Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 11

Kapitel 11 - Der neue Weltkrieg: Ein Szenario

Bislang habe ich in diesem Buch geopolitische Prognosen formuliert, ich habe dargestellt, wie sich die zentralen Themen des 21. Jahrhunderts entwickeln, und überlegt, inwieweit sie sich auf internationalen Beziehungen auswirken. In diesem Kapitel ändere ich meinen Ansatz ein wenig, um einen Krieg zu beschreiben, der meines Erachtens nach um die Mitte des 21. Jahrhunderts ausgetragen werden wird. Natürlich weiß ich weder, wann dieser Krieg genau stattfinden wird, noch kann ich seinen Verlauf in allen Einzelheiten vorhersagen. Ich kann jedoch versuchen, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie ein Krieg des 21. Jahrhunderts aussieht. So wie sich das 20. Jahrhundert nicht verstehen lässt, ohne den Ersten und den Zweiten Weltkrieg zu berücksichtigen, bekommt man erst dann ein Gefühl für das 21. Jahrhundert, wenn man weiß, wie seine Kriege aussehen werden. Ein Krieg fällt aus dem Rahmen des bisher beschriebenen, denn im Krieg spielen die Einzelheiten eine ganz entscheidende Rolle. Ohne diese Einzelheiten lässt er sich nicht von Grund auf erfassen. Um einen Krieg wirklich verstehen zu können, reicht es nicht zu wissen, warum er ausgetragen wurde. Wichtiger ist ein detailliertes Verständnis der Technologie, der Kultur und anderer Aspekte. In einer Analyse des Zweiten Weltkriegs muss man unter anderem auch auf Pearl Harbor eingehen. Der Angriff auf Pearl Harbor war ein strategischer Versuch Japans, Zeit zu gewinnen, um Südostasien und Niederländisch-Ostindien zu erobern. Doch um Pearl Harbor wirklich zu verstehen, muss man den Angriff in seinen Einzelheiten verstehen – die Verwendung von Flugzeugträgern, die Erfindung von Torpedos, die im flachen Hafenbecken von Pearl Harbor zum Einsatz kommen konnten sowie die Entscheidung, den Angriff auf einen Sonntagmorgen zu legen. In den vorhergehenden Kapiteln habe ich versucht zu zeigen, wie sich das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten, der Türkei und Japan im kommenden Jahrhundert entwickelt und warum sich die letzteren beiden Nationen derart bedroht fühlen, dass ihnen aus ihrer Sicht keine andere Wahl bleibt als ein Präventivkrieg. In diesem Buch geht es um meine Wahrnehmung der Ereignisse der kommenden 100 Jahre, und an dieser Stelle möchte ich den künftigen Krieg darstellen. Dazu muss ich allerdings so tun, als wüsste ich mehr, als ich tatsächlich weiß. Ich muss so tun, als wüsste ich, wo und wann Schlachten ausgetragen werden und wie sie verlaufen. Ich denke, ich habe ein gutes Verständnis der militärischen Technologien, die in diesem Krieg zum Einsatz kommen werden. Ich habe außerdem eine ungefähre Vorstellung, wann dieser Krieg ausgetragen und was sein Ergebnis sein wird. Doch ich befürchte, dieser Krieg wird sich nur dann wirklich verstehen lassen, wenn ich darüber hinaus gehe und ihn mit Einzelheiten ausstatte, die ich streng genommen gar nicht darstellen dürfte. Ich hoffe also, Sie sehen es mir nach, wenn ich mir gewisse Freiheiten herausnehme und diesen Krieg mit »echten« Einzelheiten versehe, um Ihnen auf diese Weise ein Gefühl für die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts und insbesondere dieses Kriegs zu vermitteln.  

Der Eröffnungszug

Die Zerstörung der drei Kampfsterne ist für den 24. November 2050, 17 Uhr, vorgesehen. Zu dieser Uhrzeit an Thanksgiving sitzen die meisten Menschen in den Vereinigten Staaten vor dem Fernseher, um sich ein Footballspiel anzusehen, oder sie halten ein Verdauungsschläfchen nach einem üppigen Festtagsmahl. Manche sitzen im Auto und sind auf dem Weg nach Hause. Niemand in Washington erwartet ein Problem. Genau in diesem Moment will das japanische Militär zuschlagen. Gegen Mittag nimmt es letzte Kurskorrekturen an seinen Geschossen vor, die auf die Kampfsterne zufliegen. Selbst wenn die Geschosse entdeckt werden sollten, so die Logik, dann würde es ein oder zwei Stunden dauern, um das nationale Sicherheitsteam in Washington zusammenzurufen, und wenn die Geschosse gegen 15 oder 16 Uhr entdeckt werden würden, dann bliebe keine Zeit mehr, um rechtzeitig zu reagieren. Um den 21. November startet Japan seine Geschosse vom Mond aus. Schon am Tag zuvor haben die Vorbereitungen für den Alternativplan begonnen, den erwähnten Schuss aus der Hüfte. Der Start der Geschosse auf dem Mond verläuft unbemerkt. Viele werden zwar von den Sensoren der Kampfsterne registriert, doch keines bewegt sich auf einer Flugbahn, die auf eine Gefahr für einen Satelliten oder die Erde schließen ließe. Die Daten werden nicht an das menschliche Kontrollpersonal weitergegeben. Ein Techniker, der am zweiten Tag die tägliche Zusammenfassung überfliegt, entdeckt eine ungewöhnlich große Zahl von Meteoriten, von denen sich einige der Station nähern werden, doch da es sich nicht um ein außergewöhnliches Ereignis handelt, misst er dem keine Bedeutung bei. Gegen Mittag des 24. November werden wie geplant die Triebwerke gezündet, und die Geschosse ändern ihren Kurs. Gegen 14 Uhr gibt der Kollisionsradar des Kampfsterns Uganda eine erste Warnung heraus und bittet den Computer um Bestätigung. Innerhalb der nächsten Stunde identifiziert jede der drei Stationen mehrere Flugobjekte auf Kollisionskurs. Gegen 15.15 Uhr erkennt der kommandierende Flottengeneral auf Kampfstern Peru, dass es sich um einen organisierten Angriff auf seine Satelliten handelt. Er informiert das Hauptquartier der Weltraumeinheiten in Colorado, das wiederum die Oberbefehlshaber der Teilstreitkräfte und den Nationalen Sicherheitsrat alarmiert. Inzwischen versucht der kommandierende General auf Kampfstern Peru, den Angriff mit Laserkanonen und Raketen abzuwehren. Doch die Zahl der Geschosse übersteigt die Kapazitäten der Raumstationen, das System ist nicht darauf ausgelegt, auf 15 Angreifer gleichzeitig zu reagieren. Er erkennt rasch, dass der Schutzschirm Lücken hat und dass einige der Projektile ihr Ziel erreichen werden. Der Präsident wird informiert, doch wegen Thanksgiving ist nur ein Teil seiner Berater erreichbar. Der Präsident stellt die zwei entscheidenden Fragen: Wer hat den Angriff ausgeführt und von wo aus? Niemand kann ihm diese Frage sofort beantworten. Der nächstliegende Kandidat ist die Türkei als einer der Protagonisten der jüngsten