Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 12

Kapitel 12 - Ein goldenes Nachkriegsjahrzehnt

Der Kriegsausgang bestätigt die Vereinigten Staaten als unangefochtene Supermacht und den nordamerikanischen Kontinent als den Dreh- und Angelpunkt des internationalen Beziehungsgefüges. Die Vereinigten Staaten festigen ihre Vorherrschaft im Weltall und damit ihre Kontrolle der internationalen Schifffahrtsrouten. Wichtigstes Ergebnis des Kriegs ist ein Vertrag, der den Vereinigten Staaten das alleinige Recht zur militärischen Nutzung des Weltalls zusichert. Andere Nationen dürfen den Weltraum ausschließlich zu nicht militärischen Zwecken nutzen und unterliegen der Inspektion der Vereinigten Staaten. Es handelt sich letztlich nur um eine Anerkennung der militärischen Wirklichkeit. Die Vereinigten Staaten haben Japan und die Türkei im Weltraum besiegt und werden sich diese Vormachtstellung nicht nehmen lassen. Der Vertrag begrenzt außerdem die Zahl der japanischen und türkischen Hyperschallbomber; es ist jedoch klar, dass sich diese Klausel kaum durchsetzen lässt und lediglich eine Formel darstellt, mir der die Sieger die Besiegten erniedrigen. Der Friedensvertrag dient den Interessen der Vereinigten Staaten und wird so lange Gültigkeit haben, wie diese ihn durchsetzen können. Der eigentliche Sieger des Kriegs heißt Polen. Obwohl das Land von allen Kriegsteilnehmern die größten Verluste erlitten hat, dehnt es seinen Machtbereich erheblich aus. China und Korea befreien sich aus der Umklammerung durch Japan, das zwar sein Reich verloren, aber sein Territorium behalten und nur wenige Tausend Opfer zu beklagen hat. Japan leidet nach wie vor unter seinen Bevölkerungsproblemen, doch das ist der Preis der Niederlage. Die Türkei bleibt die führende Macht der islamischen Welt und steht einem Reich vor, das durch die Niederlage unruhig geworden ist. Doch trotz des Sieges ist man in Polen verbittert. Da die Verbündeten anderweitig beschäftigt waren, konnten die Türkei und Deutschland nach Polen vordringen. Die Zahl der zivilen Kriegsopfer geht in die Zehntausende, die Infrastruktur und die Wirtschaft des Lands liegen am Boden. Polen ist zwar in der Lage, seinen Wiederaufbau mit Hilfe der eroberten Gebiete voranzutreiben, doch der Sieg ist schmerzhaft. Deutschland, das traditionelle Feind der Polen im Westen, ist geschwächt und eine zweitrangige Nation mit eher düsteren Aussichten, während die Türken, die für den Moment zurückgeschlagen wurden, wenige hundert Kilometer entfernt im südlichen Balkan und in Südrussland sitzen. Polen verfügt über den Hafen von Rijeka und unterhält Stützpunkte in Westgriechenland, um türkische Aggressionen an der Einfahrt in die Adria zu verhindern. Doch die Türkei ist nach wie vor präsent, und die Europäer haben ein Elefantengedächtnis. Am meisten schmerzt es die Polen vermutlich, dass die Vereinigten Staaten keine Ausnahme machen und auch ihnen die militärische Nutzung des Weltalls verwehren. Gleichwohl hat das Land das Reich zurückerlangt, das es im 17. Jahrhundert besaß, und noch weit mehr. Polen schafft einen föderativen Staatenbund für seine früheren Verbündeten und gliedert Weißrussland direkt in sein Territorium ein. Der Krieg hat das Land wirtschaftlich geschwächt und weitgehend zerstört, doch es hat Zeit und Raum, um sich zu erholen. Der Sieg Polens über Deutschland und Frankreich hat das europäische Machtzentrum entschieden nach Osten verlagert. Der Niedergang der europäischen Atlantikstaaten, der 1945 begann, kommt in gewisser Hinsicht in den 2050er Jahren zum Abschluss. Die Vereinigten Staaten stehen der europäischen Vorherrschaft eines starken, selbstbewussten Polen langfristig skeptisch gegenüber. Daher ermutigen sie Großbritannien, ihren engsten Verbündeten, der entscheidend zum Sieg beigetragen hat, seinen wirtschaftlichen und politischen Einfluss auf dem Kontinent zu erweitern. Angesichts des demografischen und wirtschaftlichen Niedergangs Westeuropas und der verbreiteten Furcht vor einem polnischen Machtzuwachs organisiert Großbritannien einen Block, der merkwürdige Ähnlichkeiten mit der NATO des 20. Jahrhunderts hat und es sich zur Aufgabe setzt, Westeuropa erneut zu stärken und eine Westausdehnung Polens nach Deutschland, Österreich oder Italien zu verhindern. Die Vereinigten Staaten selbst beteiligen sich nicht, doch sie unterstützen dieses Bündnis. Interessanterweise bemühen sich die Vereinigten Staaten um eine Verbesserung ihrer Beziehung zur Türkei. Sie halten sich an das alte britische Sprichwort, nach dem Staaten keine dauerhaften Freunde oder Feinde haben, sondern nur dauerhafte Interessen. Das amerikanische Interesse besteht darin, schwächere Mächte in der Auseinandersetzung mit stärkeren zu unterstützen, um ein Machtgleichgewicht zu erhalten. Die Türkei, die das langfristige Gefahrenpotenzial Polens erkennt, lässt sich gern auf engere Beziehungen zu Washington ein, weil sie sich davon eine langfristige Existenzgarantie verspricht. Eines der Gesetze der Geopolitik lautet: Es gibt keine dauerhaften Lösungen für geostrategische Probleme. 

