Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 5

Kapitel 5 - China: Der Papiertiger

Jeder Versuch, die Entwicklung des kommenden Jahrhunderts zu prognostizieren, muss mit China beginnen. Ein Viertel der Weltbevölkerung lebt im Reich der Mitte, und in den letzten Jahren wurde China immer wieder als zukünftige Weltmacht gehandelt. In den vergangenen dreißig Jahren hat das Land ein beispielloses Wirtschaftswachstum erlebt und sich zu einer ernstzunehmenden Macht entwickelt. Doch dreißig Jahre Wachstum bedeuten nicht endloses Wachstum. Vielmehr wird die Wahrscheinlichkeit, dass China mit diesem Tempo weiter wächst, immer geringer. Und im Fall Chinas bedeutet verlangsamtes Wachstum erhebliche gesellschaftliche und politische Probleme. Daher bin ich nicht der Ansicht, dass China eine Weltmacht werden wird. Ich glaube nicht einmal, dass China als geeintes Land erhalten bleiben wird. Doch ich stimme zu, dass wir bei der Erörterung der Zukunft nicht um China herumkommen. Die geografischen Gegebenheiten machen es unwahrscheinlich, dass China zu einem aktiven Brennpunkt wird. Sollte es tatsächlich zu einem Konfliktgebiet werden, dann weniger, weil China expandiert, sondern weil andere seine Schwäche ausnutzen. Chinas Wirtschaft ist nicht annähernd so robust, wie sie nach außen hin wirkt, und seine politische Stabilität, die von einem dauerhaft starken Wirtschaftswachstum abhängt, ist sogar noch prekärer. Trotzdem halten zahlreiche Beobachter China für eine kommende Weltmacht, weshalb wir uns an dieser Stelle mit diesem Land beschäftigen. Betrachten wir zunächst die geopolitischen Fakten. China ist eine Insel, die nicht von Wasser, sondern von schwer passierbaren Regionen umgeben ist, die das Land effektiv vom Rest der Welt abschneiden. 
Im Norden liegen Sibirien und die mongolische Steppe – ein unwirtliches, dünn besiedeltes und schwer zu durchquerendes Gebiet. Im Südwesten liegt der unüberwindliche Himalaja. Die Südgrenze zu Burma, Laos und Vietnam besteht aus Bergen und Urwäldern, und im Osten liegt das Meer. Lediglich die Westgrenze zu Kasachstan ist besser passierbar, doch auch hier würden Vorstöße aller Art einen Aufwand erfordern, der durch die chinesische Geschichte bislang nur selten belegt worden ist. Die überwiegende Mehrheit der Chinesen lebt in weniger als anderthalbtausend Kilometern Entfernung zur Küste. Damit ist vor allem das östliche Drittel des Lands besiedelt, während die restlichen zwei Drittel weitgehend unterbevölkert sind. China wurde nur einmal in seiner Geschichte vollständig erobert, und zwar im 12. Jahrhundert von den Mongolen. Selbst hat es seine Macht nur selten über seine heutigen Grenzen hinaus ausgedehnt. China ist keine aggressive Nation und kommuniziert nur sporadisch mit dem Rest der Welt. Auf Phasen des wirtschaftlichen Austauschs folgten in der Vergangenheit immer wieder Zeiten der vollkommenen Abschottung gegenüber dem Ausland. Der Handel erfolgte traditionell über Handelswege wie die Seidenstraße, die durch Zentralasien führt, sowie über die Häfen im Osten. Mitte des 19. Jahrhunderts trafen die Europäer auf ein China in einer seiner isolationistischen Phasen. Das Land war geeint, doch relativ arm. Die Europäer erzwangen sich den Zugang und trieben intensiven Handel mit den Küstenstädten. Das hatte zwei Auswirkungen: einen sprunghaften Anstieg des Wohlstands in den Küstenstädten und ein massives Wohlstandsgefälle zwischen der Küste und dem nicht am Handel beteiligten Binnenland. Dies wiederum führte zu einer Schwächung der Stellung der Zentralregierung in den Küstenprovinzen sowie zu Instabilität und Chaos. Die Küstenstädte suchten enge Bindung an die Europäer bis hin zur direkten Herrschaft. Diese Instabilität hielt bis zur Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1949 an. Mao Zedong versuchte zunächst, mit seiner Revolution in Küstenstädten wie Schanghai Fuß zu fassen. Nachdem dieser Versuch gescheitert war, unternahm er seinen legendären Langen Marsch ins Landesinnere, stellte aus armen Bauern eine Armee zusammen, begann einen Bürgerkrieg und eroberte schließlich die Küste. Nach seinem Sieg schottete er China erneut ab. Zwischen 1949 und dem Tod Maos im Jahr 1976 war China ein geeintes Land unter einer starken Regierung, doch es war weitgehend isoliert und arm.