Krise, doch die Geheimdienste sind sich sicher, dass diese nicht in der Lage wäre, einen solchen Angriff durchzuführen. Die Japaner verhalten sich ruhig, und auch von ihnen nimmt niemand an, dass sie zu diesem Schlag in der Lage seien. Während immer mehr Berater im Weiße Haus eintreffen, kristallisiert sich zweierlei heraus: Die Kampfsterne stehen unmittelbar vor ihrer Zerstörung, und niemand weiß, wer dahinter steckt. Gegen 16.30 Uhr informiert Japan seinen Bündnispartner. Noch hält es jedoch detaillierte Informationen zurück, um zu verhindern, dass die Türkei ihr eigenes Spiel spielt. Doch diese ist bereits vorgewarnt, das Theater von Anfang November war das Vorspiel, und sie steht Gewehr bei Fuß für den Fall, dass Japan sie alarmiert. Weniger als dreißig Minuten vor dem Einschlag autorisiert der Präsident die Evakuierung der Kampfsterne. Die Zeit reicht nicht aus, um die Raumstationen vollständig zu evakuieren, Hunderte von Menschen müssen zurückbleiben. Obwohl niemand weiß, auf wessen Konto der Angriff geht, schaffen es die Berater, den Präsidenten davon zu überzeugen, die Verlegung der Hyperschallbomber von ihren Heimatbasen auf verstreute kleinere Stützpunkte anzuordnen. Dieser Befehl erfolgt zur gleichen Zeit wie der Befehl zur Evakuierung der Kampfsterne. Vieles geht schief. Die kommandierenden Offiziere – lediglich eine Rumpfbesatzung – bitten wiederholt um Bestätigung des Befehls. Im Laufe der kommenden Stunde werden einige Maschinen verlegt, die Mehrzahl bleibt jedoch in ihren Hangars. Um 17 Uhr explodieren alle drei Kampfsterne. Die verbleibenden Besatzungsmitglieder kommen ums Leben. Der Rest der amerikanischen Weltraumflotte – Sensoren und Satelliten, die überwiegend mit dem Kampfstern Peru kommunizieren – treibt damit führerlos durchs All. Japanische Spionagesatelliten melden das Ende des Funkverkehrs zwischen den Kampfsternen und Boden, und der japanische Radar erkennt die Zerstörung der Raumstationen.
Sobald die Nachricht bestätigt ist, starten die japanischen Streitkräfte Phase 2 der Operation. Sie schicken Tausende unbemannter Hyperschallbomber – Maschinen, die klein, schnell und wendig genug sind, um den Abwehrsystemen zu entkommen – in Richtung der Vereinigten Staaten, ihrer Schiffe und ihre Basen im Pazifik. Ziele sind die Hyperschallflotte der Vereinigten Staaten, Luftabwehrstellungen am Boden sowie Kommandozentralen. Städte nehmen die japanischen Bomber nicht ins Visier – mit massiven zivilen Opfern würde Japan nicht nur nichts erreichen, sondern es würde auch die angestrebte Verhandlungslösung von vornherein unmöglich machen. Es geht auch nicht darum, den Präsidenten und seinen Mitarbeiterstab zu treffen, denn schließlich benötigt Japan Ansprechpartner, mit denen es verhandeln kann. Gleichzeitig startet die Türkei eigene Angriffe auf Ziele, die in der gemeinsamen Kriegsplanung festgelegt worden sind. Da die Türkei bereits geahnt hat, dass etwas geschehen würde, und sich beinahe in Alarmzustand befindet, benötigt sie kaum Vorbereitung, um ihren Teil des Kriegsplans umzusetzen. Japan teilt ihr die Zerstörung der Kampfsterne mit, und die türkischen Sensoren bestätigen das. Das türkische Militär beeilt sich, um die Situation zu nutzen. Viele seiner Ziele befinden sich in den Vereinigten Staaten östlich des Mississippi. Doch die Türkei startet auch massive Angriffe gegen den polnischen Block und Indien, das zwar keine wichtige Macht, wohl aber ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten ist. Ziel der Koalition ist es, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten militärisch handlungsunfähig zu machen. Innerhalb weniger Minuten treffen die Raketen der unbemannten Hyperschallbomber die amerikanischen Streitkräfte in Europa und Asien. Es dauert jedoch noch fast eine Stunde, bis sie in den Vereinigten Staaten eintreffen. Diese Stunde verschafft den Vereinigten Staaten wertvolle Zeit. Die meisten der weltraumgestützten Sensoren sind ausgefallen, doch ein altes Infrarotsystem, das Raketen mit Hilfe von Wärmesensoren ortet und das zu veraltet war, um an die Kampfsterne angeschlossen zu werden, meldet noch immer Daten nach Colorado Springs. Es entdeckt Hunderte von Starts in Japan und der Türkei, doch kann darüber hinaus wenig Information liefern. Es ist unmöglich festzustellen, auf welche Ziele die Raketen und Hyperschallbomber gerichtet sind. Doch die Tatsache, dass beide Ländern innerhalb weniger Minuten nach der Zerstörung der Kampfsterne aktiv werden, lässt endlich einen Schluss darauf zu, woher die Angriffe kamen. Die Vereinigten Staaten unterhalten eine Datenbank von militärischen Zielen in der Türkei und Japan. Die Flugzeuge der Koalition befinden sich längst in der Luft, und es wäre sinnlos, deren Basen zu bombardieren. Doch in beiden Ländern gibt es feste Ziele, vor allem Befehlszentralen, Flugplätze, Treibstoffvorräte und so weiter, die angegriffen werden können. Außerdem will der Präsident seine Hyperschallflotte in der Luft und nicht auf dem Rollfeld. Also befiehlt er die Aktivierung eines vorhandenen Kriegsplans. Doch bis die Befehle übermittelt sind und die Kontrolleure Posten bezogen haben, bleiben nur noch 15 Minuten, bis die türkischen und japanischen Bomber amerikanisches Festland erreichen. Einige der Flugzeuge starten und zerstören Ziele in beiden Ländern, doch ein Großteil der Bomberflotte wird am Boden zerstört. In den osteuropäischen Staaten sind die Folgen des Angriffs noch verheerender. Das Hauptquartier der Streitkräfte in Warschau erfährt nichts von der Zerstörung der Kampfsterne und wird erst von den Vereinigten Staaten gewarnt, als schon die ersten Raketen in ihren Militärbasen einschlagen. Ohne jede Vorwarnung werfen die türkischen Hyperschallbomber ihre Lenkwaffen ab. Von einem Augenblick auf den anderen ist das Arsenal des polnischen Blocks vollkommen vernichtet. Gegen 19 Uhr ist die Weltraum- und Hyperschallflotte der Vereinigten Staaten weitgehend zerstört. Sie haben die Kontrolle über das Weltall verloren, und ihnen stehen nur noch einige hundert Flugzeuge zur Verfügung. Die Streitkräfte der europäischen Verbündeten wurden völlig überrumpelt. Amerikanische Kriegsschiffe in aller Welt wurden angegriffen und versenkt. Auch Indien hat seine Streitkräfte verloren. Das amerikanische Bündnis hat einen vernichtenden Schlag erlitten.

