Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 7

Kapitel 7 - Die Wirtschaft in der Krise

Entlang der Südgrenze der Vereinigten Staaten wird eine Mauer gebaut, die illegale Einwanderer fernhalten soll. Die Vereinigten Staaten haben ihre Wirtschaftsmacht auf den Rücken der Einwanderer errichtet, doch seit den 1920er Jahren herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass der Zustrom der Einwanderer begrenzt werden müsse, damit die Wirtschaft sie absorbieren kann und sichergestellt ist, dass die Bürger ihre Arbeitsplätze nicht verlieren. Die Mauer an der Grenze zu Mexiko ist die logische Konsequenz dieser Politik. Damals stand die Welt am Beginn einer Bevölkerungsexplosion. Die Vereinigten Staaten und die anderen Industrieländer sahen sich mit der Frage konfrontiert, was sie mit der immer größer werdenden Zahl von Arbeitskräften anfangen sollten. Arbeit war billig und strömte tendenziell in wohlhabende Länder. Angesichts der drohenden Einwanderungsflut beschlossen die Vereinigten Staaten, die  Zuwanderung zu beschränken, um einem Lohnverfall entgegenzu- wirken. Die Annahme, die der gegenwärtigen Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten zugrunde liegt, wird im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts nicht mehr gelten. Die Bevölkerungsexplosion geht zu Ende, die Lebenserwartung nimmt zu. Die Folge sind ein gestiegenes Durchschnittsalter der Bevölkerung und eine geringere Zahl junger Arbeitskräfte. Ab dem Jahr 2020 werden die Vereinigten Staaten daher mit einem zunehmenden Arbeitskräftemangel konfrontiert sein und Einwanderer benötigen, die diese Lücke schließen. Das Problem betrifft auch die anderen Industrienationen, und Arbeitskräfte werden weltweit zur Mangelware. Bestand das Problem im 20. Jahrhundert darin, die Zuwanderung zu beschränken, geht es im 21. Jahrhundert darum, genug Einwanderungswillige zu finden. Mit dem zweiten Zusammenbruch Russlands zeichnet sich ein neues goldenes Zeitalter für die Vereinigten Staaten ab. Doch das Ende der Konfrontation mit Russland fällt mit einer durch den zunehmenden Arbeitskräftemangel verursachten Krise der heimischen Wirtschaft zusammen. Wenn die Geschichte in dieser Frage eine Orientierung bietet, erreicht diese Krise im US-Präsidentschaftswahlkampf des Jahrs 2028 oder 2032 ihren Höhepunkt. Ich erwähne das deshalb, weil die USamerikanische Geschichte ein merkwürdiges und schwer erklärbares Muster aufweist. Etwa alle fünfzig Jahre stehen die Vereinigten Staaten vor einer epochalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise. Das Problem zeichnet sich in der Regel jeweils schon ein Jahrzehnt vor deren Ausbruch ab. Dann verändert die Wahl eines Präsidenten, der in der Lage ist, eine neue Agenda aufzustellen, die politische Landschaft für das kommende Jahrzehnt, die Krise wird gelöst, und die Vereinigten Staaten erleben einen neuen Aufschwung. Im Laufe der nachfolgenden Generation wird die Lösung des alten Problems jedoch zur Ursache eines neuen, das sich so lange verschärft, bis es erneut zu einer Krise kommt und sich der Kreislauf wiederholt. Oft wird der entscheidende Moment erst später erkennbar, manchmal ist er unübersehbar, doch vorhanden ist es immer. Um zu verstehen, warum ich für die 2020er Jahre eine Krise prognostiziere, wollen wir uns dieses historische Muster an dieser Stelle genauer ansehen. So wie man nicht in Aktien investieren kann, ohne historische Zyklen zu kennen, lässt sich meine Prognose nur verstehen, wenn man die politischen und wirtschaftlichen Zyklen der Vereinigten Staaten kennt. Bislang haben die Vereinigten Staaten vier solcher Zyklen durchlaufen und befinden sich heute in der Mitte des fünften. Der Kreislauf beginnt in der Regel mit einem weichenstellenden und endet mit einem gescheiterten Präsidenten. Der erste Zyklus begann mit George Washington und endete mit John Quincy Adams, der zweite führte von Andrew Jackson bis Ulysses S. Grant, der dritte von Rutherford B. Hayes bis Herbert Hoover und der vierte von Franklin Delano Roosevelt bis Jimmy Carter. Doch diese zyklischen Krisen haben ihre Ur- sachen nicht in der Politik, sondern in der Auseinandersetzung  zwischen einer im Niedergang befindlichen Klasse und deren Wirtschaftsmodell und dem Aufstieg einer neuen Klasse mit einem konkurrierenden Wirtschaftsmodell. Beide Gruppen vertreten radikal unterschiedliche ideologische Standpunkte, staatsbürgerliche Ideale und wirtschaftliche Vorstellungen.