Chinas Wette 

Nach Maos Tod versuchten dessen Nachfolger ein weiteres Mal, den alten chinesischen Traum zu verwirklichen. Sie wollten ein China, das durch internationalen Handel reich und durch eine starke Zentralregierung zusammengehalten wurde. Maos Nachfolger Deng Xiaoping wusste, dass sich China im Interesse der eigenen Sicherheit nicht dauerhaft abschotten konnte, da früher oder später eine fremde Nation die wirtschaftliche Schwäche des Lands ausnutzen würde. Daher ließ er sich auf eine Wette ein. Er setzte darauf, dass sich China diesmal dem internationalen Handel öffnen konnte, ohne durch innere Konflikte zerrissen zu werden. Wieder wurden die Küstenprovinzen reich und banden sich eng an ausländische Mächte. Billiggüter und Handel sorgten in den großen Küstenstädten wie Schanghai für zunehmenden Wohlstand, doch das Landesinnere blieb arm. Die Spannungen zwischen der Küste und dem Binnenland nahmen zu, doch die chinesische Regierung saß fest im Sattel, ohne die Kontrolle über einzelne Provinzen zu verlieren oder durch extreme Repressalien innere Unruhen zu provozieren. Diese Situation hat seit ungefähr dreißig Jahren Bestand – kein langer Zeitraum, vor allem nicht an chinesischen Maßstäben gemessen. Nun stellt sich die Frage, inwieweit Peking in der Lage sein wird, mit dem zunehmenden innenpolitischen Druck umzugehen. An dieser Stelle beginnen wir mit unserer Analyse und der Frage nach dem Platz Chinas im internationalen Gefüge des 21. Jahrhunderts. Wird China Teil des Welthandelssystems bleiben? Und wenn ja, wird es sich ein weiteres Mal in Teilregionen auflösen? China setzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts darauf, dass es den Draht seilakt endlos fortsetzen kann. Die Regierung in Peking geht davon aus, dass sie weiterhin in der Lage sein wird, Ressourcen von den reicheren Küstenregionen ins ärmere Binnenland umzuverteilen, ohne an der Küste auf Widerstand zu stoßen. Sie wird alles tun, um die verschiedenen Landesteile zufriedenzustellen. Im Hintergrund schwelt jedoch ein weiteres, viel schwerwiegenderes Problem. Allem Anschein nach ist China ein kapitalistisches Land mit Privateigentum, Banken und anderen Äußerlichkeiten des Kapitalismus. In Wirklichkeit ist es jedoch weit von einer wirklich kapitalistischen Wirtschaft entfernt, denn Investitionen werden nach wie vor nicht durch die Kräfte des Marktes gelenkt. Bei der Kapitalbeschaffung sind Beziehungen wichtiger als ein guter Businessplan. Innerhalb der chinesischen Klan- und der kommunistischen Vetternwirtschaft werden Kredite aus allen möglichen Gründen vergeben, die nichts mit der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens zu tun haben. Daher ist es kein Wunder, dass ein beträchtlicher Teil der Kredite faul ist. Schätzungen gehen von Kreditausfällen in einer Größenordnung von 600 bis 900 Milliarden US-Dollar aus – das entspricht einem Viertel, wenn nicht sogar einem Drittel des gesamten chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Diese Kreditausfälle werden durch die enormen Wachstumsraten bei den Billigexporten aufgefangen. Die Welt lechzt nach chinesischen Billigprodukten, und Unternehmen mit riesigen Schuldenbergen halten sich mit den Einnahmen aus deren Verkauf über Wasser. Doch je billiger die Produkte, desto niedriger der Gewinn. Exporte, die kaum Gewinne abwerfen, treiben eine gewaltige Wirtschaftsmaschinerie an, ohne diese von der Stelle zu bewegen. Stellen Sie sich vor, ein Geschäft würde seine Produkte zum Einkaufspreis verkaufen: Dadurch kommt zwar eine Menge Geld in die Kassen, doch dieses Geld fließt genauso schnell wieder ab, wie es hereinkommt. Das ist in ganz Ostasien seit langem ein Problem. Das Beispiel Japan ist hierbei besonders lehrreich. In den 1980er Jahren galt Japan als wirtschaftliche Supermacht. Japanische