Der Gegenschlag

Die Gesellschaft der Vereinigten Staaten ist dagegen intakt, genau wie die ihrer Verbündeten. Hier liegt der Schwachpunkt der japanischtürkischen Strategie. Die Vereinigten Staaten sind eine Atommacht, genau wie Japan, die Türkei, Polen und Indien. Konventionelle Angriffe auf militärische Ziele haben keinen nuklearen Gegenschlag zur Folge. Sollte die Koalition jedoch versuchen, durch Angriffe auf die amerikanische Bevölkerung eine Kapitulation zu erzwingen, könnte der Punkt erreicht sein, an dem die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten Nuklearwaffen einsetzen. Da es der Koalition nicht um eine gegenseitige Auslöschung, sondern um eine politische Lösung geht, mit der die Vereinigten Staaten leben können, und da die Amerika- ner oft extrem unberechenbar sein können, wäre der Einsatz von  Hyperschallbombern gegen die Zivilbevölkerung extrem gefährlich. Der Besitz von Nuklearwaffen trägt also dazu bei, den Konflikt zu begrenzen. Andererseits sind die Vereinigten Staaten militärisch angeschlagen und wissen nicht, wie weit die Koalition gehen wird. Diese wiederum hofft, das Ausmaß des Schadens und ihre potenzielle Unberechenbarkeit könnten die Vereinigten Staaten dazu bewegen, einer Verhandlungslösung zuzustimmen, türkische und japanische Einflusssphären anzuerkennen, die amerikanischen Sphären zu begrenzen und einer überprüfbaren Rüstungskontrolle im Weltraum zuzustimmen. Mit anderen Worten: Die Koalition hofft darauf, dass die Vereinigten Staaten einsehen, dass sie nun nur noch eine Macht unter vielen sind, und sich mit einer großzügig bemessenen und sicheren eigenen Einflusssphäre zufriedengeben. Außerdem hofft sie, dass die Plötzlichkeit und Effizienz des Angriffs dazu führt, dass die Vereinigten Staaten die militärische Stärke der Koalition überschätzen. Die Vereinigten Staaten überschätzen die Stärke der Koalition in der Tat, doch ihre Reaktion ist das genaue Gegenteil dessen, was sich die Koalition erhofft. Sie sehen sich nicht in einem begrenzten Krieg mit einem Gegner, der klar umrissene politische Ziele verfolgt, mit denen sie sich gegebenenfalls anfreunden könnten. Sie nehmen vielmehr an, die Streitkräfte der Koalition seien sehr viel größer, als sie es in Wirklichkeit sind, und dass sie selbst vor einem weitgehenden Machtverlust, wenn nicht gar vor einer völligen Zerstörung stehen, und durch weitere Angriffe der Koalition und anderer Mächte verwundbar sein könnten. Dies stellt eine existenzielle Bedrohung dar. Die Vereinigten Staaten reagieren emotional und aus dem Bauch heraus auf den Angriff. Würden sie die politische Lösung akzeptieren, die ihnen am Abend des 24. November übermittelt wird, wäre die Zukunft des Lands auf lange Sicht ungewiss. Die Türkei und Japan würden Eurasien unter sich aufteilen. Es gäbe nicht eine Hegemonialmacht, sondern zwei, doch wenn diese beiden zusammenarbeiteten, wäre Eurasien ein geeinter Block, den die beiden systematisch ausbeuten konnten. Damit würde der amerikanische Alptraum wahr, und es wäre nur eine Frage der Zeit, ehe die Koalition die Weltraum- und Seehoheit gewinnen würde. Eine Zustimmung zu den Forderungen der Koalition würde zwar den Krieg beenden, doch sie würde auch den Niedergang der Vereinigten Staaten einläuten. An diesem Abend ist keine sorgfältig überdachte Reaktion möglich. Wie nach dem Untergang der Maine im Hafen von Havanna, der 1898 den Spanisch-Amerikanischen Krieg auslöste, dem Angriff auf Pearl Harbor und den Attentaten des 11. September 2001 reagieren die Vereinigten Staaten auch jetzt mit unbedachter Wut. Sie weisen sämtliche Bedingungen zurück und ziehen in den Krieg. Die Vereinigten Staaten können allerdings nichts unternehmen, solange die Aufklärungssatelliten der Koalition existieren. Diese kommen zwar nicht an die Leistungsfähigkeit der Kampfsternflotte heran, doch es handelt sich um Satelliten der jüngsten Generation, die der Koalition in Echtzeit Informationen über die Vereinigten Staaten liefern. Solange diese Satelliten in Betrieb sind, kann die Koalition jede Bewegung der Vereinigten Staaten verfolgen und ihr begegnen. Daher muss das amerikanische Aufklärungssystem so schnell wie möglich wiederhergestellt, und die Informationen der zahlreichen verbleibenden Satelliten müssen auf die Erde umgeleitet werden. Damit können die Vereinigten Staaten die Bewegung ihrer Feinde wieder verfolgen und