Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 6

Kapitel 6 - Russland: Die Revanche

Die großen Konflikte der Geopolitik wiederholen sich. Deutschland und Frankreich führten beispielsweise mehrmals Krieg gegeneinander, ebenso wie Polen und Russland. Wenn ein geopolitisches Problem nicht mit einer einzigen bewaffneten Auseinandersetzung beizulegen ist, führen die Parteien so oft Krieg, bis die Frage schließlich geklärt ist. Und selbst wenn es nicht zu einem weiteren Krieg kommt, bestehen die Spannungen fort. Große Konflikte sind tief in der geopolitischen Realität verwurzelt und verschwinden nicht einfach. Wir müssen uns nur daran erinnern, wie schnell auf dem Balkan die Kriege wieder aufflammten, die ein Jahrhundert zuvor ausgetragen worden waren. Russland nimmt den östlichen Teil Europas ein und ist mehrfach mit dem übrigen Europa in Konflikt geraten. In den Napoleonischen Kriegen, den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg ging es unter anderem um den Status Russlands in Europa und sein Verhältnis zum Rest des Kontinents. In keinem der Kriege konnte diese Frage endgültig geklärt werden, am Ende überlebte oder triumphierte ein geeintes und unabhängiges Russland. Doch dieses geeinte Russland stellt eine erhebliches Bedrohungspotenzial für das übrige Europa dar. Russland ist ein riesiges Land mit einer großen Bevölkerung. Es ist ärmer als der Rest Europas, doch es hat zwei entscheidende Stärken: Land und Rohstoffe. Daher stellt es immer auch eine Versuchung für andere europäische Mächte dar, die sich auf Kosten Russlands nach Osten ausdehnen und ihren Wohlstand vergrößern wollen. In der Vergangenheit erlitten europäische Nationen mit ihren Russlandfeldzügen jedoch vernichtende Niederlagen. Wenn sie nicht selbst von den Russen geschlagen wurden, dann kostete sie der Feldzug derart viel Kraft, dass eine andere Macht sie besiegte. Gelegentlich drängt Russland nach Westen und bedroht Europa. Zu anderen Zeiten verhält es sich passiv und wird kaum beachtet. Doch wer Russland unterschätzt, zahlt früher oder später einen hohen Preis. Nach dem Kalten Krieg schien die russische Frage beigelegt. Wenn sich die Russische Föderation in den neunziger Jahren aufgelöst hätte und in zahlreiche kleinere Staaten zerfallen wäre, dann wäre mit der russischen Macht auch die Bedrohung für Europa verschwunden. Hätten die Amerikaner, Europäer und Chinesen Anstrengungen in diese Richtung unternommen, hätte sich die russische Frage geklärt. Doch die Europäer waren am Ende des 20. Jahrhunderts zu schwach und uneins, die Chinesen hatten zu sehr mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen, und nach dem 11. September 2001 waren die Amerikaner zu sehr mit ihrem Krieg gegen die islamische Welt beschäftigt, um mit Entschiedenheit zu handeln. Die Maßnahmen der Vereinigten Staaten waren unzureichend und konfus. Sie hatten lediglich zur Folge, dass Russland auf die Gefahr aufmerksam wurde, die ihm von den Vereinigten Staaten drohte, und entsprechend reagierte. Da Russland nicht zerfallen ist, wird die alte geopolitische Frage wieder aktuell. Und da sich Russland heute neu formiert, wird dies eher früher als später passieren. Der Konflikt wird genauso wenig eine Neuauflage des Kalten Kriegs sein, wie der Erste Weltkrieg eine Neuauflage der Napoleonischen Kriege war. Doch er wird ein weiteres Mal die grundlegende russische Frage stellen: Wo liegen die Grenzen des geeinten Russland, und was ist das Verhältnis zwischen Russland und seinen westlichen Nachbarn? Diese Fragen beschäftigen uns in der nächsten Phase der Weltgeschichte bis zum Jahr 2020. 

Die russische Dynamik 

Um das Verhalten und die Absichten Russlands zu verstehen, müssen wir bei seiner entscheidenden Schwäche beginnen: seinen europäischen Grenzen, vor allem zum nördlichen Europa. Selbst wenn die Ukraine wie in den vergangenen Jahrhunderten von Russland kontrolliert wird und Weißrussland sowie Moldawien Teil des russischen Staatsgebiets sind, hat das Land nach Westen hin keine natürlichen Grenzen. Das Zentrum und der Süden werden von den Karpaten gesichert, die bis an die slowakisch-polnische Grenze reichen, und an der Grenze zur Ukraine befinden sich die unpassierbaren Prypjat-Sümpfe. Doch in Richtung Südost- und Nordeuropa hat Russland keine natürlichen Grenzen, die es – oder seine Nachbarn – schützen könnten. Entscheidend ist die nordeuropäische Tiefebene mit ihrer offenen Flanke. Der einzige Vorteil Russlands ist seine Tiefe. Je weiter es sein Territorium nach Westen verschiebt, desto weiter ist der Weg nach Moskau. Historisch drängt Russland daher auf der nordeuropäischen Tiefebene nach Westen, und Europa nach Osten. An den übrigen Grenzen Russlands beziehungsweise der Sowjetunion ist die Situation eine andere, weshalb die Grenzverläufe dort seit Ende des 19. Jahrhunderts in etwa stabil geblieben sind. Im Süden trennen das Schwarze Meer und der Kaukasus Russland von der Türkei beziehungsweise dem Iran. An der iranischen Grenze liegen außerdem das Kaspische Meer und die Karakum-Wüste im südlichen Turkmenistan, die weiter an der afghanischen Grenze verläuft und am Fuß des Himalaja endet. Die iranisch-afghanische Grenze beschäftigt Russland, weshalb es wie in der Vergangenheit weiter nach Süden drängen könnte, doch ihm selbst droht an dieser Grenze keine Gefahr. Die Grenze zu China ist lang und scheinbar verwundbar, doch nur auf der Landkarte. Ein Einmarsch in das gewaltige Ödland von Sibirien ist praktisch unmöglich. Russland ist also weitgehend sicher – außer in Nordeuropa. Von dort droht ihm die größte Gefahr: durch die Geografie und von seinen mächtigen europäischen Nachbarn. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft verlor Russland gewaltige Gebiete. Im Jahr 1989 lagen anderthalbtausend Kilometer zwischen Sankt Petersburg und den Truppen der NATO, heute sind es weniger als 150 Kilometer. Moskau hatte im Jahr 1989 einen Puffer von fast  2000 Kilometern, heute sind es rund 300. Solange die Ukraine unabhängig ist, bleibt auch die Kontrolle des Schwarzen Meers unsicher. Im Kaukasus wurde Russland bis in den Norden des Gebirgszuges zurückgedrängt. Afghanistan ist mehr oder weniger unter amerikanischer Kontrolle, und Russland hat seinen Anker im Himalaja verloren. Hätte eine Armee ein Interesse daran, nach Russland vorzudringen, könnte Russland sie kaum aufhalten. Das strategische Problem Russlands ist seine schwache Infrastruktur. Würde Russland gleichzeitig an verschiedenen Stellen entlang seiner langen Grenze angegriffen, könnte es wenig zu seiner Verteidigung unternehmen. Es wäre schwer, die erforderlichen Kräfte zu mobilisieren und an die verschiedenen Frontabschnitte zu schicken. Daher würde Russland außerordentlich große Streitkräfte benötigen, die fest entlang der Grenze stationiert sein müssten, wie dies zu Zeiten der Sowjetunion der Fall war. Es ist nicht das erste Mal, dass Russland bedroht wird. Die Sicherung der Grenzen ist allerdings nicht das einzige Problem des Lands. Russland steht vor einer gewaltigen demografischen Krise. Die Bevölkerung wird von heute 145 Millionen Einwohnern wird bis zum Jahr 2050 ja nach Schätzung auf 125 bis 90 Millionen zurückgehen. Russland läuft die Zeit davon. Es wird Probleme haben, ausreichend große Streitkräfte zu unterhalten. Außerdem nimmt der Anteil der gebürtigen Russen gegenüber den Angehörigen anderer Volksgruppen weiter ab, weshalb Russland möglichst bald handeln muss. In zwanzig Jahren könnte es zu spät sein, und die politischen Führer sind sich dessen sehr bewusst. Russland muss nicht die Welt erobern, aber es muss seine Pufferzone zurückgewinnen und in die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion zurückkehren. Vor dem Hintergrund seiner geopolitischen, wirtschaftlichen und demografischen Probleme muss Russland seine Strategie ändern. Ein Jahrhundert lang versuchten seine politischen Führer, das Land durch Industrialisierung zu modernisieren und den Anschluss an das übrige Europa zu finden. Dieser Versuch ist gescheitert. Daher schlug Russland um das Jahr 2000 einen neuen Weg ein und verlegte sich auf den Export von Rohstoffen, vor allem Energie, aber auch Erzen, landwirtschaftlichen Erzeugnissen, Holz und Edelmetallen. Die Abkehr von der Industrialisierung und die Hinwendung zum Rohstoffexport entspricht eher der Strategie eines Entwicklungslandes. Doch der unerwartete Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise rettete die russische Wirtschaft und stärkte sie so weit, dass Russland heute eine selektive Reindustrialisierung vornehmen kann. Und da die Rohstoffförderung weniger arbeitskräfteintensiv ist als die industrielle Produktion, verleiht sie dem Land eine wirtschaftliche Grundlage, die sich auch mit einer schrumpfenden Bevölkerung aufrechterhalten lässt. Diese Wirtschaftsstrategie hat den zusätzlichen Vorteil, dass sie Russland seinen internationalen Einfluss zurückgibt. Europa lechzt nach Energie. Mit seinen Gaspipelines bedient Russland den europäischen Energiebedarf und löst seine eigenen wirtschaftlichen Probleme. Außerdem ist Energie in einer Welt des wachsenden Konsums ein Machtfaktor. Russland setzt den Gashahn ein, um sich seine Nachbarn gefügig zu machen. Seine Macht reicht bis weit nach Europa hinein. Nicht nur die früheren sowjetischen Satellitenstaaten, sondern auch Deutschland ist von den russischen Lieferungen abhängig. Mit seiner Gaspipeline und anderen Rohstoffen ist Russland in der Lage, erheblichen Druck auf Europa auszuüben. Diese Art der Abhängigkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Ein militärisch schwaches Russland kann Europa nicht unter Druck setzen, denn seine Nachbarn könnten auf den Gedanken kommen, ihm die Quelle seines Wohlstands zu nehmen. Also muss Russland seine mi- litärische Stärke wiedererlangen. Länder, die zugleich reich und schwach sind, befinden sich in einer äußerst ungünstigen Lage. Wenn Russland seine Rohstoffe erschließen und nach Europa exportieren will, muss es in der Lage sein, sie zu schützen und das internationale Umfeld seinen Wünschen gemäß zu gestalten. Im nächsten Jahrzehnt wird Russland immer wohlhabender (zumindest im Vergleich zur Vergangenheit), während seine Grenzen immer unsicherer werden. Daher wird es einen Teil seines neuen Wohlstandes darauf verwenden, geeignete Streitkräfte aufzustellen sowie Pufferzonen zu schaffen, um sich gegen den Rest der Welt zu schützen. Russlands übergreifende Geostrategie besteht darin, breite Puffer auf der europäischen Tiefebene einzurichten sowie seine Nachbarn zu schwächen und zu beherrschen, um auf diese Weise ein neues Machtgleichgewicht in Europa herzustellen. Daher werden die zukünftigen Schritte Russlands nach außen hin aggressiv erscheinen, obwohl sie in Wirklichkeit defensiver Natur sind. Russlands wird seine Aktivitäten in drei Phasen entfalten. In der ersten geht es darum, die Staaten der früheren Sowjetunion unter seinen Einfluss und seine Kontrolle zu bekommen und deren Pufferzonen wiederherzustellen. In der zweiten wird Russland versuchen, einen weiteren Ring von Pufferzonen um die Grenzen der früheren Sowjetunion herum einzurichten, ohne dabei den Widerstand zu provozieren, der im Kalten Krieg schließlich zu seiner Niederlage fürchte. In der dritten Phase, die eigentlich parallel zu den beiden eben genannten beginnt, wird Russland schließlich versuchen, die Entstehung anti-russischer Bündnisse zu verhindern. 

