Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 3

Kapitel 3 - Kulturkampf und Technologie

Im Jahr 2002 schrieb Osama bin Laden in seinem »Brief an Amerika«: »Ihr beutet Frauen als Objekte des Konsums und der Werbung aus und bietet sie Kunden zum Kauf feil. Ihr benutzt Frauen, um Reisende, Besucher und Fremde zu bedienen und so euren Gewinn zu mehren. Und dann behauptet ihr, dass ihr die Befreiung der Frau unterstützt.« Dieses Zitat belegt, dass sich al-Qaida als Verteidiger der traditionellen Form der Familie versteht. Das ist keineswegs ein nebensächlicher Bestandteil ihres Programms – im Gegenteil, es ist dessen Kernaussage. Die traditionelle Familie basiert auf einigen klaren Prinzipien. Erstens ist das Haus die Domäne der Frau und die Öffentlichkeit die Domäne des Mannes. Zweitens ist Sexualität auf die Familie und das Zuhause beschränkt, außereheliche und außerfamiliäre Sexualität ist nicht akzeptabel. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, provozieren durch ihre schiere Anwesenheit die außerfamiliäre Sexualität. Drittens besteht die Aufgabe der Frau in erster Linie in der Geburt und der Erziehung der kommenden Generation. Daher müssen der Frau strenge Regeln auferlegt werden, um die Integrität der Familie und der gesamten Gesellschaft zu wahren. Wie der »Brief an Amerika« unterstreicht, dreht sich im islamischen Fundamentalismus interessanterweise alles um die Frau. Bin Laden hasst Amerika, weil es für ein vollständig anderes Frauen- und Familienbild steht. Nicht nur radikale Vertreter des Islam wie Osama bin Laden äußern Auffassungen wie diese. Die meisten Religionen beschäftigen sich mit der Rolle der Frau und der Familie: Traditionelle Katholiken, bibeltreue Protestanten und orthodoxe Juden vertreten ganz ähnliche Positionen. Die religiösen Gruppierungen sind sich allerdings, genau wie der Rest der Gesellschaft, in diesen Fragen keineswegs einig. In den Vereinigten Staaten wurde der Begriff »Kulturkampf« geprägt, um diese Auseinandersetzungen um familiäre Werte zu beschreiben. In den meisten Gesellschaften besteht heute ein Konflikt zwischen Traditionalisten und Reformern, die Familie, Frauenbild und Sexualität neu definieren wollen. Dieser Kulturkampf wird sich im 21. Jahrhundert weiter verschärfen, doch letztlich können ihn die Traditionalisten nicht gewinnen. Grund sind die immensen Veränderungen, die unser Leben – insbesondere das Leben der Frauen und damit auch der Familien – im zurückliegenden Jahrhundert erfahren hat. Was in Europa, den Vereinigten Staaten und Japan längst Wirklichkeit ist, breitet sich nun auch auf den Rest der Welt aus. Letztlich wird sich der Wandel der Familie nicht aufhalten lassen. Das soll keine Bewertung dieser Veränderungen darstellen. Dieser Trend ist vielmehr nicht aufzuhalten, weil sich die demografischen Gegebenheiten verändern. Die wichtigste Entwicklung ist dabei der dramatische Rückgang der Geburtenraten in aller Welt. Frauen bekommen Jahr für Jahr weniger Kinder. Das bedeutet einerseits, dass die Bevölkerungsexplosion der letzten beiden Jahrhunderte sich ihrem Ende zuneigt, und andererseits, dass Frauen weniger Lebenszeit auf Geburten und Kindererziehung verwenden, während ihre Lebenserwartung gleichzeitig rasant zunimmt. Wie ich im Folgenden zeigen werde, provoziert dieser scheinbar einfache Sachverhalt die Gründung von Gruppen wie al-Qaida und anderen. Er erklärt auch, warum das Europäische Zeitalter, das auf einer stetigen Bevölkerungsexpansion (durch Eroberungen oder durch Geburten) beruhte, durch das Amerikanische Zeitalter ersetzt wird. Beginnen wir jedoch mit dem Ende der Bevölkerungsexplosion.

