Samstag, 16. Juli 2016

Buchempfehlung | Sexuelle Kraft und Yoga - Elisabeth Haich (PDF)

"Dieses Buch widme ich den Unbescheidenen und Anspruchsvollen, die sich nur mit dem Allerhöchsten begnügen können."
Elisabeth Haich 

Leseprobe aus dem Buch Sexuelle Kraft und Yoga von Elisabeth Haich (241 S. PDF-Datei, das unter den Text verlinkt ist.)

FALSCHE UND RICHTIGE AUFFASSUNG ÜBER DIE SEXUELLE KRAFT 

In der Johannesoffenbarung (5, Vers 6) lesen wir, wie Logos, als ein Lamm mit sieben Hörnern und sieben Augen dargestellt, die Aufgabe auf sich nimmt, sich in die Materie hineinzukleiden( sie zu beleben, zu vergeistigen, die Materie zu Gott zurückzuführen: «... und mitten unter den Ältesten stand ein Lamm, wie erwürget wäre [der Geist fühlt sich in der Materie, im Körper wie erwürget]; und hat sieben Hörner und sieben Augen, welches sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.« Und: »Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!« (Joh. i, 29.) »Die Sünde dieser Welt tragen« bedeutet für den Geist, die Eigenschaften der Materie auf sich zu nehmen. Die Eigenschaften der Materie sind für den Körper, der Materie ist, keine Sünde. Dieselben Eigenschaften sind aber für den Geist Sünde. Die Eigenschaften, die Gesetze der Materie, sind genau denen des Geistes entgegengesetzt. Paulus sagt in seinem Brief an die Galater (5. Kap. Vers 17 und 18): »Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist und der Geist wider das Fleisch. Dieselben sind widereinander, daß ihr nicht tut, was ihr wollt. Regieret euch 66 aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz« [des Fleisches, der Materie]. - Die Gesetze der Materie sind Zusammenziehung, Abkühlung, Versteifung, Verhärtung, Verdichtung. Die Gesetze des Geistes sind Feuer, Wärme, Hitze, Ausdehnung, Ausstrahlung. Für den Geist ist also Sünde, wenn er die Eigenschaften der Materie offenbart. Und ebenso ist es Sünde, wenn die Materie die Eigenschaften des Geistes offenbart. Das Lamm GOTTES ist Geist, und wenn es sich in die Materie kleidet, muß es sich den Gesetzen der Materie unterwerfen und die Eigenschaften der Materie, die für das Lamm Sünde bedeuten, auf sich tragen. Nur so kann Logos die Materie vergeistigen und sie zu GOTT zurückführen. Das schöpferische Prinzip - Logos -, das Lamm GOTTES, sagt von sich selbst an einer anderen Stelle der Bibel: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.« (Joh. 14, 6.) So ist das Leben - das ich selbst bin, nach den eigenen Worten des Logos - selbst der Weg, durch den wir zum Vater gelangen. Dazu hat sich das Leben zuerst in die Materie gekleidet, aus ihr eine geeignete Hülle, einen Körper geformt und in diesen Körper Organe hineingebaut, die geeignet sind, immer weitere Körper zu zeugen. Durch diese fließt der göttliche Strom des Lebens ohne Unterbrechung weiter, immer neue und neue Hüllen formend, die immer fähiger werden, die Schwingungen des Geistes als Widerstand zu tragen und zu offenbaren. Und während die materielle, lebendige, aber noch unbewußte Hülle, die Person, ihr Schattenleben lebt, wird sie aus ihrem Unbewußten vom Leben, das in seiner materialisierten Form die sexuelle Kraft ist, bearbeitet, ja gequält, um in ihr das Bewußtsein zu erwecken. Gottesdarstellung in Altmexiko: Unten eine Schlange — die sexuelle Kraft — darauf die Gestalt eines Menschen, die die körperversorgenden, emotionellen, mentalen und intuitiven Offenbarungen symbolisiert, und ganz oben das körperlose, reingeistige und strahlende Selbstbewußtsein: GOTT. 

