Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 10

Kapitel 10 - Am Vorabend des Kriegs

Der Krieg, der gegen Mitte des 21. Jahrhunderts ausbricht, hat klassische Ursachen: Ein Land – die Vereinigten Staaten – übt massiven Druck auf ein Bündnis zweier anderer Nationen aus. Keiner der Kontrahenten will einen Krieg, doch jeder sieht existenzbedrohende Konflikte auf sich zukommen. In dieser Auseinandersetzung prallen drei Strategien aufeinander. Die Vereinigten Staaten wollen verhindern, dass in Eurasien Regionalmächte entstehen, und befürchten, dass sich diese beiden Länder zu einer regionalen Hegemonialmacht zusammenschließen könnten. Japan muss seine Präsenz auf dem asiatischen Festland erhalten, um seinen Bevölkerungsrückgang und seine Rohstoffarmut zu kompensieren sowie dazu den Nordwestpazifik kontrollieren. Die Türkei wiederum befindet sich an der Schnittstelle dreier Kontinente, in denen mehr oder weniger großes Chaos herrscht. Sie muss daher versuchen, die Region zu stabilisieren, um selbst weiter wachsen zu können. Während die türkische und japanische Politik in den Vereinigten Staaten für gewisse Unruhe sorgt, haben diese beiden Länder den Eindruck, sie könnten nur dann überleben, wenn sie etwas unternehmen. Eine diplomatische Lösung ist ausgeschlossen. Jedes Zugeständnis an die Vereinigten Staaten hat nur weitere Forderungen zur Folge. Und jede Weigerung der Türkei und Japans, auf deren Forderungen einzugehen, bestärkt die amerikanischen Befürchtungen. Es läuft auf eine Wahl zwischen Unterwerfung und Krieg hinaus, und am Ende scheint Krieg doch die klügere Entscheidung zu sein. Japan und die Türkei geben sich nicht der Illusion hin, sie könnten die Vereinigten Staaten besetzen oder gar vernichten. Sie wollen vielmehr Bedingungen schaffen, in denen ihr Gegner einer Verhandlung zustimmt und die japanischen und türkischen Einflusssphären anerkennt, die nach Ansicht dieser beiden Staaten keine Gefahr für die fundamentalen amerikanischen Interessen darstellen. Da sie nicht in der Lage sind, die Vereinigten Staaten in einem Krieg zu besiegen, wollen die Türkei und Japan ihrem Gegner zu Beginn des Konflikts einen schweren Schlag versetzen, der ihnen kurzzeitig einen Vorteil verschafft. Die Vereinigten Staaten sollen das Gefühl bekommen, dass ein Krieg riskanter wäre und sie teurer zu stehen käme als eine Verhandlungslösung. Die Türkei und Japan hoffen, dass sich die Vereinigten Staaten, die sich in einer Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs befinden und gewisse Sorgen mit ihrem erstarkten Nachbarn Mexiko haben, nicht auf langwierige Kampfhandlungen einlassen und einer diplomatischen Lösung zustimmen werden. Sie wissen, welches Risiko es bedeutet, wenn sich die Vereinigten Staaten nicht auf eine Verhandlung einlassen, doch aus ihrer Sicht bleibt ihnen keine andere Wahl. In gewisser Hinsicht handelt es sich um eine Neuauflage des Zweiten Weltkriegs: Schwächere Nationen versuchen, das Machtgleichgewicht zu ihren Gunsten zu verschieben und die andere Seite mit  einen plötzlichen Präventivschlag unvorbereitet zu treffen. In der Praxis unterscheidet sich dieser Krieg jedoch ganz erheblich von allen Kriegen zuvor und markiert den Beginn eines neuen Zeitalters der Kriegsführung.

Ein neuer Krieg

Der Zweite Weltkrieg war der letzte Krieg des Europäischen Zeitalters. In dieser Epoche der Menschheitsgeschichte gab es zwei Arten von Kriegen, die gelegentlich zusammenfielen: den Weltkrieg, der den gesamten Erdball in ein Schlachtfeld verwandelte und seine Ursprünge im 16. Jahrhundert hat und den totalen Krieg, der eine ganze Gesellschaft mobilisierte. Im Zweiten Weltkrieg machten die kriegführenden Nationen ihre gesamte Gesellschaft mobil, um Armeen aufzustellen und diese zu versorgen. Der Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten löste sich in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts weitgehend auf. Der totale und globale Krieg führte zu einem beispiellosen Blutvergießen. Der totale Krieg geht auf die veränderte Kriegsführung nach der Erfindung der Feuerwaffen zurück. Vereinfacht gesagt, ist eine Feuerwaffe eine Waffe, deren Geschoss – eine Gewehrkugel, Granate oder Bombe – seinen Kurs nicht mehr ändern kann, wenn es abgefeuert oder abgeworfen wurde. Damit sind diese Waffen extrem ungenau. Ob eine Kugel oder eine Bombe ihr Ziel findet, hängt davon ab, wie gut sich ein Schütze oder Pilot konzentrieren kann, während gleichzeitig andere versuchen, ihn zu töten. Im Zweiten Weltkrieg war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Geschoss tatsächlich sein Ziel traf, erstaunlich gering. Bei einer derart geringen Trefferwahrscheinlichkeit besteht die einzige Lösung darin, das gesamte Zielgebiet mit einem Bombenteppich zu belegen. Das heißt, es sind große Mengen von Geschossen und damit von Soldaten erforderlich. Große Heere sind jedoch auf eine große Zahl von Arbeitern und Zulieferern angewiesen, die den Nachschub sichern. Im Zweiten Weltkrieg benötigten fast alle Waffen- systeme Benzin, und der Aufwand, den allein die Förderung, die Raf- finierung und der Transport des Öls an die Front und zu den kriegs- relevanten Unternehmen erforderlich machte, übertraf den Aufwand, der früher für einen ganzen Krieg nötig war. Im 20. Jahrhundert erforderte ein militärischer Sieg nichts weniger als die Mobilisierung einer gesamten Gesellschaft. In den beiden Weltkriegen warfen sich ganze Nationen gegeneinander. Ziel war die Vernichtung der jeweils anderen Gesellschaft, denn es ging darum, die Bevölkerung des Gegners so weit zu dezimieren und seine Infrastruktur so gründlich zu zerstören, dass diese nicht mehr in der Lage war, die gewaltigen Waffenarsenale zu produzieren, die an der Front benötigt wurden. Doch die Bombardierung einer Stadt mit Tausenden von Flugzeugen ist eine aufwändige und kostspielige Angelegenheit. Stellen Sie sich vor, Sie könnten dasselbe Ergebnis mit einem einzigen Flugzeug und einer einzigen Bombe erzielen. Der totale Krieg könnte mit einem Bruchteil der Mittel und einer weitaus geringeren Gefährdung der eigenen Nation geführt werden. Das war die Logik hinter der Atombombe. Sie stellte die Drohung dar, die Gesellschaft des Feinds so schnell und so gründlich zu zerstören, dass dieser lieber kapitulierte, als sich dieser Gefahr auszusetzen. Technisch war die Atombombe eine radikale Neuerung. Militärisch stellte sie jedoch lediglich eine Fortsetzung der Kultur dar, die in Europa über Jahrhunderte entwickelt worden war. Die gewaltige Wirkung der Atombombe stieß eine neue Entwicklung in der Kriegsführung an. Atomwaffen führten den totalen und globalen Krieg ad absurdum. In einem Atomkrieg mussten die kriegführenden Nationen – die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion – in der Lage sein, den gesamten Planeten zu überblicken. Dazu mussten sie das feindliche Territorium überfliegen können, und die sicherste und effizienteste Methode war die Raumfahrt. Die bemannte Weltraumfahrt war nur das öffentliche Gesicht, das eigentliche Motiv war die Notwendigkeit herauszufinden, wo die andere Seite ihre Atomraketen stationiert hatte. Spähsatelliten lieferten in Echtzeit Bilder, mit deren Hilfe sich der Standort einer Abschussrampe auf den Meter genau bestimmen und mit einer eigenen Rakete beschießen ließ. Damit entstand die Notwendigkeit, derart zielgenaue Waffen zu entwickeln.