An dieser Stelle müssen wir kurz innehalten und uns klar machen, warum die Sowjetunion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überlebte und was ihre Stärke ausmachte. Die Sowjetunion wurde nämlich nicht nur durch Gewalt zusammengehalten, sondern auch durch ein komplexes System wirtschaftlicher Beziehungen, genau wie vor ihr das russische Zarenreich. Als riesige, weitgehend vom Meer abgeschnittene Regionen im Herzen Eurasiens bilden die Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion eine geografische Einheit. Sie verfügen über schlechte Transportwege, das Flusssystem entspricht nicht den Erfordernissen der Landwirtschaft und der Industrie, weshalb der Transport von landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen eine große Herausforderung darstellt. Wenn wir die Sowjetunion als ein natürliches Bündnis aus räumlich isolierten und wirtschaftlich benachteiligten Nationen begreifen, verstehen wir, was ihren Zusammenhalt ausmachte. Die Teilrepubliken der Sowjetunion wurden durch wirtschaftliche Notwendigkeit zusammengehalten. Sie konnten wirtschaftlich nicht mit dem Rest der Welt konkurrieren, doch abgeschottet vom Wettbewerb konnten sie einander ergänzen und unterstützen. Dieses naturwüchsige Bündnis wurde von Russland beherrscht. Die Länder jenseits der Karpaten (die Russland im Zweiten Weltkrieg eroberte und zu seinen Satelliten machte), gehörten nicht zu diesem natürlichen Zusammenschluss. Ohne den Eisernen Vorhang hätten sie sich Europa zugewandt, nicht Russland. Die ehemalige Sowjetunion bestand also aus Teilrepubliken, denen im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als zu kooperieren. Diese alten wirtschaftlichen Beziehungen bestehen nach wie vor, mit dem Unterschied, dass die früheren Teilrepubliken aufgrund des neuen russischen Wirtschaftsmodells, des Energieexports, heute noch stärker von Russland abhängig sind als früher. Die Ukraine fühlte sich zwar zu Westeuropa hingezogen, doch sie kann mit Europa weder konkurrieren noch kooperieren. Der natürliche Wirtschaftspartner der Ukraine ist Russland, sie ist von russischen Energieexporten abhängig und wird letztlich auch militärisch von Russland dominiert. Russland wird diese Dynamik nutzen, um seine alte Einflusssphäre wiederherzustellen. Eine von Moskau beherrschte formale politische Struktur ist zwar denkbar, aber keine notwendige Voraussetzung. Wichtiger ist die Tatsache, dass Russland in den kommenden fünf bis zehn Jahren seinen Einfluss in der Region ausbauen wird. Um die künftige Entwicklung besser zu verstehen, sehen wir uns drei Regionen genauer an: den Kaukasus, Zentralasien und Europa mit den baltischen Staaten.

Der Kaukasus

Der Kaukasus ist die Grenze zwischen Russland und der Türkei und war in der Vergangenheit ein Brennpunkt zwischen den beiden Reichen. Auch im Kalten Krieg war die Region ein potenzieller Krisenherd. Auf sowjetischer Seite der Grenze befanden sich die drei Teil- republiken Armenien, Georgien und Aserbaidschan, die heute selbst- ständig sind. Der Norden des Kaukasus verläuft durch das Territorium der Russischen Föderation selbst; dort befinden sich die muslimischen Regionen Dagestan und Tschetschenien, wo Rebellen seit dem Untergang des Kommunismus einen Guerillakrieg gegen die Herrschaft aus Moskau führen. Aus verteidigungspolitischer Sicht ist die exakte Grenzziehung zwischen Russland und der Türkei irrelevant, solange die Grenze durch den Kaukasus verläuft, denn das bergige Gelände erleichtert die Verteidigung. Sollte Russland jedoch seine Position im Kaukasus vollständig verlieren und ins nördliche gelegene Flachland zurückgedrängt werden, dann geriete Russland in eine schwierige Lage. Da die Landbrücke zwischen der Ukraine und Kasachstan nur wenige hundert Kilometer breit ist, bekäme Russland strategische Probleme. Aus diesem Grund ist Russland in Tschetschenien nicht zu Kompromissen bereit. Der Nordkaukasus verläuft durch den Süden Tschetscheniens, weshalb ein Verlust der Region die russische Stellung gefährden würde. Wenn Russland die Wahl hätte, würde es die Grenze eher noch weiter nach Süden, nach Georgien, verschieben. Armenien ist bereits ein Verbündeter Russlands. Wäre Georgien Teil des Territoriums der Russischen Föderation, wäre diese Grenze sicherer. Die Kontrolle über Tschetschenien ist ein Muss. Die Übernahme Georgiens wäre wünschenswert. Der Besitz Aserbaidschans schließlich bietet zwar keinen unmittelbaren Vorteil, doch in Moskau hätte man auch nichts gegen einen weiteren Puffer gegenüber dem Iran einzuwenden. Die russische Position ist an dieser Stelle zwar nicht schwach, doch Georgien, das nicht zufällig enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhält, stellt ein verlockendes Ziel dar, weshalb es im August 2008 zu einem ersten Konflikt kam. Wie in so vielen Bergregionen der Welt, die von kleinen Völkern besiedelt werden, werden im Kaukasus seit jeher erbitterte Feindschaften ausgetragen. Armenien beschuldigt die Türkei, Anfang des 20. Jahrhunderts einen Völkermord an christlichen Armeniern verübt zu haben, und sucht Schutz bei Russland. Georgien wiederum pflegt eine intensive Rivalität und Feindschaft mit Armenien und hegt tiefes Misstrauen gegenüber Russland – und das, obwohl Stalin ein Georgier war. Russland wiederum behauptet, Georgien dulde Waffenlieferungen an die tschetschenischen Rebellen, und die Tatsache, dass Georgien enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten unterhält, macht die Sache nicht besser. Aserbaidschan wiederum ist mit Armenien verfeindet und steht dem Iran und der Türkei nahe. Die Situation im