Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 4

Kapitel 4 - Die neuen Gräben

Wo wird das nächste geopolitische Erdbeben eintreten und wie wird es aussehen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns die Gräben des 21. Jahrhunderts ansehen. Wie in der Geologie gibt es zahlreiche Bruchstellen, an denen zwei tektonische Platten aufeinander treffen. Ohne den Vergleich zu weit treiben zu wollen, müssen wir besonders aktive tektonische Gräben ausfindig machen, an denen die Reibung so groß werden kann, dass es zum Ausbruch kommt. Was werden also im kommenden Jahrhundert die Brennpunkte sein? Fünf Weltregionen lassen sich als mögliche Krisenherde identifizieren. Die erste ist der alles entscheidende Pazifikraum. Die Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten kontrollieren den Pazifischen Ozean. Auf der asiatischen Seite befinden sich fast ausschließlich Handelsnationen, die auf den freien Zugang zu ihren Schifffahrtsrouten angewiesen und daher von den Vereinigten Staaten abhängig sind. Allerdings sind zwei dieser Nationen – Japan und China – wichtige Mächte, die durchaus in der Lage sein könnten, die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in Frage zu stellen. Zweitens müssen wir uns die Zukunft Eurasiens nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ansehen. Seit 1991 ist die Region zersplittert und geschwächt. Russland, der Nachfolgestaat der Sowjetunion, lässt diese Phase momentan hinter sich und entwickelt ein gestärktes Selbstbewusstsein. Doch Russland befindet sich in einer geopolitisch problematischen Lage. Wenn es ihm nicht gelingt, eine erweiterte Einflusssphäre zu schaffen, läuft es Gefahr, weiter zu zerfallen. Andererseits könnte es bei der Schaffung dieser Einflusssphäre zu einer Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und Europa kommen. Drittens ist die zukünftige Gestalt Europas nach wie vor ungeklärt. Fünf Jahrhunderte lang war der Kontinent Schauplatz blutiger Kriege. In den letzten sechzig Jahren war die eine Hälfte besetzt, während die andere versuchte, einen Staatenbund zu schaffen, der künftige Kriege unmöglich machen sollte. Europa muss möglicherweise mit einem wieder erstarkten Russland, den Einmischungen der Vereinigten Staaten oder inneren Konflikten leben. Ein vierter Brennpunkt ist die islamische Welt. Sorgen bereitet weniger die Instabilität als vielmehr der mögliche Aufstieg eines Staates, der ein ideologieübergreifendes Bündnis schaffen könnte. In der Vergangenheit war die Türkei die erfolgreichste Macht der islamischen Welt. Heute ist sie ein dynamischer Staat auf dem Weg in die Moderne. Wie sieht ihre Zukunft aus, und wie entwickeln sich die übrigen islamischen Nationen? Fünftens stellt sich schließlich die Frage nach dem Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko. Unter normalen Umständen würde es sich kaum um einen globalen Brennpunkt handeln, doch als Nachbar der Vereinigten Staaten auf dem nordamerikanischen Kontinent kommt Mexiko eine größere Bedeutung zu. Als ein Land, das heute auf Rang 15 der größten Volkswirtschaften der Welt rangiert, sollte es auch unabhängig davon nicht unterschätzt werden. Aus historischen Gründen hegt Mexiko tiefe Ressentiments gegen die Vereinigten Staaten, und im Laufe des kommenden Jahrhunderts könnte es zu gesellschaftlichen Entwicklungen kommen, die sich der Kontrolle beider Nationen entziehen. Um die zukünftigen Brennpunkte beschreiben zu können, müssen wir zunächst analysieren, mit welcher Wahrscheinlichkeit und in welcher Reihenfolge jede dieser Verwerfungen zum Konflikt führt. Die Tatsache, dass an einer bestimmten Stelle Reibungen auftreten, bedeutet noch nicht, dass es zu einem Erdbeben kommen muss. Geopolitische Gräben wie die eben beschriebenen können über Jahrtausende hinweg existieren und nur gelegentlich zu leichten Erschütterungen führen. Doch angesichts dieser Vielzahl von großen Verwerfungen ist es mehr als wahrscheinlich, dass es im 21. Jahrhundert zu gravierenden Konflikten kommt.