Das Ende des totalen Kriegs

Die Möglichkeit einer genauen Standortbestimmung feindlicher Rampen schuf die Notwendigkeit, zielgenauere Waffen herzustellen. Ende der 1960er Jahre wurden erstmals Präzisionsgeschosse eingesetzt, die nach dem Abschuss ins Ziel gelenkt werden konnten. Was nach einer vernachlässigbaren technischen Verbesserung klingt, sollte die gesamte Kriegsführung verändern. Im 20. Jahrhundert waren Tausende Flugzeuge und Millionen von Gewehren erforderlich, um einen Krieg zu führen. Im 21. Jahrhundert wird nur ein Bruchteil nötig sein. Das ist das Ende des totalen Kriegs. 
Diese Entwicklung stellt einen erheblichen Vorteil für die Vereinigten Staaten dar, die in Kriegen stets demografisch im Nachteil waren. Die entscheidenden Schlachten des 20. Jahrhunderts wurden in Euro- pa und Asien ausgetragen, Tausende Kilometer von den Vereinigten Staaten entfernt. Die verhältnismäßig kleine Bevölkerung des Lands musste nicht nur Soldaten stellen, sondern den Nachschub produzieren und über weite Strecken transportieren, weshalb weniger Personal für die eigentlichen Kampfeinheiten zur Verfügung stand. Die amerikanische Kriegsführung zielte deshalb schon immer darauf ab, die Wirkung jedes einzelnen Soldaten auf dem Schlachtfeld zu maximieren. In der Vergangenheit brachten die Vereinigten Staaten dazu Technologie und große Mengen von Waffen zum Einsatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es jedoch immer mehr um die technologischen Multiplikatoren und immer weniger um die Massen. Die Vereinigten Staaten hatten keine andere Wahl: Als Weltmacht mussten sie in der Lage sein, die Effektivität ihrer Soldaten zu maximieren, indem sie diese mit modernsten Waffen ausstatteten. Mit dem fortschreitenden Technologieeinsatz nahm die Zahl der erforderlichen Soldaten ab, die dennoch in der Lage waren, auch größere Armeen zu besiegen. Zugleich korrespondierten die neuen technologischen Möglichkeiten mit der demografischen Entwicklung, denn eine alternde und schrumpfende Bevölkerung macht es schwer, wenn nicht unmöglich, große Streitkräfte zu unterhalten. Im 21. Jahrhundert ist der Schlüssel der Kriegsführung daher die Präzision. Je zielgenauer die Geschosse, desto geringer deren benötigte Anzahl. Das wiederum bedeutet weniger Soldaten und weniger Arbeiter in der Rüstungsindustrie – und dafür mehr Wissenschaftler und Techniker. In den kommenden Jahrzehnten werden Waffen entwickelt, die in den Vereinigten Staaten stationiert sind, binnen weniger als einer Stunde das andere Ende der Welt erreichen, wendig genug sind, um Boden-Luft-Raketen auszuweichen, präzise zuschlagen und nach Hause zurückkehren, um sofort eine neue Mission auszuführen. Mit Hilfe eines solchen Systems müssen die Vereinigten Staaten nie mehr wieder auch nur einen einzigen Panzer in ein 12 000 Kilometer entferntes Kriegsgebiet entsenden. Diese Waffe ist ein unbemannter Hyperschallbomber. Die Vereinigten Staaten verfügen bereits heute über Flugsysteme, die fünffache Schallgeschwindigkeit erreichen. Diese Maschinen werden nicht von Raketendüsen, sondern von sogenannten Staustrahl- oder Scramjet-Triebwerken angetrieben. Ihre Reichweite ist heute noch begrenzt, doch mit der Weiterentwicklung der Turbinen und extrem hitze- resistenter Materialien ist eine Steigerung der Reichweite und der Geschwindigkeit absehbar. Ein Geschoss, das mit einer Geschwindigkeit von Mach 10 oder 13 000 Kilometern pro Stunde an der Ostküste der Vereinigten Staaten abgefeuert wird, erreicht Europa in weniger als einer halben Stunde. Bei einer Geschwindigkeit von Mach 20 würde es dieselbe Strecke in unter 15 Minuten zurücklegen. Den geopolitischen Erfordernissen der Vereinigten Staaten, schnell eingreifen und die gegnerischen Streitkräfte zerstören zu können, wäre damit Genüge getan. Der Bau einer ausreichenden Zahl von unbemannten Hyperschallbombern wäre zwar außerordentlich kostspielig, bleibe im Vergleich zu den Kosten der gegenwärtigen militärischen Strukturen jedoch immer noch im Rahmen. In einer Zeit, in der fossile Brennstoffe immer knapper werden, würde dieses System zudem die Vorratshaltung von Benzin für Panzer, Flugzeuge und Schiffe weitgehend überflüssig machen. Die Entwicklung dieser Hyperschallbomber bedeutet die Umkehr eines Trends, der die Kriegsführung seit den Zeiten vor Napoleon bestimmte. Die Armeen des 21. Jahrhunderts sind sehr viel kleiner und professioneller als ihre Vorgänger und technologisch bestens ausgestattet. Mit der Präzision ist auch die Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilisten wieder möglich: Um ein bestimmtes Gebäude zu zerstören, ist es nicht mehr nötig, eine ganze Stadt mit einem Bombenteppich zu belegen. Soldaten erinnern zunehmend an die waffenstarrenden Ritter des Mittelalters und weniger an die GIs des Zweiten Weltkriegs. Mut ist nach wie vor erforderlich, doch noch wichtiger ist die Fähigkeit, hochkomplexe Waffensysteme zu bedienen. Geschwindigkeit, Reichweite, Präzision und eine große Zahl unbemannter Flugzeuge werden die Massenheere ersetzen, die im 20. Jahrhundert erforderlich waren, um die Waffen auf das Schlachtfeld zu transportieren. Damit wird sich allerdings ein entscheidendes Problem der Kriegsführung nicht lösen lassen: die Besetzung des feindlichen Territoriums. Armeen dienen zum einen dem Zweck, andere Armeen zu zerstören – eine Aufgabe, die sich mit Präzisionswaffen effektiver ausführen lässt denn je zuvor. Zum