Kaukasus ist nicht nur schwer zu durchschauen, sondern auch schwer zu handhaben. Die Sowjetunion löste die verworrene Situation nach dem Ersten Weltkrieg, indem sie diese Nationen in ihr Bündnis aufnahm und kompromisslos sämtliche Autonomiebestrebungen unterdrückte. Russland kann diese Region weder jetzt noch in Zukunft vernachlässigen, wenn es seine Position im Kaukasus nicht verlieren will. Daher muss es, beginnend in Georgien, seine Macht wiederherstellen. Da die Vereinigten Staaten Georgien jedoch als strategisch wichtigen Partner ansehen, ist eine Konfrontation unvermeidlich. Solange die Rebellion in Tschetschenien fortgesetzt wird, muss sich Russland nach Süden orientieren, die Rebellen einkreisen und ihre Position in den Bergen aushebeln. Zwei Mächte haben wenig Interesse an einem solchen Verlauf der Ereignisse: die Vereinigten Staaten und die Türkei. Die Vereinigten Staaten würden eine russische Vorherrschaft in Georgien als Angriff auf ihre eigene Position in der Region begreifen, und für die Türkei bedeutet sie eine Stärkung Armeniens und eine Rückkehr der russischen Armee an ihre Grenzen. Der Widerstand dieser beiden Länder wird Russland nur umso mehr davon überzeugen, dass es in der Region handeln muss. Daher sind weitere Konflikte im Kaukasus unausweichlich.

Zentralasien

Zentralasien ist eine riesige Landmasse zwischen dem Kaspischen Meer und der chinesischen Grenze. Als überwiegend muslimische  Region wurde sie, wie bereits erörtert, von der massiven Destabilisierung der islamischen Welt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfasst. Dank ihrer Rohstoffvorkommen ist die Region wirtschaftlich interessant, doch strategisch ist sie von geringer Bedeutung für Russland – es sei denn, eine andere Großmacht wollte versuchen, sie zu kontrollieren und hier eine Basis zu errichten. In diesem Fall wäre die Region mit einem Mal äußerst wichtig. Wer Kasachstan beherrscht, steht wenige hundert Kilometer vor der Wolga, einem entscheidenden Transportweg für die russische Landwirtschaft. In den 1990er Jahren strömten westliche Energiekonzerne nach Zentralasien. Das störte Russland wenig: Es war weder konkurrenzfähig noch in der Lage, die Region militärisch zu kontrollieren. Aus russischer Sicht war Zentralasien ein neutrales und relativ unbedeutendes Gebiet. Das änderte sich schlagartig mit dem 11. September 2001. In der neuen geopolitischen Situation sahen sich die Vereinigten Staaten plötzlich gezwungen, in Afghanistan einzumarschieren. Da sie nicht in der Lage waren, diese Operation allein durchzuführen, baten sie Russland um Unterstützung. Unter anderem sollte Russland die Nordallianz, eine mit den Taliban verfeindete Gruppierung in Nordafghanisten, dazu bewegen, sich aktiv an den Auseinandersetzungen zu beteiligen. Russland hatte die Nordallianz gefördert und kontrollierte sie weitgehend. Außerdem baten die Vereinigten Staaten Russland um Unterstützung bei der Einrichtung von Militärbasen in verschiedenen zentralasiatischen Ländern. Theoretisch handelte es sich zwar um unabhängige Nationen, doch da die Vereinigten Staaten auf die Unterstützung der Nordallianz angewiesen waren, konnten sie es sich nicht erlauben, Russland zu verärgern. Umgekehrt wollten es sich auch die zentralasiatischen Staaten nicht mit Russland verscherzen, und schließlich mussten die amerikanischen Flugzeuge russisches Territorium überfliegen, um deren Basen zu erreichen. Russland stimmte der Präsenz amerikanischer Truppen in der Region zu, offenbar in der Annahme, dass es sich lediglich um ein kurzfristiges Engagement handeln würde. Doch da sich der Krieg in Afghanistan in die Länge zog, blieben die Vereinigten Staaten und bauten ihren Einfluss aus. Russland musste erkennen, dass eine ehemals wohlgesonnene Pufferzone unter die Vorherrschaft der führenden Weltmacht kam – einer Macht, die Russland auch in der Ukraine, dem Kaukasus und dem Baltikum bedrängte. Dazu kam, dass vor dem Hintergrund steigender Energiepreise und der neuen Wirtschaftsstrategie die zentralasiatischen Rohstoffvorräte immer wichtiger für Russland wurden. Russland hatte kein Interesse daran, dass sich die Truppen der Vereinigten Staaten wenige hundert Kilometer von der Wolga entfernt festsetzten, und musste handeln. Es tat dies nicht direkt, sondern dämmte den Einfluss der Vereinigten Staaten durch eine Manipulation der politischen Situation in der Region ein. Ziel war es, Zentralasien wieder in den russischen Einflussbereich zurückzuholen. Die Amerikaner, die auf der anderen Seite der Welt agierten und von den chaotischen Ländern Afghanistan, Iran und Pakistan umringt waren, konnten dieser Strategie nichts entgegensetzen, und Russland bekräftigte seine natürliche Vormachtstellung. Interessanterweise handelte es sich um eine der wenigen Regionen der Welt, die sich nicht mit einer Flotte erreichen lassen. Doch gerade in Zentralasien können es sich die Vereinigten Staaten nicht erlauben, unter russischem Druck zu bleiben. Hier könnte China übermächtig werden, obwohl dies, wie wir gesehen haben, eher unwahrscheinlich ist. China verfügt über gewissen Einfluss, doch letztlich ist Russland die militärische und wirtschaftliche Vormacht. Russland kann China den Zugang zu Zentralasien gestatten, doch die Situation wird sich im Grunde nicht gegenüber der verändern, wie sie die Sowjetunion zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffen hat. Daher bin ich der Ansicht, dass Zentralasien spätestens im Jahr 2010 wieder fest in der russischen Einflusssphäre verankert sein wird, lange bevor größere Auseinandersetzungen im Westen, in Europa, beginnen.