Die erste, kleinste Tarotkarte stellt die noch »toten« Menschen dar, die im Geiste noch unbewußt sind und nur ein rein körperliches Dasein führen. Sie sind vorerst noch getrennte Geschlechtswesen — »Mann« und »Weib« — und denken auch nur in den Grenzen der Geschlechter. Diese sind die kleinen Marionetten, die kleinen »Personen«, die auf der Handfläche des großen, geschlechtslosen Ich herumtanzen, wie es ihre Rolle auf Erden wünscht. In dem eigenen, noch unbewußten Teil seines materiellen Wesens treibt sein eigenes höheres Selbst - das Logos ist - den primitiven Menschen ohne Unterlaß als sexuelle Kraft dazu an, in sich selbst, im materiellen Körper bewußt zu werden und das, was in seinem tiefsten Wesen er selbst ist - GOTT -, kennenzulernen, das heißt Selbsterkenntnis zu erlangen. Solange der Mensch unbewußt ist, erlebt er GOTT in sich als den sexuellen Drang, wenn er bewußt geworden ist, als sein eigenes Selbst, als sein eigenes wahres Wesen, als Ich bin! - GOTT ist dem Menschen der absolute Selbstbewußtseinszustand. Das Leben, das ewige Sein, GOTT, hilft in dieser Weise sich selbst, in der Materie, im Körper immer bewußter zu werden, bis das größte Wunder vollbracht ist: in ein und demselben göttlichen Selbstbewußtsein sind die Gegensätze, die geistigen und materiellen Gesetze zusammengefaßt, die Materie ist durchgeistigt, und in diesem durchgeistigten Körper ist das in die Materie bei der Geburt hineingestorbene schöpferische Prinzip - Logos, das Opferlamm - endlich, nach Äonen dauernder Entwicklung, auferstanden und wieder es selbst, GOTT, geworden. Das Lamm und die Braut, Logos und das Bewußtsein des körperlichen Wesens, sind eins geworden. Die himmlischmystische Hochzeit ist vollbracht! Das Mißverstehen der heiligen Schriften und falsche religiöse Erziehung haben den westlichen Menschen dahin gebracht, daß er die zu diesem Zweck unbedingt notwendige Weiterführung des Lebens, das Zeugen immer neuer Generationen und den damit verbundenen körperlichen Genuß und das Glücksgefühl, als Teufelswerk betrachtet und den Begriff der »Erbsünde« sich einprägen ließ, ja daß er die dazu geschaffenen, unbedingt notwendigen körperlichen Organe bis zum heutigen Tag als sündhaft-obszöne Dinge ansieht. Wie wunderbar rein und göttlich ist dagegen die Auffassung antiker und lebender asiatischer Völker, die das männliche Geschlechtsorgan, den Lingam, heilig halten und als die äußere materielle Form des Göttlichen anbeten, dient es doch dazu, das Allerhöchste: das Leben, das ewige Sein, GOTT, durch die Materie, durch den Körper zu offenbaren und weiterzuführen. 

Maßlose Naivität gehört dazu, in der Anbetung des Lingam durch die Orientalen eine Anbetung des körperlich-männlichen Organs zu vermuten! Glaubt man im Westen immer noch, daß die antiken Völker und die Orientalen, die die allerhöchste Kultur erreicht haben, so dumm waren und sind, einen bestimmten Körperteil anzubeten? Die Orientalen beteten und beten niemals die Materie, nie Körper an, sondern die durch die materielle Form sich manifestierende Gottheit! Ihre ganze Religionsphilosophie, ihre absolute Geringschätzung des Körperlichen, zeigen klar diese erhabene Mentalität. Ebenso ist es eine völlig unrichtige Auffassung der westlichen Menschen, in den erhabenen Darstellungen des Zeugungsaktes, welche die herrlichen Sonnengott-Tempel in Konarak, Bubaneschwar und andere Tempel in Indien zieren, pornographischen Selbstzweck zu sehen. Die erleuchteten Inder, die diese atemberaubenden, prachtvollen Kunstwerke geschaffen haben, betrachteten den Zeugungsakt nicht als eine obszöne Handlung, sondern als die Nachahmung des Urzustands Gottes, als das Ebenbild des Lebens, in dem die zwei Pole ineinander ruhen und ein neues Leben, eine neue Verkörperung ermöglicht wird. Sie betrachteten den Zeugungsakt als die Gottheit selbst, die sich durch die Materie in zwei Hälften, in zwei Geschlechter, geteilt und, durch die Geschlechter wieder in einer Einheit vereinigt, manifestiert, um das Leben auf der Erde in der Materie weiterzuführen, damit das große Ziel erreicht und ermöglicht werde, die Materie zu vergeistigen, in der Materie göttliches Selbstbewußtsein zu erlangen, die Auferstehung des menschlichen Bewußtseins in GOTT zu erleben! 