anderen dienen sie der Besetzung des gegnerischen Territoriums und die bleibt äußerst personalintensiv. In vielerlei Hinsicht handelt es sich dabei allerdings eher um eine Polizeiaufgabe. Die Aufgabe eines Soldaten besteht in erster Linie darin, einen Feind zu töten, die Aufgabe eines Polizisten ist es jedoch, Gesetzesbrecher zu erkennen und zu verhaften. Ersteres erfordert Mut, Ausbildung und Waffen, letzteres darüber hinaus ein Verständnis der Kultur, das es überhaupt erst ermöglicht, Feinde von gesetzestreuen Bürgern zu unterscheiden. Diese Aufgabe wird nie einfacher werden und bleibt die Achillesferse jeder Großmacht. Genau wie die Römer und später die Briten ihre Probleme bei der Besetzung Palästinas hatten, obwohl sie die feindlichen Armeen spielend besiegt hatten, so werden auch die Vereinigten Staaten Kriege gewinnen und danach die Konsequenzen durchleiden.

Krieg im Weltall

So sehr sich die Kriegsführung verändert, ein wesentliches Prinzip bleibt erhalten: Jeder Befehlshaber muss sein Schlachtfeld kennen. Auch auf dem globalen Schlachtfeld muss die Armeeführung genau wissen, was der Feind tut und wo die eigenen Streitkräfte stehen. Die einzige Möglichkeit der Echtzeitkontrolle ist die Beobachtung aus dem Weltall. In Schlachten ging es schon immer darum, die höchste Stelle einzunehmen, weil diese den besten Überblick ermöglichte. Das ist in Zeiten des globalen Kriegs nicht anders. Heute ist der Feldherrnhügel jedoch der Weltraum, von wo aus Aufklärungssatelliten das Schlachtfeld ununterbrochen und weltweit beobachten. Der globale Krieg findet daher im Weltall statt. Das stellt keineswegs eine radikale Veränderung dar. Schon heute befinden sich unzählige Spionagesatelliten im Erdumlauf und versorgen unterschiedliche Länder mit Informationen über das Geschehen in aller Welt. Für die Vereinigten Staaten schaffen Sensoren im Weltall bereits heute ein globales Schlachtfeld, indem sie mögliche Ziele identifizieren und Luftschläge lenken. Auch wenn es die entsprechenden Waffen noch nicht gibt, sind die Überwachungssysteme bereits Wirklichkeit. Der Weltraum bietet freie Sicht und sichere Kommunikation. Er ermöglicht es auch, feindliche Objekte zu verfolgen. Daher wird auch die Leitung von Kampfeinsätzen in den Orbit verlegt. Kommandostationen auf unterschiedlichen Umlaufbahnen befehligen Roboter und bemannte Einheiten zu Land und zur See, leiten Einsätze, greifen feindliche Satelliten an und weichen Angriffen aus. Einem Feind die Sicht zu nehmen, bedeutet künftig, die Weltraumsysteme zu zerstören, mit denen er seine Ziele lokalisiert, sowie seine Navigations- und Kommunikationssysteme auszuschalten, um ihn der Fähigkeit zur Kriegsführung zu berauben. Die Zerstörung feind- licher Satelliten wird daher im 21. Jahrhundert ein wichtiges Kriegsziel. Umso entscheidender wird die Verteidigung der eigenen Satelliten. Die einfachste Möglichkeit, einen Satelliten zu schützen, ist ein Ausweichmanöver. Das ist allerdings schwieriger, als es klingt. Zum einen ist zur Steuerung des Satelliten Treibstoff erforderlich, doch dieser ist schwer und sein Transport teuer. Zweitens schützt auch ein Ausweichmanöver nicht vor einem ebenfalls mobilen Antisatellitensystem und schon gar nicht vor einem Laserstrahl. Und drittens handelt es sich um geostationäre Satelliten, die ein bestimmtes Terrain abdecken sollen. Jede Bewegung verändert deren Standort und beeinträchtigt ihre Nützlichkeit. Satelliten müssen geschützt werden, entweder durch die Abwehr eines Angriffs oder die Zerstörung des Angreifers. Mitte des 21. Jahrhunderts wird es daher Satelliten-Kampfstaffeln geben . Wie ein Flugzeugträger von seiner Begleitflotte geschützt wird, werden Aufklärungsstationen von einem Geschwader von unterstützenden Satelliten umgeben, deren Aufgaben beispielsweise in der Ablenkung von Laserstrahlen oder dem Angriff auf andere Satelliten bestehen. Die Verteidigung der Weltraumsysteme wird immer vordringlicher, da beide Seiten ihr Bedrohungspotenzial aufstocken und damit weitere Schutzmaßnahmen erforderlich machen. Irgendwann wird es auch möglich sein, Sprengköpfe vom Weltall aus auf die Erde abzuschießen, doch das ist wiederum komplizierter, als es klingt. Eine Abschussbasis im Weltall bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von Tausenden Kilometern pro Stunde, während gleichzeitig die Erde unter ihr rotiert. Die Fähigkeit, vom Weltall aus ein Ziel auf der Erde zu treffen, entwickelt sich langsamer als die Aufklärungskapazitäten, doch auch auf diesem Gebiet wird die Forschung zweifelsohne bald Früchte tragen. Ein einzelner Satellit kostet Milliarden von US-Dollar und eine Satellitenstaffel entsprechend ein Vielfaches. Heute stellt die Beschädigung oder der Ausfall eines Satelliten in den allermeisten Fällen einen Totalverlust dar, kein einziges Teil wird wiederverwendet. Je intensiver das Weltall genutzt wird, umso wertvoller werden die Satelliten und umso gravierender schlägt ein Totalausfall zu Buche. Wenn das Weltall zum Kriegsschauplatz wird, wird auch die Re- paratur der Satelliten immer wichtiger. Und um den Schaden an komplexen Systemen zu beheben, ist der Einsatz von Menschen erforderlich. Es wäre wenig effizient, diese Menschen jedesmal ins All befördern zu wollen, wenn eine Reparaturmaßnahme ansteht. Außerdem ist es teurer, eine Raumfähre ins All zu schießen, als sich mit einem Raumfahrzeug zu bewegen, das sich bereits im Orbit