Doch in den 2060er Jahren hat es ähnlich wie in den 1920ern und den 1990ern den Anschein, als wäre keine unmittelbare Bedrohung und kein Herausforderer für die Vereinigten Staaten in Sicht. Zwar wissen sie inzwischen, dass dieses Gefühl der Sicherheit illusorisch ist, doch sie genießen es trotzdem. Der Krieg stellt keine Gefahr für das amerikanische Wirtschaftswachstum dar, das in den 2040er Jahren begonnen hat. Im Gegenteil, es setzt sich unvermindert fort. Über die Jahrhunderte haben die Vereinigten Staaten immer wieder von großen Kriegen profitiert. Sie bleiben unversehrt, und die zusätzlichen staatlichen Investitionen fördern das Wirtschaftswachstum. Da die Vereinigten Staaten ihre Kriege unter großem Technologieeinsatz führen, bewirkt jeder Krieg oder jede ernsthafte Bedrohung staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung. Nach dem Krieg stehen dann die jeweils neuen Technologien für die kommerzielle Nutzung zur Verfügung. Daher beginnt nach dem Krieg eine Phase des Aufschwungs, die etwa bis zum Jahr 2070 anhält und von zahlreichen gesellschaftlichen Umwälzungen begleitet wird. Der Krieg fällt etwa in die Mitte eines Fünfzig-Jahres-Zyklus der amerikanischen Wirtschaft und damit in eine Zeit größter innerer Stabilität. Die Bevölkerungsprobleme, die ohnehin nie so gravierend sind wie im Rest der Welt, sind dank einer geschickten Einwanderungspolitik und dem Ende der geburtenstarken Jahrgänge unter Kontrolle. Es herrscht ein Gleichgewicht zwischen Kapitalangebot und Konsumnachfrage, und beide nehmen zu. Die Vereinigten Staaten treten in eine Phase dramatischer wirtschaftlicher und damit gesellschaftlicher Veränderungen ein. Wenn wie in den 1940er Jahren ein Krieg in die erste Hälfte eines Fünfzig-Jahres-Zyklus fällt, beschleunigt sich der Zyklus unter dem Einfluss der Nachkriegseffekte. Das heißt, in der zweite Hälfte der 2050er beginnen wirtschaftlich und technologisch goldene Zeiten, die etwa fünfzehn Jahre anhalten. In den 2030er Jahren, nach dem Zusammenbruch Russlands, haben die Vereinigten Staaten ihre Verteidigungsausgaben gesenkt, nur um sie mit Beginn der neuen Auseinandersetzungen in den 2040er Jahren wieder drastisch anzuheben. Während des Kriegs leisten die Vereinigten Staaten Außerordentliches auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung und bringen ihre Entdeckungen umgehend zum Einsatz. Was in Friedenszeiten Jahre gedauert hätte, nimmt unter der Dringlichkeit des Kriegs nur wenige Monate und sogar nur Wochen in Anspruch. Die Vereinigten Staaten sind geradezu besessen vom Weltall. Mit dem Angriff auf Pearl Harbor im Jahr 1941 setzte sich in der Bevölkerung und vor allem im Militär die Überzeugung fest, es könne jeden Moment ein vernichtender Angriff erfolgen, vor allem dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Diese Wahrnehmung sollte die atomare Strategie des Lands für die nächsten fünfzig Jahre motivieren. Diese