Europa

Der europäische Schauplatz besteht in erster Linie aus den unmittelbaren westlichen Nachbarn Russlands, den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Dazu kommen Weißrussland und die Ukraine, die früher zur Sowjetunion gehörten. Dahinter liegt der Gürtel der früheren sowjetischen Satellitenstaaten Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Aus Gründen der nationalen Sicherheit muss Russland seine Einflusssphäre auf die Ukraine und Weißrussland ausdehnen. Das Baltikum kommt an zweiter Stelle. Osteuropa ist weniger wichtig, solange Russland in den Karpaten verankert und auf der nordeuropäischen Tiefebene militärisch gesichert ist. Das alles kann natürlich zu Komplikationen führen. Die Ukraine und Weißrussland sind für die russische Sicherheit entscheidend. Sollten sie unter feindlichen Einfluss geraten – etwa den der NATO – würde dies eine tödliche Gefahr für Russland darstellen. Moskau ist rund 300 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt und Wolgograd, das frühere Stalingrad, liegt noch näher an der ukrainischen Grenze. Vor Napoleon und Hitler war Russland durch seine räumliche Weite geschützt, doch ohne Weißrussland und die Ukraine hat es diese weiten Flächen verloren. Natürlich ist die Vorstellung absurd, dass die NATO eine Bedrohung für Russland darstellen könnte. Doch die Russen denken langfristig und wissen, wie schnell das Absurde zu einer realen Möglichkeit werden kann. Schließlich haben sie mitangesehen, wie die Vereinigten Staaten und die NATO ihren Einflussbereich systematisch auf Osteuropa und das Baltikum ausgedehnt haben. Als die Vereinigten Staaten jedoch versuchten, auch die Ukraine für die NATO zu gewinnen, änderte Russland seine Haltung gegenüber den Absichten der NATO sowie der Ukraine. Aus russischer Sicht ist die Aufnahme der Ukraine in die NATO ungefähr so bedrohlich, wie es ein Beitritt Mexikos in den Warschauer Pakt für die Vereinigten Staaten gewesen wäre. Als die prowestliche Orangene Revolution Anfang 2004 die Ukraine in die Arme der NATO zu treiben schien, hielt Moskau den Vereinigten Staaten vor, sie wollten Russland einkreisen und vernichten. Es sei dahingestellt, ob die Vereinigten Staaten dies tatsächlich vorhatten. Doch der NATO Beitritt der Ukraine wäre zweifelsohne ein potenziell vernichtender Schlag für die nationalen Sicherheitsinteressen Russlands gewesen. Russland mobilisierte keine Armeen, sondern seine Geheimdienste, die in der Ukraine ausgezeichnet vernetzt sind. Diese unterwanderten die Orangene Revolution, indem sie die Spaltung des Lands in eine pro-europäischen Westukraine und eine pro-russische Ostukraine ausnutzten. So fiel es ihnen nicht schwer, die ukrainische Politik vollständig zu paralysieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe sich Kiew der russischen Macht beugt. Der Fall Weißrussland liegt dagegen einfacher. Wie zuvor angemerkt, hat Weißrussland von allen ehemaligen Sowjetrepubliken die wenigsten politischen Reformen durchgeführt und ist ein weitgehend zentralistischer, autoritärer Staat geblieben. Die politischen Führer trauern der Sowjetunion nach und haben mehrfach ein neues Bündnis mit Russland vorgeschlagen. Die Bedingungen eines solchen Zusammenschlusses würde natürlich Russland vorgeben, was zu inneren Spannung führen könnte, doch es besteht zumindest keine Gefahr, dass Weißrussland der NATO beitreten könnte. Die Rückkehr der Ukraine und Weißrusslands in die russische Einflusssphäre wird in den nächsten fünf Jahren abgeschlossen sein. Dann ist im Westen der Grenzverlauf aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen wiederhergestellt. Im Süden ist Russland im Kaukasus verankert, die Ukraine ist gesichert, und auf der nordeuropäischen Tiefebene grenzt Russland an Polen und das Baltikum. Damit stellt sich die Frage der Vormachtstellung und des exakten Grenzverlaufs im Nordwesten. Der eigentliche Konfliktherd wird das Baltikum werden. Für Armeen, die Russland erobern wollten, war das Einfallstor traditionell die 500 Kilometer breite Schneise zwischen der Ostsee und den Karpaten. Es handelt sich um eine Tiefebene, die nur wenige natürliche Hindernisse in Form von Flüssen bietet und sich leicht überqueren lässt. Potenzielle europäische Invasoren können geradewegs nach Moskau oder Petersburg spazieren. Die Tatsache, dass die NATO heute nur noch 100 Kilometer von Petersburg entfernt ist, erklärt, warum das Baltikum einen strategischen Alptraum für Russland darstellt und warum es dieses Problem unbedingt