befindet. Daher wird es irgendwann effizienter und wirtschaftlicher sein, dauerhaft Reparaturmannschaften im All zu stationieren. Natürlich werden auch diese zum potenziellen Angriffsziel und müssen sich verteidigen können. Neben der Reparatur übernehmen sie außerdem die Leitung und Kontrolle der Weltraumsysteme. Für eine effektive Kriegsführung vom Weltall aus ist mehr erforderlich als die Fähigkeit, teure Satelliten rasch reparieren zu können. Die Kommunikationsverbindung zwischen Erde und Orbit ist komplex und störanfällig. Ein möglicher Feind wird daher zunächst den logischen und kostengünstigen Versuch unternehmen, diese Kommunikation zu unterbrechen. Das lässt sich mit relativ einfachen Mitteln bewerkstelligen, etwa durch die Zerstörung von Sendestationen auf der Erde mit Hilfe einer Autobombe. Auch Startbasen könnten das Ziel von Angriffen werden. Wenn beispielsweise zwei der wichtigsten Raketenabschussbasen, das Kennedy Space Center in Florida und die Vandenberg Air Force Base in Kalifornien, durch feindliche Raketenangriffe so stark beschädigt würden, dass sie zwei Monate lang ausfielen, wären die Vereinigten Staaten nicht in der Lage, weitere Ausrüstung ins All zu schicken, und das zum Zeitpunkt des Angriffs im Erdumlauf befindliche Material wäre das einzig verfügbare. Die Aufrechterhaltung der Systeme kann Sieg oder Niederlage bedeuten. Daher ist die feste Stationierung von Reparaturmannschaften im All entscheidend. Wie Sie inzwischen vermutlich selbst bemerkt haben, ist jede Erörterung der künftigen Kriegsführung im Weltall nicht ganz unproblematisch. Je tiefer wir in die Materie eindringen, desto mehr erinnert es an Science-Fiction, obwohl kein Zweifel bestehen kann, dass die Entwicklung im kommenden Jahrhundert genau dahin gehen wird. Die Technologie gibt es bereits, und die strategischen und taktischen Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen. Wie die Seekriegsführung im 16. Jahrhundert hat auch die Weltraumkriegsführung eine räumliche Expansion zur Folge. Die geostationäre Umlaufbahn ist ein strategisch wichtiger Ort und wird heftig umkämpft werden. Doch diese ist nur einer der potenziellen Schauplätze von Auseinandersetzungen. Ein anderer ist der Mond. So weit hergeholt es klingen mag, der Mond wird eine stabile Basis für die Beobachtung der Erde und mögliche Konflikte im All bieten. Es würde vermutlich Tage und damit viel zu lange dauern, ehe eine mit Sprengköpfen bestückte Rakete vom Mond aus die Erde erreicht. Doch schon binnen weniger Sekunden kann ein Signal einen Killersatelliten erreichen und diesen auf den Weg schicken, um eine Reparaturmannschaft anzugreifen. Auf dem Mond sind der Aufbau und die Verteidigung von Basen zudem einfacher als in der Erdumlaufbahn. Um niedrige und geostationäre Umlaufbahnen werden genauso Auseinandersetzungen ausgetragen werden wie um Lagrange-Punkte (Gleichgewichtspunkte zwischen Erde und Mond) sowie um die Mondoberfläche selbst. Wie auf der Erde besteht das Ziel möglicher militärischer Auseinandersetzungen darin, dem Gegner die Nutzung bestimmter Gebiete zu verwehren und den eigenen militärischen Zugang zu sichern. Verträge hin oder her – wo es Menschen gibt, gibt es auch Krieg. Und wenn die Menschen sich ins Weltall begeben, dann gibt es auch im Weltall Krieg. Entscheidend ist auch die Kontrolle der Weltmeere vom Weltall aus. Schon heute nutzt die US-Marine Überwachungssatelliten, um ihre Seestreitkräften effektiv einsetzen zu können. Der Aufbau einer Flotte, die die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zur See bedrohen könnte, wäre für alle anderen Länder schwierig, kostspielig und zeitraubend. Die Entwicklung eines Flugzeugträgers und die Ausbildung einer qualifizierten Mannschaft kann Generationen in Anspruch nehmen. Die meisten Seestreitkräfte der Welt haben diesen Versuch daher längst aufgegeben und auch in Zukunft werden nur wenige dieses Projekt angehen. Doch im 21. Jahrhundert hängt die Kontrolle der Weltmeere weniger von der Flotte selbst ab, als von den weltraumgestützten Systemen, die feindliche Schiffe entdecken und ins Visier nehmen können. Wer das Weltall kontrolliert, kontrolliert die Ozeane. An dieser Stelle möchte ich einen kurzen Exkurs zum Thema Roboter einschieben. Ich gehe zwar davon aus, dass Menschen im Weltall die Kontrolle über die weltraumgestützten Kampfsysteme behalten, doch diese werden von Robotersystemen unterstützt werden. Einen Menschen im All zu unterhalten, bleibt auch im kommenden Jahrhundert ein kompliziertes und teures Unterfangen. Doch autonome und ferngesteuerte Systeme sind inzwischen weit verbreitet, unbemannte Flüge ins All Routine. Im Weltraum wurde bislang ein großer Teil der Pionierarbeit auf dem Gebiet der Roboterentwicklung geleistet und das wird auch in Zukunft so bleiben. Die Technologie ist so weit, dass das amerikanische Verteidigungsministerium inzwischen hochentwickelte Projekte auf diesem Gebiet unterhält. Schon heute gibt es autonome Fluggeräte, Reparatureinheiten für Satelliten und intelligente Unterwassertorpedos, und diese Entwicklung wird weitergehen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gegen Ende des 21. Jahrhunderts zur Vermeidung menschlicher Opfer Roboter als Soldaten zum Einsatz kommen und einfache Aufgaben wie etwa den Sturm einer befestigten Stellung übernehmen. Dies alles führt zu einer Revolution der Kriegsführung. Die Präzision macht Vernichtung unnötig.