zurückschlagen. In einem ersten Schritt müssen sie sämtliche Weltraumstartrampen auf dem Territorium der Koalition zerstören, um zu verhindern, dass diese weitere Satelliten in Stellung bringt. Die japanische Aufklärung ist zwar nicht perfekt, doch sie arbeitet hervorragend. Daher haben die Vereinigten Staaten bewusst mehrere sorgfältige getarnte Startrampen angelegt. Das ist eines der wichtigsten Geheimprojekte der 2030er Jahre. Als die Japaner mit ihrer Überwachung der Vereinigten Staaten begonnen haben, haben diese versteckten Rampen bereits seit geraumer Zeit existiert. In Friedenszeiten sind diese Anlagen nicht besetzt. Die heimliche Verlegung von Personal zu diesen Rampen wird einige Tage in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit strecken die Vereinigten Staaten durch die Vermittlung des neutralen Deutschland ihre diplomatischen Fühler aus, um Verhandlungsmöglichkeiten zu eruieren. In Wirklichkeit geht es jedoch nur darum, Zeit zu gewinnen. Die Verhandlungen sind lediglich ein Deckmantel für die Vorbereitung eines Gegenschlags. Die Vereinigten Staaten versuchen, mit Hilfe ihrer verbliebenen Streitkräfte die Chancengleichheit wiederherzustellen. Dazu müssen sie zunächst die Aufklärungssatelliten der Koalition ausschalten und dieser die Sicht nehmen. Sie verfügen über Hunderte von Anti-Satelliten-Raketen und Energiekanonen, die an geheimen Standorten stationiert sind. Diese werden nicht auf einen Schlag, sondern über einige Tage hinweg mit Mannschaften bestückt, um den Aufklärungssatel- liten der Koalition keinen Grund zu liefern, Verdacht zu schöpfen. Während die Vereinigten Staaten mit der Koalition in Verhandlungen treten, bereiten sie die Basen vor. Etwa 72 Stunden später zerstören sie binnen zweier Stunden sämtliche Aufklärungssatelliten der Koalition. Damit ist die Koalition nahezu blind. Nach der Zerstörung der Satelliten starten die verbliebenen amerikanischen Hyperschallbomber Angriffe gegen die türkischen und japanischen Weltraumstartrampen, in der Hoffnung damit den Start von Killersatelliten der Koalition zu verhindern, mit denen diese die eigenen noch funktionstüchtigen Satelliten zerstören könnten. Anders als die Japaner wissen die Amerikaner, die seit der Zeit des Kalten Kriegs überzählige Aufklärungskapazitäten haben, sehr genau, wo sich die Geheimbasen ihrer Feinde befinden. Es gelingt den Hyperschallbombern, sämtliche Stützpunkte zu zerstören. Kurze Zeit später empfangen die amerikanischen Satellitenkontrollzentren auf der Erde erste Signale von ihren Satelliten im All. Die Aufklärungskapazitäten der Koalition sind nahezu vollständig ausgeschaltet. Schuld ist die japanische Unkenntnis über die Existenz der geheimen Antisatellitenraketen in den Arsenalen der Vereinigten Staaten.

Neue Waffen, alte Kriege

Die Mitglieder der Koalition müssen erkennen, dass ihr ursprünglicher Plan fehlgeschlagen ist. Sie wissen zwar nicht, wie viel die Vereinigten Staaten sehen, doch sie wissen, dass sie selbst sehr wenig sehen. Am meisten verstört sie die Tatsache, dass sie nicht wie angenommen die gesamte Bomberflotte der Vereinigten Staaten ausgeschaltet hatten und dass diese nach wie vor in der Lage ist, gezielte Luftschläge durchzuführen. Sie haben keine Ahnung, dass es sich lediglich um die Überreste der Flotte handelt, die zwischen der ersten Warnung und dem Luftangriff der Koalition in Sicherheit gebracht worden waren. Sie tappen im Dunkeln, wie groß die Reserven der Vereinigten Staaten sind, und sie haben keine Möglichkeit, dies herauszufinden. Der Nebel des Kriegs ist im 21. Jahrhundert noch genauso dicht wie in der Vergangenheit. Mit Hilfe aller verfügbaren Daten ermitteln Ingenieure der amerikanischen Streitkräfte die Herkunft der Geschosse, mit denen die Kampfsterne zerstört wurden. Das Militär greift diese Basen mit Raketen an und zerstört sie. Außerdem erteilen die Vereinigten Staaten ihren heimlich auf dem Mond stationierten Streitkräften den Befehl, die japanischen Mondstationen anzugreifen. Sie werden sich nicht ein weiteres Mal überraschen lassen. Wie so oft im Krieg beginnt nach dem ersten und über Jahre hinweg sorgfältig geplanten Schlag die Phase der Improvisationen und der Unsicherheit. Die meisten Kriegspläne gehen davon aus, dass die Kampfhandlungen schnell beendet sein werden. Das sind sie so gut wie nie. Dieser Krieg geht weiter, und zwar in drei Phasen.