Der Pazifikraum

Der westliche Rand des Pazifik war im letzten halben Jahrhundert die am schnellsten wachsende Wirtschaftsregion des Planeten. Hier befinden sich mit Japan und China zwei der weltgrößten Volkswirtschaften. Wie zahlreiche andere ostasiatische Nationen sind diese beiden stark vom Seehandel abhängig, sie exportieren Güter in die Vereinigten Staaten und nach Europa und importieren Rohstoffe vom Persischen Golf und dem übrigen Pazifikraum. Jede Störung des Handels würde ihnen großen Schaden zufügen. Betrachten wir zunächst Japan, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und die einzige bedeutende Industrienation, die nicht über eigene Rohstoffvorkommen verfügt. Japan muss sämtliche Rohstoffe von Öl bis Bauxit (für die Aluminiumherstellung) importieren. Ohne diese Importe würde die Produktion innerhalb weniger Monate vollständig zusammenbrechen. Wie wichtig diese Importe sind, lässt sich daran bemessen, dass Japan im Jahr 1941 Pearl Harbor überfiel, weil die Vereinigten Staaten den Zugang des Inselstaats zu Rohstoffen behindert hatten. Im Lauf der letzten Generation stieg auch China zu einer bedeutenden Industrienation auf. Die chinesische Wirtschaft expandiert schneller als jede andere, auch wenn sie noch immer erheblich kleiner ist als die der Vereinigten Staaten oder Japans. China ist heute einer der wichtigsten Akteure des Pazifikraums. In früheren Jahren war das Land weit unabhängiger von Rohstoffimporten als Japan, doch durch das anhaltende Wachstum ist China heute zum Nettoimporteur von Rohmaterialien geworden. Der Pazifikraum beheimatet heute also zwei fernöstliche Nationen, die zur Aufrechterhaltung ihres Wirtschaftswachstums auf Im- und Exporte angewiesen sind. Japan und China, in geringerem Maße auch Taiwan und Südkorea, sind von einem freien Zugang zum Pazifik abhängig, um Rohstoffe und Güter zu transportieren. Da die USMarine den Pazifik kontrolliert, sind diese Nationen auf ein gutes Verhältnis zu den Vereinigten Staaten angewiesen. Das birgt ein erhebliches Risiko. 
Auf der anderen Seite nehmen die Vereinigten Staaten große Mengen preisgünstiger Industrieprodukte aus Fernost ab, wovon die einheimischen Konsumenten profitieren. Dieser Handel hat natürlich andererseits verheerende Auswirkungen auf bestimmte Branchen und Regionen in den Vereinigten Staaten und gefährdet einen Teil der dortigen Industrie. Was Konsumenten nutzt, kann Arbeitsplätze vernichten, Löhne unter Druck setzen und für komplexe innenpolitische Auseinandersetzungen sorgen. Die Vereinigten Staaten neigen in der Regel dazu, übersensibel auf innenpolitische Fragen zu reagieren, zumal sie in außenpolitischen Fragen große Spielräume haben. Obwohl die Vereinigten Staaten also insgesamt vom Handel mit Asien profitieren, könnte sich eine Situation ergeben, in der Politiker aus innenpolitischen Erwägungen ihre Haltung zu Billigimporten revidieren. Das ist zwar unwahrscheinlich, stellt aber eine ernsthafte Bedrohung für die Interessen der fernöstlichen Nationen dar. Beinahe ein Viertel aller chinesischen Exporte ist für den amerikanischen Markt bestimmt. Sollten die Vereinigten Staaten Importe aus China einschränken oder durch Einfuhrzölle konkurrenzunfähig machen, stünde China vor einer gewaltigen Wirtschaftskrise. Japan und den anderen ostasiatischen Staaten erginge es nicht anders. Länder, die vor einer wirtschaftlichen Katastrophe stehen, handeln oft unberechenbar. Sie könnten mit aggressiven Mitteln versuchen, sich andere Märkte zu erschließen, und dabei auch auf politischen und militärischen Druck zurückgreifen. Militärisch könnten die Vereinigten Staaten den Zugang zum Pazifik nach Belieben verhindern. Wirtschaftlich sind sie zwar auf den Handel mit Ostasien angewiesen, aber nicht annähernd in dem Maße wie umgekehrt. Es wäre also durchaus denkbar, dass sie auf innenpolitischen Druck hin ihre Wirtschaftsbeziehungen mit den Nationen des Pazifikraums neu gestalten. Ein mögliches Instrument ist eine protektionistische Gesetzgebung, die sie mit ihrer militärischen Stärke durchsetzen. Die fernöstlichen Nationen hätten keinerlei effektive Handhabe gegen derartige militärische oder wirtschaftliche Maßnahmen. Subjektiv betrachtet ist ein Konflikt das letzte, was die Länder dieser Region wollen. Objektiv stehen wir jedoch vor einem massiven machtpolitischen Ungleichgewicht. Jeder Politikwechsel der Vereinigten Staaten könnte in Fernost Chaos auslösen, und ein solcher Politikwechsel ist keineswegs ausgeschlossen. Sollten die Vereinigten Staaten beispielsweise China mit Sanktionen drohen, um dessen Ölimporte einzuschränken, wäre dies ein vernichtender Schlag gegen die nationalen Sicherheitsinteressen des Lands. Daher muss China seine wachsende wirtschaftliche Macht nutzen, um militärische Optionen gegen die Vereinigten Staaten vorzubereiten. Damit handelt China nur nach einem bewährten Prinzip der geostrategischen Planung: Hoffe das Beste, erwarte das Schlimmste. In den vergangenen fünfzig Jahren haben die Nationen entlang des Westpazifik ihre wirtschaftliche Macht ausgebaut, ohne ihre militärische Macht zu vergrößern. Daher ist Ostasien äußerst verwundbar. China und Japan bleibt gar keine andere Wahl, als im kommenden Jahrhundert ihre Streitkräfte auszubauen, was die Vereinigten Staaten wiederum als Bedrohung für ihre Kontrolle des Pazifik auffassen werden. Sie werden diese defensiven Maßnahmen als Aggression wahrnehmen, was sie natürlich objektiv – ganz unabhängig von den jeweiligen chinesischen und japanischen Absichten – auch sind. Wenn wir die ebenfalls wirtschaftlich expandierenden Nationen Taiwan und Südkorea hinzunehmen, ist leicht erkennbar, warum sich diese Region im 21. Jahrhundert in ein Pulverfass verwandelt. Angesichts der zu erwartenden großen Ölpreissprünge müssen sich die ostasiatischen Nationen zudem auf die Möglichkeit einstellen, dass die Vereinigten Staaten große Mengen Energie für ihren eigenen Verbrauch reservieren werden. Für die kommenden zwanzig bis fünfzig Jahre ist dies ein durchaus realistisches Szenario, auf das sich jede vernünftige fernöstliche Macht vorbereiten sollte. Und ein letzter, spezifischerer Aspekt der Herrschaft über den Pazifik besteht in der Kontrolle der Energietransportwege. Je teurer das Öl und je weiter entfernt der Einsatz von nicht-fossilen Energiequellen, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer Auseinandersetzung um diese Transportrouten. Vor diesem Hintergrund der extrem unausgewogenen Machtverhältnisse in der Region, der bevorstehenden Energiekrisen und der Frage nach dem Zugang zum amerikanischen Markt wird der Pazifikraum zu einer gewaltigen geopolitischen Verwerfungszone. 