Kriegsvorbereitungen

Zur Jahrhundertmitte bilden unbemannte Hyperschallbomber mit globaler Reichweite und weltraumgestützte Raketen das Gerüst der amerikanischen Streitkräfte. Mit Hilfe dieser Systeme können sie, wenn nötig, eine Seeblockade über Japan und die Türkei verhängen. Außerdem können sie nach Belieben jede bodengestützte Einrichtung zerstören und den Bodenstreitkräften einen vernichtenden Schlag versetzen. Die amerikanische Kriegsführung besteht aus drei Phasen. Die erste ist ein Angriff auf feindliche Flugzeug- und Raketenstellungen, die den Vereinigten Staaten gefährlich werden könnten, sowie auf boden- und weltraumgestützte Flugabwehrsysteme. In der zweiten Phase erfolgt ein Schlag gegen die übrigen militärischen Einrichtungen des Feinds sowie gegen Schlüsselindustrien. In der letzte Phase kommt schließlich eine kleine Bodentruppe von hochmobilen, extrem überlebensfähigen und bewaffneten Infanteriesoldaten in gepanzerten Waffenanzügen zum Einsatz, die von Robotersystemen unterstützt werden. Neben den Satelliten spielen vor allem die Kommandoplattformen, die ich Kampfsterne nenne, eine entscheidende Rolle. Die Kampf- sterne sind die Augen, Ohren und Fäuste der Vereinigten Staaten. Sie kommandieren Satellitengeschwader sowie Raketenbasen in der Erdumlaufbahn, die in der Lage sind, Geschosse auf die Erde sowie andere Satelliten abzufeuern. Sie übermitteln Zielkoordinaten an auf der Erde stationierte unbemannte Hyperschallbomber und sind in der Lage, diese Flugzeuge vom Weltall aus zu steuern. Sollten die Kampfsterne zerstört oder von der Kommunikation abgeschnitten werden, wäre die gesamte Kriegsführung der Vereinigten Staaten lahm gelegt. Das Militär kann dann zwar noch feste Ziele treffen, deren Koordinaten es kennt, doch für  Feindbewegungen ist es blind.
Ein Kampfstern ist darauf ausgelegt, sich selbst zu verteidigen. Es handelt sich um eine große Plattform, auf der Dutzende oder gar Hunderte Menschen zur Übernahme von Wartungsaufgaben beziehungsweise zur Durchführung der Mission des Satelliten stationiert sind. Der Kampfstern wird aus modernsten Materialien gefertigt und verfügt über mehrfache Schutzhüllen, die verhindern sollen, dass er von Laser- oder Energiestrahlen zerstört wird. Mit Hilfe seiner Sensoren kann er näherkommende Objekte aus großer Entfernung wahrnehmen und mit seinen Bordgeschützen und Laserkanonen alles zerstören, was ihm bedrohlich erscheint. Diese Sicherheitssysteme basieren auf der Annahme, dass nichts, was von der Erde aus in die Umlaufbahn befördert wird, groß und robust genug ist, um den Waffen des Kampfsterns standzuhalten. Die Plattform selbst besteht aus Komponenten, die in Tausenden von Transportflügen ins All befördert wurden. Außerdem gehen die amerikanischen Militärs davon aus, dass ihre Sensoren auf der Erde und im All sofort erkennen, wenn andere Staaten größere Systeme im All errichten. Der Kampfstern erkennt jede Gefahr und kann jeder nur denkbaren Bedrohung begegnen. Zur Jahrhundertmitte verfolgen verschiedene Länder bereits seit Jahrzehnten eigene Militärmissionen im Weltall. Das gegenwärtig noch übliche Verfahren, einen Satelliten im Wert von Milliarden von Dollar in eine Umlaufbahn zu schießen und darauf zu hoffen, dass alles funktioniert, ist bis dahin längst überholt. Ausgefallene Systeme müssen repariert werden. Das heutige Spaceshuttle ist zwar zu solchen Einsätzen prinzipiell in der Lage, doch in dem Maße, in dem das Weltall eine größere Rolle spielt, wird es immer wichtiger, Reparaturmannschaften fest im All zu stationieren. Das Teuerste an der Raumfahrt ist der Start, und es wäre unwirtschaftlich, ständig neue Missionen ins All zu befördern. Etwa um das Jahr 2030 wird es daher zu Norm werden, bemannte Reparaturstationen in verschiedenen Umlaufbahnen zu unterhalten, und im Laufe der Zeit werden diese auch Aufklärungsoperationen und militärische Aufgaben übernehmen und beispielsweise feindliche Satelliten zerstören. Die Vereinigten Staaten sind die Vorreiter auf diesem Gebiet und stellen damit eine potenzielle Bedrohung für alle anderen Länder dar, die nachziehen wollen. Angesichts dieses gewaltigen Vorsprungs muss die japanisch-türkische Koalition einen Plan entwickeln, der die Kampfkraft der Vereinigten Staaten drastisch einschränkt und ihr einen ausreichenden Vorsprung gibt, um amerikanische Stützpunkte in aller Welt anzugreifen, ohne einen effektiven Gegenschlag befürchten zu müssen. Auf diese Weise hoffen sie, die Voraussetzungen für eine Verhandlungslösung zu schaffen, mit denen die Vereinigten Staaten besser leben können als mit weiteren Angriffen. Verschiedene Möglichkeiten schließen sich von selbst aus, etwa eine Landung auf amerikanischem Territorium oder offene Seegefechte. Auch Atomwaffen, über die Japan und die Türkei verfügen, kommen nicht in Frage. Mitte des 21. Jahrhunderts ist diese Technologie bereits mehr als 100 Jahre alt, und ihre Konstruktion stellt kein Geheimnis mehr dar. Wie bereits gesehen, dienen Nuklearwaffen eher der Abschreckung, doch die Türkei und Japan wollen ihre nationalen Interessen wahren und nicht Selbstmord begehen. Ein Nuklearschlag hätte zwar verheerende Folgen in den Vereinigten Staaten, doch der Gegenschlag würde Japan und die Türkei noch härter treffen. Der Schlüssel liegt darin, den Vereinigten Staaten die Kontrolle über den Weltraum zu nehmen. Dazu muss die Koalition etwas schaffen, das weithin für unmöglich gehalten wird: Sie muss die Kampfsterne ausschalten. Gelingt ihr dies, erhalten ihre Streitkräfte die Möglichkeit, im Pazifikraum und Ostasien sowie in der Region rund um die Türkei Fakten zu schaffen. Alles hängt von der Kleinigkeit ab, das