konstante Angst vor einem Überraschungsschlag bestimmte die gesamte militärische Planung. Nach dem Zerfall der Sowjetunion legte sich diese Furcht, doch mit dem Angriff des Jahrs 2050 lebt der Schrecken von Pearl Harbor wieder auf. Erneut wird die Furcht vor einem Überraschungsangriff zu einer nationalen Obsession, nur dass sie sich diesmal auf das Weltall richtet. Die Bedrohung ist durchaus real. Die Kontrolle des Weltalls bedeutet strategisch dasselbe wie die Kontrolle der Schifffahrtswege. Pearl Harbor hätte die Vereinigten Staaten beinahe die Kontrolle über die Weltmeere gekostet, und der Krieg der 2050er kostet sie fast die Kontrolle über das Weltall. Die daraus resultierende Angst vor dem Unerwarteten führt zur Investition von gewaltigen staatlichen und privaten Mitteln in die Raumfahrt. Daher errichten die Vereinigten Staaten eine eindrucksvolle Infrastruktur im All, die von Erdsatelliten über bemannte Raumstationen in geostationären Umlaufbahnen bis zu Mondbasen und Mondsatelliten reicht. Viele dieser Systeme werden von Robotern gesteuert oder sind selbst Roboter. Die unterschiedlichen Entwicklungen auf dem Gebiet der Robotertechnologie aus den vorhergehenden Jahrzehnten kommen nun im Weltall zusammen. Außerdem stationieren die Vereinigten Staaten nun dauerhaft militärische Einheiten im All. Ihre Aufgabe besteht vor allem in der Systemüberwachung, da Roboter, so gut sie sein mögen, alles andere als perfekt sind, und dies in den 2050er und 2060er Jahren als nationale Überlebensfrage wahrgenommen wird. Die Weltraumstreitkräfte werden zum größten Posten des Verteidigungshaushalts und zur stärksten Teilstreitkraft. Eine Vielzahl günstiger Raumfähren, vielfach kommerzielle Modelle, pendeln zwischen der Erde und den Raumstationen hin und her. Mit ihren Weltraumaktivitäten verfolgen die Vereinigten Staaten drei Ziele. Erstens wollen sie ihre Weltraumverteidigung so robust, redundant und tief aufstellen, dass keine Macht je wieder die Möglichkeit erhält, sie auszuschalten. Zweitens wollen sie in der Lage sein, jeden Versuch einer anderen Nation, gegen die eigenen Bestrebungen im All Fuß zu fassen, unterbinden zu können. Schließlich wollen sie ein massives weltraumgestütztes Arsenal von Raketen und neuen Hochenergiestrahlern errichten, um die Ereignisse auf der Erde kontrollieren zu können. Die Vereinigten Staaten sind sich im Klaren, dass sie nicht jede Bedrohung (etwa die durch Terroristen oder durch neue Bündnisse) von ihrer Warte im Weltall ausschalten können, doch sie wollen sicher sein, dass keine Nation in die Lage kommt, ihre Position zu gefährden. Die Kosten für diese militärische Infrastruktur sind gewaltig. Innenpolitisch stößt das auf geringen Widerstand, obwohl diese Kosten ein riesiges Haushaltsdefizit verursachen. Aber zugleich kurbeln sie die Wirtschaft an. Wie schon nach dem Zweiten Weltkrieg schaltet auch jetzt die Furcht jegliche Vorsicht aus. 