Erster Zyklus: Von den Gründervätern zu den Pionieren

Die Vereinigten Staaten wurden im Jahr 1776 mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung gegründet. Von diesem Moment an hatte das Land eine eigene Identität, eine eigene Armee und ein eigenes Parlament. Die Gründerväter stammten vorrangig aus einer ethnischen Gruppierung: Es handelte sich vor allem um Engländer und eine Handvoll Schotten. Diese begüterten Landbesitzer betrachteten sich als herrschende Klasse, die sich von den Besitzlosen und vor allem von den afrikanischen Sklaven abhob. Doch diese Schicht war nicht in der Lage, das Land allein aufzubauen. Dazu waren Pioniere nötig, die das Land westlich der Appalachen besiedelten. Diese Pioniere unterschieden sich grundlegend von Männern wie Thomas Jefferson oder George Washington. Es waren in der Regel arme, ungebildete Einwanderer, die überwiegend aus Schottland und Irland kamen und ein Stück Land suchten, das sie bewirtschaften konnten. Es waren Männer wie der legendäre Daniel Boone, der das Vorbild zu James Fenimore Coopers »Lederstrumpf« abgab. In den 1820ern war ein Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen entbrannt, die alte Klasse der wohlhabenden Landbesitzer verlor an Einfluss, und die Ideale der Gründerväter kollidierten mit den Interessen der Siedler. Die gesellschaftlichen Spannungen führten zu einer Wirtschaftskrise und erreichten ihren Höhepunkt in der Wahl des Jahrs 1828, als John Quincy Adams, der gescheiterte letzte Präsident der Gründergeneration, durch Andrew Jackson, den Vertreter der neuen Generation, abgelöst wurde.

Zweiter Zyklus: Von den Pionieren zur Kleinstadt

Unter Andrew Jackson waren die immer zahlreicher werdenden Siedler, die nach Westen aufbrachen, die dynamischste gesellschaftliche Gruppe. Jacksons Vorgänger hatten eine stabile Währung geschaffen, um Investoren zu schützen. Jackson bevorzugte dagegen billiges Geld, um die Schuldner zur schützen, die ihn gewählt hatten. Wenn der Großgrundbesitzer, Soldat und Staatsmann George Washington das Leitbild des ersten Zyklus war, dann war der in einer Blockhütte in Kentucky geborene Abraham Lincoln das Leitbild des zweiten. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg und am Ende des zweiten Zyklus wurde der Westen nicht länger durch das Bild der Pioniere bestimmt, die Claims absteckten und das Land urbar machten. Spätestens ab dem Jahr 1876 waren die Bauern nicht nur Landbesitzer, sondern sie verdienten auch gut am Verkauf ihrer Produkte. Die Landschaft hatte sich verändert, aus früheren Einzelgehöften waren Kleinstädte geworden, die Dienstleistungen für die zunehmend wohlhabenden Bauern boten. Kleine Banken legten die Ersparnisse der Landwirte an der Wall Street an, die das Geld wiederum in Eisenbahnen und Industrie investierte. Es gab jedoch ein Problem. Die Politik des billigen Gelds der vorangegangenen fünfzig Jahre half zwar den Siedlern, doch sie schadete ihren Kindern, die aus den Bauernhöfen des Westens Unternehmen gemacht hatten. In den 1870er Jahren führte diese Politik in eine Krise. Niedrige Zinsen machten es den Bauern und Dienstleistern unmöglich, ihre Erträge gewinnbringend anzulegen. Die Vereinigten Staaten brauchten wieder eine starke, stabile Währung, um weiter wachsen zu können. Nach dem gescheiterten Präsidenten Ulysses S. Grant wurde 1876 Rutherford B. Hayes gewählt. Dieser – genauer gesagt: sein Finanzminister John Sherman – vertrat eine auf Gold basierende Währung, um die Inflationsgefahr einzudämmen, sowie eine Politik der hohen Zinsen, um Investitionen attraktiver zu machen. Armen Bauern schadete diese Politik, doch reiche Bauern und Viehzüchter sowie deren Bankiers profitierten. Diese Geldpolitik war der Motor einer raschen Industrialisierung der Ver- einigten Staaten. Über ein halbes Jahrhundert hinweg ermöglichte sie eine außergewöhnliche Expansion der amerikanischen Wirtschaft, bis diese wie in den beiden Zyklen zuvor an ihrem eigenen Erfolg scheiterte.