Importe trieben amerikanische Unternehmen in den Konkurs, und an amerikanischen Universitäten lernten angehende Manager, die japanischen Unternehmenspraktiken nachzuahmen. Die japanische Wirtschaft expandierte rasant, doch ihr Wachstum hatte weniger mit Managementmethoden als mit dem Bankwesen des Lands zu tun. Die staatlich regulierten japanischen Banken boten niedrigste Zinsen auf die Einlagen ihrer Sparer. Aufgrund der strengen Gesetzgebung blieb den meisten Japanern nichts anderes übrig, als ihr Geld auf der staatlichen Postbank anzulegen, die minimale Zinsen zahlte. Der Staat verlieh dieses Geld an Geschäftsbanken, und zwar wiederum zu Zinsen weit unter Weltmarktniveau. Die Geschäftsbanken schließlich gaben das Geld zu günstigsten Konditionen an die Großkonzerne weiter, denen sie zumeist angehörten: So vergab etwa die Sumitomo Bank Kredite an Sumitomo Chemicals. Während amerikanische Unternehmen in den 1970er Jahren Zinsen in zweistelliger Höhe berappen mussten, konnten japanische Konzerne Kredite zu einem Bruchteil dessen aufnehmen. Es ist also kein Wunder, dass die japanischen Unternehmen besser dastanden als die amerikanischen: Ihre Kreditkosten waren sehr viel niedriger. Es ist auch kein Wunder, dass Japan eine außergewöhnlich hohe Sparquote hatte: In Japan gab es damals keine staatliche Rentenversicherungen, und die Betriebsrenten waren minimal. Die Japaner sparten für ihren Altersruhestand. Dabei hatten sie keine andere Wahl, als ihr Geld zu extrem niedrigen Zinsen anzulegen. Während die hohen Zinsen den westlichen Konzernen große Ausgabendisziplin auferlegten und dafür sorgten, dass die schwächeren Unternehmen ausgesiebt wurden, gaben die japanischen Banken Geld zu niedrigen Zinsen an ihren jeweiligen Hauskonzern weiter. Es gab effektiv keinen Kreditmarkt. Beziehungen waren der Schlüssel zur Liquidität. Die Folge war ein hoher Anteil von Kreditausfällen. Die wichtigste Geldquelle der japanischen Unternehmen war also nicht der Aktienmarkt, sondern waren Kredite ihrer Hausbank. In den Aufsichtsräten saßen führende Konzernmanager und Bankdirektoren, die weniger an Gewinnen als vielmehr daran interessiert waren, den Geldfluss aufrecht zu erhalten, damit die Konzerne weiter produzieren und ihre Schulden bedienen konnten. Daher hatte Japan die niedrigste Kapitalrendite der Welt. Doch die Wachstumsraten waren phänomenal, denn genau darauf hatten die Japaner ihre Wirtschaft ausgelegt. Sie lebten vom Export. Das mussten sie auch. Die hohen Sparquoten, die das System am Laufen hielten, rührten schließlich daher, dass die Japaner ihr Geld auf die Bank brachten, weshalb die Wirtschaft nicht vom Inlandskonsum leben konnte. Und da die japanischen Unternehmen nicht von Investoren, sondern von ihren eigenen Vorständen und Bankern überwacht wurden, wollten sie sicherstellen, dass immer mehr Geld in die Kassen kam. Also verlegten sie sich auf Billigexporte. Sie nahmen immer mehr Kredite auf, benötigten immer mehr Geld und exportierten immer mehr Waren. Die Wirtschaft expandierte, doch sie stand auf tönernen Füßen. Aufgrund der informellen Kreditvergabepraxis nahm die Zahl der Ausfälle zu. Die Banken finanzierten viele schlechte Ideen. Doch statt diese Kredite abzuschreiben und die Schuldner in den Konkurs zu zwingen, stopften die Banken die Löcher mit immer neuen Krediten und erhielten so die Unternehmen künstlich am Leben. Das Kreditvolumen nahm immer weiter zu, und da die Einlagen der japanischen Sparer darauf verwendet wurden, das System am Laufen zu halten, musste mit immer mehr Exporten immer mehr Geld beschafft werden. Die Wirtschaft schwamm im Geld, doch die Vielzahl von eigentlich bankrotten Unternehmen, die ohne Rücksicht auf Gewinne ihren Geldfluss steigern mussten, höhlte das gesamte Finanzsystem aus. Die Exporte stiegen weiter, doch