Die Energierevolution

Die amerikanische Weltraumbesessenheit überschneidet sich mit einem weiteren, immer dringlicheren Problem: der Energieversorgung. Während des Kriegs investieren die Vereinigten Staaten große Summen, um das Problem der Energieversorgung der Truppen vom Weltall aus zu lösen. Das System ist unwirtschaftlich, ineffizient und primitiv, doch es erreicht seinen Zweck: Es liefert den alliierten Truppen in Polen die Energie, die sie im Kampf gegen die türkischen und deutschen Invasoren benötigen. Für das Militär bietet die weltraumgestützte Energieerzeugung die Lösung für ein schwerwiegendes logistisches Problem im Kriegsgebiet. Es würde außerdem das Problem der Versorgung der neuen Energiekanonen lösen. Daher ist das Militär bereit, die Entwicklung von weltraumgestützten Kraftwerken voranzutreiben, und der Kongress ist bereit, diese zu finanzieren. Es handelt sich um eine der wichtigsten Lektionen des Kriegs, was das Projekt umso dringlicher erscheinen lässt. Zwei ähnliche Episoden der amerikanischen Geschichte erklären diese Entscheidung. Im Jahr 1956 begannen die Vereinigten Staaten mit dem Bau ihres landesweiten Autobahnnetzes. Dwight D. Eisenhower befürwortete das Projekt aus militärischen Gründen. Als Unteroffizier hatte er versucht, einen Konvoi durch die Vereinigten Staaten zu führen, und dazu Monate gebraucht. Im Zweiten Weltkrieg beobachtete er, wie die Deutschen während der Ardennenoffensive auf der Autobahn ganze Divisionen in kurzer Zeit von der Ost- an die Westfront verlegten. Der Unterschied beeindruckte ihn. Da durch den Bau eines landesweiten Autobahnnetzes generell Transportkosten und -zeiten verringert werden konnten, wurde auch das Umland der Städte mit einem Mal attraktiv. Die Städte erlebten eine rapide Dezentralisierung, die Menschen zogen in die Vorstädte und die Industrie siedelte sich außerhalb des eigentlichen Stadtge- bietes an. Das Autobahnnetz veränderte die Vereinigten Staaten,  doch ohne die militärische Begründung wäre es vermutlich nie gebaut worden. Ein zweites Beispiel stammt aus den 1970er Jahren, als das Militär gewaltige Summen in die Forschung investierte. Die Armee benötigte eine Möglichkeit, Informationen schneller zwischen den Labors auszutauschen, als dies per Post oder Kurier möglich gewesen wäre. Eine Behörde mit dem Namen Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) finanzierte ein Projekt zur Einrichtung eines Computernetzwerks, über das sich Daten über große Entfernungen hinweg austauschen ließen. Das Projekt nannte sich ARPANET. Es wurde unter großen Kosten für einen hochspezialisierten Zweck entwickelt. Aus dem ARPANET wurde schließlich das Internet, dessen Architektur und Protokolle bis in die 1990er Jahre vom Verteidigungsministerium und seinen Vertragspartnern entwickelt und verwaltet wurden. Wie die Autobahn hätte natürlich auch die Datenautobahn in einem privatwirtschaftlichen Rahmen entstehen können. Doch das war nicht der Fall. Das Militär übernahm die Kosten für die Entwicklung eines Projekts, mit dem es eines seiner logistischen Probleme lösen wollte. Die Energieautobahn entspringt einem ähnlichen Bedürfnis. Weil sie für das Militär entwickelt wird, ist sie gegenüber anderen Formen der Energieversorgung konkurrenzfähiger. Da das Militär die Entwicklungskosten und die Errichtung des Systems übernimmt, kostet die kommerziellen Nutzung dieser Energie erheblich weniger, als dies ansonsten der Fall wäre. Auf dem zivilen Sektor ist billige Energie jedoch entscheidend, zumal Roboter in der Wirtschaft eine immer größere Rolle spielen. Auch kommerzielle Raumfahrtprogramme profitieren davon, dass sie buchstäblich auf militärische Projekte aufsatteln können. Fortschrittliche kommerzielle Raumfähren senken zwar die Transportkosten, doch sie erreichen nie die Kapazitäten, die für ein Großprojekt wie die Errichtung eines weltraumgestützten Sonnenkraftwerks erforderlich sind. Das großangelegte Militärprogramm der 2050er und 2060er Jahre löst das Problem auf zweierlei Weise. Erstens senkt es die Transportstückkosten, da die Vereinigten Staaten große Mengen Material ins All transportieren und daher den Preis pro Start drücken müssen. Neue Technologien sowie die schiere Menge des zu transportierenden Materials sorgen für einen dramatischen Rückgang der Kosten sogar unter die der kommerziellen Fähren. Zweitens verfügt das System über große überschüssige Kapazitäten. Eine Lektion aus dem Krieg ist, dass den Vereinigten Staaten nach dem ursprünglichen Angriff keine zusätzlichen Kapazitäten zur Verfügung standen und sie Schwierigkeiten hatten, auf den ersten Angriff zu reagieren. Dies soll nicht wieder passieren. Daher hat die Nation einen erheblichen Überschuss an Transportkapazitäten bei einem gewaltigen Haushaltsdefizit; die private Nutzung dieser Kapazitäten trägt wesentlich zur Kostensenkung bei. Sowohl der Bau der landesweiten Autobahnen als auch die Einrichtung des Internet hatten einen wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge. Der Straßenbau beschäftigte Heere von Bauarbeitern und Ingenieuren, doch der eigentliche Boom wurde von den ungeplanten wirtschaftlichen Folgen ausgelöst. McDonald‘s war ebenso ein Produkt der Autobahn wie die Einkaufszentren der Vorstädte. Das Internet förderte den Verkauf von Servern und Rechnern, doch der Boom und die wirtschaftlichen Umwälzungen begannen erst mit Amazon, Ebay und iTunes. 