Dritter Zyklus: Von der Kleinstadt zur Industriemetropole

Genau wie Daniel Boone noch verklärt wurde, lange nachdem die Siedler historisch ausgespielt hatten, blieb auch der Mythos der Kleinstadt lebendig, nachdem diese längst der Vergangenheit angehörte. Millionen von Einwanderern waren ins Land gekommen, die in Bergwerken und Fabriken arbeiteten und in Städten lebten. Sie waren überwiegend irischer, italienischer und osteuropäischer Herkunft. Diese Einwanderer waren vollkommen anders als alles, was Amerika bis dahin gesehen hatte. Die überwiegend weiße und protestantische Nation mit einer schwarzen Unterschicht wurde plötzlich überflutet von Einwanderern, die anders aussahen, sprachen und dachten. Daher begegneten die amerikanischen Kleinstädter den Neuankömmlingen mit Misstrauen und Feindseligkeit. Und daher erschienen ihnen die großen Industriestädte, in denen diese neuen Einwanderer lebten und arbeiteten, als Inbegriff einer fremden und korrupten Kultur. Doch die Werte der Kleinstadt erwiesen sich mehr und mehr als Hemmschuh. Seit den 1870er Jahren war das Finanzsystem von einer Politik des knappen Gelds bestimmt gewesen. Diese nutzte Sparern und Investoren, doch sie schadete dem Konsum und dem Kreditwesen. Mit der Explosion der Stadtbevölkerung durch Zuwanderung und hohe Geburtenraten machten niedrige Löhne den Einwanderern das Leben schwer. Zwar wurde immer mehr investiert, doch die Arbeiter waren immer weniger in der Lage, die Produkte zu kaufen, die sie selbst herstellten. Das Ergebnis war die Weltwirtschaftskrise, in der die Konsumenten nicht mehr genug Geld hatten, um die Produkte zu kaufen, die sie benötigten. Die Unternehmen, die diese Waren herstellten, mussten Arbeiter entlassen, was einen Teufelskreis in Gang setzte. Fleiß und Sparsamkeit, die Werte der Kleinstadt, waren kein Mittel gegen diese übermächtigen, makroökonomischen Kräfte. Im Jahr 1932 folgte Franklin D. Roosevelt auf den gescheiterten Herbert Hoover. Roosevelt kehrte die Politik der vorigen Generation um und suchte nach Möglichkeiten, den Wohlstand von Investoren auf Verbraucher umzuverteilen, um auf diese Weise den Konsum anzukurbeln. Er setzte sich für die städtischen Industriearbeiter ein – auf Kosten der im Niedergang begriffenen Kleinstadt und ihrer Werte. Letztlich war es allerdings nicht Roosevelts Wirtschaftspolitik, sondern der Zweite Weltkrieg, der die Wirtschaftskrise beendete, indem er die Regierung dazu veranlasste, gewaltige Summen in den Bau von Fabriken zu investieren, was Tausende von Arbeitern in Lohn und Brot brachte. Noch entscheidender war die Nachkriegszeit. Dank staatlicher Programme konnten heimkehrende Soldaten günstige Kredite aufnehmen, Eigenheime erwerben, die Universität besuchen und qualifizierte berufliche Laufbahnen einschlagen. Die Regierung trieb den Ausbau eines engmaschigen Autobahnnetzes voran und bereitete auf diese Weise der Entstehung der Vorstädte den Boden. Diese Fördermaßnahmen bewirkten eine massive Umverteilung des Wohlstands, schufen Arbeitsplätze in den Sektoren Dienstleistung und Industrie und ermöglichten ein Wirtschaftswachstum wie zu Kriegszeiten. Es war die Geburtsstunde der amerikanischen Mittelschicht. Die Reformen, die Roosevelt in Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg durchführte, zielten auf eine Unterstützung der städtischen Arbeiterschicht und sorgten schließlich dafür, dass aus Arbeiterkindern mittelständische Vorstädter wurden. 

Vierter Zyklus: Von der Industriemetropole zur Vorstadt

Wie immer steckt in jeder Lösung bereits der Kern eines neuen Problems. Die Weltwirtschaftskrise wurde durch eine Steigerung der Nachfrage, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die finanzielle Stärkung der Konsumenten überwunden. Besserverdiener zahlten hohe Steuern, niedrige Zinsen förderten den Erwerb von Eigenheimen, und neue Verbraucherkredite ermöglichten den Kauf einer Vielzahl von Waren und Dienstleistungen. Diese Politik sorgte dafür, dass die Wirtschaft florierte. Doch in den 1970er Jahren funktionierte diese Formel nicht mehr. Hohe Steuern machten Unternehmensgründungen zu einem unkalkulierbaren Risiko und förderten die Entstehung riesiger und zunehmend ineffizienter Konzerne. Der Höchststeuersatz für Besserverdiener und Unternehmer lag bei über 70 Prozent. Diese Steuerpolitik bestrafte Erfolg und verhinderte Investitionen. Die Fertigungsanlagen veralteten, obwohl der Konsum dank günstiger Verbraucherkredite ungebrochen war. Ohne Investitionen wurden Fabriken und die Wirtschaft als Ganze zunehmend ineffizient und büßten ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit ein. Als Ende der 1970er Jahre die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge eigene Familien gründeten, stieg die Kreditnachfrage. Dazu kam die Ölkrise. Unter Präsident Jimmy Carter geriet die gesamte Wirtschaft aus den Fugen. Zinsen auf langfristige Anleihen erreichten den zweistelligen Bereich, die Inflation lag bei 10 Prozent, ebenso wie die Arbeitslosenquote. Carters Antwort waren Steuersenkungen für die Bezieher geringer und mittlerer Einkommen, doch diese sorgten lediglich für einen weiteren Anstieg der Nachfrage und setzten die Wirtschaft weiter unter Druck. Die Rezepte der vergangenen fünfzig Jahre hatten nicht nur ausgedient, sie verschlimmerten die Lage sogar noch. Im Jahr 1980 wurde Ronald Reagan zum Präsidenten gewählt. Reagan stand vor einer Krise der Unterinvestition und des Überkonsums. Seine Antwort war eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, das heißt, er senkte die Unternehmenssteuern und die Spitzensteuersätze, um die Investitionstätigkeit anzuregen. Gleichzeitig unterließ er alles, was die Nachfrage gedämpft hätte. Besserverdienende und Unternehmen sollten die Wirtschaft durch Investitionen modernisieren. Diese Umstrukturierung der Wirtschaft in den 1980er Jahren bereitete dem Boom der 1990er Jahre den Boden. 
Reagans Politik verschob die politische und wirtschaftliche Macht von den Städten in die Vorstädte. Die Reformen der Roosevelt-Ära hatten einen massiven Umzug der Bevölkerung in die Vorstädte zur Folge gehabt und das Land von Grund auf verändert. Autobahnen und Landstraßen ermöglichten es den Menschen, weniger gut erschlossenes und günstigeres Bauland zu erwerben und zur Arbeit in die Stadt zu pendeln. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden diese Vorstädter immer wohlhabender. Sie waren es schließlich, die vor allem von Reagans Politik profitierten. Reagan vollendete die Umorientierung der amerikanischen Wirtschaft von Roosevelts städtischen Arbeitern hin zu den Fachkräften und Unternehmern der Vorstädte. In den Augen seiner Kritiker verriet er damit die amerikanische Gesellschaft, wie sie die Städte und die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter verkörperten. Genau wie Roosevelt, Hayes und Jackson wurde auch Reagan als Verräter der ureigensten amerikanischen Werte beschimpft. Doch Reagan hatte genauso wenig eine Wahl wie Roosevelt, Hayes und Jackson. Seine Revolution wurde von der Realität diktiert. 