Eurasien

Während fast der gesamten zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kontrollierte die Sowjetunion Eurasien von Ostdeutschland bis zum Pazifik und im Süden bis zum Kaukasus und dem Hindukusch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rückte die Grenze beinahe anderthalbtausend Kilometer nach Osten, von der Elbe bis zur Grenze zwischen Russland und Weißrussland. Vom Hindukusch verschob sie sich anderthalbtausend Kilometer nach Norden, an die Grenze zwischen Russland und Kasachstan. Russland wurde von der türkischen Grenze in den Nordkaukasus zurückgedrängt, wo es sich noch immer versucht zu halten. Der russische Machtbereich hat sich seit Jahrhunderten nicht so weit nach Osten verschoben, während er sich zu Zeiten des Kalten Kriegs weiter nach Westen verlagert hatte als je zuvor. In den kommenden Jahrzehnten werden sich die Vorposten des russischen Machtbereichs irgendwo zwischen diesen beiden Extremen einpendeln. Nach dem Zerfall der Sowjetunion drängten ausländische Mächte heran, um sich Teile der russischen Wirtschaft zu sichern, und stürzten dabei das Land in Chaos und Armut. Gleichzeitig versuchten sie, möglichst große Gebiete des früheren sowjetischen Einflussbereichs unter ihre Kontrolle zu bekommen. Die osteuropäischen und die baltischen Staaten wurden in die NATO und die Europäische Union aufgenommen. Die Vereinigten Staaten gingen enge Beziehungen zu Georgien und vielen der zentralasiatischen »-stans« ein. Diese Beziehungen verstärkten sich nach dem 11. September 2001, als Russland den US-Streitkräften die Erlaubnis erteilte, für ihren Einsatz in Afghanistan die Infrastruktur der Region zu nutzen. Die wichtigste Entwicklung war jedoch die Hinwendung der Ukraine zum Westen – dies stellte einen entscheidenden Bruch in der russischen Geschichte dar. Mit der ukrainischen »Orangenen Revolution« im Dezember 2004 und Januar 2005 endete für Russland die Ära nach dem Kalten Krieg. In Russland betrachtete man die Ereignisse in der Ukraine als Versuch der Vereinigten Staaten, Kiew in die NATO zu integrieren und damit die Zerschlagung Russlands vorzubereiten. Diese Sichtweise war nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn es dem Westen gelungen wäre, die Ukraine auf seine Seite zu ziehen, wäre Russland militärisch nicht mehr zu verteidigen gewesen. Die Südgrenze mit Weißrussland wäre genauso offen gewesen wie die Südwestgrenze. Dazu kommt, dass die Ukraine nur 600 Kilometer von Kasachstan entfernt ist, und nur über diese schmale Brücke hätte dann Moskau noch seine Macht auf den Kaukasus ausüben können. Es ist denkbar, dass Russland unter diesen Umständen seine Kontrolle über den Kaukasus verloren hätte und sogar gezwungen gewesen wäre, sich aus Tschetschenien nach Norden zurückzuziehen. Damit hätte Moskau selbst Teile der russischen Föderation aufgegeben und wäre an seiner Südflanke hochgradig verwundbar gewesen. Russland wäre Gefahr gelaufen, weiter zu zerfallen und auf seine mittelalterlichen Grenzen zurückzuschrumpfen. Das hätte in Eurasien Chaos zur Folge gehabt, wäre aber den Vereinigten Staaten sicher nicht ganz unrecht gewesen, da es, wie wir gesehen haben, zu ihrer Strategie gehört, Eurasien zu spalten, um auf diese Weise die Kontrolle der Weltmeere zu sichern. Die Vereinigten Staaten hatten also allen Grund, diese Entwicklung zu forcieren und Russland hatte allen Grund, sich ihr entgegenzustellen. Nach der Orangenen Revolution, die Russland als Versuch des Westens deutete, das eigene Land weiter zu schwächen, intensivierte Moskau die Bemühungen, den Einfluss über das Gebiet der früheren Sowjetunion wiederzuerlangen. Der Rückzug der russischen Macht endete an der Grenze zur Ukraine. Seither expandiert Russland seinen Einfluss in drei Richtungen: nach Zentralasien, in den Kaukasus und natürlich in Richtung Westen, also in Richtung der baltischen Staaten und Osteuropa. Bis zum Jahr 2020 wird das vordringliche Anliegen Russlands darin bestehen, sein Territorium wiederherzustellen und seine Macht in der Region auszubauen.
Interessanterweise geht dieser geopolitische mit einem wirtschaftlichen Kurswechsel einher. Wladimir Putin betrachtet Russland nicht mehr vorrangig als Industrienation, sondern vor allem als Rohstoff- und Energielieferanten. Indem er die Energieindustrie unter staatliche Kontrolle bringt, drängt er ausländische Interessen aus dem Geschäft und richtet die Branche auf den Export vor allem nach Europa aus. Hohe Energiepreise haben Russland geholfen, seine Wirtschaft wieder zu stabilisieren. Doch Putins Anstrengungen richten sich nicht allein auf die Energie, sondern auch auf die Land- und Forstwirtschaft, Edelmetalle, Diamanten und andere Exportgüter. Damit führt er Russland aus dem wirtschaftlichen Ruin und macht es zwar noch nicht zu einer wohlhabenden, immerhin aber zu einer produktiveren Nation. Außerdem gibt er Russland ein Instrument an die Hand, mit dem es Europa einschüchtern kann: den Gashahn. Russland expandiert an allen Fronten. Ein Teil seiner Energie richtet sich auf Zentralasien, wo es in der nahen Zukunft erfolgreich sein wird. Schwieriger wird es in der entscheidenderen Kaukasusregion, wofür der Krieg gegen Georgien im August 2008 als erstes Beispiel gelten kann. Russland wird nicht zulassen wollen, dass sich weitere Teile der Russischen Föderation abspalten. Daher wird es vor allem im kommenden Jahrzehnt zu Reibungen mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern der Region kommen. Der eigentliche Krisenherd wird jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit die russische Westgrenze sein. Von allen Staaten der früheren Sowjetunion hat Weißrussland im geringsten Umfang politische und wirtschaftliche Reformen durchgeführt und hat das größte Interesse an der Gründung einer Neuauflage der Sowjetunion. Durch eine enger werdende Verbindung wird es Russland dabei unterstützen, seine Macht auf das Gebiet der früheren Sowjetunion auszudehnen. Von den Staaten des Baltikums bis nach Rumänien erstreckt sich ein historisch konfliktreiches Gebiet mit unsicheren Grenzverläufen. Durch den Norden dieses Streifens verläuft die nordeuropäische Tiefebene, die von den Pyrenäen bis nach Petersburg reicht. Hier wurden die großen europäischen Kriege ausgetragen. Napoleon und Hitler wählten die Tiefebene als Aufmarschgebiet für ihre Russlandfeldzüge. Da es hier keine natürlichen Hindernisse gibt, versucht Russland traditionell, seine Grenze so weit wie möglich nach Westen zu verlagern, um eine Pufferzone zu schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg drang es auf dieser Ebene bis nach Deutschland vor. Heute hat es sich weit nach Osten zurückgezogen, doch es wird versuchen, sich erneut so weit wie möglich nach Westen vorzuschieben. Das heißt, dass die baltischen Staaten und Polen einmal mehr ein Problem für Russland darstellen. Die Festlegung der neuen russischen Einflusssphäre wird Konflikte verursachen. Die Vereinigten Staaten und die Länder im früheren sowjetischen Machtbereich werden ein weiteres Vordringen Russlands verhindern wollen. Eine Rückkehr unter die russische Herrschaft ist das letzte, was die baltischen Staaten wollen. Das trifft auch auf die südlich der Tiefebene gelegenen Staaten in den Karpaten zu. Die ehemaligen sowjetischen Satelliten, allen voran Polen, Ungarn und Rumänien, sind sich im Klaren, dass eine Rückkehr der russischen Armee an ihre Grenzen eine ernsthafte Bedrohung für ihre nationale Sicherheit darstellen würde. Da sich diese Staaten der NATO angeschlossen haben, sind ihre Interessen eng mit denen der Westeuropäer und der Vereinigten Staaten verknüpft. Die Frage ist also, wo die westliche Grenze des russischen Einflussgebietes verlaufen wird. Es handelt sich um ein historisches Problem, das Europa seit mehr als hundert  Jahren beschäftigt. Russland wird zwar im kommenden Jahrzehnt nicht wieder zur Weltmacht aufsteigen, doch es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als zu einer Regionalmacht zu werden. Dies führt automatisch zu Konflikten mit Europa und sorgt dafür, dass die russisch-europäische Grenze zu einem wichtigen Brennpunkt wird.