sie erzielten kaum Gewinne. Die gesamte Maschinerie diente nur noch dazu, sich selbst am Laufen zu halten. Der Rest der Welt hatte den Eindruck, die japanische Wirtschaft boome und übernehme den Markt mit hochwertigen und zugleich billigen Produkten. Anders als amerikanische Unternehmen schielten die Japaner nicht immerzu auf Profite und schienen daher die Zukunft für sich gepachtet zu haben. Doch das Gegenteil war der Fall. Japan lebte von billigem, staatlich kontrolliertem Geld, und die Niedrigpreispolitik war nichts als der verzweifelte Versuch, den Geldfluss aufrecht zu erhalten und das Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren. Am Ende wuchsen die Schulden in derartige Höhen, dass es unmöglich war, sie mit weiteren Exportsteigerungen aufzufangen. Japanische Banken brachen zusammen und wurden von der Regierung gerettet. Doch statt eine massive Wirtschaftskrise zuzulassen und Unternehmen und Banken zur Disziplin zu zwingen, griff der Staat zu Maßnahmen, mit denen die schlimmsten Auswirkungen abgemildert werden sollten. Der Preis war eine langfristige wirtschaftliche Stagnation, die bis heute anhält. Das Wachstum endete, die Märkte kippten. Interessanterweise bemerkten viele westliche Beobachter erst Jahre später, dass die japanische Wirtschaft bereits seit etwa 1990 bankrott war. Selbst Mitte der neunziger Jahre war noch vom japanischen Wirtschaftswunder die Rede. Inwieweit lässt sich das auf China übertragen? Um es salopp auszudrücken, ist China wie Japan auf Koks. Genau wie in Japan sind Beziehungen bei der Kreditvergabe wichtiger als geordnete wirtschaftliche Verhältnisse. Dazu kommt, dass es sich um einen kommunistischen Staat handelt, der Gelder nach politischem Gutdünken vergibt und seine Wirtschaftsdaten schönt. Investoren, die Gewinne erwarten, spielen hier eine weitaus geringere Rolle als Bankiers und Regierungsbeamte, die Bargeld sehen wollen. Beide Volkswirtschaften sind extrem exportabhängig, beide verzeichnen hohe Wachstumsraten, und beiden droht der Kollaps, wenn die Wachstumsraten auch nur gering fügig abnehmen. Im Jahr 1990 machten Japans Kreditausfälle rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass die Kreditausfälle in China heute bei 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen, weniger konservative Annahmen sprechen von bis zu 40 Prozent. Nach außen hin wirkt Chinas Wirtschaft gesund und dynamisch, und sie legt ein atemberaubendes Tempo vor. Doch Wachstum ist nur ein Faktor. Wichtiger ist die Frage, ob dieses Wachstum Gewinne erzielt. Das chinesische Wirtschaftswachstum ist durchaus real und bringt das Geld in die Kassen, das die Banken einfordern. Doch dieses Wachstum ist nicht nachhaltig. Sollte zum Beispiel in der Folge der sich in den Vereinigten Staaten jetzt abzeichnenden Rezession die Nachfrage zurückgehen, könnte die gesamte Wirtschaft sehr schnell in sich zusammenfallen. In Ostasien wäre das nichts Neues. Japan war der Motor der 1980er Jahre. Seinerzeit erwarteten Viele, dass das Land die Vereinigten Staaten überflügeln würde. Als das Wachstum schließlich einbrach, erlebte Japan eine massive Finanzkrise, von der es sich auch zwanzig Jahre später noch nicht vollständig erholt hat. Auch die Krise der asiatischen Tigerstaaten im Jahr 1997 traf viele Beobachter unvorbereitet, da die Volkswirtschaften dieser Länder bis zuletzt rasant gewachsen waren. China erlebt seit dreißig Jahren eine beispiellose wirtschaftliche Expansion. Die Vorstellung, dass sich diese Wachstumsraten auf Dauer aufrecht erhalten lassen, widerspricht allen Gesetzen der Wirtschaft. Irgendwann, spätestens wenn der Nachschub an billigen, unqualifizierten Arbeitskräften ausbleibt, kommt der Konjunkturzyklus an sein Ende. Jedes Wachstum hat strukturelle Grenzen, und an diese Grenzen wird auch China stoßen. 