Fünfter Zyklus: Von der Vorstadt zur Dauermigration

Wenden wir uns nun der Zukunft zu. Wenn das Muster der FünfzigJahres-Zyklen, das die letzten zwei Jahrhunderte bestimmt hat, weiterhin Bestand hat, befinden wir uns heute in der Mitte des fünften Zyklus, der mit der Wahl Ronald Reagans im Jahr 1980 begann. Demnach hätte die gegenwärtige Struktur der amerikanischen Gesellschaft noch bis etwa 2030 Bestand, und kein Präsident, gleich welcher Partei er angehört, hat Einfluss auf die grundlegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Dwight D. Eisenhower wurde 1952, zwanzig Jahre nach Franklin D. Roosevelt, gewählt, doch er war nicht in der Lage, dessen Wirtschaftspolitik grundlegend zu verändern. Der fortschrittliche Theodore Roosevelt hatte wiederum keine Möglichkeit, den von Rutherford Hayes eingeschlagenen Kurs zu verlassen. Abraham Lincoln bestätigte die Prinzipien von Andrew Jackson. Thomas Jefferson hinterfragte das System von George Washington nicht, sondern bestärkte es. Innerhalb eines Zyklus kann die Opposition Wahlen gewinnen und große Präsidenten an die Macht bringen, doch die grundlegenden Prinzipien bleiben unverändert erhalten. Bill Clinton ist nicht in der Lage gewesen, die Realitäten zu verändern, die seit 1980 Bestand haben, genausowenig wie es ein anderer Präsident gleich welcher Partei können wird. Das Muster ist zu ausgeprägt und zu sehr in fundamentalen Kräften verwurzelt. Doch jeder Zyklus kommt irgendwann an sein Ende. Wenn das Muster weiter Bestand hat, werden wir in den 2020er Jahren Zeugen zunehmender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Spannungen, die durch einen einschneidenden politischen Kurswechsel im Anschluss an die Präsidentschaftswahl des Jahrs 2028 oder 2032 beendet werden. Was aber ist der Auslöser dieser Krise der 2020er Jahre? Wie wird die Lösung aussehen? Eines wissen wir bereits: Die Lösung der letzten Krise ist indirekt Auslöser der neuen Krise, und deren Lösung wiederum wird die Vereinigten Staaten radikal verändern. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten basiert heute auf leicht verfügbaren Krediten für Verbraucher und Unternehmer sowie historisch niedrigen Zinsen. Die Sparquote ist niedrig, doch der Wohlstandszuwachs in den letzten Jahrzehnten groß gewesen. Bis zum Sommer 2008 verdankte sich ein großer Teil des Wohlstands nicht mehr traditionellen Spareinlagen, sondern Anlagengewinnen wie Wertsteigerungen bei Eigenheimen und privaten Rentenversicherungen. Die Reformen der 1980er Jahre hatten in großem Umfang unternehmerische Aktivitäten angestoßen. Neue Technologien und Unternehmensformen ließen die Arbeitsproduktivität und die Unternehmenswerte in die Höhe schnellen. Microsoft und Apple verkörpern das neue Unternehmertum. Während der vorhergehende Zyklus von Großkonzernen wie General Motors und US Steel bestimmt wurde, sind heute stärker unternehmerorientierte und weniger kapitalintensive Firmen der Wachstumsmotor. Verbrauchernachfrage und Kapitalanlagen befinden sich in einem sensiblen Gleichgewicht. Wenn die Nachfrage aus irgendeinem Grund plötzlich sinkt, verlieren – wie in jüngster Zeit geschehen – Kapitalanlagen in Form von Eigenheimen oder Unternehmensaktien an Wert. Diese Anlagen sind jedoch der Motor der Wirtschaft, denn sie decken die Verbraucher- und Unternehmenskredite. Sie bestimmen den Nettowert von Privathaushalten wie Unternehmen. Der Wertverlust bei Kapitalanlagen setzt eine Abwärtsspirale in Gang. Früher musste dafür gesorgt werden, dass das Wirtschaftswachstum mit dem Bevölkerungswachstum Schritt hielt. Heute besteht die große Herausforderung vielmehr darin, zu verhindern, dass die Wirtschaft schneller schrumpft als die Bevölkerung. Idealerweise sollte die Wirtschaft trotz eines Bevölkerungsrückgangs sogar noch weiter wachsen. 