Europa

Nach zwei verheerenden Weltkriegen und dem Verlust seiner Kolonialreiche befindet sich Europa noch immer in einem Prozess der Neuorganisation, und es bleibt abzusehen, ob diese weiterhin friedlich verlaufen wird. Europa wird sein Weltreich nicht wiedererlangen, doch wir sollten uns näher ansehen, inwieweit die etwas selbstzufriedene Gewissheit, dass es auf dem alten Kontinent nie wieder zum Krieg kommen wird, tatsächlich berechtigt ist. Das hängt von der Frage ab, ob Europa ein erloschener oder ein schlafender Vulkan ist. Die Europäische Union erwirtschaftet ein Bruttoinlandsprodukt von mehr als 14 Billionen US-Dollar pro Jahr und damit rund eine Billion mehr als die Vereinigten Staaten. Es ist durchaus möglich, dass eine derart wohlhabende und vielfältige Region gegen Konflikte immun ist, aber garantiert ist dies keineswegs. Trotz der Existenz der Europäischen Union wäre es wenig sinnvoll, so zu tun, als sei der Kontinent eine geschlossene Einheit. Europa ist nach wie vor nicht mehr als eine Ansammlung souveräner Einzelstaaten mit ihren jeweils eigenen Interessen. Statt von einem Europa zu sprechen, wäre es daher sinnvoller, den Kontinent in vier Regionen aufzuteilen (wobei ich Russland und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion hier ausnehme – sie gehören zwar geografisch zu Europa, unterliegen aber einer anderen Dynamik): 

1. Die europäischen Atlantikstaaten: Länder, die direkt an den Atlantik grenzen und während der letzten 500 Jahre wichtige Kolonialmächte waren. 

2. Zentraleuropa: Vorrangig Deutschland und Italien, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als moderne Nationalstaaten gegründet wurden. Der Versuch, ihre nationalen Interessen durchzusetzen, war die Ursache der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. 

3. Osteuropa: Die Länder zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, die während des Zweiten Weltkriegs von russischen Truppen besetzt wurden und ihre nationale Identität heute über diese Erfahrung definieren. 