Der Bevölkerungsschwund 

In den letzten Jahrzehnten war die fortschreitende Bevölkerungsexplosion eines der beherrschenden Themen. Unkontrolliertes Bevölkerungswachstum führe zu Ressourcenverknappung und Umweltzerstörung, hieß es. Mehr Menschen bedeuteten automatisch einen er- höhten Konsum von Nahrungsmitteln, Energie und anderen Gütern, was wiederum Erderwärmung und andere ökologische Katastrophen zur Folge habe. Dieses Modell lässt sich jedoch in dieser Form nicht mehr aufrecht erhalten. In den Industrienationen ist bereits ein Wandel zu beobachten. Die Lebenserwartung steigt, und da gleichzeitig die Geburtenraten sinken, stehen immer weniger junge Arbeitnehmer immer mehr Rentnern gegenüber. Europa und Japan müssen sich bereits mit diesem Problem auseinandersetzen, die Vereinigten Staaten folgen in Kürze. Doch die Alterung der Gesellschaft ist lediglich die Spitze des Eisbergs und nur das erste Problem des bevorstehenden Bevölkerungsschwunds. Einige Beobachter gehen davon aus, dass trotz des Bevölkerungsrückgangs in Europa die Weltbevölkerung als Ganze weiter wachsen werde, da die Geburtenraten in den Entwicklungsländern unvermindert hoch blieben. Das Gegenteil ist der Fall: Die Geburtenraten sind in aller Welt im Rückgang begriffen. Die Industrienationen sind lediglich die Vorreiter, doch die Entwicklungsländer folgen auf dem Fuße. Dieser demografische Wandel wird das 21. Jahrhundert prägen. Einige der wichtigsten Industrienationen der Welt, allen voran Russland und Deutschland, werden einen verhältnismäßig hohen Prozentanteil ihrer Bevölkerung verlieren. Europa hat heute 728 Millionen Einwohner. Für das Jahr 2050 erwarten die Vereinten Nationen einen Rückgang auf 557 bis 653 Millionen Einwohner – das ist ein bemerkenswerter Bevölkerungsverlust. Die niedrigere der beiden Zahlen geht von einer Geburtenrate von 1,6 Kindern pro Frau aus, die höhere von 2,1. Da die Geburtenrate in Europa heute bei 1,4 Kindern liegt, gehe ich in der Folge davon aus, dass mit größerer Wahrscheinlichkeit die niedrigere Prognose eintreffen wird. In der Vergangenheit war Bevölkerungsverlust in der Regel gleichbedeutend mit Machtverlust. Dies wird auch auf Europa zutreffen. Für andere Nationen wie etwa die Vereinigten Staaten wird es im kommenden Jahrhundert entscheidend sein, ihre Bevölkerungszahlen zu halten oder technologische Mittel zum Ausgleich des Bevölkerungsverlusts zu entwickeln, um auf diese Weise ihre Machtposition zu erhalten. Eine derart weitreichende Behauptung muss natürlich untermauert werden. Deshalb beschäftigen wir uns an dieser Stelle ein wenig näher mit den Zahlen, ehe wir deren Konsequenzen erörtern. Es handelt sich um einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, den wir sehr genau verstehen sollten. Von 1750 bis 1950 wuchs die Weltbevölkerung von einer Milliarde auf drei Milliarden an. Zwischen 1950 und  2000 verdoppelte sie sich von drei auf sechs Milliarden. Die Weltbevölkerung wuchs nicht nur, das Wachstum beschleunigte sich zudem dramatisch. Würde sich diese Entwicklung so fortsetzen, wäre das Resultat eine globale Katastrophe. Doch das Wachstum hat sich nicht weiter beschleunigt, sondern es hat sich im Gegenteil erheblich verlangsamt. Die Vereinten Nationen gehen zwar davon aus, dass die Weltbevölkerung zwischen  2000 und 2050 weiter wachsen wird, doch nur noch um 50 Prozent, womit sich die Wachstumsrate gegenüber dem vergangenen halben Jahrhundert halbiert hätte. Noch interessanter wird die Entwicklung jedoch in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die Weltbevölkerung wird zwar nach wie vor wachsen, doch nur noch um 10 Prozent. Einige Prognosen, die nicht von den Vereinten Nationen stammen, gehen sogar davon aus, dass die Weltbevölkerung im Jahr 2100 rückläufig sein wird. Am dramatischsten wird die Entwicklung in den Industrienationen ausfallen, die zum Teil erhebliche Bevölkerungsverluste hinnehmen müssen. In Schwellenländern wie Brasilien und Südkorea stabilisieren sich die Bevölkerungszahlen um die Jahrhundertmitte und nehmen um 2100 allmählich ab. In den am wenigsten entwickelten Ländern wie dem Kongo und Bangladesh wird die Bevölkerung bis 2100 weiter wachsen, doch nicht annähernd in dem Maße wie in den vergangenen hundert  Jahren. Wie man es dreht und wendet, die Zeit der Bevölkerungsexplosion geht zu Ende. Eine kritische Zahl ist die 2,1. So viele Kinder muss eine Frau zur Welt bringen, damit die Weltbevölkerung stabil bleibt. Liegt die Zahl darüber, wächst die Bevölkerung, liegt sie darunter, schrumpft sie. Nach Angaben der Vereinten Nationen lag die Geburtenrate pro Frau im Jahr 1970 bei 4,5. Bis zum Jahr  2000 war diese Zahl im weltweiten