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnen sich am Horizont drei dunkle Wolken ab, die eine große Wirtschaftskrise signalisieren. Die erste ist demografischer Natur. Ab etwa 2015 treten die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit in das Rentenalter ein, machen ihre Kapitalanlagen zu Geld und verkaufen ihre Eigenheime, um von diesem Erlös ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die zweite Wolke ist die drohende Energiekrise. Auch wenn der Ölpreis in letzter Zeit wieder gefallen ist, so könnten doch die exorbitanten Preissteigerungen zuvor Teil eines zyklischen Anstiegs sein, der auf 25 Jahre günstiger Energie folgt. Sie könnten jedoch auch die Vorboten des Endes einer auf Erdöl basierenden Wirtschaft sein. Die dritte Wolke besteht darin, dass sich die Produktivitätssteigerungen aus dem letzten Innovationszyklus ihrem Höhepunkt nähern. Die unternehmerischen Leitbilder der 1980er und 90er Jahre, beispielsweise Microsoft und Dell, haben sich in Konzerne verwandelt, ihre geringer werdenden Profitmargen sind Anzeichen eines sich  verlangsamenden Produktivitätszuwachses. Die Innovationen des letzten Vierteljahrhunderts sind im allgemeinen bereits in den Ka- pitalpreis eingerechnet. Es wird schwer sein, das atemberaubende Wachstumstempo der zurückliegenden zwanzig Jahre aufrechtzuerhalten. Dies wiederum setzt Kapitalanlagen wie Immobilien und Aktien unter Druck. Es gibt bislang keine finanzwirtschaftlichen Instrumente, um deren Wert zu kontrollieren. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts wurden zwar Instrumente zur Festlegung der Zinsen und der Geldmenge geschaffen, doch wie der Zusammenbruch des Hypothekenmarktes im Jahr 2008 verdeutlichte, gibt es nach wie vor kaum Möglichkeiten, den Wert von Kapitalanlagen zu schützen. Die jetzige Spekulationsblase auf dem Aktien- und dem privaten Immobilienmarkt ist meiner Ansicht nach nur das Vorgewitter einer Krise, die erst in 15 Jahren ihren eigentlichen Höhepunkt erreichen wird. Der gegenwärtige Zyklus wird in einer Bevölkerungs-, Energie- und Innovationskrise enden. An dieser Stelle ist ein Rückblick auf die Finanzkrise des Jahrs 2008 angebracht. Im Grunde handelt es sich dabei um einen der regelmäßig wiederkehrenden Konjunkturumschwünge. Während einer ausgeprägten Wachstumsphase sind die Zinsen notwendig niedrig. Konservative Investoren versuchen, ihre Kapitalerträge zu steigern, ohne das Risiko zu vergrößern. Banken sind nichts anderes als Wirtschaftsunternehmen, die diese Nachfrage mit ihren Finanzprodukten befriedigen. Wenn sich der Konjunkturzyklus seinem Höhepunkt nähert, entwickeln Banken aggressiv neue Produkte, die ein immer größeres, verborgenes Risiko beinhalten. Mit dem Ende des Konjunkturzyklus tritt diese Schwäche zutage und das Kartenhaus stürzt ein. Erinnern wir uns an das Ende der Dotcom-Blase zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Betrifft die Krise den Finanzsektor, sind die Konsequenzen doppelt fatal. Erstens gehen Werte verloren, und zweitens ist der Finanzsektor nicht mehr in der Lage, die Realwirtschaft mit den erforderlichen Geldmitteln zu versorgen. 