4.Dazu kommt ein viertes, wenngleich weniger bedeutendes Europa:  Skandinavien. 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die europäischen Atlantikstaaten das imperialistische Herz der Welt. Die zentraleuropäischen Staaten waren die Zuspätgekommenen und Herausforderer. Die Osteuropäer waren die Opfer. Zwei verheerende Weltkriege drehten sich um die Grundsatzfrage: Welchen Status sollte Deutschland innerhalb des europäischen Gefüges einnehmen? Deutschland, das keinen Platz im imperialistischen System der Atlantikstaaten hatte, wollte dieses System stürzen und seine Vorherrschaft durchsetzen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutschland zerstört, geteilt und besetzt, im Osten von der Sowjetunion, im Westen von Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Mit dem Beginn der Konfrontationen mit der Sowjetunion wurde Westdeutschland zum unersetzlichen Verbündeten der Vereinigten Staaten und der NATO. Die Wiederbewaffnung Westdeutschlands stellte allerdings ein Problem dar: Wenn der deutsche Machtzuwachs für zwei Weltkriege verantwortlich war und wenn nun Westdeutschland erneut zu einer europäischen Macht aufstieg – wer sollte dann garantieren, dass es nicht zu einem dritten europäischen Krieg kam? Daher musste Westdeutschland in die NATO eingebunden werden, das heißt, die Bundeswehr musste effektiv unter amerikanischen Oberbefehl gestellt werden. Doch die umfassendere Antwort lag in der Integration Westdeutschlands in ein Gesamteuropa. In den 1950er Jahren wurde neben der NATO auch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet. Die Europäische Union, die schließlich aus ihr hervorging, ist ein schizophrenes Gebilde. Ihr Hauptanliegen besteht in der Schaffung eines europäischen Wirtschaftsraums, während die Mitgliedstaaten ihre politische Souveränität weitgehend behalten. Gleichzeitig soll sie der Vorläufer eines europäischen Staatenbundes mit einer Zentralregierung, einem Parlament und einer gemeinsamen Verwaltung sein; diese europäische Regierung soll für die Außen- und Verteidigungspolitik zuständig sein, während die nationale Eigenständigkeit auf einheimische Belange beschränkt wird. Europa ist allerdings von diesem Ziel noch weit entfernt. Es hat eine Freihandelszone geschaffen und eine Einheitswährung eingeführt, die von einigen seiner Mitglieder verwendet wird und von anderen nicht. An der Verabschiedung einer politischen Verfassung ist die Europäische Union jedoch gescheitert, die Einzelstaaten bewahren sich ihre nationale Souveränität. Eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik hat sich bislang nicht verwirklichen lassen. Diese ist nach wie vor Sache der NATO, doch nicht alle NATO-Staaten (allen voran die Vereinigten Staaten) sind Mitglieder der Europäischen Union. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden einzelne osteuropäische Staaten Mitglieder der Europäischen Union und der NATO. Vereinfacht gesagt, ist Europa nach dem Kalten Krieg ein gutartiges Durcheinander. Es ist vollkommen unmöglich, das Geflecht der hochkomplizierten und ambivalenten institutionellen Beziehungen zu entwirren, das im Laufe der Jahrzehnte entstanden ist. Früher führte diese Art der Verwirrung in Europa zu Kriegen. Doch mit Ausnahme des ehemaligen Jugoslawien hat Europa keine Gelüste auf Konflikt, Krieg und Chaos mehr. Dies ist ein außergewöhnlicher psychologischer Wandel. Wo vor 1945 Jahrhunderte lang Krieg und Gewalt auf der Tagesordnung standen, verursacht heute selbst das Durcheinander der europäischen Institutionen nicht mehr als müde politische Rhetorik. Unter der Oberfläche der Europäischen Union bestehen die alten Nationalismen jedoch weiter fort, wenngleich in abgemilderter Form. Das wird vor allem in den wirtschaftlichen Verhandlungen deutlich. So besteht beispielsweise Frankreich darauf, seine Bauern vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, und hält sich nicht an die Vereinbarung zur Begrenzung des Haushaltsdefizits. In einem geopolitischen Kontext tritt Europa daher nach wie vor nicht geschlossen auf.
Es ist also wenig sinnvoll, so zu tun, als sei Europa eine Einheit wie etwa die Vereinigten Staaten oder China. Es handelt sich um einen lockeren Zusammenschluss unabhängiger Staaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg und dem Verlust ihrer Kolonialreiche noch immer unter Schock stehen. In geopolitischen Zusammenhängen verhalten sich Einzelstaaten gemäß ihrer nationalen Interessen. Die entscheidenden Interaktionen finden nicht zwischen Europa und dem Rest der Welt statt, sondern zwischen den europäischen Einzelstaaten. In diesem Sinne ist Europa eher mit Lateinamerika als mit einer Großmacht zu vergleichen. Nationen wie Argentinien und Brasilien verwenden einen großen Teil ihrer Energie darauf, ihr Verhältnis zu ihren unmittelbaren Nachbarn zu klären, wohl wissend, wie begrenzt ihr globaler Einfluss ist. Russland stellt die unmittelbarste geostrategische Bedrohung für Europa dar. Russland hat zwar kein Interesse an einer Eroberung Europas, doch geht es ihm darum, seinen Einfluss über die Staaten der ehemaligen Sowjetunion wiederherzustellen. Aus russischer Sicht handelt es sich um den verständlichen Versuch, sich eine minimale Einflusssphäre zu verschaffen, die in erster Linie dem eigenen Schutz dienen würde. Diese Absicht betrifft auch die drei baltischen Staaten, die heute in europäische Institutionen integriert sind. Offensichtlich haben insbesondere die osteuropäischen Staaten ein Interesse daran, einen neuerlichen Aufstieg Russlands zu verhindern. Die Frage ist jedoch, wie sich der Rest Europas, insbesondere Deutschland, verhalten wird. Heute hat Deutschland eine komfortable Pufferzone zwischen sich und Russland und kann sich auf seine eigenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme konzentrieren. Dazu kommt, dass das Erbe des Zweiten Weltkriegs Deutschland nach wie vor stark belastet. Deutschland hat kein Interesse an einem Alleingang, sondern will im Verbund mit einem vereinten Europa handeln. Die künftige Position Deutschlands ist schwer vorherzusehen. Das Land hat gelernt, wie gefährlich es ist, nationale Interessen durchsetzen zu wollen. In den Jahren 1914 und 1939 ging es Deutschland darum, mit Entschiedenheit auf geopolitische Bedrohungen zu reagieren, und beide Male endete dieser Versuch in einer Katastrophe. Aus Sicht der Deutschen ist es daher extrem gefährlich, sich außerhalb einer breiten Koalition auf politische und militärische Experimente einzulassen. Für die europäischen Atlantikstaaten wiederum ist Deutschland ein Puffer gegenüber Russland; eine Gefahr für die Staaten des Baltikums berührt ihre Interessen nicht. Daher werden sie keine Notwendigkeit sehen, sich einem deutschen Bündnis gegen Russland anzuschließen, weshalb es am wahrscheinlichsten ist, dass Deutschland nichts unternimmt und die Vereinigten Staaten in geringem Umfang aktiv werden, wenn Russland seinen Einflussbereich tatsächlich erneut über seine Grenzen hinaus nach Osteuropa ausdehnt. Es ist jedoch ein weiteres Szenario denkbar. Wenn Deutschland im russischen Einfluss auf das Baltikum eine direkte Gefahr für Polen – ein notwendiger Bestandteil der deutschen Sicherheitsinteressen – erkennt, könnte Deutschland eine offensivere Politik verfolgen und versuchen, Polen zu beschützen, indem es selbst auf dem Baltikum aktiv wird. In diesem Szenario könnte Deutschland versuchen, selbst die baltischen Staaten unter seinen Einfluss zu bekommen. Da Russland nicht einfach das Feld räumen wird, sieht sich Deutschland einem längeren Ringen um den Einfluss in Polen und der Karpatenregion ausgesetzt. Während der Rest Europas versuchen wird, sich aus dem Konflikt herauszuhalten, wird Deutschland eine traditionelle Machtpolitik entwickeln, die nicht an seine aggressive Vergangenheit anknüpft. Durch den effektiven Machtzuwachs setzt ein psychologischer Wandel ein. Mit einem Mal tritt das vereinte Deutschland wieder selbstbewusst auf. Was als defensive Strategie begann, entwickelt sich in unvorhergesehener Weise. Dies ist allerdings nicht das wahrscheinlichste Szenario. Trotzdem könnten die Umstände Deutschland dazu zwingen, Russland als Bedrohung sowie Polen und das übrige Osteuropa als Einflusssphäre und Pufferzone gegen Russland anzusehen. Das hängt davon ab, wie aggressiv Russland vorgeht, wie hartnäckig sich die baltischen Staaten widersetzen, welche Risiken Polen einzugehen bereit ist und in wieweit sich die Vereinigten Staaten einmischen. Letztlich hängt es jedoch an der deutschen Innenpolitik. Im Innern ist Europa nach wie vor untätig und verarbeitet den Schock seiner Verluste. Doch äußere Kräfte wie die islamische Einwanderung und der Versuch Russlands, das Sowjetimperium wiederherzustellen, könnten den früheren Brennpunkt wieder aktiv werden lassen.