Chinas politische Krise

Japan bekommt sein Problem nach zwanzig Jahren Stagnation allmählich in den Griff. Dank seiner politischen und gesellschaftlichen Disziplin verlief die Krise friedlich. Die Tigerstaaten, vor allem Südkorea und Taiwan, ergriffen einschneidende Maßnahmen und gingen gestärkt aus der Krise hervor, doch das gelang ihnen nur mit Hilfe eines starken Staates. Andere Länder wie Indonesien haben sich bis heute nicht erholt. Chinas Problem ist ein politisches. Das Land wird durch Geld, nicht durch eine Ideologie zusammengehalten. Ein wirtschaftlicher Abschwung und ein Versiegen des Geldstroms werden nicht nur das Finanzsystem gefährden, sondern die gesamte chinesische Gesellschaft bis in ihre Grundfesten erschüttern. Die Loyalität zum Regime ist entweder erkauft oder erzwungen. Ohne Geld bleibt nur noch der Zwang übrig. Im Allgemeinen führt wirtschaftlicher Abschwung durch Firmenzusammenbrüche und Arbeitslosigkeit zu gesellschaftlicher Instabilität. In einem Land, das ohnehin schon durch Armut und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist, provoziert eine wirtschaftliche Krise auch politische Instabilität. Im 19. Jahrhundert wurde China schon einmal durch die europäische Kolonisation in Küste und Binnenland gespalten. Die Hafenstädte, die vom Handel und den ausländischen Investitionen profitierten, unterstützten ausländische Interessen und versuchten, sich von der Zentralregierung zu lösen. Sie baten die imperialistischen Mächte, die eigene wirtschaftliche Interessen in China verfolgten, um ihre Unterstützung. Die heutige Situation hat große Ähnlichkeit mit der damaligen. Einen Unternehmer in Schanghai verbinden mehr Interessen mit Los Angeles, New York und London als mit Peking. Sollte Peking ihn maßregeln wollen, könnte er nicht nur versuchen, sich der Kontrolle durch die Hauptstadt zu entziehen, sondern sich des Beistandes ausländischer Mächte zu versichern. Währenddessen versuchen die Menschen der ärmeren Provinzen im Binnenland, entweder in die reicheren Küstenregionen umzusiedeln oder Peking zu zwingen, die reichen Landesteile zu besteuern und den Wohlstand umzuverteilen. In dieser Situation läuft Peking Gefahr, entweder die Kontrolle zu verlieren oder hart durchzugreifen und erneut in die maoistische Abschottungspolitik zu verfallen. Der chinesische Staat ruht auf zwei Säulen: dem riesigen bürokratischen Apparat, der das Land verwaltet, und der Armee, die den Willen der Kommunistischen Partei durchsetzt. Die dritte Säule, die Ideologie des Maoismus, ist verschwunden. Gleichheit, Selbstlosigkeit und der Dienst am Volk sind überholte Werte, die zwar gepredigt, aber nicht mehr gelebt werden. Staat, Partei und Sicherheitsapparat sind genauso von diesem Verlust der ideologischen Säule betroffen wie der Rest der Gesellschaft. Die Funktionäre der Kommunistischen Partei haben persönlich von der neuen Ordnung profitiert. Sollte die Zentralregierung versuchen, die Küstenstädte zur Räson zu bringen, dann wird dies kaum mit besonderer Konsequenz geschehen, da die Funktionäre vor Ort Teil des Systems sind, das diesen Regionen ihren Reichtum beschert hat. Das Problem ist dasselbe wie im 19. Jahrhundert, als Beamte in den Küstenprovinzen sich weigerten, die Anweisungen der Regierung in Peking zu befolgen, und es vorzogen, mit den Ausländern Geschäfte zu machen. Sollte es in der Tat zu einer schwerwiegenden Wirtschaftskrise kommen, muss die Zentralregierung einen Ersatz für die Ideologie des Kommunismus finden. Wenn die Menschen Opfer bringen sollen, dann im Namen von etwas, an das sie glauben können – und wenn dies nicht der Kommunismus ist, kann dies die chinesische Nation sein. Die chinesische Regierung wird versuchen, den Zerfall zu stoppen, indem sie den Nationalismus und dessen natürlichen Begleiter, die Fremdenfeindlichkeit, anheizt. Das Misstrauen gegenüber Ausländern hat in China tiefe Wurzeln, und