Unmögliche zu vollbringen. Die Herausforderung besteht darin, ein Geschoss zu starten, das groß genug ist, um einen Kampfstern zu zerstören, ohne zuvor von ihm zerstört zu werden. Ein Abschuss von der Erde aus ist undenkbar, da die Vereinigten Staaten das Geschoss entdecken und sofort vernichten würden. Die Koalition hat allerdings einen großen Vorteil: Der Kampfstern ist manövrierunfähig. Er hat genug Treibstoff, um auf der geostationären Umlaufbahn zu bleiben, aber nicht genug, um Ausweichmanöver durchzuführen. Außerdem würde ihn jede Bewegung aus seiner geostationären Umlaufbahn befördern und ihm damit die Stabilität nehmen, die er zur Durchführung seiner Mission benötigt. Das ist eine der Schwächen der Kampfsterne. Sie werden in den 2040er Jahren in einem eilig aufgelegten Programm im All stationiert. In dem engen Zeitplan lässt sich zwar eine Plattform für Hunderte Astronauten schaffen, nicht aber eine manövrierfähige Raumstation. Also beugen sich die Planer den technischen Zwängen und rationalisieren. Da der Kampfstern unzerstörbar ist, so ihre Logik, muss er keine Ausweichmanöver durchführen können. Wie die Titanic wird er kurzerhand für unsinkbar erklärt. Japan legt seit den 2030er Jahren Geheimprogramme über die Zerstörung eines Kampfsterns auf. 

Nach 2020 entwickelt es sein eigenes Raumfahrtprogramm und hat damit einen erheblichen Vorsprung gegenüber der Türkei, deren Kapazitäten mit den Ereignissen an ihren Grenzen weitgehend ausgelastet sind. Beide entwickeln niedrig fliegende Aufklärungssatelliten und geostationäre Kommunikationssysteme, doch Japan ist vor allem an einer kommerziellen Nutzung der Raumfahrt und an der weltraumgestützten Energieerzeugung interessiert. Ein Standort für Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen ist der Mond. Vermutlich werden wie in der Antarktis der 1950er Jahre mehrere Nationen Forschungsstationen auf dem Mond einrichten, allen voran Japan und die Vereinigten Staaten. Im Jahr 2040 unterhält Japan eine große Kolonie und unterirdische Labors auf dem Mond. Raumfähren verkehren mit solcher Regelmäßigkeit zwischen Erde und Mond, dass sie kaum noch wahrgenommen werden. Die einzelnen Nationen arbeiten eng zusammen und tauschen konstant Personal aus. Vom Mond aus könnte man keine militärischen Operationen starten, die man nicht von der Erde aus sehr viel besser durchführen könnte, so die Logik. Wie jedes Militär entwickelt auch das japanische seine Kriegsszenarien. Die Fragestellung ist einfach: Wie lässt sich das Herz der amerikanischen Kriegsführung, der Kampfstern, ausschalten? Ein Angriff von der Erde aus wäre, wie bereits gesehen, zum Scheitern verurteilt und würde unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen zu einem Krieg mit den Vereinigten Staaten führen.
Doch Japan hat eine andere Strategie gefunden. Erinnern wir uns an das Jahr 1941, als Japan nach Möglichkeiten suchte, das Herz des amerikanischen Militärs im Pazifik auszuschalten, die Flotte im Hafen von Pearl Harbor. Es wäre zu gefährlich gewesen, die intakte Flotte zu provozieren, und die Amerikaner hielten ihren Stützpunkt von Pearl Harbor für unverwundbar. Also griffen die Japaner zu einer Überraschungstaktik, sie griffen den Ort von Flugzeugträgern aus an, schossen Torpedos in einen Hafen, der als zu flach für ihren Einsatz galt, und griffen aus einer unerwarteten Richtung an, dem Nordwesten, was nach Ansicht der amerikanischen Marine einen zu großen Umweg für die Japaner bedeutet hätte. Mitte des 21. Jahrhunderts stehen die Japaner vor demselben Problem, wenn auch in einem neuen Zusammenhang. Sie müssen die Kampfsterne ausschalten und dazu aus einer unerwarteten Richtung und mit überraschenden Mitteln angreifen. Die unerwartete Richtung ist die rückwärtige: Die Entsprechung des Nordwestpazifik ist der Mond. Und die überraschenden Mittel sind Waffen, die auf dem Mond selbst gebaut werden, da deren Transport auf den Trabanten die Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten erregen würde. Auch das Pearl Harbor des 21. Jahrhunderts basiert also auf einer Überraschung hinsichtlich der Waffen und der Angriffsrichtung. Natürlich gibt es Alternativen zu dem Szenario, das ich hier vorstelle, doch angesichts der Geometrie des Raumes halte ich die in der Folge beschriebene Taktik für die plausibelste. Hinter meiner Theorie steht ein geostrategisches Prinzip. Im Zweiten Weltkrieg versuchten mit Japan und Deutschland zwei aufstrebende Mächte die Weltordnung neu zu definieren. Gegen Mitte des 21. Jahrhunderts  wiederholt sich dieser ständig wiederkehrende geopolitische Zyklus. Im Zweiten Weltkrieg versuchte Japan, mit einem Überraschungsschlag die Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Pazifik auszuschalten und auf diese Weise den Boden für eine Verhandlungslösung in seinem Sinne zu bereiten. Aufgrund seiner geografischen Lage befand sich Japan gegenüber den Vereinigten Staaten langfristig im Nachteil, also musste es mit einem überraschenden Angriff auf das Herz der amerikanischen Streitkräfte ein Zeitfenster öffnen, in dem es sich einen weiteren Vorteil verschaffen konnte. Mitte des 21. Jahrhunderts befindet sich Japan in einer ähnlichen Situation, nur dass diesmal der Verbündete Türkei und nicht Deutschland heißt. Wie auch immer die japanische Militärstrategie im Detail aussehen mag – und hier bleibt uns nur die Spekulation –, der Konflikt geht in beiden Jahrhunderten von derselben Dynamik aus, weshalb auch die grundlegende Strategie dieselbe bleibt. Zu Beginn dieses Buches habe ich die Geschichte mit einem Schachspiel verglichen, das weitaus weniger Züge zulässt, als es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Je