Die islamische Welt

Wir haben die islamische Welt als möglichen Krisenherd bereits angesprochen. Die gegenwärtige Krise ist weitgehend eingedämmt, doch die islamische Welt als Ganze bleibt instabil. Diese Instabilität wird nicht zu einer allgemeinen Revolte führen, doch es stellt sich die Frage, ob nicht einer der islamischen Staaten die Schwäche der anderen ausnutzt, um sich als Regionalmacht zu etablieren. Indonesien, die bevölkerungsreichste muslimische Nation der Welt, ist dazu kaum in der Lage. Pakistan ist der zweitgrößte muslimische Staat und Nuklearmacht, doch das Land ist innerlich derart zerrissen, dass eine Entwicklung zu einer regionalen Hegemonialmacht kaum vorstellbar ist. Dazu kommt, dass es zwischen Afghanistan im Westen, China und Russland im Norden und Indien im Osten eingekeilt ist. Aufgrund der inneren Instabilität und seiner geografischen Lage wird Pakistan nicht zu einem führenden islamischen Staat werden. Nach Indonesien und Pakistan gibt es drei weitere wichtige islamische Nationen: Ägypten ist mit 80 Millionen Einwohnern die größte der drei, die Türkei mit 71 Millionen Einwohnern die zweitgrößte und der Iran mit 65 Millionen Einwohnern die drittgrößte. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 660 Milliarden US-Dollar steht die Türkei auf Rang 17 der größten Volkswirtschaften der Welt. Der Iran belegt mit einem Bruttoinlandsprodukt von 300 Milliarden US-Dollar Rang 29 und Ägypten mit 125 Milliarden US-Dollar Rang 52. Die türkische Wirtschaft verzeichnete in den vergangenen fünf Jahren ein Wachstum zwischen 5 und 8 Prozent pro Jahr und gehört damit zu den am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften. Von einer zweijährigen Rezession abgesehen hatte auch der Iran in den vergangenen fünf Jahren ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 6 Prozent, ebenso wie Ägypten. Beide Länder expandieren rasch, wenngleich im Vergleich zur Türkei auf einer erheblichen schwächeren Ausgangsbasis. Natürlich ist die Größe der Volkswirtschaft nicht alles. Der Iran scheint geopolitisch die aggressivere Nation zu sein, doch genau das ist seine Schwäche. Bei dem Versuch, sein Regime gegen die Vereinigten Staaten, sunnitische Muslime und anti-iranische arabische Staaten zu schützen, sieht sich der Iran immer wieder zu überhasteten Aktionen gezwungen. Dadurch lenkt er die Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten auf sich, die den Iran unweigerlich als mögliche Bedrohung einstufen. Aufgrund seiner Interessen im Persischen Golf und dem Irak gerät der Iran in Konflikt mit den Vereinigten Staaten. Das bedeutet, dass er Ressourcen abstellen muss, um sich gegen einen möglichen amerikanischen Angriff zu schützen, und das zu einer Zeit, in der seine Volkswirtschaft rasch wachsen müsste, um in der Region eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Der Iran ist den Vereinigten Staaten ein Dorn im Auge. Sollten sich diese ausreichend bedroht fühlen, wären sie in der Lage, den Iran zu zerstören. Der Iran ist außerstande, zu einer Regionalmacht aufzusteigen, solange die Vereinigten Staaten mit Argusaugen jede seiner Bewegungen verfolgen. Dazu kommt eine geografisch problematische Lage. Der Iran liegt am Rand der Region. Im Osten grenzt er an Afghanistan, wo es wenig zu gewinnen gibt. Bei dem Versuch, seinen Einfluss nach Norden auszudehnen, würde der Iran unweigerlich mit Russland kollidieren. Bleibt der Irak, doch der hat sich in einen Sumpf verwandelt, und jede Ausdehnung in diese Richtung würde arabische und amerikanische Reaktionen provozieren. Der Iran hat kaum Möglichkeiten, sein Einflussgebiet in der Region auszudehnen, denn jede Initiative kostet mehr, als sie bringt. Ägypten ist die größte der arabischen Nationen und traditionell deren Sprecher. Unter Gamal Abdel Nasser unternahm das Land den Versuch, sich an die Spitze der arabischen Nationen zu setzen. Diese sind jedoch traditionell zerstritten, und Ägypten verärgerte SaudiArabien und andere wichtige Staaten. Nach dem Friedensvertrag mit Israel im Jahr 1978 unterließ Ägypten weitere Anstrengungen, seinen Einfluss auszudehnen. Aufgrund seiner schwachen Wirtschaft und seiner relativen geografischen Isolierung ist kaum vorstellbar, dass Ägypten in absehbarer Zeit zu einer Regionalmacht aufsteigen könnte. Es ist wahrscheinlicher, dass das Land wie so oft in den vergangenen Jahrhunderten unter den Einfluss einer anderen Nation fällt, etwa der Türkei, der Vereinigten Staaten oder Russlands. Ganz anders die Türkei. Sie ist nicht nur eine moderne Nation, sondern verfügt über die mit Abstand leistungsstärkste Volkswirtschaft der Region, wenn nicht sogar die einzige moderne Wirtschaft der gesamten islamischen Welt. Wichtiger noch, die Türkei liegt an einem strategisch wichtigen Punkt an der Schnittstelle von Europa, dem Nahen Osten und Russland. Die Türkei ist weder isoliert noch anderweitig eingeschränkt. Sie liegt strategisch günstig und kann ihren Einfluss in unterschiedliche Richtungen ausdehnen. Vor allem aber stellt sie keine Gefahr für die amerikanischen Sicherheitsinteressen dar und muss daher nicht mit einer ständigen Bedrohung durch die Vereinigten Staaten leben. Das heißt, sie ist nicht gezwungen, Ressourcen zu ihrer Verteidigung gegen die Vereinigten Staaten abzuzweigen. Dank ihrer expandierenden Wirtschaft wird sie bald ihre alte Rolle als Vormacht der Region einnehmen können. Erinnern wir uns, dass die Türkei bis zum Ersten Weltkrieg über ein bedeutendes Imperium herrschte und die mächtigste islamische Nation der Welt war. Zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert war sie sogar die führende Macht im Mittelmeerraum und kontrollierte nicht nur Nordafrika und die Levante, sondern auch Südosteuropa, den Kaukasus und die Arabische Halbinsel. Nach dem Verlust dieses Reichs im Jahr 1918 verwandelte sich die Türkei in einen säkularen Staat mit einer islamischen Bevölkerung.
Die Türkei ist ein komplexes Land mit einer säkularen und vom Militär geschützten Verfassung einerseits und einer stetig wachsenden radikal-islamischen Bewegung andererseits. Es ist nicht absehbar, welche Staatsform das Land schließlich annehmen wird. Angesichts des Chaos, das seit der amerikanischen Irak-Invasion im Jahr 2003 herrscht, kommt nur die Türkei, ein Verbündeter der Vereinigten Staaten, als ernsthafter Kandidat für eine Führungsrolle in der Region in Frage.