Durchschnitt auf 2,7 gesunken. Das ist ein dramatischer Rückgang, der erklärt, warum die Weltbevölkerung zwar weiterhin zunimmt, aber langsamer als zuvor. In den 44 am weitesten entwickelten Nationen der Welt stellt sich die Situation etwas anders dar. Diese Nationen haben heute eine durchschnittliche Geburtenrate von 1,6; das heißt, dort gehen die Bevölkerungszahlen schon jetzt zurück. In den Schwellenländern liegt sie bei 2,9 Tendenz weiter fallend. Selbst in den am wenigsten entwickelten Ländern ist sie von 6,6 auf 5,0 gefallen und wird im Jahr 2050 bei schätzungsweise 3,0 liegen. Es besteht kein Zweifel, dass die Geburtenraten sinken. Es fragt sich nur, warum. Doch die Antwort ist bereits in den Ursachen der Bevölkerungsexplosion angelegt – in gewisser Hinsicht hat sich das Bevölkerungswachstum selbst gestoppt. Die rasante Bevölkerungsentwicklung der letzten beiden Jahrhunderte hatte zwei Ursachen: erstens den Rückgang der Kindersterblichkeit und zweitens den Anstieg der Lebenserwartung. Beide sind das Resultat medizinischer Fortschritte, einer besseren Nahrungsmittelversorgung und einer staatlichen Gesundheitspolitik, die Ende des 18. Jahrhunderts allmählich eingeführt wurde. Für das Jahr 1800 liegen keine verlässlichen Statistiken vor, doch Schätzungen gehen von einer Geburtenrate zwischen 6,5 und 8,0 aus. Damit brachten Frauen in Europa damals so viele Kinder zur Welt wie Frauen in Bangladesh heute, doch die Bevölkerungszahlen blieben weitgehend konstant. Die meisten Kinder, die im Jahr 1800 zur Welt kamen, lebten nicht lange genug, um ins reproduktionsfähige Alter zu kommen. Von acht Kindern starben sechs schon vor Erreichen der Pubertät. Medizinische Versorgung, ausreichende Nahrungsmittel und zunehmende Hygiene sorgten für einen dramatischen Rückgang der Kindersterblichkeit, was zur Folge hatte, dass im Jahr 1900 die meisten Menschen alt genug wurden, um selbst Kinder zu bekommen. Doch obwohl die Kindersterblichkeit abnahm, blieb das Reproduktionsverhalten unverändert: Eltern bekamen genauso viele Kinder wie zuvor. Der Grund ist nicht schwer zu erraten. Menschen lieben Sex, und ohne Verhütungsmittel führt Sex zur Geburt von Kindern. Doch die Eltern hatten nichts dagegen, viele Kinder zu bekommen, denn Kinder waren die Grundlage des Wohlstands. In einer landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft bedeuten mehr Kinder mehr Arbeitskräfte und damit mehr Wohlstand. Kinder sicherten die Altersversorgung, wenn die Eltern denn so alt wurden. Es gab keine Sozialversicherungen, doch die Eltern konnten sich darauf verlassen, dass ihre Kinder sich im Alter um sie kümmern würden. Das gründete zum einen auf den vorherrschenden Gepflogenheiten, zum anderen auf rationalem wirtschaftlichen Denken. Der Vater war Besitzer oder Pächter des Ackerlands, und da die Kinder auf dieses Land angewiesen waren, um ihren eigenen Lebensunterhalt zu erwirtschaften, konnte der Vater die Bedingungen diktieren. Da Kinder Wohlstand und Alterssicherung bedeuteten, waren die Frauen dafür verantwortlich, so viel Nachwuchs wie möglich zu bekommen. Wenn Frauen Kinder bekamen und Mutter und Kind die Geburt überlebten, dann war das ein Gewinn für die ganze Familie. Es war Glück im Spiel, doch aus Sicht der Familie und der männlichen Familienoberhäupter war es das Risiko wert. Da es Lust und Wohlstand bedeutete, gab es keinen Grund, nicht mehr Kinder in die Welt zu setzen. Gewohnheiten halten sich hartnäckig. Als die Familien in die Städte zogen, blieben Kinder nach wie vor ein wertvolles Gut. Sobald sie sechs Jahre alt waren, konnten die Eltern sie zur Arbeit in die Fabriken schicken und den Lohn kassieren. Zu Beginn der Industriellen Revolution mussten Fabrikarbeiter ebenso wenige Fähigkeiten mitbringen wie Erntehelfer. Doch je komplexer die Produktion wurde, desto weniger konnten Fabriken mit Sechsjährigen anfangen. Schon bald benötigten sie qualifizierte Arbeitskräfte und später Manager mit einem Studium in Betriebswirtschaft. Je komplexer die Arbeit in den Fabriken wurde, umso geringer war der ökonomische Nutzen der Kinder. Um wirtschaftlich aktiv werden zu können, mussten die Kinder nun zur Schule gehen. Statt zum Familieneinkommen beizutragen, waren sie plötzlich ein Kostenfaktor. Sie benötigten Kleidung, Essen und Unterbringung. Im Laufe der Zeit nahm die Ausbildungsdauer immer weiter zu: Heute studieren viele »Kinder«, bis sie Mitte 20 sind, ohne bis dahin auch nur einen Pfennig verdient zu haben. Nach Angaben der Vereinten Nationen beträgt die Ausbildungsdauer in den 25 reichsten Ländern der Welt heute im Durchschnitt zwischen 15 und 17 Jahren. In den Industrienationen hielt sich die Neigung, so