besser ein Spieler, desto eher erkennt er die Schwäche eines Zuges Ich habe versucht zu zeigen, warum die Türkei und Japan zu wichtigen Regionalmächten aufsteigen und warum dies zu Konflikten mit den Vereinigten Staaten führt. Ausgehend von der Geschichte und der wahrscheinlichen Situation zur Mitte des 21. Jahrhunderts habe ich versucht, mir vorzustellen, wie Japan die Situation auf dem Schachbrett wahrnimmt – was es als Bedrohung sieht und wie es reagiert. Natürlich lässt sich die Entwicklung nicht bis ins Detail vorhersehen. Doch mir geht es eher darum, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie sich das Zusammenspiel zwischen Geopolitik, Technologie und Kriegsführung in der weiteren Zukunft entwickelt. Ich weiß weder, wann dieser Krieg genau beginnt, noch wie er im Detail verläuft. Doch ich kann einige Eckdaten darstellen und einen möglichen Kriegsverlauf skizzieren. Japan verfügt inzwischen über mehrere Stützpunkte auf dem Mond. Einer davon dient militärischen Zwecken und ist als zivile Basis getarnt. In heimlich angelegten Höhlen fertigt das japanische Militär Geschosse, die lediglich aus Mondgestein bestehen. Stein hat ein hohes spezifisches Gewicht, ein Felsbrocken von der Größe eines Kleinwagens kann mehrere Tonnen wiegen. Bei hohen Geschwindigkeiten verfügt das Gestein über eine fantastische kinetische Energie und kann bei einem Aufprall auch sehr große Konstruktionen zerstören. 

Auf dem Mond, wo Luftreibung kein aerodynamisches Problem darstellt, kann ein solches Geschoss relativ roh geformt sein. Antriebsraketen und Treibstofftanks lassen sich einfach an dem Felsen befestigen und starten.
Die Geschosse werden unter zwei Gesichtspunkten hergestellt: Sie müssen einerseits schwer genug sein, um einen Kampfstern beim Aufprall durch ihre kinetische Energie zu zerstören, und sie müssen andererseits klein genug sein, um mit den Antriebsraketen die Schwerkraft des Mondes zu überwinden, die allerdings erheblich geringer ist als die der Erde. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der das Geschoss den Kampfstern trifft, genügt ein Gewicht von wenigen Tonnen. Doch es muss außerdem in der Lage sein, Treffer durch die kleineren Abwehrgeschosse zu überleben. Japan richtet eine weitere Geheimbasis auf der erdabgewandten Seite des Mondes ein, um das System zu testen und seine Geschosse außer Sichtweite von der Erde weg zu feuern. Dieses System wird über mehrere Jahre hinweg perfektioniert, um mit den Transporten zu der Basis keine Aufmerksamkeit zu erregen. Unterirdische Abschussrampen werden eingerichtet und getarnt. In dem Moment, in dem die Kampfsterne einsatzbereit sind, sind es auch die japanischen Abwehrmaßnahmen. Da das japanische Militär weiß, dass jedes seiner Geschosse zerstört werden kann, bereitet es für jeden Kampfstern Dutzende vor, in der Hoffnung, dass eines von ihnen trifft. Damit die Geschosse nicht bemerkt werden, erhält jedes seine eigene Flugbahn. Gleichgültig, wie weit die Technologie fortschreitet, Budget und Personal werden nie ausreichen, um alles im Auge zu behalten. Entscheidend für den Erfolg der Geschosse ist es, dass sie lange genug unbemerkt bleiben. Vom Mond zu den Kampfsternen sind sie rund drei Tage lang unterwegs. Während des Zeitraums zwischen der Entdeckung der Geschosse und der Zerstörung der Kampfsterne sind die japanischen Pläne am verwundbarsten. Ehe der Kampfstern getroffen wird, könnte seine Besatzung noch Angriffe von Hyperschallbombern auf Japan befehlen und eigene Raketen auf Japan und dessen Einrichtungen im Weltall abfeuern. Es ist daher entscheidend, den Kampfstern ohne Vorwarnung zu treffen und den Vereinigten Staaten auf diese Weise die Sicht zu nehmen. Niemand kann den Erfolg dieser Operation garantieren. Japan hat allerdings einen Vorteil. Die Sensoren der Kampfsterne sind auf die Erde und auf die Region zwischen der Erdoberfläche und ihrer Umlaufbahn gerichtet. Sie sind in erster Linie Angriffswaffen und taugen kaum zur Abwehr. Wichtiger noch, sie erwarten keinen Angriff von hinten, sondern höchstens von unten. Sie schauen nur selten über ihre Schulter. Die Amerikaner unterhalten eine einfache und nicht sonderlich effektive Meteoritenvorhersage, wie sie für bemannte Raumstationen unerlässlich ist. Doch das Weltall ist groß, und eine vollständige Überwachung ist aus technischen und praktischen Gründen selbst im Jahr 2050 vollkommen unmöglich. Daher feuern die japanischen Militärs ihre Geschosse nicht gebündelt ab, sondern sie streuen sie, so dass sie aus allen Richtungen zu kommen scheinen. Das Radar könnte ein oder zwei einfangen, doch es würde sie nicht als Angriff interpretieren. Außerdem wählen die japanischen Planer die Geschosse so abschießen, dass sie nicht direkt auf einen der Kampfsterne zielen, sondern erst wenige Stunden vor dem Aufprall mit einem Schub die Richtung ändern. Daher sind der Treibstoffbehälter und der Raketenantrieb sehr viel größer als das eigentliche Geschoss, das nicht mehr ist als ein bearbeiteter Felsbrocken. Ein Computer, der das Geschoss entdeckt, wird es als Meteoriten interpretieren, der dem Kampfstern zwar nahe kommt, aber keine Gefahr darstellt. Möglicherweise gibt das System diese Information nicht einmal an die menschliche Besatzung weiter – es handelt sich um einen Roboter mit wenig Gespür für Feinheiten. Das japanische Militär seinerseits sieht sich drei Gefahren gegenüber. Erstens könnten die Vereinigten Staaten mit Hilfe von Instrumenten, von deren Existenz es bislang nichts weiß, den Start der Geschosse auf dem Mond registrieren. Auch in den zwei bis drei Tagen, die zwischen dem Abschuss und dem Einschwenken auf eine Erdumlaufbahn