhalten bleibt. Auf einer eilig einberufenen Friedenskonferenz wird die Türkei gezwungen, sich in den Süden des Balkan zurückzuziehen und Serbien und Kroatien als Puffer zu akzeptieren. Im früheren Russland müssen sie sich in Richtung Kaukasus zurückziehen und eine chinesische Präsenz in Zentralasien hinnehmen. Japan muss sämtliche Truppen aus China abziehen, und die Vereinigten Staaten stellen China ihre Verteidigungstechnologie zur Verfügung. Im Detail bleibt der Friedensvertrag vage, was den Interessen der Vereinigten Staaten jedoch sehr entgegenkommt. Neue Nationen entstehen. Viele Grenzen und Einflussgebiete bleiben unklar. Die Sieger sind keine wirklichen Sieger, und die Verlierer keine wirklichen Verlierer. Die Vereinigten Staaten haben den ersten Schritt in Richtung einer zivilisierten Nation getan. Gleichzeitig sichern sie sich die absolute Kontrolle über den Weltraum, ihre Wirtschaft boomt dank der Rüstungsausgaben, und ein neues System revolutioniert die Energieversorgung. Der Zweite Weltkrieg Mitte des 20. Jahrhunderts kostete rund 50 Millionen Menschen das Leben. Der Erste Weltraumkrieg, der ein Jahrhundert später stattfindet, fordert vermutlich eine halbe Million Todesopfer, vor allem während der türkisch-deutschen Bodenoffensive und in China. Die Vereinigten Staaten haben wenige Tausend Opfer zu beklagen, viele davon im Weltall, andere während der ersten Angriffe auf ihr Territorium, weitere im Kampf an der Seite Polens. Es ist ein Weltkrieg im wahrsten Sinne des Wortes, doch dank der technologischen Fortschritte hinsichtlich der Präzision und Geschwindigkeit ist es kein totaler Krieg, in dem sich ganze Gesellschaften gegenseitig vernichten.  
Trotzdem hat dieser Krieg eines mit dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam. Am Ende haben die Vereinigten Staaten am wenigsten verloren und am meisten gewonnen. So wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem immensen technologischen Sprung, einer wiederbelebten Wirtschaft und einer neuen Weltmachtstellung hervorgingen, stehen sie erneut vor einem Goldenen Zeitalter. Und sie werden reifer im Umgang mit ihrer Macht.

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