Mexiko

Wer im Jahr 1950 vorhergesagt hätte, dass Deutschland und Japan fünfzig Jahre später zu den führenden Wirtschaftsmächten der Welt gehören würden, der hätte sich vermutlich lächerlich gemacht. Und wer 1970 behauptet hätte, dass China bis zum Jahr 2007 über die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt verfügen würde, der hätte wahrscheinlich nicht weniger Lacher geerntet. Nicht weniger absurd wäre es gewesen, im Jahr 1800 zu prognostizieren, dass die Vereinigten Staaten im Jahr 1900 an der Schwelle zur Weltmacht stehen würden. Doch die Dinge ändern sich, und wir sollten uns darauf einstellen, dass das eintritt, was wir am wenigsten erwarten. Wir sollten daher an dieser Stelle festhalten, dass Mexiko im Jahr 2007 gleich hinter Australien auf Rang 15 der größten Volkswirtschaften der Welt rangierte. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 12 000 US-Dollar pro Jahr steht Mexiko allerdings erheblich schlechter da, nämlich auf Rang 60, neben der Türkei, aber immer noch weit vor China. Das Pro-Kopf-Einkommen spielt zwar eine wichtige Rolle, doch in geopolitischen Zusammenhängen ist die absolute Größe einer Volkswirtschaft entscheidend. Armut und Ungleichverteilung des Wohlstands stellen ein Problem dar, doch allein die absolute Größe der Wirtschaft entscheidet darüber, welche Ressourcen ein Land für seinen Verteidigungshaushalt bereitstellen kann. Die Sowjetunion und China hatten vergleichsweise niedrige Pro-Kopf-Einkommen, doch dank der schieren Größe ihrer Volkswirtschaften wurden sie zu bedeutenden Mächten. Wirtschaftliche Stärke und Bevölkerungsreichtum haben in der Vergangenheit immer dafür gesorgt, dass man mit einem Land rechnen musste, egal wie verbreitet die Armut war. Im Jahr 1950 hatte Mexiko 27 Millionen Einwohner. In den nächsten fünfzig Jahren stieg diese Zahl auf 100 Millionen, und im Jahr 2005 waren es 107 Millionen. Für das Jahr 2050 erwarten die Vereinten Nationen eine Gesamtbevölkerung von 114 bis 139 Millionen, wobei die niedrigere Zahl die wahrscheinlichere sein dürfte. Nachdem sich die Einwohnerzahl in den vergangenen fünfzig Jahren vervierfacht hat, wird sie in den kommenden fünfzig Jahren so gut wie stabil bleiben. Anders als die wohlhabenden Industrienationen wird Mexiko allerdings keinen Bevölkerungsverlust erleiden, weshalb das Land ausreichend Arbeitnehmer hat, um weiter zu expandieren. Hinsichtlich seiner Größe und Bevölkerung ist Mexiko also alles andere als ein kleines Land. Der Drogenkrieg sorgt zwar für Instabilität, doch im Jahr 1970 herrschte auch in China noch das Chaos. Instabilität lässt sich überwinden. Es gibt in aller Welt eine Vielzahl von Ländern wie Mexiko, die man nicht als geopolitische Brennpunkte bezeichnen würde. Doch Mexiko unterscheidet sich in einem entscheidenden Aspekt von Indien oder Brasilien: Es liegt auf dem nordamerikanischen Kontinent, der, wie wir gesehen haben, heute der Dreh- und Angelpunkt des internationalen Beziehungsgefüges ist. Es grenzt sowohl an den Pazifik als auch an den Atlantik und hat eine lange, problematische Grenze mit den Vereinigten Staaten. Mexiko hat in der Vergangenheit mit seinem nördlichen Nachbarn einen größeren Krieg um die Vorherrschaft auf dem Kontinent geführt und verloren. Die mexikanische Wirtschaft und Gesellschaft sind aufs Engste mit den Vereinigten Staaten verbunden. Die strategisch günstige Lage und seine zunehmende wirtschaftliche Bedeutung machen das Land zu einem möglichen Brennpunkt. Um diesen Brennpunkt besser zu verstehen, möchte ich an dieser Stelle einen kurzen Exkurs über den Begriff des »Grenzlands“ einschieben. Zwischen zwei benachbarten Ländern liegen häufig Regionen, die in der Vergangenheit mal zu der einen, mal zu der anderen Seite gehörten. Ein Beispiel sind Elsass und Lothringen. Beide Regionen zeichnen sich durch eine einmalige Mischkultur aus. Ihre Bewohner fühlen sich unterschiedlichen Nationen verbunden und sprechen Deutsch, Französisch und einen regionalen Dialekt. Heute gehören beide Gebiete zu Frankreich, doch unabhängig davon, wer sie politisch kontrolliert, handelt es sich um eine Grenzregion mit zwei Kulturen und gewissen inneren Spannungen. Ähnliche Grenzgebiete gibt es in aller Welt. Nordirland ist die Grenzregion zwischen England, Schottland und Irland, Kaschmir zwischen Indien und Pakistan und der Kosovo zwischen Serbien und Albanien. Ähnlich verschwommen ist das Grenzland zwischen Polen und Russland oder zwischen Quebec und den Vereinigten Staaten. Jede dieser Regionen ist durch mehr oder weniger große innere Spannungen gekennzeichnet. Auch im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten leben Mexikaner und Amerikaner in einer Mischkultur. Das Grenzland verläuft nördlich und südlich der gemeinsamen Grenze: Die  mexikanische Seite ist anders als das übrige Mexiko und die amerikanische Seite anders als die übrigen Vereinigten Staaten. Wie jedes Grenzgebiet hat auch dieses seine unverwechselbare Kultur, mit einem Unterschied: Die Mexikaner, die auf beiden Seiten der Grenze leben, fühlen sich Mexiko verbunden, und die Amerikaner fühlen sich den Vereinigten Staaten verbunden. Die wirtschaftliche und kulturelle Mischung ist zutiefst spannungsgeladen, vor allem deshalb, weil immer mehr Mexikaner über die Grenze in die Vereinigten Staaten strömen, während Amerikaner nicht nach Süden über die mexikanische Grenze auswandern. Die meisten Grenzregionen haben mehrfach den Besitzer gewechselt, das amerikanisch-mexikanische Grenzland bisher nur einmal. Nordmexiko wurde nach der texanischen Rebellion der Jahre 1835 bis 1836 allmählich von den Vereinigten Staaten in Besitz genommen. Höhepunkt war der Amerikanisch-Mexikanische Krieg von 1846 bis 1848, in dem sich die Vereinigten Staaten Nordmexiko einverleibten. Die Grenze ist seither der Rio Grande, im Westen kam später noch Südarizona dazu. Die mexikanische Bevölkerung wurde nicht vertrieben, sondern blieb in der Region, auch als diese später von amerikanischen Siedlern aus dem Osten besetzt wurde. Während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam schließlich eine neue Welle von Mexikanern über die Grenze, was die demografische Situation weiter komplizierte. Die Bevölkerungsbewegungen in einem Grenzland unterscheiden sich erheblich von klassischer Einwanderung. Herkömmliche Einwanderer werden bei ihrer Ankunft in ihrer neuen Heimat räumlich von ihrem Herkunftsland getrennt und sind von neuen Einflüssen umgeben, die dafür sorgen, dass ihre Kinder Teil der neuen Kultur und Wirtschaft werden. Damit unterscheidet sich die Einwanderung von der Übersiedlung in ein Grenzland. In letzterem Fall erfolgt keine räumliche Trennung von der alten Heimat, denn das Grenzland ist nichts als deren Verlängerung. Die Grenze ist eine politische Linie, doch die Neuankömmlinge sind nie weit von ihrer alten Heimat entfernt. Sie bleiben in räumlichem Kontakt und fühlen sich auf komplexe Weise beiden Heimaten zugehörig.
Mexikaner, die im Grenzland leben, verhalten sich anders als Mexikaner in Chicago. Letztere ähneln klassischen Einwanderern, während erstere das Gefühl haben, weniger im Ausland als vielmehr in einem besetzten Gebiet zu leben. Ganz ähnlich empfanden vermutlich die amerikanischen Siedler ihre Lage vor der texanischen Rebellion: Sie lebten auf mexikanischem Staatsgebiet, doch sie sahen sich als Amerikaner und gründeten eine Unabhängigkeitsbewegung, mit der sie Texas schließlich von Mexiko abspalteten. Irgendwann wird das Grenzgebiet eine einfache Frage der militärischen und politischen Macht. Der Stärkere beansprucht das Grenzland für sich, und wer das ist, wird in einem Krieg ermittelt. Aufgrund ihrer militärischen Über- legenheit sind die Vereinigten Staaten seit 1848 im Besitz dieses Grenzlands. Die Bevölkerungsverhältnisse ändern sich, das Schmuggelgeschäft blüht, doch die politischen Grenzen bleiben durch die militärischen Kräfteverhältnisse festgeschrieben. In vierzig Jahren wird diese Grenze seit zwei Jahrhunderten Bestand haben. Mexiko könnte an Macht gewinnen, und die Bevölkerungsverhältnisse auf der amerikanischen Seite könnten sich soweit verschieben, dass die politischen Grenzen nicht mehr aufrechtzuerhalten sind. Es ist durchaus vorstellbar, dass Mexiko im Laufe des Jahrhunderts zu den größten zehn Volkswirtschaften der Welt aufschließt. Es sind schon sehr viel erstaunlichere Dinge passiert, und der freie Warenaustausch mit den Vereinigten Staaten wird diese Entwicklung fördern. Dazu kommt, dass viele der europäischen Nationen, die heute noch vor Mexiko rangieren, mit erheblichen demografischen Problemen zu kämpfen haben werden. Aufgrund der Auswirkungen, die eine mögliche Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko hätte, müssen wir auch diesen Brennpunkt sehr ernst nehmen. 