viele Kinder wie möglich zu bekommen, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Viele unserer Groß- und Urgroßeltern stammen noch aus Familien mit zehn Kindern. Zwei Generationen zuvor hätten davon vermutlich bestenfalls drei das Erwachsenenalter erreicht, jetzt überlebten plötzlich alle, konnten als Jugendliche das Haus verlassen und sich auf Arbeitssuche machen. Im Europa des 18. Jahrhunderts waren zehn Kinder ein Geschenk Gottes. Im Europa des späten 19. Jahrhunderts waren zehn Kinder eine Bürde. Und im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts waren zehn Kinder eine Katastrophe. Es dauerte eine Weile, ehe sich diese Erkenntnis durchsetzte, doch allmählich erkannten die Menschen, dass ihre Kinder überleben würden und dass ihre Erziehung extrem kostspielig war. Also zeugten Eltern immer weniger Kinder, und sie bekamen sie nicht aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen, sondern aufgrund eines persönlichen Kinderwunsches. Dies wurde zwar unter anderem auch durch medizinische Fortschritte wie die Geburtenkontrolle möglich, doch es waren vor allem die Kosten der Kindererziehung, die für den Rückgang der Geburtenzahlen verantwortlich waren. Kinder brachten keinen Wohlstand mehr, sie waren vielmehr selbst eine Art Luxusgut. Eltern befriedigten ihren Kinderwunsch nicht mehr mit zehn Kindern, sondern mit einem. Sehen wir uns nun die Entwicklung der Lebenserwartung an. Je länger die Menschen leben, desto mehr Menschen gibt es zu einem beliebigen Zeitpunkt. Die Lebenserwartung stieg gleichzeitig mit dem Rückgang der Kindersterblichkeit. Im Jahr 1800 lag die durchschnittliche Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten und in Europa bei geschätzten vierzig Jahren. Im Jahr  2000 betrug sie beinahe achtzig Jahre. Das heißt, dass sich die Lebenserwartung im Laufe der vergangenen beiden Jahrhunderte verdoppelt hat. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird vermutlich weiter zunehmen, wenngleich sich gewiss nicht abermals verdoppeln. Die Vereinten Nationen erwarten vielmehr, dass die Lebenserwartung in den führenden Industrienationen von 76 Jahren im Jahr  2000 auf 82 Jahre im Jahr 2050 steigt und in den ärmsten Ländern von 51 auf 66 Jahre. Auch diese vergleichsweise geringe Zunahme der Lebenserwartung trägt zu einer Verlangsamung des Bevölkerungswachstums bei. In den Industrienationen begann diese Entwicklung bereits vor Jahrzehnten, doch inzwischen hat sie auch die ärmsten Länder erreicht. Heute sind selbst im brasilianischen São Paolo zehn Kinder wirtschaftlicher Selbstmord. Auch wenn noch einige Generationen erforderlich sind, um die hartnäckigen Vorstellungen vom Kinderreichtum loszuwerden – irgendwann sind sie überwunden. Und sie werden nicht wiederkehren, solange die Kindererziehung immer teurer wird und immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Der Rückgang der Geburtenraten und der verlangsamte Anstieg der Lebenserwartung läuten das Ende des Bevölkerungswachstums ein. 

Bevölkerungsrückgang und Lebenszyklus

Dieser absehbare Bevölkerungsrückgang hat Auswirkungen auf den Lebenszyklus der Menschen und damit zugleich auch auf das Verhalten der jeweiligen Länder. Beginnen wir mit drei entscheidenden Fakten. In den Industrienationen liegt die durchschnittliche Lebenserwartung heute bei achtzig Jahren, die Geburtenrate sinkt, und die Ausbildung nimmt immer mehr Zeit in Anspruch. Hier gilt heute ein Studium als Voraussetzung für gesellschaftlichen und beruflichen Erfolg. Studierende erhalten ihren Bachelorabschluss in der Regel im Alter von 22 Jahren. Setzen sie ihr Studium fort und studieren danach Jura oder Medizin, treten sie mit Mitte oder Ende zwanzig ins Arbeitsleben ein. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung schlägt diesen Ausbildungsweg ein, darunter die politische und wirtschaftliche Elite. Die Folge ist eine dramatische Veränderung im Heiratsverhalten. Paare verheiraten sich heute immer später und schieben die Geburt des ersten Kindes immer weiter auf. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die gesellschaftliche Rolle der Frau. Vor 200 Jahren bekamen die Frauen ihr erstes Kind im Jugendlichenalter – und dann eines nach dem anderen. Sie zogen einige Kinder groß und begruben andere, bis sie selbst starben. Das war die Voraussetzung für den Wohlstand der Familie und der Gesellschaft. Das Leben einer Frau bestand vor allem darin, Kinder zu bekommen und großzuziehen. Dieses Muster ändert sich im 21. Jahrhundert. Wenn wir davon ausgehen, dass eine Frau achtzig Jahre alt wird, mit dreizehn in die Pubertät und mit fünfzig in die Menopause kommt, dann lebt sie heute nicht nur doppelt so lange wie ihre Vorfahren, sondern ist auch mehr als die Hälfte ihres Lebens nicht reproduktionsfähig. Nehmen wir an, eine Frau bekommt zwei Kinder. Damit verbringt sie achtzehn Monate oder 2 Prozent ihres gesamten Lebens mit der Schwangerschaft. Nehmen wir weiter an, dass sie diese Kinder im Abstand von drei Jahren bekommt, wie es in vielen Familien üblich ist, dass die Kinder im Alter von fünf Jahren eingeschult werden und dass sie mit der Einschulung des ältesten Kindes ins Berufsleben zurückkehrt. Das würde bedeuten, dass Schwangerschaft und ganztägige Kindererziehung acht Jahre ihres Lebens einnehmen – das sind bei einer Lebenserwartung von achtzig Jahren gerade einmal zehn Prozent ihres Lebens.  Damit ist die Kindererziehung nicht mehr die Hauptbeschäftigung einer Frau, sondern nur noch eine von vielen. Wenn wir weiter bedenken, dass viele Frauen nur noch ein Kind bekommen und dies lange vor der Einschulung in Kindertagesstätten und Vorschulen geben, wird deutlich, dass sich das Leben der Frauen von Grund auf verändert hat. Hier liegen die demografischen Wurzeln des Feminismus. Da Frauen immer weniger Zeit mit Schwangerschaft und Kindererziehung verbringen, sind sie heute weit weniger von Männern abhängig als noch vor fünfzig Jahren. In der Vergangenheit hätte es für eine Frau eine wirtschaftliche Katastrophe bedeutet, allein ein Kind erziehen zu müssen. Das ist heute anders, vor allem für qualifizierte Frauen. Die Ehe ist keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr. Das heißt auch, dass Ehen heute nicht mehr durch wirtschaftliche Notwendigkeit zusammengehalten werden, sondern durch Liebe. Doch die Liebe ist launisch. Wenn Menschen ihre Partnerschaft aus rein emotionalen Gründen eingehen, nimmt die Scheidungsrate automatisch zu. Mit dem Wegfall der ökonomischen Motivation fehlt ein wichtiges stabilisierendes Element in der Ehe. Die Liebe kann zwar durchaus von Dauer sein, doch für sich genommen ist sie ein weitaus schwächeres  Bindemittel als im Zusammenspiel mit der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Früher hielten Ehen »bis dass der Tod uns scheide«. In der Vergangenheit kam der Tod früh und häufig. In einer Übergangsphase, in der viele Paare zehn und mehr Kinder hatten, feierten viele ihre goldene Hochzeit. Davor endeten die meisten Ehen mit dem frühzeitigen Tod eines der beiden; der überlebende Partner heiratete erneut, um den wirtschaftlichen Ruin abzuwenden. Diese serielle Polygamie war in Europa gang und gäbe, die Witwer (es waren zumeist Männer, da die Frauen oftmals im Kindbett starben) heirateten im Laufe ihres Lebens mehrmals. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Lebenserwartung schon gestiegen war, sorgte die Tradition dafür, dass die Ehen außergewöhnlich lang hielten. Doch gegen Ende des 20. Jahrhunderts kehrte die serielle Polygamie zurück, diesmal bedingt durch Scheidung, nicht durch den Tod. Ein weiteres Muster ist auffällig. Während früher mindestens einer der Partner, wenn nicht beide, bei der Hochzeit fünfzehn Jahre alt oder jünger waren, heiraten die meisten Menschen heute mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig. Früher waren Männer und Frauen vor der Ehe im Alter von fünfzehn Jahren kaum sexuell aktiv, doch heute wäre es mehr als unrealistisch zu erwarten, dass die Partner sexuell enthaltsam bleiben, bis sie im Alter von dreißig Jahren vor den Traualtar treten. Das heißt, dass es heute eine neue Lebensphase gibt, in der Menschen sexuell aktiv sind, während sie noch in finanzieller Abhängigkeit von ihren Eltern leben. In einer weiteren neuen Lebensphase sind sie finanziell unabhängig und sexuell aktiv, ohne jedoch Kinder bekommen zu wollen. Der traditionelle Lebenslauf hat ausgedient, ohne dass es bislang klare Alternativmuster gäbe. Früher ging das Zusammenleben eines Paares mit einer förmlichen Eheschließung einher, doch beides ist heute vollständig entkoppelt. Selbst Reproduktion ist heute weder an eheliche noch an nicht-eheliche Partnerschaft gebunden. Gestiegene Lebenserwartung, gesunkene Geburtenraten und längere Ausbildungszeiten haben zu einer Auflösung der traditionellen biographischen und gesellschaftlichen Muster geführt. Diese Entwicklung ist nicht mehr umkehrbar. Frauen haben weniger Kinder, da der Unterhalt einer großen Familie in einer industrialisierten und urbanen Gesellschaft wirtschaftlicher Selbstmord wäre. Weder wird die Kindererziehung billiger werden noch werden sich Möglichkeiten ergeben, Sechsjährige zur Arbeit zu schicken. Auch die Kindersterblichkeit wird nicht wieder steigen. Das heißt, im 21. Jahrhundert wird sich der bestehende Trend zu weniger Kindern weiter fortsetzen.