In Situationen wie diesen reagieren die Vereinigten Staaten in der Regel mit staatlichen Interventionen. In den 1970er Jahren verhinderte die Bundesregierung beispielsweise einen Bankrott der Stadt New York, indem sie die Garantie für deren Schulden übernahm. Als es in den 1980er Jahren die Länder der Dritten Welt zunehmend außerstande waren, ihre Kredite zu bedienen, initiierten die Vereinigten Staaten internationale Garantien. Und als im Jahr 1989 der Zusammenbruch des privaten Immobilienmarkts die Sparkassen in den Bankrott trieb, rief die Regierung eine Treuhandgesellschaft ins Leben. Die Krise des Jahrs 2008 wurde durch einen Verfall der privaten Immobilienpreise ausgelöst, und die Regierung war gezwungen, zu intervenieren, um Garantien für Kredite und andere Instrumente des Finanzsektors zu übernehmen. Schulden stehen immer dem Wert der Sicherheiten gegenüber. Wenn ich 1 000 Dollar schulde und meine Sicherheiten weniger wert sind, dann kann ein Arbeitsplatzverlust fatale Folgen haben. Wenn ich aber eine Million Dollar schulde und eine Milliarde besitze, dann stellt dies kein Problem dar. Die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten ist Hunderte Billiarden US-Dollar wert. Eine Schuldenkrise im Umfang von einigen Billiarden Dollar kann diese Wirtschaft nicht gefährden. Die Frage ist nur, wie diese Sicherheit verwendet werden können, um die schlechten Kredite zu decken, wenn sie sich auf Hunderte Millionen Menschen verteilen. Dazu ist nur die Regierung in der Lage, die mit Hilfe ihrer Steuerhoheit und der Geldpresse der Notenbank die Garantie für diese Schulden übernehmen kann. In diesem Sinne unterscheidet sich die Krise des Jahrs 2008 nicht wesentlich von früheren Wirtschaftskrisen. Die Wirtschaft tritt zwar in eine Rezession ein, doch es handelt sich lediglich um eine der wiederkehrenden Phasen des Konjunkturzyklus. Nichtsdestotrotz lassen sich in dieser Rezession bereits die Vorboten für kommende Krisen ausmachen. Der Verfall der Immobilienpreise hat viele Ursachen, doch dahinter lauert bereits eine demografische Wirklichkeit. Mit dem Bevölkerungsschwund gilt die alte Regel nicht mehr, nach der Immobilienpreise aufgrund der wachsenden Nachfrage stetig steigen. Die Krise des Jahrs 2008 hatte zwar nur marginal demografische Ursachen, doch sie nimmt bereits eine Entwicklung vorweg, die in den kommenden zwanzig Jahren durchschlagen wird: eine demografisch bedingter Verfall der Anlagewerte. Private Immobilien haben drastisch an Wert verloren, doch in der Vergangenheit haben ähnliche Entwicklungen keine einschneidenden Veränderungen bewirkt. Auch diese Krise wird vorübergehen, doch wir sollten sie als erstes Anzeichen dessen verstehen, was uns bevorsteht: eine größere Einflussnahme des Staats auf die Wirtschaft Wenn von einer Wirtschaftskrise die Rede ist, wird oft das Gespenst der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre heraufbeschworen. In der Vergangenheit haben die Krisen am Ende eines Zyklus jedoch überwiegend die Form einer Wirtschaftsflaute denn eines Zusammenbruchs angenommen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass die künftige Krise eher der Stagnation und Inflation der 1970er oder den kurzen Krisen der 1870er ähnelt als dem umfassenden Systemzusammenbruch der 1930er. Doch es bedarf keines Flächenbrands, um die Rezession der 2020er zu einem historischen Wendepunkt zu machen.

Im ersten Jahrhundert der Geschichte der Vereinigten Staaten war die Verteilung des Lands das entscheidende Problem. In den folgenden anderthalb Jahrhunderten ging es um das Verhältnis von Kapitalbildung und Konsum. Mal schlug das Pendel zugunsten der Kapitalbildung, mal zugunsten des Konsums aus, mal befanden sich beide im Gleichgewicht. Doch in der 250-jährigen Geschichte der Vereinigten Staaten war Arbeit nie ein Problem. Die Bevölkerung wuchs, und die jüngeren Generationen im arbeitsfähigen Alter waren zahlenmäßig immer stärker als die älteren. Eine der Ursachen der Wirtschaftskrise der 2030er Jahre ist die Tatsache, dass Arbeiter nicht mehr so verlässlich zur Verfügung stehen werden wie in der Vergangenheit. Der Anstieg der Geburtenraten nach dem Zweiten Weltkrieg und die Zunahme der Lebenserwartung führen zu einem größer werdenden Altenanteil, der nicht mehr produziert, aber weiterhin konsumiert. Als die Sozialversicherung das Rentenalter auf 65 Jahre festlegte, hatte der durchschnittliche männliche Amerikaner eine Lebenserwartung von 61 Jahren. Diese Zahl verdeutlicht, wie wenig die Sozialversicherungen ursprünglich auszahlen sollten. Der Anstieg der Lebenserwartung auf heute fast achtzig Jahre hat die Berechnungsgrundlage für die Alterssicherungssysteme längst auf den Kopf gestellt. Der Rückgang der Geburtenraten seit den 1970er Jahren und der spätere Eintritt in die Erwerbstätigkeit sorgen schließlich dafür, dass immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentnern gegenüberstehen. Dieser Trend wird sich durch die 2020er Jahre fortsetzen. Das Problem besteht weniger darin, dass die Arbeitnehmer die Rentner finanzieren, obwohl das natürlich auch eine gewisse Rolle spielt. Entscheidender ist die Tatsache, dass Rentner mit dem Kapital aus ihrem Immobilienbesitz und den Pensionsfonds weiterhin in großem Umfang konsumieren. Diese Nachfrage müssen die Arbeitnehmer bedienen. Sinkende Arbeitnehmerzahlen und eine konstante Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen haben jedoch einen Anstieg der Preise und damit der Inflation zur Folge, da Arbeit zunehmend teuer wird. Dies wiederum bedeutet, dass die Rentner ihr Kapital schneller aufzehren. Die zukünftigen Rentner zerfallen in zwei Gruppen. Die erste konnte sich frühzeitig Rücklagen in Form von Immobilien oder privaten Rentenversicherungen schaffen und kann diese Anlagen nun verkaufen. Die zweite Gruppe hat nur geringe oder gar keine Rücklagen. Die Sozialversicherung garantiert bestenfalls ein Leben in Armut. Der Druck, den geburtenstarken Jahrgängen einen angemessenen Lebensstandard und möglichst umfassende Gesundheitsfürsorge zu gewährleisten, wird umso stärker sein, als er von einer Gruppe ausgeübt wird, die aufgrund ihrer Größe unverhältnismäßig großen politischen Einfluss hat. Rentner haben im Vergleich zu anderen Altersgruppen mehr Gewicht und werden für eine ihnen geneigte Politik sorgen. Regierungen in aller Welt werden entweder mit Steuererhöhungen oder mit zusätzlicher Staatsverschuldung reagieren. Im ersten Fall werden sie genau die Gruppe besteuern, die aufgrund des Arbeitskräftemangels von den gestiegenen Löhnen profitieren würde. Im zweiten Fall begibt sich der Staat just in dem Moment auf den Kapitalmarkt, in dem die Rentner ihre Kapitalanlagen zu Geld machen; wie in den 1970er Jahren sorgt die wachsende Geldmenge für einen Anstieg bei Zinsen und Inflation. Im Unterschied zu den 1970er Jahren wird die Arbeitslosigkeit jedoch kein Problem darstellen. Wer arbeiten kann, hat Arbeit, und zwar gut bezahlte Arbeit, wenngleich die Löhne durch Steuern und Inflation stark beschnitten werden. 