Es ist unverständlich, wie die weiße Rasse dazu gekommen ist, den Zeugungsakt, der uns und unseren Kindern das Leben gibt, als eine obszöne Handlung zu betrachten, über die man nicht sprechen darf. Wenn das etwas wäre, worüber man sich schämen müßte, warum tun es dann die Menschen, die so denken, dennoch? Und warum hat dann Gott, nach dieser Denkungsart, die Welt so geschaffen, daß diese verwerfliche Handlung unbedingt notwendig ist, um lebendige Wesen zeugen zu können? Was für ein riesiger Unterschied ist zwischen der Auffassung der Orientalen, die den Lingam als die Verkörperung der göttlichen Kräfte des Lebens betrachten und in ihm das Göttliche anbeten, um Kinder zu bekommen, und der westlichen Auffassung, nach der man den klassischen, vollendeten Darstellungen der griechischen und römischen Götter das Geschlechtsorgan abgebrochen und die beschädigten Stellen mit einem Wein- oder Feigenblatt bedeckt hat. (Es ist gerade so, als ob man die Aufmerksamkeit noch stärker hätte hinlenken wollen.) Die Menschen, die so handeln, verraten, daß sie selbst sexuell pathologisch sind. Anstatt den sexuellen Zeugungsakt als eine erhabene Erfüllung des Dranges nach Einheit - nach Liebe - und als lebenspendende, Gott nachahmende, Glücksgefühl schenkende Handlung zu betrachten, machen sie daraus einen tierischen Selbstzweck, der nur dazu gut ist, geile und krankhafte Wollust zu erleben, die gar nichts mit Liebe und wahrem Glück zu tun hat. Wenn diese Menschen nicht so denken würden, hätten sie keinen Grund dazu, die Geschlechtsorgane als obszöne Dinge zu verstecken. Sie machen durch ihre niedrigstehende Mentalität aus den Geschlechtsorganen obszöne Dinge. Diese Menschen ziehen das Göttliche in ihre eigene Unreinheit hinab. Schuld daran ist aber nicht die göttliche, lebenspendende Kraft und sexuelle Handlung, sondern die Einstellung derjenigen, die daraus wirklich etwas machen, worüber sie sich schämen müssen. Kein Wunder, daß die Zeit kommen mußte, in der das Pendel aus der Prüderie in die andere Richtung ausschlug. Die Folge davon ist, daß es heute viele pathologische Menschen gibt, die einerseits der Sexualität übermäßiges Gewicht beimessen, indem sie für jede seelische Störung einen sexuellen Grund nachzuweisen suchen, anderseits bagatellisieren sie die sexuelle Kraft damit, daß sie überall, wo es eine Möglichkeit dazu gibt, hemmungslosen sexuellen Verkehr provozieren. Als ob die geschlechtliche Vereinigung eine Zigarette wäre, die man raucht und wegwirft, womit die Angelegenheit vergessen wäre! Diese Menschen wissen nicht, daß die sexuelle Kraft eine Offenbarung des Wesens des Menschen selbst ist und er keinen geschlechtliches Verkehr ausüben kann, ohne sich selbst - ob bewußt oder unbewußt - mithineinzugeben. Die Partnerin oder der Partner ist kein Gegenstand, den man gebraucht und wegwirft, sondern ein lebendes Wesen, das auch eine menschliche Seele besitzt, sogar die Prostituierten sind es! - Diese verirrten Menschen versuchen die Sehnsucht nach Glück und nach seelischem Gleichgewicht mit rein körperlichem, sexuellem Verkehr zu befriedigen. 