Politik und gesellschaftlicher Wandel

In den gebildeteren Schichten der Bevölkerung haben sich die Lebensmuster am stärksten verändert. Die ärmsten leben dagegen seit Beginn der Industriellen Revolution in einer Welt der dysfunktionalen Familien, für sie waren chaotische Reproduktionsmuster immer die Regel. Die breite Bevölkerungsmehrheit zwischen der gebildeten Oberschicht und der Unterschicht hat die demografischen Veränderungen dagegen nur zum Teil nachvollzogen. Bei den Arbeitern und einfachen Angestellten haben sich andere Entwicklungen bemerkbar gemacht, unter anderem eine relative Verkürzung der Ausbildungszeiten. Daher folgen in dieser Schicht Pubertät und Reproduktion nach wie vor dichter aufeinander. Angehörige dieser Schicht gründen ihre Familie früher, und aufgrund der stärkeren wirtschaftlichen Abhängigkeit kann eine Scheidung gravierendere Folgen haben. Hier werden Ehen nach wie vor auch durch nicht-emotionale Erwägungen zusammengehalten, Scheidung sowie vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr haben in der Wahrnehmung der Beteiligten schwerwiegendere Folgen. In dieser Mittelschicht sind auch viele Wertkonservative zuhause –  eine kleine, aber mächtige Gruppe. Mächtig ist diese Gruppe deshalb, weil sie traditionelle Werte vertritt. Das Chaos der gebildeten Schichten lässt sich bislang kaum als Wertesystem bezeichnen – es könnte noch ein ganzes Jahrhundert vergehen, ehe sich ihr Lebensstil zu einem moralischen System verfestigt. Aus diesem Grund haben Wertkonservative einen Vorteil, da sie von der Warte einer anerkannten Tradition aus sprechen. Doch, wie wir gesehen haben, verschwinden die althergebrachten Unterschiede zwischen Männern und Frauen über kurz oder lang. Da Frauen heute länger leben und weniger Kinder bekommen, werden sie nicht mehr durch die Umstände in Rollen gezwungen, die sie vor der Zeit der Urbanisierung und Industrialisierung einnehmen mussten. Die Familie ist nicht mehr die zentrale Wirtschaftsgemeinschaft, die sie früher war. Scheidung stellt keine finanzielle Katastrophe mehr dar, und vorehelicher Sex ist unvermeidlich. Gleichgeschlechtliche und kinderlose Beziehungen werden zu einer vertretbaren Alternative. Wenn Gefühl die Grundlage einer Eheschließung ist, warum sollte dann eine Schwulenehe weniger akzeptabel sein als eine Ehe zwischen Heterosexuellen? Sobald die Partnerschaft von der Reproduktion entkoppelt wird, ist die Schwulenehe eine logische Konsequenz. Dies sind lediglich die notwendigen Konsequenzen der radikalen Veränderungen unserer Lebensumstände, die mit dem Ende der Bevölkerungsexplosion einhergehen. Es ist daher kein Zufall, dass konservative Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen eine Rückkehr zu althergebrachten Formen der Reproduktion fordern. Viele treten für die Großfamilie ein. Wenn das Ziel einer Familiengründung darin besteht, möglichst viele Kinder zu bekommen, erscheinen traditionelle Frauenrollen, frühe Heirat, sexuelle Enthaltsamkeit und die Unantastbarkeit der Ehe durchaus als sinnvoll. 
Dieser Konflikt entsteht jedoch nicht nur in den wohlhabenden Industrienationen. Einer der Eckpfeiler des Anti-Amerikanismus ist beispielsweise das Argument, die amerikanische Gesellschaft fördere den moralischen Verfall, sie belohne das unzüchtige Verhalten von Frauen und zerstöre die Familie. Dies ist ein durchgängiges Thema in den Ansprachen von Osama bin Laden. Er behauptet, die Welt wende sich von den Verhaltensweisen ab, die traditionell als moralisch galten, und er setzt es sich zum Ziel, diesen Prozess aufzuhalten. Die Familie ist weltweit zum Streitfall geworden. In den Industrienationen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, ist sie ein politisches Minenfeld. Auf der einen Seite stehen politische Gruppierungen mit überwiegend religiösem Hintergrund. Auf der anderen Seite stehen weniger politische Kräfte als vielmehr ein überwältigendes Verhaltensmuster, das sich aus der demografischen Situation ergibt und politischen Folgen und Parolen gegenüber gleichgültig ist. Natürlich gibt es auch auf dieser Seite politische Gruppierungen wie etwa die Schwulenbewegung, doch die gesellschaftlichen Umwälzungen verlaufen ungeplant.