Erstens starten die Vereinigten Staaten, nachdem sie die vorläufige Kontrolle über das Weltall wiedererlangt haben, ein improvisiertes Verteidigungsprogramm, um ihre eigene Herrschaft zu festigen und die Koalition an neuen Aktivitäten im Weltall zu hindern. Im Lauf des kommenden Jahrs steigern sie ihre Aufklärungskapazitäten bis auf Vorkriegsniveau. In Kriegszeiten ist das Tempo von Forschung, Entwicklung und Implementierung um ein Vielfaches höher als zu Friedenszeiten. Ein Jahr nach Thanksgiving 2050 haben die Vereinigten Staaten größere Kapazitäten im Weltall als je zuvor. Zweitens bauen sie ihre Hyperschallflotte wieder auf, während gleichzeitig Flugzeuge der Koalition fortgesetzte Angriffe auf bekannte Produktionsstätten fliegen. Doch die Koalition ist nicht in der Lage, die Vereinigten Staaten ausreichend zu überwachen, und trotz einiger Rückschläge sind die Fabriken binnen Kurzem wieder einsatzbereit und produzieren neue Flugzeuge. Drittens versucht die Koalition, auf dem Boden Tatsachen zu schaffen, ehe die Vereinigten Staaten ihre Streitkräfte wiederherstellen können. Japan versucht, Gebiete in China und Ostasien zu besetzen. Dabei geht es allerdings weit weniger aggressiv vor als die Türkei, die eine Gelegenheit gekommen sieht, den polnischen Block auszuschalten und sich als führende Macht der Region zu etablieren, während die Vereinigten Staaten anderweitig beschäftigt sind. Der Krieg begann mit einem Scheinangriff auf den polnischen Block und geht mit massierten türkischen Boden- und Luftangriffen weiter. Eine Zerschlagung des polnischen Blocks gäbe der Türkei an allen Fronten freie Hand. Statt sich also an verschiedenen Schauplätzen wie Nordafrika oder Russland zu verzetteln, bündelt die Türkei ihre Kräfte auf einen Angriff im Norden und dringt von Bosnien aus in den Balkan vor. Die entscheidende Waffe dieses Krieges ist der gepanzerte Infanteriesoldat – ein Soldat in einem motorisierten Panzeranzug, der erhebliche Lasten bewegen kann, den Soldaten beschützt, und seine rasche Fortbewegung ermöglicht. Es handelt sich um einen hocheffektiven Ein-Mann-Panzer, der mit verschiedenen Waffensystemen ausgestattet ist, Vorräte transportiert und mit Hochleistungsbatterien betrieben wird. Diese Batterien sind die entscheidende Schwachstelle, denn so modern sie sind, sie müssen aufgeladen werden. Das macht den Zugang zum Stromnetz zum kriegsentscheidenden Faktor. Für die Kriege des 21. Jahrhunderts ist der elektrische Strom so wichtig wie das Benzin für die Kriege des 20. Jahrhunderts. Das Ziel der Türkei besteht darin, die Streitkräfte des polnischen Blocks in eine vernichtende Schlacht zu ziehen. Anders als im Krieg gegen die Vereinigten Staaten kommen sämtliche Teilstreitkräfte zum Einsatz, darunter gepanzerte Infanteriesoldaten, robotergesteuerte Transport- und Kampfplattformen und die inzwischen allgegenwärtigen Hyperschallbomber mit ihren Fernlenkwaffen. Nach einigen schweren Niederlagen versucht der polnische Block, seine Bodentruppen zu verteilen, um sie gegen Luftschläge zu schützen. Die Türkei versucht dagegen, die gegnerischen Streitkräfte durch Angriffe auf wichtige Ziele zu einer Konzentration zu zwingen oder alternativ den Block zu spalten, für den Fall dass Polen oder eine andere Nation sich weigern sollte, sich an der Verteidigung dieser Ziele zu beteiligen. Die Türkei dringt von Bosnien aus nach Kroatien und von dort ins flache Ungarn vor, das keine natürlichen Hindernisse bietet. Ihre Streitkräfte dringen bis nach Budapest vor, obwohl ihr Ziel letztlich die Karpaten in der Slowakei, der Ukraine und Rumänien sind. Sollte es ihnen gelingen, die Karpaten einzunehmen, sind Rumänien und Bulgarien abgeschnitten und müssen sich ergeben. Damit wäre das Schwarze Meer endgültig ein türkisches Binnengewässer. Ungarn wird besetzt, Polen isoliert und von Süden her bedroht. Sollten sich die Polen jedoch auf der ungarischen Tiefebene sammeln, um Budapest zu schützen und den Block zusammenzuhalten, wären die türkischen Luftstreitkräfte in der Lage, die gegnerische Armee zu vernichten. Polen fordert amerikanische Luftunterstützung an, um den Vormarsch der türkischen Kräfte aufzuhalten, doch die Vereinigten Staaten haben selbst kaum noch Flugzeuge. So kann die Türkei innerhalb weniger Wochen Ungarn erobern und kurz darauf die Karpaten besetzen. Das isolierte Rumänien streckt die Waffen. Südosteuropa ist bis zur polnischen und ukrainischen Grenze in türkischer Hand. Was bleibt, ist Polen.
Die türkische Armee marschiert auf Krakau, und ihre Luftstreitkräfte dezimieren das polnische Militär. Die Vereinigten Staaten sind besorgt, Polen könnte dem Druck nicht standhalten und zu Friedensverhandlungen gezwungen sein. Sie müssen Zeit gewinnen, um ihre strategischen Kräfte wiederaufzubauen und einen überraschenden weltweiten Gegenschlag gegen die Türkei und Japan auszuführen. Sie wollen ihre Kräfte nicht zerstreuen, um taktische Gefechte in Südpolen zu unterstützen. Gleichzeitig können sie nicht riskieren, den polnischen Verbündeten zu verlieren, denn damit wäre der Kampf gegen die Türkei verloren. Um Polen zu einer Fortsetzung des Kampfes zu motivieren, müssen sie der Türkei einen schweren Schlag versetzen. Im Februar 2051 schicken die Vereinigten Staaten einen großen Teil ihrer verbliebenen Luftstreitkräfte sowie einige neue, weiterentwickel- te Bomber gegen Stellungen der türkischen Armee und deren Logistikzentren im Süden Polens, in Bosnien und weiter südlich. Trotz der schweren Verluste, die ihnen die türkischen Verteidiger zufügen, gelingt es ihnen, Hunderte gepanzerter Infanteriesoldaten zu töten und eine große Zahl Robotorsysteme und Gerät zu zerstören. Die Türken erkennen schnell, dass sie diesen Krieg nicht gewinnen können. Ihre Unfähigkeit, im Weltraum aktiv zu werden, und der zügige Wiederaufbau der amerikanischen Luftstreitkräfte bedeuten über kurz oder lang ihre sichere Niederlage. Doch Japan ist nicht in der Lage, sie zu unterstützen, da es in China mit eigenen Problemen zu kämpfen hat. Ihr großer Wurf droht zu scheitern, und nun steht jeder für sich allein. Die Vereinigten Staaten konzentrieren sich offenbar zuerst auf die Türkei und dann auf Japan, also muss die Türkei Polen möglichst schnell ausschalten. Doch die türkischen Kräfte sind inzwischen weit über das große Reich verteilt. Sie ausschließlich auf Polen zu konzentrieren, würde