Ab dem Jahr 2013 verabschieden sich die geburtenstarken Jahrgänge aus der Erwerbstätigkeit. Wenn wir von einem durchschnittlichen Renteneinstiegsalter von siebzig Jahren ausgehen (zunehmende Gesundheit und finanzielle Erfordernisse werden dafür sorgen, dass das Renteneinstiegsalter weiter steigt), wird in den folgenden Jahren der Altenanteil der Bevölkerung rasant zunehmen. Ein erster Rückgang ist erst wieder nach dem Jahr 2025 zu erwarten, und die wirtschaftlichen Folgen werden noch lange nachwirken. Die Vertreter der Geburtenjahrgänge um 1980 sehen sich diesem Problem im Alter von Mitte dreißig bis Mitte vierzig gegenüber. Sie bringen einen erheblichen Teil ihres Erwerbslebens in einer dysfunktionalen Wirtschaft zu. In historischen Maßstäben gemessen, handelt es sich um ein vorübergehendes Problem. Doch für die Generation der zwischen 1970 und 1990 Geborenen wird dies nicht nur ein schwieriger, sondern ein entscheidender Moment sein. Jeder Zyklus hat seine eigenen wirtschaftlichen Probleme. So auch dieser. Wie kann man dem zunehmenden Arbeitskräftemangel begegnen? Im Grunde sind zwei Lösungen denkbar. Zum einen die Steigerung der Produktivität pro Arbeitnehmer, zum anderen die Steigerung der Zahl der Arbeitnehmer. Angesichts der Größenordnung des Problems besteht die einzige sofort wirksame Lösung in der Steigerung der Zahl der Arbeitskräfte, sprich: in der Ausweitung der Einwanderung. Nach 2015 wird die Einwanderung zwar zunehmen, doch nicht schnell genug, um das Problem in den Griff zu bekommen. Seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre geht in den Vereinigten Staaten das Gespenst eines Arbeitskräfteüberschusses – sprich der Arbeitslosigkeit – um. Außerdem wird die Einwanderung nach wie vor durch die Brille der Bevölkerungsexplosion gesehen und gilt als Lohndrücker. Die Vorstellung, dass sich mit der Einwanderung das Problem des Arbeitskräftemangels beheben ließe, ist heute noch fremd. Diese Einstellung wird sich in den 2020er Jahren ändern und nach den Wahlen des Jahrs 2028 oder 2032 das neue politische Denken bestimmen. Einige Politiker werden argumentieren, es gebe ausreichend potenzielle Arbeitskräfte, doch aufgrund der hohen Steuern fehlten ihnen die Arbeitsanreize. Der letzte Präsident des fünften Zyklus wird versuchen, mit Hilfe von Steuersenkungen diese nicht vorhandenen Arbeitskräfte zu motivieren, sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Doch die wahre Lösung ist eine rasche und dramatische Vergrößerung der Erwerbstätigenbevölkerung durch eine neue Einwanderungspolitik. Der Durchbruch erfolgt, wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die alte Sicht des Arbeitskräfteüberschusses nicht mehr zutrifft. Diese Einsicht bleibt nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt, sondern verbreitet sich in allen führenden Industrienationen. Zugleich aber haben dann die heutigen Schwellenländer, aus denen die Einwanderer bislang kommen, ihre Volkswirtschaften erheblich verbessert und ihre Bevölkerungszahlen stabilisiert. Der Anreiz, aus diesen Ländern auszuwandern, wird sehr viel geringer sein. Im Jahr 2009 ist es kaum vorstellbar, dass die führenden Industrienationen im Jahr 2030 um Einwanderer konkurrieren werden. Die Aufgabe der Einwanderungspolitik wird nicht mehr darin bestehen, den Zustrom zu drosseln, sondern darin, Zuwanderer anzulocken. Die Vereinigten Staaten bleiben dabei gegenüber Europa im Vorteil: Schon heute ist es einfacher, in die Vereinigten Staaten einzuwandern als nach Frankreich, und das wird sich nicht ändern. Zudem bieten die Vereinigten Staaten Zuwanderern langfristig bessere Möglichkeiten, und sei es nur aufgrund der geringeren Bevölkerungsdichte. Rentner werden die neue Einwanderungspolitik aus naheliegenden Gründen begrüßen. Arbeitnehmer, die Konkurrenz und Einkommensverluste fürchten, werden sich ihr widersetzen. Kunden von Dienstleistern wiederum werden die Einwanderung gutheißen, weil sie zu einer Senkung der Kosten beiträgt. In der Politik wird es schließlich weniger um Einwanderung als solche gehen als darum, Bereiche zu identifizieren, in denen Einwanderung wirtschaftlich sinnvoll ist, Qualifikationsprofile