vergehen, ist die Entdeckung möglich. Und schließlich könnten die Vereinigten Staaten in den letzten Stunden vor dem Treffer Vergeltungsmaßnahmen einleiten. Je später der Angriff entdeckt wird, desto weniger Zeit bleibt für eine Reaktion und desto vernichtender der Schlag. Nach einem Abschuss der Kampfsterne startet Japan einen Angriff von Hyperschallbombern auf die weltweiten Bomber- und Raketenbasen der Vereinigten Staaten, auf amerikanische U-Boote, die von japanischen Spähsatelliten verfolgt werden, sowie auf bodengestützte Kommunikationssysteme. Sollte der Angriff auf die Kampfsterne vorzeitig entdeckt werden, planen die japanischen Militärs, diese zweite Phase vorzuziehen und einen Schuss aus der Hüfte abzugeben, in der Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten nur sehr langsam reagieren. Sie rechnen damit, dass sie eine Entdeckung des Angriffs an einem sprunghaften Anstieg der Kommunikation zwischen Kampfsternen, Bodenstationen und anderen Satelliten erkennen werden. Auch wenn sie die Botschaften nicht entschlüsseln können, registrieren sie den Anstieg des Funkverkehrs. Bereits seit Jahren unterhalten sie Satelliten, die als Wetter- und Navigationssatelliten getarnt sind, die jedoch in Wirklichkeit nur dem Zweck dienen, das Kommunikationsaufkommen zwischen den Weltraumeinheiten der Vereinigten Staaten zu registrieren. Japan teilt der Türkei keine Details über den geplanten Angriff mit. Die geheimen Mondbasen sind die Kronjuwelen des japanischen Militärs. Die Türkei ist ein Verbündeter, kein Familienmitglied. Japan informiert die Türkei allerdings sehr wohl darüber, dass es zu einem bestimmten Termin mit feindlichen Handlungen beginnt und einen vernichtenden Schlag gegen die Vereinigten Staaten plant, für den es keine direkte Unterstützung benötigt. Japan versucht, Geheimdienste und Aufklärungssysteme abzulenken und sich so einen zusätzlichen Vorteil zu verschaffen. Es legt den Angriff auf Thanksgiving, den vierten Donnerstag im November, wenn die Vereinigten Staaten ihren Feiertag begehen. Dabei handelt es sich um eine verbreitete militärische Überraschungstaktik, wie sie Japan auch in früheren Kriegen angewendet hat: Der Angriff auf Pearl Harbor erfolgte zum Beispiel an einem Sonntagmorgen, als die Flotte im Hafen vor Anker lag und die Besatzungen am Abend zuvor Landgang hatten. Der neue Angriff muss natürlich nicht unbedingt an Thanksgiving erfolgen, doch es muss ein Termin sein, zu dem sich die politische Führung nicht vollzählig in Washington aufhält. So wie Nordkorea große Verwirrung auslöste, als es Südkorea an einem Sommerwochenende des Jahrs 1950 überfiel, könnte Japan mit einiger Wahrscheinlichkeit – nach Wochen der Ruhe – an Thanksgiving angreifen. Zuvor provoziert Japan eine Krise. Ohne der Türkei Details über die geplante Thanksgiving-Überraschung zu verraten, bittet Japan sie, einen Konflikt zwischen ihren Truppen in Bosnien und den polnischen Truppen in Kroatien zu provozieren. Die Krise beginnt Mitte Oktober mit der Behauptung, kroatische Terroristen hätten Anschläge in der Türkei verübt. Die Türkei deutet sogar an, dies wäre mit Duldung durch die Vereinigten Staaten geschehen. Wir wissen natürlich nicht, ob es sich just um diesen Vorwand handelt, doch ein Täuschungsmanöver dieser Art ist ein entscheidender Bestandteil der japanischen Strategie. Ähnlich hielt Japan 1941 die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten bis zur letzten Minute aufrecht. Die Tet-Offensive in Vietnam begann während der Waffenruhe des vietnamesischen Neujahrsfestes im Januar 1968, und so weiter. Ein Täuschungsmanöver ist absolut entscheidend. Es folgt eine Krise, in der die Türkei und der polnische Block die oberste Alarmstufe ausrufen. Da amerikanische Streitkräfte in Serbien stationiert sind und die Vereinigten Staaten mit dem polnischen Block verbündet sind, sind sie unmittelbar betroffen. Die Türkei versetzt ihre Luft- und Raketenstreitkräfte außerhalb der Region mehrmals in oberste Alarmbereitschaft, nur um dann wieder Entwarnung zu geben. Sie versucht, einen polnischen Angriff zu provozieren. Aus jahrelanger Erfahrung weiß die Türkei, dass die Verteidigungsnetzwerke des polnischen Blocks und der Vereinigten Staaten eng verknüpft sind und wie sensibel diese auf türkische Aktionen reagieren. In den ersten Novembertagen scheint sie mit ihren Provokationen einen Punkt zu erreichen, an dem keine Umkehr mehr möglich ist. Nachdem Polen Nachricht von einem unmittelbar bevorstehenden Luftschlag erhalten hat, führt es einen begrenzten Militärschlag auf einen türkischen Stützpunkt durch. Damit liefert Polen der Türkei den Anlass für eine Generalmobilmachung. Angesichts eines offenbar bevorstehenden Balkankrieges wendet sich der amerikanische Präsident Minuten nach dem Luftschlag an den polnischen und den türkischen Ministerpräsidenten und fordert beide auf, von weiteren Kampfhandlungen abzusehen. Die Türkei, die einen Stützpunkt und zahlreiche Soldaten verloren hat, gibt sich kämpferisch und lenkt nur widerstrebend ein. Japan führt bereits seit einigen Jahren regelmäßig mindestens einmal pro Quartal Bereitschaftsübungen mit seinen Hyperschallbombern und Weltraumeinheiten durch. Die Vereinigten Staaten entsenden Beobachter und sind daher nicht beunruhigt, als Japan wenige Tage vor Thanksgiving ein weiteres Manöver ansetzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Japan seine Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Diesmal scheint das Manöver nicht einmal im gewohnten Umfang stattzufinden, nur ausgewählte Einheiten scheinen an der Übung teilzunehmen.

Kapitel 9
Kapitel 11

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