Die NASA betreibt seit den 1970er Jahren Forschung auf dem Gebiet der weltraumgestützten Energieerzeugung in Form von Sonnenenergie. Im Krieg der 2050er Jahre bringen die Vereinigten Staaten das Prinzip zum ersten Mal zum Einsatz. Im ersten Nachkriegsjahrzehnt gehört das System bereits zum Alltag. Riesige fotovoltaische Anlagen, die Sonnenlicht in elektrischen Strom umwandeln, werden in geostationären Umlaufbahnen und auf dem Mond installiert. Die Elektrizität wird in Mikrowellen umgewandelt, zur Erde gesandt, dort in elektrischen Strom zurückverwandelt und in das Stromnetz eingespeist. Die Fläche der erforderlichen Sonnensegel lässt sich mit Hilfe von Brennlinsen reduzieren, was wiederum die Transport- und Installationskosten verringert. Die Empfänger müssen zwar in abgeschirmten Regionen auf der Erde aufgestellt werden, da die Mikrowellenstrahlung von hoher Intensität ist, doch verglichen mit Atomreaktoren und Kohlekraftwerken ist die Umweltbelastung gering. Auf der Erde würden die Sonnenkollektoren unvertretbar große Flächen von der Größe ganzer Staaten einnehmen, doch im grenzenlosen Weltall verschwinden sie. Außerdem gibt es hier keine atmosphärischen Störungen, und die Sonnenkollektoren lassen sich so ausrichten, dass sie ununterbrochen bestrahlt werden. Diese Entwicklung senkt die Energiekosten, weshalb mehr energieintensive Aktivitäten möglich werden. Es ergeben sich erstaunliche unternehmerische Möglichkeiten. Das APRANET lässt sich nicht vom iPod trennen, die zweite Welle der Innovationen verändert die Wirtschaft mindestens ebenso sehr wie die erste, weshalb die Folgen aus den technischen Neuerungen in den 2060er Jahren genauso viel Wohlstand bringen werden wie die Autobahn in den 1960er und das Internet in den  2000er Jahren. Damit bauen die Vereinigten Staaten ihre geostrategische Machtposition weiter aus: Sie werden zum größten Energieproduzenten der Welt, ihre Produktionsstätten sind vor jedem Angriff geschützt. Japan, China und die meisten anderen Nationen der Welt müssen dagegen Energie importieren. Mit den Veränderungen der Energiewirtschaft werden andere Energiequellen wie fossile Brennstoffe immer unattraktiver. Andere Nationen sind nicht in der Lage, ihre eigenen Weltraumkraftwerke zu errichten, zum einen, weil ihr Militär hierfür die Entwicklungskosten nicht übernimmt, zum anderen, weil kein anderes Land sich mit den Vereinigten Staaten anlegen will. Angesichts des Machtungleichgewichts ist ein Angriff auf amerikanische Anlagen undenkbar. Die Fähigkeit, günstige Sonnenenergie zu liefern, wird somit zu einem weiteren Instrument, mit dem die Vereinigten Staaten ihre internationale Vormachtstellung zementieren. Die Welt erlebt einen geopolitischen Paradigmenwechsel. Seit Beginn der Industriellen Revolution hat die Industrie Energie nachgefragt, die nach dem Zufallsprinzip über die Welt verteilt war. Der Arabischen Halbinsel, einer an sich bedeutungslosen Region, kam wegen ihrer Ölfelder eine Schlüsselrolle zu. Mit der Einführung der weltraumgestützten Kraftwerke wird die Industrie mit einem Mal zum Energieerzeuger. Die Raumfahrt ist ein Resultat der Industrialisierung, und Industrienationen erzeugen Energie, mit der sie ihre Industrie betreiben. Der Weltraum wird wichtiger, als es Saudi-Arabien je war, und die Vereinigten Staaten kontrollieren den Zugang. Eine neue Welle amerikanischer Kultur erfasst die Welt. Erinnern wir uns, dass mit dem Begriff »Kultur« nicht nur die Kunst gemeint ist, sondern auch unser Alltag und unsere Arbeitswelt. Mehr noch als Kino und Fernsehen ist der Computer die Verkörperung der amerikanischen Kultur. Der Roboter ist die logische Fortsetzung und dramatische Vollendung des