Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 2

Kapitel 2 - Das islamische Beben

Das Amerikanische Zeitalter begann im Dezember 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, der die Vereinigten Staaten zur einzigen verbleibenden Supermacht der Welt machte. Doch das 21. Jahrhundert begann eigentlich erst zehn Jahre später mit dem 11. September 2001, als radikale Islamisten die von ihnen entführten Passagierflugzeuge in das World Trade Centre in New York und das Pentagon in Washington lenkten. Es war die erste Bewährungsprobe für das Amerikanische Zeitalter. Es ist durchaus zu bezweifeln, ob die Vereinigten Staaten den nachfolgenden Krieg gewonnen haben, doch es ist unbestreitbar, dass sie ihre strategischen Ziele erreicht haben. Ebenfalls unbestreitbar ist, dass sich dieser Krieg allmählich seinem Ende zuneigt. Viele Beobachter sprechen von einem »langen Krieg«, den die Vereinigten Staaten und die Muslime im kommenden Jahrhundert austragen werden. Doch wie so oft ist das, was uns dauerhaft erscheint, nichts als eine vorübergehende Etappe. Nehmen wir einmal die Zwanzig-Jahres-Perspektive ein, die ich im ersten Kapitel auf das 20. Jahrhundert angewendet habe. Der Konflikt mag sich fortsetzen, doch die strategische Herausforderung für die Macht der Vereinigten Staaten ist überwunden. Die Terrororganisation al-Qaida hat ihre Ziele nicht erreicht. Die Vereinigten Staaten haben gewonnen, und zwar weniger, weil sie als Sieger aus einem Krieg hervorgegangen sind, sondern weil sie einen Sieg der Islamisten verhindert haben. Aus geopolitischer Sicht ist das ein zufriedenstellendes Ergebnis. Das 21. Jahrhundert hat folglich mit einem Erfolg der Vereinigten Staaten begonnen, der oberflächlich betrachtet nicht nur aussieht wie eine Niederlage, sondern wie eine politische und moralische Schande.

Im Jahr 2001 ging es al-Qaida nicht nur um einen beliebigen Angriff. Ihr Ziel bestand vielmehr darin, die Verwundbarkeit der Vereinigten Staaten und die Stärke ihrer eigenen Organisation zu demonstrieren. Al-Qaida ging davon aus, dass sie auf diese Weise diejenigen Regierungen in der islamischen Welt schwächen könnte, die sich vor allem dank ihrer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten hielten, etwa in Ägypten, Saudi-Arabien, Pakistan und Indonesien. Al-Qaida wollte diese Regierungen stürzen, denn sie wusste, dass sie ihre Ziele nicht verwirklichen konnte, solange sie nur in Afghanistan eine Machtbasis hatte, da dieses Land zu schwach und isoliert ist, um mehr als einen vorübergehenden Stützpunkt abzugeben. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hatte ganz offensichtlich massive Auswirkungen auf das internationale Beziehungsgefüge. Eine war besonders überraschend. Die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten hatten das System stabilisiert und ein Gleichgewicht zwischen den beiden Supermächten hergestellt. Das traf vor allem auf die Grenzregion des Sowjetreichs zu, in der sich beide Seiten bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden. So war Europa durch den Kalten Krieg regelrecht eingefroren. Da die geringste Bewegung einen Krieg zur Folge gehabt hätte, ließen weder die Amerikaner noch die Sowjets eine solche Bewegung zu. Das Interessanteste am Kalten Krieg sind vielleicht all die Kriege, die nicht geführt wurden. Die Sowjets marschierten nicht in Westdeutschland ein und stießen nicht an den Persischen Golf vor. Vor allem kam es nicht zu einem nuklearen Holocaust.