Der Computer und die amerikanische Kultur

Zu Beginn des Amerikanischen Zeitalters haben die Vereinigten Staaten großes Interesse daran, traditionelle Gesellschaftsmuster aufzubrechen. Dies erzeugt den Grad an Instabilität, der ihnen den größtmöglichen Spielraum verschafft. Die amerikanische Kultur ist eine widersprüchliche Mischung aus Bibel und Computer, aus traditionellen Werten und radikaler Erneuerung. Neben der Demografie ist es vor allem der Computer, der die amerikanische Kultur verändert und die eigentliche Grundlage der amerikanischen Vormachtstellung verkörpert. Dies wird im kommenden Jahrhundert außerordentlich wichtig werden. Der Computer stellt eine radikale Abkehr von früheren Technologien und eine neue Auffassung der menschlichen Vernunft dar. Sein Zweck besteht in der Verarbeitung quantitativer Daten, sprich: Zahlen. Eine Maschine, deren einziger Sinn in der Verarbeitung von Zahlen besteht, ist eine einmalige technologische Entwicklung. Und da diese Maschine jegliche Information – Musik, Bilder und das geschriebene Wort – in Zahlen verwandelt, handelt es sich zugleich um eine einmalige Auffassung der menschlichen Vernunft. Der Computer basiert auf der binären Logik. Das heißt, er registriert elektrische Ladungen, die entweder positiv oder negativ sind, und behandelt sie als 0 und 1. Dinge, die wir für ganz einfach halten, stellt er mit Hilfe langer binärer Zahlenketten dar. So wird beispielsweise der Großbuchstabe »A« durch die Zahlenfolge 0000001 repräsentiert und das kleine »a« durch die Zahlenfolge 0100001. Diese Zahlenstrings werden von Programmen verarbeitet, die wiederum in Computersprachen wie Basic, C++ oder Java geschrieben sind. Vereinfacht gesagt, übersetzt der Computer alles in Zahlen, von einem Buchstaben auf dem Bildschirm bis hin zu einer Sinfonie. Alles wird auf Nullen und Einsen reduziert. Zur Arbeit mit Computern wurden diverse künstliche Sprachen erfunden, deren Zweck nur darin besteht, die Daten zu verarbeiten, mit denen der Computer gefüttert wird. Der Computer kann nur mit Dingen umgehen, die sich in der Form von Nullen und Einsen ausdrücken lassen. Er kann Musik abspielen, aber er kann sie weder komponieren (zumindest nicht sonderlich gut) noch ihre Schönheit erklären. Er kann Gedichte abspeichern, doch er kann sie nicht interpretieren. Er ermöglicht es Ihnen, jedes jemals veröffentlichte Buch zu durchsuchen, doch er ist nicht imstande, zwischen einem grammatikalisch richtigen und einem grammatikalisch falschen Satz zu unterscheiden. Was er macht, das macht er ausgezeichnet, doch er schließt eine Vielzahl von Dingen aus, zu denen der menschliche Verstand fähig ist. Er ist nicht mehr als ein Werkzeug. Er ist sogar ein mächtiges und verführerisches Werkzeug. Doch er funktioniert unter Verwendung einer Logik, die weitergehende, komplexere Funktionen des menschlichen Verstandes ausschließt. Er verbannt gnadenlos alles, was sich nicht in Form von Zahlen darstellen lässt. Auf diese Weise macht er viele Menschen glauben, dass diese anderen Aspekte des menschlichen Verstandes entweder gar nicht existieren oder irrelevant sind. Für den Computer ist der Verstand nichts als ein Instrument, andere Funktionen wie etwa das Nachdenken lässt er nicht zu. Das ist eine dramatische Einschränkung dessen, was wir unter dem menschlichen Verstand verstehen. Innerhalb dieses reduzierten Rahmens vollbringt der Computer erstaunliche Leistungen. Wer je eine Programmiersprache gelernt hat, weiß, wie logisch streng und künstlich diese sind. Mit natürlichen Sprachen haben sie rein gar nichts zu tun, sie sind vielmehr eher so etwas wie ihr Gegenteil. Natürliche Sprachen leben von ihren Andeutungen, Nuancen und komplexen Bedeutungsebenen, die sich nur im Kontext und durch die aktive Interpretation des Zuhörers erschließen. Eine Computersprache muss dagegen vollkommen eindeutig sein, da die binäre Logik nicht in der Lage ist, Mehrdeutigkeiten zu verarbeiten. Der Computer ist ein typisches Produkt der amerikanischen Kultur. Deren Denkweise kommt in Aussagen wie der folgenden von Charles Peirce, dem Begründer des Pragmatismus, zum Ausdruck: »Überlege, welche denkbaren Wirkungen, die denkbarerweise auch praktische Auswirkungen haben können, der Gegenstand unseres Begriffes hat. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffes des Gegenstandes.