bedeuten, sie anderswo abzuziehen, was langfristig keine gangbare Option darstellt. Die Türkei müsste sich auf Aufstände von Zentralasien bis Ägypten gefasst machen. Schon lange vor Beginn des Kriegs hatte die Koalition Verbindung zu Deutschland aufgenommen, um einen gemeinsamen Angriff auf Polen zu vereinbaren, doch seinerzeit hatte Deutschland abgelehnt. Als die Türkei diesmal auf Deutschland zukommt, macht sie ein verlockendes Angebot. Sollte sich Deutschland am Krieg gegen Polen beteiligen, werde sich die Türkei nach dem Krieg auf den Balkan zurückziehen und nur Rumänien und die Ukraine behalten. Die Türkei werde ihre Macht um das Schwarze Meer, die Adria und das Mittelmeer ausbauen, während Deutschland nördlich davon, etwa in Ungarn, Polen, dem Baltikum und Weißrussland, freie Hand hätte. Was aus deutscher Sicht vor 2050 nichts als türkisches Wunschdenken war, ist mit einem Mal ein bedenkenswerter Vorschlag. Deutschland hat wie Polen und Russland auf der nordeuropäischen Tiefebene eine offene Flanke und könnte auf diese Weise seine Ostgrenze sichern. Außerdem würde diese Lösung Osteuropa endlich wieder in die Schranken weisen und damit den Trend umkehren, der seit dem Ende des zweiten Kalten Kriegs gegen Deutschland und Westeuropa läuft. Natürlich weiß man in Deutschland, dass die Amerikaner sich früher oder später wieder um die Region kümmern werden, doch das könnte noch eine Weile dauern. Währenddessen eröffnet sich eine reale Chance. Deutschland, das sich vorzugsweise in der Nabelschau ergeht, ist bei weitem nicht so abenteuerlustig wie die Türkei. Doch trotz seiner Risikoscheu entscheidet es sich, dieses Risiko einzugehen. Es mobilisiert sein Heer sowie seine nicht mehr ganz modernen Luftstreitkräfte und dringt im Frühsommer 2051 nach Westpolen vor, während die Türkei ihre Angriffe von Süden her verstärkt. Deutschland gewinnt die politische Unterstützung von Frankreich und einigen anderen Nationen, die sich jedoch militärisch nicht beteiligen. Großbritannien dagegen betrachtet die Entwicklung mit Entsetzen. Auch wenn es sich um ein globales Machtspiel handelt, sind die Briten zutiefst besorgt um das regionale Machtgleichgewicht. Erneut sehen sie sich der Möglichkeit eines von Deutschland beherrschten Kontinentaleuropa gegenüber, so unbeholfen es die Deutschen auch angehen und so sehr sie dabei von der Türkei abhängen. Sollte es dazu kommen und sollten sich die Vereinigten Staaten wie so oft nach den von ihnen geführten Kriegen aus der Weltpolitik zurückziehen, dann würde dies eine Katastrophe für Großbritannien bedeuten. Die Briten haben keinerlei Interesse, sich an diesem Krieg zu beteiligen, doch es bleibt ihnen kaum eine andere Wahl. Bei einem Kriegseintritt könnten sie jedoch ein ansehnliches Gewicht in die Waagschale werfen: eine kleine, intakte Luftstreitmacht, die bei einer Zusammenarbeit mit der amerikanischen Aufklärung den deutschen und türkischen Streitkräften ernsten Schaden zufügen könnte. Darüber hinaus ist die Insel mit ihren modernen Luftabwehrsystemen vor deutschen und türkischen Luftschlägen geschützt – ein sicherer Stützpunkt also. Großbritannien gibt sich zurückhaltend, doch es beginnt mit der heimlichen Verlegung großer Teile seiner Luftstreitkräfte in die Vereinigten Staaten, wo die Luftabwehr aufgrund der größeren Distanz noch wirkungsvoller ist. Schließlich wird Polen von zwei Seiten, von Westen und Süden her, angegriffen. Die Angreifer dringen auf das polnische Staatsgebiet vor, genau wie in früheren Kriegen, nur mit einer vollständig anderen Technologie. Die Truppen sind nicht mehr Napoleons riesige Infanterieeinheiten oder Hitlers Panzerdivisionen, sondern zahlenmäßig sehr kleine Einheiten. Die Soldaten sind gepanzerte Infanteristen, die wie in der Vergangenheit aufgefächert vordringen, jedoch klare und einander überlappende Schussfelder haben, die Dutzende Kilometer weit reichen. Sie stehen über ein Computernetzwerk miteinander in Verbindung und bedienen nicht nur die Waffen, die sie selbst bei sich haben, sondern auch Robotersysteme und Hyperschallbomber, die Tausende Kilometer entfernt stationiert sind und auf Abruf bereitstehen. Die Robotersysteme benötigen Daten und elektrischen Strom. Fällt eines der beiden Netzwerke aus, sind sie nutzlos. Nach der Zerstörung ihrer weltraumgestützten Informationssysteme setzt die Türkei unbemannte Fluggeräte ein, die das Schlachtfeld überfliegen und die Roboter mit Informationen versorgen. Da diese Fluggeräte häufig abgeschossen werden, sind diese Informationen unvollständig. Die Truppen der Vereinigten Staaten verfügen über weitaus bessere Informationen, doch ihnen fehlt es an Luftstreitkräften, mit denen sie die Angreifer dezimieren könnten. Auch die Stromversorgung für die gepanzerten Kampfanzüge der Infanteristen sowie für die Roboter stellt ein Problem dar. Täglich müssen ihre großen Batterien aufgeladen oder ausgetauscht werden. Daher spielen Kraftwerke und das Stromnetz eine kriegsentscheidende Rolle. Werden die Kraftwerke zerstört, müssen die Angreifer große Mengen von bereits aufgeladenen Batterien von anderen Kraftwerken herantransportieren und in der Kampfzone verteilen. Je weiter die Truppen vordringen, desto länger wird der Nachschubweg. Wenn die Verteidiger gemäß der Strategie der verbrannten Erde ihre eigene Stromversorgung abschalten und ihre Kraftwerke zerstören, wird der Vormarsch der Angreifer gebremst. Bei einem Geheimtreffen verabreden amerikanische, britische, chinesische und polnische Oberbefehlshaber eine Strategie: Polen soll Widerstand leisten und allmählich vor den angreifenden Truppen der Koalition zurückweichen. Die Stoßrichtung beider Fronten ist Warschau. Die polnische Armee soll immer wieder zurückfallen, sich dann neu formieren, um so viel Zeit wie möglich zu gewinnen, während ihre Verbündeten ihre Luftstreitkräfte wiederherstellen. Dabei soll die polnische Armee von mehreren Tausend amerikanischen Soldaten unterstützt werden, die über den Nordpol nach Petersburg eingeflogen werden. Wenn die Situation Ende 2051 schwieriger wird, sollen Luftstreitkräfte aus Großbritannien zum Einsatz kommen, um den Vormarsch der türkischen Armee zu verlangsamen. Die Industrie der Vereinigten Staaten verspricht, gewaltige Anstrengungen zu unternehmen, um Tausende weiterentwickelte Hyperschallbomber zu bauen, die doppelt so schnell sind wie die Vorkriegsmodelle