Zusammenfassung

Von den fünf genannten Brennpunkten sind nach dem amerikanischdschihadistischen Krieg zwei besonders augenfällig. Mexiko und die Türkei sind noch nicht in der Lage, eine globale Rolle zu übernehmen, und Europa bleibt isoliert und uneins genug, um zwar auf Entwicklungen zu reagieren, sie aber nicht selbst anzustoßen. Damit bleiben für die Zeit um das Jahr 2020 zwei Brennpunkte, der Pazifikraum und Eurasien – genauer: China und Russland. In fernerer Zukunft besteht die Möglichkeit, dass sich Japan zu einem Brennpunkt entwickelt, doch das Verhalten Japans wird stark von China abhängen. Daher beschäftigen wir uns zunächst mit China und Russland, um zu sehen, welches der beiden Länder zuerst aktiv werden und im kommenden Jahrzehnt die größte Herausforderung für die Vereinigten Staaten darstellen wird. Was wir uns hier ansehen, sind systemische Konflikte. Der Kalte Krieg war ein solcher systemischer Konflikt, in dem sich zwei führende Mächte auf eine Weise gegenüberstanden, die sich auf das gesamte internationale Beziehungssystem auswirkte. Es gab zwar zahlreiche weitere Auseinandersetzungen, doch diese wurden sämtlich in den Strudel dieser übergreifenden Konfrontation gezogen. Vom arabischisraelischen Konflikt über die chilenische Innenpolitik bis hin zur Unabhängigkeit des Kongo wurden sämtliche Auseinandersetzungen durch den Kalten Krieg geprägt. Auch die beiden Weltkriege waren systemische Konflikte. Definitionsgemäß ist an einem solchen Konflikt die jeweils führende Weltmacht beteiligt, in diesem Fall die Vereinigten Staaten. Wiederum definitionsgemäß nehmen die Vereinigten Staaten an jedem wichtigen Konflikt teil. Sollte es beispielsweise zu einer Konfrontation zwischen Russland und China kommen, würden die Vereinigten Staaten wohl kaum neutral bleiben. Und Russland und China könnten wiederum nur dann einen Krieg beginnen, wenn sie sich der amerikanischen Neutralität sicher sein könnten. Die Vereinigten Staaten sind heute derart mächtig, dass ein Bündnis mit der einen Seite automatisch die Niederlage der anderen bedeuten würde. Welches der beiden Länder, Russland oder China, wird sich in einer Weise verhalten, die eine Konfrontation mit den Vereinigten Staaten provoziert? Vor dem Hintergrund dessen, was wir über die Strategie der Vereinigten Staaten wissen, werden diese kaum von sich aus einen Konflikt vom Zaun brechen, es sei denn, eine aggressive Regionalmacht unternimmt den Versuch, ihr Einflussgebiet in Eurasien auszuweiten, und gerät dabei in Konflikt mit amerikanischen Interessen. Um zu einer Einschätzung der kommenden Jahrzehnte zu kommen, wollen wir uns daher die chinesische und die russische Interessenlage ansehen. Beginnen wollen wir mit der Nation, die heute von den meisten Beobachtern ernster genommen wird: China.

Kapitel 3
Kapitel 5

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