lösen will. Die drei baltischen Staaten waren Teilrepubliken der Sowjetunion. Nach deren Zusammenbruch wurden sie unabhängig und traten der NATO bei. Wie wir gesehen haben, stecken die Europäer heute zu tief in der Phase der Dekadenz, um diese Situation für sich nutzen zu können. Doch Russland wird sich in Fragen seiner nationalen Sicherheit kaum auf diese Annahme verlassen wollen. Es hat nicht umsonst erlebt, wie Deutschland, das 1932 am Boden lag, bereits neun Jahre später vor den Toren Moskaus stand. Durch den NATO-Beitritt der baltischen Staaten und Polens hat sich das Nordatlantische Verteidigungsbündnis bedrohlich nahe an das russische Kernland herangeschoben. Ein Land, das in den letzten zwei Jahrhunderten dreimal überfallen wurde, wird sich nicht damit in der Sicherheit wiegen, dass die NATO keine Bedrohung darstellt. Aus russischer Sicht ist die potenzielle Einfallschneise nicht nur vollkommen ungeschützt, sondern sie befindet sich obendrein in der Hand von Ländern, die Russland alles andere als wohlgesonnen sind. Die baltischen Staaten haben Russland nie für seine Besetzung vergeben. Polen ist ähnlich verbittert und misstraut Russland zutiefst. Als Teil der NATO bilden diese Staaten die Front. Dahinter liegt Deutschland, dem Russland genauso misstraut wie Polen und die baltischen Staaten Russland. Mag sein, dass die Russen paranoid sind – aber das heißt nicht, dass sie keine Feinde haben oder verrückt wären. Mit einem neutralen Baltikum könnte sich Russland abfinden, doch ein Baltikum, das der NATO angehört und den Vereinigten Staaten nahe steht, ist ein inakzeptables Sicherheitsrisiko. Auf der an- deren Seite können es sich die Vereinigten Staaten, die in Zentralasien klein beigeben mussten und im Kaukasus auf der Hut sind, nicht leisten, sich aus dem Baltikum zurückzuziehen. Jedes Zugeständnis hinsichtlich der baltischen Staaten würde Osteuropa in Panik versetzen, die Region destabilisieren und ein weiteres Vordringen der russischen Einflusssphäre wahrscheinlicher machen. Das russische Interesse ist größer, doch auch für die Vereinigten Staaten steht viel auf dem Spiel. Als nächstes wird Russland Weißrussland in sein Verteidigungssystem integrieren. Aufgrund des engen Verhältnisses der beiden Staaten ist dies ein natürlicher Schritt. Damit steht die russische Armee an der Grenze zum Baltikum und zu Polen, und die Konfrontation nähert sich ihrem Höhepunkt. Polen misstraut Deutschland und Russland gleichermaßen. Gefangen zwischen beiden, fürchten sie stets den jeweils stärkeren. Anders als der Rest Osteuropas, der die Karpaten zwischen sich und Russland hat oder an die Ukraine grenzt, befindet sich Polen auf der gefährlichen nordeuropäischen Tiefebene. Wenn Russland im Zuge der Konfrontation mit den baltischen Staaten mit seiner Armee an die polnischen Grenzen zurückkommt, muss Polen reagieren. Mit rund 40 Millionen Einwohnern ist Polen kein kleines Land, und als enger Verbündeter der Vereinigten Staaten ist es nicht zu unterschätzen. Polen wird die baltischen Staaten unterstützen. Russland wird die Ukraine in sein Bündnis mit Weißrussland holen, womit russische Truppen an der gesamten polnischen Ostgrenze stehen. An diesem Punkt wird Russland versuchen, das Baltikum zu neutralisieren – meiner Ansicht nach wird dies irgendwann Mitte der 2010er Jahre passieren. Russland wird drei Instrumente zum Einsatz bringen, um die baltischen Staaten unter seinen Einfluss zu bekommen. Erstens geheimdienstliche Operationen. So wie Washington in aller Welt Oppositionsgruppen mit Geld und Militärberatern unterstützte, wird Moskau die russischen Minderheiten und pro-russische Gruppierungen in diesen Ländern fördern. Sollten die baltischen Staaten diese Bewegungen unterdrücken, liefern sie Russland einen Vorwand, ihr zweites Instrument zum Einsatz zu bringen und wirtschaftliche Sanktionen zu verhängen, sprich: den Gashahn abzudrehen. Schließlich wird Russland auch den militärischen Druck erhöhen und Truppen an der Grenze zu den baltischen Staaten zusammenziehen. In Polen und dem Baltikum weiß man, wie unberechenbar die Russen sind, weshalb der psychologische Druck erheblich ist. In den letzten Jahren war häufig die Rede von der vermeintlichen Schwäche der russischen Armee. Im ersten Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion traf dies durchaus zu. Doch heute stehen wir vor einer neuen Realität, die Tendenz kehrte sich im Jahr  2000 um, und im Jahr 2015 wird von einer militärischen Schwäche keine Rede mehr sein können. 