Die Menschen sehnen sich nach Liebe, nicht aber nach rein körperlicher Befriedigung. Es ist ein gefährlicher Irrtum, Liebe in Sexualität, ohne geistige oder seelische Beziehungen, zu suchen und Liebe durch Sexualität ersetzen zu wollen. Selbstverständlich glauben zum Beispiel Frauen, die von ihren leblosen, uninteressanten und uninteressierten »toten« Männern nie die kleinste Äußerung der Liebe zu spüren bekommen, daß das Liebe ist, wenn der Mann in der kurzen Zeit der Erregung sich für die Frau interessiert und unter der Wirkung der sexuellen Kraft Spuren von Zärtlichkeit offenbart, und wollen deshalb mit dem Mann sooft wie möglich sexuellen Verkehr provozieren. Dies geschieht nicht, weil sie selbst in erster Linie sexuellen Verkehr wünschten, sondern weil sie sich nach »ein bißchen Liebe« sehnen. Gelingt es dann mit dem Ehemann nicht, so versuchen sie, wenn sich eine Gelegenheit ergibt - und sie findet sich immer! -, von einem anderen Mann Liebe zu bekommen und die Sexualität auszuleben. Meistens, ohne daß sie das wirklich aus einer sexuellkörperlichen Unbefriedigtheit tun würden. Der Körper wünscht viel seltener sexuelle Befriedigung, als man glaubt! Die Männer sehnen sich danach, daß die Frau zu ihnen aufschaut, sie als höchste Offenbarung Gottes, als Mann bewundert. Wenn er diese Anerkennung zu Hause nicht findet, trifft er gewiß eine andere Frau, die ihm Bewunderung zollt, und dann sieht es so aus, als ob er eine sexuelle Verbindung gesucht hätte. Der Mann wie die Frau suchen bei der Liebhaberin oder beim Liebhaber »Liebe«, und der Irrtum besteht darin, daß sie sie von diesen »anderen« zu bekommen glauben, weil sie diese während einer geheimen Begegnung immer nur in Erwartung eines sexuellen Verkehrs, also in einem erregten Zustand treffen. Und die Sexualität ahmt die Liebe nach. Sie zwingt einen, zärtlich zu sein, den anderen zu umarmen, ihn an sich zu drücken und sich gegenseitig mit den Offenbarungen der Sexualität zu betäuben, als ob man wahre Liebe gäbe. Was folgt nach solchen Erlebnissen? Gegenseitige Enttäuschungen, bitterer Nachgeschmack, gegenseitige Beschuldigungen oder öde Einsamkeit bleiben zurück und bei Frauen meistens noch das verzweifelte Gefühl des Ausgenütztseins und der Verunreinigung. Keines von beiden hat wahre Liebe gegeben, sondern nur vom anderen erwartet, also hat auch keines Liebe bekommen! Liebe kann man nie mit leerer, rein körperlicher Sexualität ersetzen! Und die Menschheit sehnt sich, lechzt nach Liebe! Diese vielen armen, jungen Menschen, die kaum den Kinderschuhen entwachsen sind und die vielleicht auch in ihrer Kindheit von ihren Eltern kaum Liebe bekommen haben, da die »zivilisierte« Lebensweise nicht mehr auf Liebe eingerichtet ist, laufen nach sexuellen Abenteuern, suchen sexuelle Ausschweifungen, weil sie Liebe suchen! Die vielen seelisch erkrankten Menschen, ob jung oder erwachsen, kann man nur mit Liebe heilen und nicht damit, daß man ihnen den sexuellen Verkehr bagatellisiert, sie von ihren diesbezüglichen Hemmungen befreien will und sie überredet, ein zügelloses, hemmungs- und wahlloses sexuelles Leben zu führen. Wie viele von diesen jungen und auch älteren Menschen suchen Rat nach solcher unverantwortlicher seelischer Behandlung, um ihre verlorene körperliche und seelische Sauberkeit wieder zu erlangen. Und wenn man ihnen nur ein wenig Liebe und Verständnis entgegenbringt, gehen sie geheilt in das Leben zurück, um nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft zu werden. Und noch keinen einzigen haben wir getroffen, der von der Sauberkeit, die ihm empfohlen wurde, »Verdrängung« oder »Trauma« bekommen hätte. Unter »Sauberkeit« wird natürlich nicht nur ein enthaltsames, sondern auch ein gesundes, auf Liebe basiertes Liebesleben verstanden. 

Versuchen wir also das Pendel in die Mitte zu bringen, und versuchen wir, nach dem durch »Verdrängung« und »Trauma« eingetretenen Ausschlag auf die Seite der übertriebenen, wahllosen sexuellen »Hemmungslosigkeit« und falschen Vorstellungen von sexueller »Freiheit«, zu einer normalen Auffassung von der Sexualität zu kommen. Wir sollen dem Beispiel großer Eingeweihter folgen, welche die sexuelle Kraft nicht als Teufelswerk betrachten, sondern das Geheimnis dieser Kraft kennen und wissen, daß einzig und allein sie uns Menschen hilft, das Endziel - GOTT - zu erreichen. Hier zeigt sich wieder die unendliche Weisheit in der Einrichtung der ganzen Schöpfung. Wie uns allein unsere Unwissenheit das Wissen bringt*, so ist es einzig und allein die sexuelle Kraft, die uns die Erlösung von ihr selbst, von der sexuellen Kraft bringt! Die sexuelle Kraft befreit uns von den von ihr selbst verursachten, sich immer wiederholenden sexuellen Wünschen und führt uns aus der Sterblichkeit, aus dem Tode, zur Erlösung, zur Auferstehung, zum LEBEN. Die mittelalterlichen Alchimisten, die Rosenkreuzer, haben diesen Entwicklungsprozeß sehr geistreich dargestellt: der weise Mensch stellt den Stein der Weisen so her, daß er seinen Lebensbaum in einen mit Lebenswasser gefüllten Waschtrog stellt, * Siehe: Elisabeth Haich, Yoga im heutigen Lebenskampf. - unter dem der Drache, die sexuelle Kraft, mit seinem Feuer ununterbrochen heizt, um ihn zum Blühen zu bringen. Verachten wir also die Sexualität nicht und betrachten wir sie nicht als die teuflische Kraft, die den Menschen zum Tier macht, aber machen wir aus ihr auch keine teuflische Kraft, die den Menschen zum Tier macht. Betrachten wir die sexuelle Kraft als den Schlüssel, der uns die Tür zwischen Geist und materieller Welt, von oben nach unten, aber auch von unten nach oben öffnen kann. Betrachten wir sie also als göttliche Triebkraft, die uns zur Erschaffung weiterer Generationen befähigt, das Leben von oben nach unten im Körper weiterzuführen, anderseits aber auch als dieselbe mächtige Kraft, die den Menschen von unten nach oben aus seinem Tierwesen in einen geistigen Menschen verwandelt und den Tod besiegen hilft. Wir müssen dankbar sein, daß die sexuelle Kraft uns auf beiden Wegen, bei richtigem Gebrauch, so viel Glück gibt. 