die Partei benötigt einen Sündenbock für die Wirtschaftskrise. So wie Mao ausländische Mächte für die Schwäche Chinas schuldig sprach, wird die Partei nun die Ausländer für die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich machen. Da es in Wirtschaftsfragen fast zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit ausländischen Unternehmen kommen wird, die ihre Investitionen zu schützen versuchen, wird es China nicht schwer fallen, die nationalistische Karte zu spielen. Die Ideologie der großen chinesischen Nation wird die Ideologie des Kommunismus ablösen, und die Konflikte werden zunächst die Position der Regierung eher noch stärken. Mit Schuldzuweisungen gegen Ausländer, diplomatischen Konfrontationen und zunehmenden Demonstrationen militärischer Stärke wird die Regierung Rückhalt in der Bevölkerung erhalten. Diese Situation wird sich vermutlich in den Jahren nach 2010 einstellen. Die wahrscheinlichsten Gegner in diesem Konflikt werden der historische Feind Japan und/oder die Vereinigten Staaten sein, gegen die bereits gewisse Ressentiments vorhanden sind. Russland wird kaum als Sündenbock in Frage kommen. Doch auch die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Auseinandersetzung mit Japan oder den Vereinigten Staaten ist mehr als gering. Es würde China schwer fallen, militärisch gegen einen der beiden Staaten vorzugehen. Die chinesische Marine ist schwach und würde eine Konfrontation mit den Vereinigten Staaten nicht überstehen. Taiwan wäre theoretisch ein verlockendes, doch praktisch ein so gut wie unerreichbares Ziel: China hat nicht die Flotte, um die Formosastraße zu überqueren oder seine Invasionskonvois zu schützen, und es wird nicht in der Lage sein, im kommenden Jahrzehnt die Flottenkapazitäten aufzubauen, die nötig wären, um den Vereinigten Staaten etwas entgegensetzen zu können.

Damit bleiben China drei Möglichkeiten. Erstens, es expandiert dauerhaft mit astronomischen Wachstumsraten. Das hat bisher noch kein Land der Welt geschafft, und China wird keine Ausnahme darstellen. Das außerordentliche Wirtschaftswachstum der vergangenen dreißig Jahre hat verheerende Ungleichgewichte und Ineffizienzen in der chinesischen Wirtschaft geschaffen, die korrigiert werden müssen. Irgendwann muss China denselben schmerzhaften Anpassungsprozess durchlaufen, den der Rest Ostasiens bereits hinter sich hat. Eine zweite Möglichkeit ist die neuerliche Zentralisation Chinas. Die widerstreitenden Interessen, die nach einer Wirtschaftskrise zu Tage treten, werden von einer starken Zentralregierung kontrolliert, die die Ordnung wiederherstellt und die Autonomie der Provinzen beschneidet. Dieses Szenario ist wahrscheinlicher als das erste, doch da der Verwaltungsapparat mit Funktionären durchsetzt ist, die wenig Interesse an einer Zentralisation haben, ist es ebenfalls unwahrscheinlich. Die Regierung in Peking kann sich nicht darauf verlassen, dass die Bürokratie ihre Entscheidungen umsetzt. Der Nationalismus ist der einzige Kitt, der in der Lage wäre, China zusammenzuhalten. Die dritte Möglichkeit besteht schließlich darin, dass China unter dem Druck einer Wirtschaftskrise in seine Provinzen zerfällt, während eine geschwächte Zentralregierung ohnmächtig zusehen muss. Historisch betrachtet ist dies das wahrscheinlichste Szenario. Sieger sind dann die wohlhabenden Schichten und die ausländischen Investoren. Damit kehrt China dahin zurück, wo es in der Zeit vor Mao war: Die Provinzen konkurrieren miteinander oder geraten sogar in Konflikt, während es der Regierung in Peking kaum gelingt, die Zügel in der Hand zu behalten. Wenn wir davon ausgehen, dass die chinesische Wirtschaft früher oder später eine Phase der Anpassung durchlaufen muss, die in der Regel von schweren Spannungen begleitet wird, dann ist dies die Variante, die aufgrund der Gegebenheiten und der chinesischen Geschichte am ehesten zu erwarten ist.