für Einwanderer zu erstellen und deren Zustrom in die gewünschten Branchen zu lenken. Darüber hinaus müssen die Vereinigten Staaten den Zuwanderern bestimmte Anreize bieten, von beschleunigten Arbeitserlaubnisverfahren und Aufenthaltsgenehmigungen bis hin zu Bonuszahlungen durch den Staat oder Arbeitsvermittler sowie Arbeitsplatzgarantien. Potenzielle Einwanderer werden die Angebote sorgfältig miteinander vergleichen. Dieser Prozess führt zu einer erheblichen Stärkung des Staats. Seit den 1980er Jahren hat der Staat immer mehr Macht abgegeben. Doch die neue Einwanderungspolitik der 2030er Jahre erfordert direkte staatliche Interventionen. Der Staat muss die Rechte der Einwanderer garantieren und sicherstellen, dass Privatunternehmen ihre Zusagen einhalten, um zu verhindern, dass arbeitslose Einwanderer eine Belastung darstellen. Lediglich die Grenzen zu öffnen ist daher keine Option. Die Steuerung des neuen Arbeitsmarktes wird ähnliche Züge annehmen wie die Aufsicht der Kapital- und Kreditmärkte – die Umkehrung eines Prozesses, der unter Reagan begann. Die zugewanderten Arbeitskräfte fallen grundsätzlich in zwei Kategorien. Zum einen handelt es sich um Dienstleister für die alternde Bevölkerung, beispielsweise um Ärzte und Pflegepersonal, zum anderen um Entwickler von Technologien, die Produktivitätssteigerungen ermöglichen und dazu beitragen, das Problem des Arbeitskräftemangels langfristig in den Griff zu bekommen. Die Vereinigten Staaten werden also vorrangig Fachkräfte aus der Physik, dem Ingenieurwesen und dem medizinischen Sektor sowie qualifizierte Arbeiter rekrutieren. Der Zustrom der Einwanderer wird zwar nicht die Ausmaße der Jahre zwischen 1880 und 1920 annehmen, doch er wird die seither größte Einwanderungswelle darstellen. Und er wird die Kultur der Vereinigten Staaten grundlegend verändern. Diese Kultur ist, wie bereits geschildert, barbarisch und hat keine feste Form. Aber diese Flexibilität stellt sich bei der Rekrutierung von Einwanderern als Vorteil heraus. Wir sollten außerdem davon ausgehen, dass die neue Einwanderungspolitik für Spannungen mit dem Ausland sorgt. Die Vereinigten Staaten betreiben die Rekrutierung von Arbeitskräften ohne Rücksicht auf die Interessen anderer Länder und werden alles tun, um Konkurrenten auszustechen und Fachkräfte aus Schwellenländern abzuwerben. Wie wir noch sehen werden, hat dies Auswirkungen auf die Außenpolitik dieser Länder. Für die Vereinigten Staaten geht es lediglich darum, einen weiteren Fünfzig-Jahres-Zyklus erfolgreich zu bewältigen und eine weitere Welle von Einwanderern in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu locken. Egal, ob diese Einwanderer aus Indien oder aus Brasilien kommen, ihre Kinder werden genauso zu Amerikanern werden wie die Kinder aller früheren Einwanderergenerationen.
Dies trifft auf alle Einwanderergruppen zu, bis auf eine Ausnahme: die Mexikaner. Die Vereinigten Staaten beanspruchen Land, das früher zu Mexiko gehörte, und die Grenze zwischen beiden Nationen  ist extrem durchlässig. Die Migration von Mexiko in die Vereinigten Staaten weicht vom allgemein gültigen Muster ab, vor allem im Grenzland. In den 2030er Jahren wird Mexiko die Hauptquelle für qualifizierte Arbeiter sein, was den Vereinigten Staaten im weiteren Verlauf des Jahrhunderts ernsthafte strategische Probleme bereiten wird. Doch um das Jahr 2030 kommt es zu einem unvermeidlichen Schritt. Aufgrund des Arbeitskräftemangels, der die Wirtschaft aus dem Gleichgewicht zu bringen droht, formalisieren die Vereinigten Staaten einen Prozess, der bereits seit 2015 im Gange ist, und forcieren die Einwanderung. Danach werden sie ihre wirtschaftliche Entwicklung fortsetzen. Wenn in den 2040er Jahren die geburtenstarken Jahrgänge gestorben sind und die Bevölkerungsstruktur wieder eher einer Pyramide als einem Pilz ähnelt, wird ein erneuter wirtschaftlicher Aufschwung einsetzen, wie wir ihn aus den 1950ern und den 1990ern kennen. Diese Entwicklung wiederum bereitet den Boden für die Krise des Jahrs 2080. Doch bis dahin wird sich noch einiges ereignen.

Kapitel 6
Kapitel 8

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