Da die letzten zwanzig Jahre die Ausgangslage dessen darstellen, was in den kommenden hundert  Jahren passieren wird, werde ich sie in diesem Kapitel genauer analysieren und mich mehr mit der Vergangenheit als der Zukunft beschäftigen. Stellen Sie sich den Zusammenbruch der Sowjetunion als ein gigantisches Tauziehen vor, in dessen Verlauf eine Seite plötzlich schwächelt und das Tau loslässt. Die Seite, die ihr Ende des Taus noch in der Hand hielt, hatte zwar gewonnen, doch auch sie geriet ins Straucheln, und ihr Triumph ging einher mit Verwirrung und Chaos. Das Seil, das zwischen beiden Seiten gespannt war, peitschte plötzlich völlig unberechenbar durch die Luft. Dies betraf vor allem die Grenzregionen zwischen den beiden Blöcken. Einige Veränderungen verliefen friedlich. In Deutschland kam es zur Wiedervereinigung, und die baltischen Staaten wurden genauso wie die Ukraine und Weißrussland unabhängig. Die Tschechoslowakei hatte ihre samtene Revolution und teilte sich in Tschechien und die Slowakei. Andere Veränderungen verliefen weniger friedlich. Rumänien erlebte eine turbulente Revolution, und Jugoslawien zerbrach vollständig. Von allen Ländern im Einflussbereich der ehemaligen Sowjetunion war Jugoslawien das künstlichste Gebilde. Es handelte sich nicht um einen Nationalstaat, sondern einen Zusammenschluss von einander feindlich gesinnten Völkern, Ethnien und Religionen. Jugoslawien war eine Erfindung der Sieger des Ersten Weltkriegs und ein Käfig, in dem die erbittertsten Feinde in ganz Europa zusammengesperrt worden waren. Theoretisch war die Idee sehr hübsch, doch Jugoslawien war ein Beinhaus versteinerter Nationen, die von alten Reichen übrig geblieben waren und sich an ihre unterschiedlichen Identitäten klammerten. Historisch gesehen war der Balkan immer schon ein Krisenherd. Für die Römer war er die Durchgangsstraße zum Nahen Osten, für die Türken das Tor zu Europa. Hier begann der Erste Weltkrieg. Jeder Eroberer hinterließ eine Nation oder eine Religion, von denen jede die anderen hasste. In den zahlreichen Kriegen hatte jede der Gruppen Grausamkeiten monumentalen Ausmaßes an den anderen verübt, und jede dieser Gräueltaten war im Gedächtnis der Betroffenen so lebendig, als wäre sie erst gestern geschehen. Es war keine Region, in der Menschen vergeben und vergessen. Jugoslawien zerbrach während des Zweiten Weltkriegs, als die Kroaten auf Seiten der Deutschen kämpften und die Serben auf Seiten der Sowjets. Nach dem Krieg einte Joseph Broz Tito das Land unter sozialistischer Herrschaft. Jugoslawien war ein marxistisches, aber antisowjetisches Land. Es wollte kein Satellit der Sowjetunion werden und kooperierte sogar mit den Vereinigten Staaten. Im Spannungs feld zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt erhielt sich Jugoslawien seine staatliche Einheit, wie labil auch immer sie war. Als dieses Spannungsfeld 1991 wegfiel, implodierte Jugoslawien. Es war, als hätte sich an der Verwerfung zweier tektonischer Platten ein gewaltiges Erdbeben ereignet. Längst vergessen geglaubte Nationalitäten erwachten plötzlich wieder zum Leben. Namen, die seit dem Ersten Weltkrieg niemand mehr gehört hatte, waren mit einem Mal wieder in aller Munde: Serbien, Kroatien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Slowenien. Und innerhalb jeder dieser Nationen regten sich die ethnische Minderheiten aus den jeweiligen Nachbarnationen und verlangten ihre Eigenständigkeit. Im ganzen Land tobte der Bürgerkrieg. Dies ist ein entscheidender Moment für unser Verständnis des 21. Jahrhunderts. Der Jugoslawische Bürgerkrieg wurde vielfach als rein regionales Phänomen und Einzelfall missverstanden, doch seine Bedeutung geht weit darüber hinaus. Es war in erster Linie eine Reaktion auf den Zusammenbruch der Sowjetunion. Hass, der mehr als fünfzig Jahre lang unterdrückt worden war, brach mit einem Mal wieder hervor. Es handelte sich um ein regionales Phänomen, das durch eine globale Verschiebung möglich – und unvermeidlich – wurde. Vor allem war der Jugoslawische Bürgerkrieg jedoch kein Einzelfall. Es war lediglich die erste Stelle in der Verwerfung, die unter dem neuen Druck nachgab – und diese Verwerfung setzte sich bis in den afghanischen Hindukusch fort. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien war nur ein Vorspiel für das sehr viel heftigere Erdbeben, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einsetzte.