« Mit anderen Worten liegt die Bedeutung eines Gedankens allein in seiner praktischen Konsequenz. Daraus folgt im Umkehrschluss, dass ein Gedanke ohne praktische Konsequenz keine Bedeutung hat. Damit ist jede Form der zweckfreien Erkenntnis von vornherein ausgeschlossen. Der amerikanische Pragmatismus war ein Angriff auf die europäische Metaphysik, die sich aus Sicht der amerikanischen Philosophen als unpraktisch erwiesen hatte. Die amerikanische Kultur ist besessen von der Idee des Praktischen und verachtet jede Metaphysik. Der Computer und die Programmiersprachen sind die perfekte Verkörperung der pragmatischen Auffassung des menschlichen Verstandes. Jede Programmzeile hat ganz konkrete praktische Auswirkungen. Funktionalität ist der einzige Maßstab. Die Vorstellung, dass eine Programmzeile für ihre Schönheit geschrieben werden könnte, ist absurd. Der Pragmatismus, der in Programmiersprachen wie C++ zum Ausdruck kommt, ist eine radikale Reduktion der menschlichen Vernunft. Vernunft ist heute nur noch das, was sich an seinen praktischen Auswirkungen messen lässt. Was keine praktischen Auswirkungen hat, gehört nicht in die Sphäre der Vernunft, sondern in eine untergeordnete Region. Der Umgang mit dem Wahren und Schönen fällt der amerikanischen Kultur daher sehr schwer. Ihr geht es vielmehr darum, Dinge zu erledigen, ohne deren Ursachen und Bedeutungen zu hinterfragen. Genau aus diesem Grund ist die amerikanische Kultur so dynamisch. Sie wird oft bezichtigt, das Praktische und das Machbare über jede andere Wahrheit zu stellen. Diese Anschuldigung stimmt, doch sie übersieht, welche Macht hinter dieser Reduktion steckt. Nur im Praktischen wird Geschichte gemacht. Die Essenz der amerikanischen Kultur besteht nicht nur in der Philosophie des Pragmatismus, sondern im Computer als der praktischen Verkörperung dieser Philosophie. Nichts repräsentiert die amerikanische Kultur besser als der Computer, und nichts hat die Welt schneller und gründlicher verändert. Mehr als das Auto oder Coca-Cola verkörpert der Computer die amerikanische Vorstellung von Vernunft und Wirklichkeit. Die Kultur des Computers ist definitionsgemäß barbarisch. Die Essenz des Barbarischen ist die Reduzierung der Kultur auf eine einfache Kraft, die weder Umwege noch Konkurrenten zulässt. In seiner ganzen Anlage, Arbeitsweise und Entwicklung ist der Computer eine starke, reduktionistische Kraft. Er verkörpert nicht das zweckfreie Denken, sondern einen Verstand, der sich auf einfachste Ausdrucksformen reduziert und sich durch praktische Leistungen legitimiert. Pragmatismus, Computer und Microsoft (oder jedes andere amerikanische Unternehmen) sind hochgradig fokussiert, ausschließlich instrumentell und außerordentlich effektiv. So zersplittert die amerikanische Kultur sich darstellen mag, in ihrem Herzen etabliert sich heute die Barbarei des Computers und dessen ultimativen Nutzers, des Konzerns. Der Konzern ist ursprünglch eine europäische Erfindung, doch in seiner Übertragung auf die Vereinigten Staaten wird er zu einer Lebensart. Die Konzerne sind von der Zersplitterung genauso betroffen wie der Rest der amerikanischen Kultur. Doch in ihrer Vielfalt bringen sie dieselbe Selbstgewissheit zum Ausdruck wie jede andere amerikanische Ideologie.

Zusammenfassung

Die Vereinigten Staaten werden soziokulturell imitiert und politisch kritisiert. Sie befinden sich auf einer ideologischen Bruchstelle des internationalen Systems. In einer Zeit, in der die Bevölkerungszahlen aufgrund veränderter Reproduktionsmuster zurückgehen, entwickeln sich ausgehend von den Vereinigten Staaten radikal veränderte Lebensformen. Ohne Computer und Konzerne ist eine moderne Wirtschaft undenkbar, und zur Programmierung der Computer sind Englischkenntnisse erforderlich. Wer sich dieser Tendenz widersetzt, muss das amerikanische Denk- und Lebensmodell aktiv vermeiden. Doch damit ist eine moderne Wirtschaft von vornherein ausgeschlossen. Deshalb sind die Vereinigten Staaten so stark und deshalb frustrieren sie ihre Kritiker so beständig. Der Bevölkerungsrückgang verändert Familienstruktur und Alltagsleben. Computer vereinfachen und fokussieren unser Denken. Konzerne organisieren unsere Arbeit ständig neu. Diese drei Faktoren bedeuten eine Veränderung in unserem Lieben, Denken und Leben und bewirken eine Zunahme der amerikanischen Macht. Traditionelle Lebensformen sind verschwunden, ohne dass bisher neue an ihre Stelle getreten wären. Im 21. Jahrhundert werden eine Reihe neuer Institutionen, Wertesysteme und Praktiken im Ansatz sichtbar werden. Die erste Hälfte des Jahrhunderts wird von heftigen gesellschaftlichen Konflikten gekennzeichnet sein. Diese sind der Hintergrund der internationalen Auseinandersetzungen im 21. Jahrhundert.

Kapitel 2
Kapitel 4

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