Computers. In einer Welt, die trotz des anhaltenden Bevölkerungsrückgangs weiteres wirtschaftliches Wachstum benötigt, werden die Roboter zum Motor der Produktivität. Angetrieben werden sie von den Sonnenkraftwerken im Weltall, die ausreichend Energie für deren Betrieb erzeugen. Sie werden vor allem in den führenden Industrienationen und Schwellenländern übernommen, wo die Bevölkerung inzwischen schrumpft. Die Gentechnik sorgt für weiterhin steigende Lebenserwartung und bekommt eine Reihe von genetisch bedingten Erkrankungen in den Griff. Das Ergebnis ist eine zunehmende gesellschaftliche Instabilität. Soziale Umwälzungen wie die Veränderung der Frauenrolle und der Familienstruktur, die von Europa und den Vereinigten Staaten ausgingen, erreichen nun auch den Rest der Welt. In den Entwicklungsländern kommt es zu heftigen Konflikten zwischen den Vertretern von traditionellen Werten und den veränderten gesellschaftlichen Realitäten. Sämtliche Weltreligionen werden von diesen Auseinandersetzungen erfasst. Christentum, Konfuzianismus und Islam vertreten ein traditionelles Verständnis von Familie, Sexualität und dem Verhältnis der Generationen. Doch diese traditionellen Werte werden erst in Europa und den Vereinigten Staaten und schließlich auch im Rest der Welt unterliegen. Dies führt zu großen gesellschaftlichen Spannungen. Ende des 21. Jahrhunderts versuchen viele Religionen, die medizinisch und technologisch bedingten Umwälzungen aufzuhalten. Da ein Großteil der umstrittenen Technologien aus den Vereinigten Staaten stammt und deren Modell des gesellschaftlichen Chaos sich als Norm durch setzt, werden sie zum Feindbild der Traditionalisten in aller Welt. Amerika wird als gefährlich, unkultiviert und zersetzend wahrgenommen, aber es wird mit Vorsicht behandelt, und es wird beneidet. Es ist eine Zeit internationaler Stabilität, regionaler Spannungen und gesellschaftlicher Unruhen. Außerhalb der Vereinigten Staaten denken vor allem zwei Nationen über eigene Raumfahrtprogramme nach. Zum einen Polen, das seine Föderation festigt und wegen des Friedensvertrags der 2050er Jahre noch immer zutiefst gekränkt ist. Das zweite Land, das Welt- raumambitionen hegt, ist Mexiko, das Ende der 2060er Jahre zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten der Welt vorgestoßen ist. Mexiko sieht sich als Rivalen der Vereinigten Staaten und betritt die Bühne der Weltpolitik. Noch hat es allerdings keine eigene nationale Strategie. Beide Länder schrecken davor zurück, die Vereinigten Staaten herauszufordern. Auch in anderen Schwellenländer expandiert die Wirtschaft, sobald sich ihre Bevölkerung auf einem stabilen Niveau einpendelt. Eines ist Brasilien, dessen Bevölkerung eine Generation weiter von der Stabilisierung entfernt ist als die mexikanische. Brasilien zieht ein regionales Wirtschaftsbündnis mit Argentinien, Chile und Uruguay in Erwägung, die sich ebenfalls rasch entwickeln. Brasilien denkt an eine friedliche Zusammenarbeit, doch wie so oft kommen bald auch aggressivere Überlegungen ins Spiel. Im Jahr 2060 unterhält auch Brasilien ein eigenes Raumfahrtprogramm, wenn auch kein sonderlich umfassendes, und vor allem keines, mit dem es geopolitische Absichten verfolgen würde. Länder wie Israel, Indien, Korea und der Iran unterhalten in begrenztem Umfang eigene Raumfahrtprogramme, doch keines verfügt über die Ressourcen oder die Absicht, den Vereinigten Staaten die Vorherrschaft im Weltraum streitig zu machen. Daher stehen den Vereinigten Staaten am Ende des Ersten Weltraumkriegs alle Möglichkeiten offen, und sie nutzen sie. Sie erleben ein goldenes Zeitalter, das etwa mit dem Jahr 2070 endet. 

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