Die bevorstehende Auseinandersetzung in Nordosteuropa wird kein plötzliches Ereignis sein, sondern sich über einen längeren Zeitraum hin forcieren. Russland wird ausreichend Zeit haben, seine Streitkräfte aufzubauen. Ein Bereich, in dem Russland in den 1990er Jahren weiter in die Forschung investierte, war die Militärtechnologie. Im Jahr 2010 wird Russland ohne jeden Zweifel über die effektivsten Streitkräfte der Region verfügen. Spätestens im Jahr 2015 werden diese Streitkräfte eine Herausforderung für jede Macht darstellen, die sich in dieser Region etablieren will, die Vereinigten Staaten eingeschlossen. Russland steht einer Gruppe von Staaten gegenüber, die sich nicht selbst verteidigen können, und einer NATO, die nur dann effektiv ist, wenn die Vereinigten Staaten bereit sind, sich militärisch zu engagieren. Wie wir gesehen haben, verfolgen die Vereinigten Staaten eine kohärente Strategie: Sie wollen verhindern, dass eine Macht Eurasien ganz oder teilweise beherrscht. Während China schwächer wird oder zerfällt und die Europäer schwach und uneins sind, haben die Vereinigten Staaten vor allem ein Interesse: Sie werden versuchen, die Aufmerksamkeit Russlands auf das Baltikum und Polen zu konzentrieren, um zu verhindern, dass es weltweite Ambitionen entwickelt. Dazu wenden die Vereinigten Staaten ihre bewährte Methode an: Sie unterstützen die betroffenen Länder mit dem Transfer von Technologien. In den Jahren vor 2020 werden diese Technologien immer effektiver. Aufgrund dieser Technologien sind immer kleinere und effizientere Streitkräfte erforderlich, was wiederum zur Folge hat, dass kleine Länder mit ihrer Hilfe über verhältnismäßige große militärische Schlagkraft verfügen. Die Vereinigten Staaten haben ein Interesse daran, die baltischen Staaten und Polen mit dieser Technologie auszustatten, um die russischen Streitkräfte zu binden. Dies ist der beste Ort zur Eindämmung der russischen Macht. Georgien ist ein zweiter Brennpunkt, der Moskau verärgert und veranlasst, Streitkräfte aus Europa abzuziehen, weshalb die Vereinigten Staaten auch hier aktiv werden. Doch die entscheidende Auseinandersetzung wird nicht im Kaukasus, sondern in Europa stattfinden. Angesichts der amerikanischen Macht wird Russland keinen direkten Angriff wagen. Umgekehrt werden die Vereinigten Staaten keine Abenteuer ihrer Verbündeten dulden. Stattdessen wird Russland versuchen, die Vereinigten Staaten andernorts in Europa und der Welt unter Druck zu setzen. Sie könnten beispielsweise versuchen, Grenzländer wie die Slowakei und Bulgarien zu destabilisieren. Die Konfrontation wird die gesamte Grenze zwischen Russland und dem übrigen Europa erfassen. Die russische Strategie wird auf eine Spaltung der NATO und eine Isolierung Osteuropas hinauslaufen. Der Schlüssel zu dieser Strategie sind Deutschland und Frankreich. Keines der beiden Länder wünscht eine Konfrontation mit Russland. Beide sind isolierte Staaten, und Deutschland ist zudem von russischem Gas abhängig. Deutschland wird mit gewissem Erfolg versuchen, diese Abhängigkeit zu verringern, doch es wird nicht ohne die Gaslieferungen aus Russland überleben können. Russland wird daher gegenüber den Deutschen behaupten, sie würden von den Vereinigten Staaten benutzt, um Russland einzudämmen, und das, obwohl doch beide Staaten ein gemeinsames Interesse hätten, nämlich ein neutrales Polen als stabilen Puffer. Die Frage der baltischen Staaten habe damit nichts zu tun. Die Vereinigten Staaten könnten nur dann ein Interesse am Baltikum haben, wenn sie eine militärische Aktion gegen Russland planten. Im Rahmen eines breiten Bündnisses wolle Russland die baltische Autonomie akzeptieren. Außerdem wolle es die polnischen Sicherheitsinteressen garantieren, wenn Polen im Gegenzug abrüste und neutral würde. Die Alternative, ein Krieg, könne dagegen nicht im Interesse Deutschlands und Frankreichs sein. Diese Argumentation könnte durchaus verfangen, doch ich gehe davon aus, dass sich die Situation in unvorhergesehener Weise entwickelt. Die Vereinigten Staaten, die aus europäischer Sicht immer unnötig aggressiv vorgehen, werden in Osteuropa unnötig viel Unruhe stiften, um den Russen zu drohen. Sollte Deutschland zulassen, dass die NATO auf diese Weise aktiv wird, würde es in einen Konflikt verwickelt, den es nicht wünscht. Ich würde daher davon ausgehen, dass Deutschland die Unterstützung für Polen, die baltischen Staaten und das übrige Osteuropa blockieren wird – die NATO erfordert Einstimmigkeit, und Deutschland ist ein wichtiger Mitgliedsstaat. Russland wird wiederum davon ausgehen, dass der Schock über die negative Entscheidung der NATO Polen und die baltischen Staaten zum Einlenken zwingt. 
Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Polen, das seinen historischen Alptraum durchlebt und befürchtet, zum Spielball von Russland und Deutschland zu werden, wird sich stärker an die Vereinigten Staaten binden. Diese wiederum erkennen eine billige Möglichkeit, russische Streitkräfte zu binden, Europa zu spalten sowie die Europäische Union zu schwächen, weshalb sie ihre Unterstützung für Osteuropa verstärken. Um das Jahr 2015 formiert sich ein neuer Block, der aus den baltischen Staaten und ehemaligen sowjetischen Satelliten besteht. Da diese Staaten sehr viel energiegeladener sind als die Westeuropäer und zudem von den Vereinigten Staaten unterstützt werden, entwickelt ihr Block eine überraschende Dynamik. Moskau reagiert auf diese Ausweitung des amerikanischen Einflusses, indem es die Vereinigten Staaten andernorts unter Druck setzt. Im Nahen Osten, wo sich die Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern fortsetzen, unterstützt es die arabische Seite. Wo immer es amerikafeindliche Regierungen gibt, wird Russland Militärhilfe gewähren. Ab 2015 ist in aller Welt eine unterschwellige Konfrontation zu spüren, die sich bis zum Jahr 2020 verstärkt. Keine Seite riskiert den offenen Krieg, doch beide Seiten sind aktiv. Zu Beginn der 2020er Jahre ist der Konflikt weltweit das beherrschende Thema. Und wieder gehen sämtliche Beobachter davon aus, dass es sich um ein dauerhaftes Problem handelt. Doch die Auseinandersetzung wird nicht die Dimensionen des Kalten Kriegs annehmen. Russland wird nie in der Lage sein, ganz Eurasien zu kontrollieren, und keine weltweite Bedrohung darstellen. Regional wird es allerdings sehr wohl eine Gefahr sein, und auf dieser Ebene reagieren die Vereinigten Staaten. Die Spannungen werden das gesamte russische Grenzgebiet erfassen, doch die Vereinigten Staaten werden – anders als einst um die Sowjetunion – keinen Gürtel um Russland legen können oder müssen. Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung wird die Versorgung Europas mit fossilen Brennstoffen zum strategischen Thema. Die Vereinigten Staaten werden mit einer Abkehr von fossilen Brennstoffen reagieren und die Erschließung alternativer Energiequellen forcieren. Russland wird sich dagegen auf seine bestehenden Industrien konzentrieren, statt neue zu entwickeln. Das heißt, es wird die Öl- und Gasförderung verstärken, statt neue Formen der Energiegewinnung zu erschließen. Russland wird daher bei der Entwicklung der neuen Technologien, die die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts beherrschen werden, zurückfallen und den Anschluss an die Vereinigten Staaten und den Rest der Welt verlieren. Seine reichen Öl- und Gasvorräte werden sich somit paradoxerweise als Nachteil erweisen. In der ersten Phase seines Wiederaufstiegs, die bis etwa 2010 andauert, wird Russland gefährlich unterschätzt. Es gilt als zerrissenes Land mit einer stagnierenden Wirtschaft und schwachen Streitkräften. Selbst danach, wenn die Auseinandersetzungen zunehmen und die unmittelbaren Nachbarn besorgt reagieren, werden die größeren Mächte die russische Stärke nicht erkennen. Die Vereinigten Staaten neigen dazu, ihre Feinde erst zu unter- und dann zu überschätzen. Mitte der 2010er Jahre werden sie ein weiteres Mal auf Russland fixiert sein. 

Anhand dieser Entwicklung lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten: So groß die Stimmungsausschläge in den Vereinigten Staaten sein mögen, so konsistent und rational ist ihre Außenpolitik. In diesem Fall werden die Vereinigten Staaten in ihre manische Phase eintreten und alles tun, um die Expansion der russischen Macht zu verhindern, ohne selbst in einen Krieg eintreten zu müssen. Dabei spielt es eine große Rolle, wo die entscheidenden Krisenherde im Einzelnen liegen. Sollte sich Russland darauf beschränken, Zentralasien und den Kaukasus zu kontrollieren und möglicherweise Moldawien einzugliedern, ohne die baltischen Staaten oder die Länder westlich der Karpaten unter seine Kontrolle zu bringen, dann würde sein Wiederaufstieg lediglich zu eine internationale Krise führen. Sollte es Russland jedoch gelingen, die baltischen Staaten einzugliedern, auf dem Balkan wichtige Verbündete wie Serbien, Bulgarien oder Griechenland zu gewinnen (oder in Osteuropa die Slowakei), dann könnte die Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten besorgniserregendere Dimensionen annehmen. Am Ende wird jedoch auch eine solche Auseinandersetzung nicht in einen offenen Krieg umschlagen. Die Vereinigten Staaten werden einen Bruchteil ihrer Militärmacht abstellen, um Russland an der Entfaltung seiner Aktivitäten zu hindern, und die russischen Streitkräfte damit hoffnungslos überfordern. Unabhängig davon, wie sich das übrige Europa verhält, werden Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien alles tun, um den russischen Vormarsch zu stoppen, und sie werden jeder Vereinbarung mit den Vereinigten Staaten zustimmen, um deren Unterstützung zu gewinnen. Daher verläuft die Front diesmal nicht wie im Kalten Krieg quer durch Deutschland, sondern durch die Karpaten. Polen und die nordeuropäische Tiefebene werden der entscheidende Brennpunkt, doch Russland wird keinen Krieg beginnen. Aufgrund der ähnlichen Ausgangslage wird diese Konfrontation ähnlich enden wie der Kalte Krieg, nur dass es die Vereinigten Staaten diesmal weniger Mühe kosten wird. Schauplatz der letzten Auseinandersetzung war Zentraleuropa, diesmal wird er weiter im Osten liegen. Damals war China zumindest zu Beginn ein Verbündeter Russlands, diesmal wird China keine Rolle spielen. Beim letzten Mal kontrollierte Russland den gesamten Kaukasus, heute sieht es sich dort von Süden her türkischem und amerikanischem Druck ausgesetzt. Während des Kalten Kriegs war Russland eine bevölkerungsreiche Nation, diesmal verfügt es über eine kleinere und weiter schrumpfende Bevölkerung. Innere Konflikte vor allem im Süden werden Russland vom Geschehen im Westen ablenken und schließlich auch ohne einen Krieg in die Knie zwingen. Russland brach 1917 und 1991 zusammen. Kurz nach dem Jahr 2020 wird das russische Militär ein weiteres Mal kollabieren.

Kapitel 5
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