und die doppelte Bombenlast tragen können. Dank der massiven Rüstungsanstrengungen und des erheblichen Ausbaus der weltraumgestützten Systeme sollen die amerikanischen Streitkräfte Mitte 2052 zu einem massiven und vernichtenden Gegenschlag bereit sein, der die Streitkräfte der Koalition in aller Welt zerstören soll. Bis dahin soll die polnische Armee auf Zeitgewinn spielen. Die Koalition hat die Kapazitäten der amerikanischen Industrie sträflich unterschätzt. Sie geht davon aus, dass sie Jahre Zeit hat, um die polnische Armee zu niederzuringen. Zunächst verschont sie daher das polnische Stromnetz, um es nach dem Krieg nicht wieder aufbauen zu müssen und es im Gefecht selbst nutzen zu können. Die polnische Armee zerstört das Netz dagegen auf dem Rückzug, um den Vormarsch der Koalition zu behindern und die deutschen und türkischen Truppen zu zwingen, schwere elektrische Speichereinheiten an die Front zu transportieren und damit Kräfte im Nachschub zu binden. Später, als im Sommer 2052 schließlich die Gegenoffensive beginnt, soll sich genau dieser Nachschub als Schwachstelle erweisen. Sobald die gepanzerten und über Satelliten gesteuerten Infanteristen der Amerikaner zum Einsatz kommen, erkennt die Koalition, dass Polen nicht leicht einzunehmen sein wird. Außerdem sieht sie ein, dass sie die polnische Stromversorgung zerstören und die Amerikaner zwingen muss, Batterien aus den Vereinigten Staaten heranzutransportieren, wenn die Alliierten nicht als Sieger aus dem Krieg hervorgehen sollen. Im Sommer 2051 beginnt die Koalition daher mit der Zerstörung der polnischen Kraftwerke bis weit nach Weißrussland hinein. Polen liegt im Dunkeln. In den darauf folgenden zwei Wochen verwickelt die Koalition die alliierten Truppen in anhaltende Gefechte, um sie dazu zu zwingen, ihre bestehenden Energievorräte aufzubrauchen. Sie greift an allen Fronten an, in der Erwartung, dass den Amerikanern und Polen bald der Strom ausgeht. Doch die Koalition trifft nicht nur auf erbitterten Widerstand, sondern die Alliierten fügen ihr außerdem mit neuen Luftschlägen erhebliche Verluste zu. Die Alliierten schicken britische Luftstreitkräfte in die Schlacht. Ein hervorragend koordiniertes, weltraumgestütztes Aufklärungssystem, das von einem neuen, fortschrittlicheren Kampfsternsystem gesteuert wird, ermöglicht zudem die Identifizierung und Zerstörung der deutschen und türkischen Infanterie. Die Vereinigten Staaten haben inzwischen gelernt, militärisch nicht alles auf eine Karte zu setzen, vor allem nicht in Hinblick auf ihre weltraumgestützten Systeme. Vor Kriegsbeginn verfügten sie bereits über einen geheimen Kampfstern der nächsten Generation, der jedoch aufgrund fehlender Haushaltsmittel noch nicht im All stationiert worden war. Ausnahmsweise erweist sich die Langsamkeit der politischen Mühlen diesmal als Glücksfall, die neue Raumstation befindet sich während des japanischen Angriffs noch auf der Erde. Wenige Monate nach Kriegsbeginn und nach der Zerstörung der japanischen Mondstationen wird sie im All stationiert, und die in der Umlaufbahn befindlichen amerikanischen Satelliten kommunizieren sofort mit ihr. Der neue Kampfstern wird in der Nähe von Uganda stationiert, kann sich jedoch im Bedarfsfall rasch an andere Punkte über dem Äquator bewegen und ist vor allem in der Lage, Angriffen der Art auszuweichen, wie sie seine drei Vorgänger zerstörten. Damit stellen die Vereinigten Staaten ihre Vorherrschaft im All nicht nur wieder her, sondern bauen sie gegenüber der Vorkriegszeit sogar noch aus. Die türkischen und deutschen Truppen sind überrascht. Nachdem sie die polnische Stromversorgung zerstört haben, erwarten sie einen Zusammenbruch des Widerstandes, da nach ihren Berechnungen den gegnerischen Truppen der Strom ausgehen müsste. Doch die Alliierten zeigen unverminderte Kampfkraft. Da die Amerikaner unmöglich so viele Batterien einfliegen können, stellt sich die Frage, woher der notwendige Strom kommt. In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts hat ein amerikanisches Unternehmerkonsortium große Summen in die Entwicklung von billigen Raumfähren investiert, die die Amerikaner dann in großer Zahl einsetzten. Gleichzeitig haben sie Experimente durchgeführt, um im All Strom zu erzeugen, diesen in Form von Mikrowellen auf die Erde zu transportieren und dort wieder in elektrischen Strom umzuwandeln. In ihren zahllosen Kriegsszenarien rund um die Verteidigung Polens haben auch die amerikanischen Militärs die Stromversorgung als Knackpunkt erkannt. Elektrischer Strom wird der Schlüssel zum Sieg. Die Technologie existiert bereits. Die Raumfähren lassen sich genauso schnell bauen wie die Solaranlagen und Mikrowellensysteme. Die größte Herausforderung besteht darin, die Empfangsanlagen zu bauen und im Kriegsgebiet zu stationieren, doch mit einem schier grenzenlosem Budget und äußerster Motivation vollbringen die Amerikaner einmal mehr Wunder. Der neue Kampfstern, von dem die Koalition nichts weiß, hat zwei Aufgaben: Kriegsführung sowie die Leitung der Konstruktion von Sonnensegeln und Sendeanlagen für Mikrowellen. Mobile Empfangsanlagen werden ins Kriegsgebiet transportiert. Als der Schalter umgelegt wird, erhalten Tausende von Empfangsanlagen hinter der polnischen Front Mikrowellen und verwandeln diese in elektrischen Strom. Das System erinnert ein wenig an Mobiltelefone, die das Festnetz ersetzen. Das gesamte Energieversorgungssystem wird revolutioniert. Das wird später noch eine wichtige Rolle spielen. In diesem Moment bedeutet es, dass der Widerstand gegen die türkische Armee nicht nachlässt und die Alliierten weit mehr Energie zur Verfügung haben, als ihre Feinde erwarten. Die Koalition ist nicht in der Lage, dieses neue Energieversorgungssystem im All auszuschalten oder die Empfangsstationen zu identifizieren. Zu viele Sonnensegel befinden sich an zu vielen Stellen, und zudem bewegen sie sich. Doch selbst wenn sie abgeschossen werden könnten, würden die Amerikaner sie schneller ersetzen, als die Koalition sie zerstören kann. Die Koalition ist also nicht in der Lage, die alliierten Streitkräfte vom Nachschub abzuschneiden. Außerdem hat sie kaum Aufklärungsmöglichkeiten, da ihre Satelliten frühzeitig zerstört wurden. Daher verliert sie die Kontrolle über den Luftraum. Die alliierten Luftstreitkräfte sind zwar anfänglich kleiner, können aber erheblich effektiver agieren. 