Eine japanische Variante

Die führenden Industrienationen werden in den Jahren nach 2010 aufgrund ihres Bevölkerungsrückgangs unter erheblichem Arbeitskräftemangel leiden. In einigen Ländern ist die Einwanderung aufgrund hartnäckiger kultureller Vorurteile keine Option. Japan beispielsweise steht der Einwanderung äußerst ablehnend gegenüber und räumt Ausländern keine Möglichkeiten ein, die Staatsbürgerschaft zu erwerben. So müssen etwa die Koreaner, die schon ein Leben lang in Japan gelebt und gearbeitet haben, mit Ausweisen vorlieb nehmen, in die das Stichwort »Koreaner« eingedruckt ist (die Japaner unterscheiden nicht nach Nord- und Südkorea). Doch zugleich muss das Land eine Arbeitskräftequelle finden, um mit deren Abgaben die Rentenlast seiner Senioren bestreiten zu können. In China steht jedoch ein großes Reservoir billiger Arbeitskräfte zur Verfügung. Wenn es den Chinesen verwehrt ist, in Japan ansässig zu werden, dann könnte Japan, wie das früher bereits auf militärische Weise der Fall gewesen ist, auf China zugreifen. Japanische Unternehmen, die sich in China ansiedeln und chinesische Arbeitnehmer beschäftigen, könnten eine Alternative zur Einwanderung darstellen. Auf diese Idee wird nicht nur Japan kommen. Gleichzeitig wird Peking versuchen, seine Macht im Land zu erhalten. Wenn eine chinesische Zentralregierung in der Vergangenheit hart durchgegriffen hat, dann war sie in der Regel bereit, ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen. Obwohl eine starke japanische Präsenz, die chinesische Arbeitskräfte beschäftigt, aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten für Unternehmer, Provinzregierungen und selbst die Regierung in Peking durchaus sinnvoll sein könnte, wäre sie politisch kaum vertretbar. Im Gegenteil, sie läuft den Interessen Pekings zuwider. Um das Jahr 2020 jedoch wird Japan Verbündete auf dem chinesischen Festland finden, die es ihm ermöglichen, Investitionen in seinem Sinne zu tätigen. Die Küstenprovinzen werden untereinander in Wettbewerb um japanische Investitionen treten und sich dem Druck Pekings und der nationalistischen Ideologie widersetzen. Das chinesische Binnenland wird kaum von den japanischen Investitionen profitieren, wohl aber die Unternehmen und Regierungen der Küsten- provinzen. Japan wird mit großen Summen Verbündete unter den Hafenstädten finden, die nicht bereit sind, den Preis der Abschottung zu bezahlen. Es kommt zu einer Allianz zwischen einer oder mehreren Küstenprovinzen und Japan gegen die Hauptstadt Peking. Die  japanischen Investitionen spalten bald auch die Partei und unterwandern die Bemühungen der Zentralregierung, die Küstenstädte zu kontrollieren. Für Länder wie Japan, die unter demografischem Druck stehen und keine Einwanderung in großem Stile zulassen wollen, bietet China eine mögliche Lösung. Leider ist das Timing ungünstig, denn der unvermeidliche Niedergang der chinesischen Wirtschaft wird dafür sorgen, dass die Zentralregierung einen autoritären und nationalistischen Kurs einschlägt. Allerdings ist die Regierung in Peking korrumpierbar und schwächt sich auf diese Weise selbst. China wird ein geeintes Land bleiben, doch die Macht wird sich von der Zentralregierung in die Provinzen verlagern. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird im Jahr 2020 ein alter Alptraum Chinas wahr werden: Provinzfürsten konkurrieren untereinander, ausländische Mächte nutzen die Situation aus, um in den Provinzen die wirtschaftlichen Spielregeln zu diktieren, und die Zentralregierung muss hilflos zusehen. Eine zweite Möglichkeit ist ein neomaoistisches China, das den inneren Zusammenhalt um den Preis des wirtschaftlichen Fortschritts erkauft. Das unwahrscheinlichste Szenario ist jedoch wie immer der Fortbestand des Status quo.

Kapitel 4
Kapitel 6

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Alternative Medien

Blog-Archiv