Auf dem Wege von oben nach unten kurzes und vergängliches, auf dem Wege von unten nach oben ewiges Glück. Gebrauchen wir Ihr Feuer, um unseren Lebensbaum in die Höhe wachsen zu lassen und zum Blühen zu bringen. Bedenken wir: Der primitive Mensch steht noch auf der niedrigsten Stufe des Bewußtseins. In seiner tierischen Selbstsucht lebt er in sich vollkommen isoliert und eingemauert, sein Herz ist noch tot, und er hat noch keine Ahnung, was Liebe heißt. Die sexuelle Kraft, dieses elementare Feuer, ist einzig und allein fähig, sein totes Herz zum ersten Mal zu durchglühen. Und wenn er während der kurzen Zeit der Erregung auch nur eine Vorahnung der Liebe erlebt und äußert, so ist dies doch schon der erste Schimmer der göttlichen Liebe. Durch die Sexualität lernt er das erste Mal das Glück des Gebens kennen. Und obwohl seine erste dämmernde Liebe noch nichts anderes ist als eine tierische Begierde, eine leidenschaftliche Begierde, ist dennoch sein erregter Zustand, wenn auch noch ganz unbewußt und auf kurze Zeit, schon ein Drang nach Einheit, nach Liebe! Wenn er auch diesen Drang nach Liebe vorerst nur im Körper erlebt und daher auch die Befriedigung nur im Körper suchen kann, ist es doch schon die erste Widerspiegelung der geistigen Einheit im großen Selbst, die er unbewußt sucht und nach langem Suchen, nach langer, vielleicht Äonen dauernder Entwicklung finden wird, weil es in seiner Bestimmung liegt, sie zu finden. Die sexuelle Kraft verursacht uns innere Unruhe, die uns nie stehenbleiben läßt und uns immer weiterjagt und zwingt, nach vielen Umwegen den inneren Pfad zu finden. In einem unerwarteten Augenblick wird unser Selbstbewußtsein, inmitten der tierischen Triebe, und in der »Nacht«, in der Finsternis des Unbewußtseins geboren, wie das göttliche Kind in einem Stall inmitten von Tieren in der »Nacht«, in der Finsternis geboren worden ist. Und der Mensch macht sich auf und entschließt sich auf dem großen Weg, vom ersten Bewußtwerden im Selbst bis zum paradiesischen Allbewußtsein, zum Ziel zu wandern. 

In dem Maße, wie er auf diesem langen Weg in sich allmählich bewußt wird, entfaltet sich in ihm die Fähigkeit, über die schöpferische Energie in jeder ihrer Erscheinungsformen zu herrschen und sie nach seinem Willen zu gebrauchen. Wenn er einmal die höchste Stufe, die Quelle der schöpferischen Kraft erreicht hat, wird er fähig sein, die niedrigeren Energieformen der göttlichschöpferischen Kraft in ihre höheren Formen umzuwandeln und mit den höheren, geistigen Energieformen die niedrigeren Formen zu beherrschen und zu lenken und alle diese Energien durch die entsprechenden Nervenzentren zu manifestieren. Lernen wir diese göttliche Kraft kennen, und versuchen wir durch ihre Hilfe auf der Jakobsleiter höher zu klimmen und gleichzeitig damit ihr selbst - der sexuellen Kraft - zu helfen, sich in ihre höheren Schwingungen, in geistige Kraft umzuwandeln. Wo unser Bewußtsein ist, dort wirkt die schöpferische Kraft.

Elisabeth Haich: Sexuelle Kraft und Yoga (241 S. PDF-Datei)

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