Das Endspiel

Bis zum Sommer 2052 hält sich am Boden eine Pattsituation. Dann bringen die Vereinigten Staaten ihre neuen Luftstreitkräfte zum Einsatz. Unterstützt von den Waffen und Aufklärungssystemen des Kampfsterns zerstören ihre unbemannten Hyperschallbomber die Truppen der Koalition in Polen sowie deren Energieversorgungssystem. In China versetzen sie den japanischen Truppen einen vernichtenden Schlag. Außerdem versenken sie die japanische Flotte. Die Gegenoffensive erschüttert die polnischen und türkischen Truppen und reibt die deutschen vollkommen auf. Die Bodentruppen der Koalition lösen sich nahezu in Luft auf. Nun sehen sich die Vereinigten Staaten einer nuklearen Bedrohung gegenüber. Sollten die Angehörigen der Koalition angesichts dieses Schlags um ihre nationale Souveränität oder gar um ihr Überleben fürchten, könnten sie durchaus den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung ziehen. Die Vereinigten Staaten fordern daher keine bedingungslose Kapitulation. Sie haben jetzt genauso wenig ein Interesse daran, das nationale Überleben ihrer Gegner in Frage zu stellen, wie vor dem Krieg. In den vorhergehenden fünfzig Jahren haben sie gelernt, dass die völlige Vernichtung eines Feindes nicht die beste Strategie darstellt. Ihnen geht es darum, das Machtgleichgewicht zu erhalten und dafür zu sorgen, dass sich die Regionalmächte mit ihren Nachbarn auseinandersetzen müssen, nicht mit den Vereinigten Staaten. Die Vereinigten Staaten legen es also gar nicht auf eine völlige Zerstörung Japans an. Stattdessen wollen sie ein Gleichgewicht zwischen Japan, Korea und China herstellen. Genausowenig geht es ihnen darum, die Türkei zu vernichten und die islamische Welt ins Chaos zu stürzen, sondern nur um ausgewogene Machtverhältnisse zwischen dem polnischen Block und der Türkei. Der polnische Block wird die Türkei bestrafen wollen, ebenso wie China und Korea den japanischen Gegner. Doch die Vereinigten Staaten verfolgen dieselbe Linie wie knapp 140 Jahre zuvor Woodrow Wilson in Versailles: Im Namen der Menschlichkeit werden sie dafür sorgen, dass das Chaos in Eurasien erhalten bleibt. Auf einer eilig einberufenen Friedenskonferenz wird die Türkei gezwungen, sich in den Süden des Balkan zurückzuziehen und Serbien und Kroatien als Puffer zu akzeptieren. Im früheren Russland müssen sie sich in Richtung Kaukasus zurückziehen und eine chinesische Präsenz in Zentralasien hinnehmen. Japan muss sämtliche Truppen aus China abziehen, und die Vereinigten Staaten stellen China ihre Verteidigungstechnologie zur Verfügung. Im Detail bleibt der Friedensvertrag vage, was den Interessen der Vereinigten Staaten jedoch sehr entgegenkommt. Neue Nationen entstehen. Viele Grenzen und Einflussgebiete bleiben unklar. Die Sieger sind keine wirklichen Sieger, und die Verlierer keine wirklichen Verlierer. Die Vereinigten Staaten haben den ersten Schritt in Richtung einer zivilisierten Nation getan. Gleichzeitig sichern sie sich die absolute Kontrolle über den Weltraum, ihre Wirtschaft boomt dank der Rüstungsausgaben, und ein neues System revolutioniert die Energieversorgung. Der Zweite Weltkrieg Mitte des 20. Jahrhunderts kostete rund 50 Millionen Menschen das Leben. Der Erste Weltraumkrieg, der ein Jahrhundert später stattfindet, fordert vermutlich eine halbe Million Todesopfer, vor allem während der türkisch-deutschen Bodenoffensive und in China. Die Vereinigten Staaten haben wenige Tausend Opfer zu beklagen, viele davon im Weltall, andere während der ersten Angriffe auf ihr Territorium, weitere im Kampf an der Seite Polens. Es ist ein Weltkrieg im wahrsten Sinne des Wortes, doch dank der technologischen Fortschritte hinsichtlich der Präzision und Geschwindigkeit ist es kein totaler Krieg, in dem sich ganze Gesellschaften gegenseitig vernichten.  
Trotzdem hat dieser Krieg eines mit dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam. Am Ende haben die Vereinigten Staaten am wenigsten verloren und am meisten gewonnen. So wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem immensen technologischen Sprung, einer wiederbelebten Wirtschaft und einer neuen Weltmachtstellung hervorgingen, stehen sie erneut vor einem Goldenen Zeitalter. Und sie werden reifer im Umgang mit ihrer Macht.

Kapitel 10
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