Das islamische Beben

Die Konfrontation zwischen Amerikanern und Sowjets erfasste die gesamte Peripherie der Sowjetunion. Am Ende des Kalten Kriegs ließ sich diese Front in drei Abschnitte unterteilen. Der erste Frontabschnitt verlief durch Europa, von Norwegen bis zur deutsch-tschechischen Grenze, der zweite in Asien von den Aleuten über Japan bis nach China und der dritte vom Norden Afghanistans bis nach Jugoslawien. Dieser dritte Abschnitt wurde durch den Zusammenbruch der Sowjetunion am stärksten betroffen. Die Konflikte begannen in Jugoslawien, doch das Chaos erfasste schließlich die gesamte Region und erreichte sogar Länder, die nicht direkt an der Grenze gelegen hatten. Die Region zwischen Jugoslawien und Pakistan war durch den Kalten Krieg weitgehend befriedet gewesen. Es gab zwar vereinzelt regionale Unruhen, etwa den Sturz des pro-westlichen Schahs im Iran und die Errichtung eines anti-amerikanischen und anti-sowjetischen Regimes, den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan oder den iranisch-irakischen Krieg. Doch im Allgemeinen wirkte der Kalte Krieg stabilisierend auf diese Region. Die zahlreichen internen Konflikte wuchsen nie zu grenzüberschreitenden Krisen aus. Mit dem Wegfall der Sowjetunion verwandelte sich die Region jedoch in ein Pulverfass. Der Gürtel zwischen Jugoslawien und Pakistan, der hinunterreicht bis zur Arabischen Halbinsel, wird überwiegend von Muslimen bewohnt und ist neben Nordafrika und Südost- asien eine der drei großen islamischen Regionen der Welt. Es handelt sich dabei um alles andere als einen geografisch oder kulturell in sich geschlossenen Raum, doch wir behandeln ihn als solchen, da er sich an der Südfront der sowjetischen Einkreisung befand. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Front des Kalten Kriegs mitten durch diese muslimische Region verlief. Aserbaidschan, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgisistan und Kasachstan waren überwiegend muslimische Teilrepubliken innerhalb der Sowjetunion. Auch in Russland selbst gab es stark muslimisch geprägte Teilgebiete wie etwa Tschetschenien. Historisch gesehen handelt es sich um eine äußerst instabile Region. Seit der Zeit Alexanders des Großen bis zum Britischen Weltreich führten die großen Handels- und Heeresstraßen durch diese Region. Sie war ein geopolitischer Brennpunkt, der sich mit Ende des Kalten Kriegs in ein Pulverfass verwandelte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion waren die sechs muslimischen Teilrepubliken mit einem Mal unabhängig. Arabische Nationen weiter im Süden verloren ihre Schutzmacht (Irak und Syrien) oder ihren Feind (Saudi-Arabien und andere Golfstaaten). Indien verlor seinen Wirtschaftspartner, und Pakistan hatte sich plötzlich seiner Bedrohung durch Indien entledigt – zumindest für kurze Zeit. Das gesamte internationale Beziehungssystem hatte sich in Luft aufgelöst. Die russische Zentralmacht der ehemaligen Sowjetunion zog sich im Laufe des Jahrs 1992 aus dem Kaukasus und Zentralasien zurück. Die neu entstandenen Staaten waren seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr politisch unabhängig gewesen, sie hatten keine Erfahrung mit politischer Selbstverwaltung und verfügten in einigen Fällen nicht über eine funktionierende Wirtschaft. Gleichzeitig verlor die Region für die Vereinigten Staaten an Bedeutung. Nach dem Kalten Krieg schienen ihre Interessen nicht mehr bedroht zu sein, und die Region konnte sich selbst überlassen werden. Eine detaillierte Darstellung der Destabilisierung der Region und insbesondere Afghanistans würde genausowenig zur Erhellung der Situation beitragen wie eine chronologische Schilderung der Ereignisse in Jugoslawien. Sie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Zwischen dem Ende der siebziger Jahre und dem Zusammenbruch der Sowjetunion unterstützten die Vereinigten Staaten diejenigen Kräfte in Afghanistan, die Widerstand gegen die Sowjets leisteten, und in dem Moment, in dem die Sowjets als Gegner wegfielen, wendeten sich diese Kräfte gegen die Vereinigten Staaten. Diese Männer waren im Untergrundkrieg geschult, sie kannten die Arbeitsweise der USGeheimdienste und konnten so die Operationen vorbereiten, die im 11. September kulminierten. Die Vereinigten Staaten reagierten, indem sie Truppen entsandten, zuerst nach Afghanistan und dann in den Irak. Es dauerte nicht lange, bis die gesamte Region zerfiel. So wie die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg die Sowjetunion für ihre Zwecke benutzt hatten, hatten sie die islamistischen Glaubenskrieger vor ihren Karren gespannt und mussten nun mit den Geistern umgehen, die sie selbst gerufen hatten. Doch das war noch das geringere Problem. Eine sehr viel größere Gefahr ging von der Tatsache aus, dass mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion das Beziehungssystem verschwunden war, das in der Region für Ordnung gesorgt hatte. Mit oder ohne al-Qaida erwiesen sich die muslimischen Republiken innerhalb und südlich der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion als instabil, und wie in Jugoslawien zwang die Instabilität die Vereinigten Staaten, für die eine oder andere Seite Stellung zu beziehen. Von der österreichischen Grenze bis zum Hindukusch bebte die Erde, und die Vereinigten Staaten wurden aktiv, um die Region in ihrem Sinne zu befrieden, wenngleich mit durchaus gemischten Ergebnissen. Ein weiterer Aspekt verdient unsere Aufmerksamkeit, insbesondere vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklungen, die wir im nächsten Kapitel erörtern werden. Die islamische Welt wurde nämlich durch schwere interne Auseinandersetzungen erschüttert. Einer der Gründe für die Instabilität war der Widerstand der Traditionalisten gegen die zum Teil demografisch bedingten Veränderungen der Lebensgewohnheiten, insbesondere hinsichtlich der Rolle der Frauen. Die Auseinandersetzung zwischen Säkularisierern und Traditiona- listen spaltete die islamischen Gesellschaften, und die Vereinigten Staaten mussten als Sündenbock für die zunehmende Verweltlichung herhalten. So offensichtlich und oberflächlich diese Interpretation klingen mag, sie kommt dem Kern der Sache näher, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Veränderungen in der Familienstruktur und der Widerstand gegen diese Veränderungen hängen eng mit den Anschlägen des 11. September 2001 zusammen. Aus einer geopolitischen Sicht endete mit dem 11. September 2001 ein Interregnum zwischen dem Kalten Krieg und der nächsten Epoche: dem amerikanisch-dschihadistischen Krieg. Die Glaubenskrieger konnten in dieser Auseinandersetzung keinen Sieg erringen, wenn mit dem Wort Sieg die Errichtung eines neuen islamischen Reichs gemeint ist. Zu unüberwindlich waren die Widersprüche in der islamischen Welt und zu übermächtig die Vereinigten Staaten. Diese Epoche stellt weniger eine kohärente Entwicklung als ein regionales Phänomen dar, das sich nach dem Wegfall eines Spannungsfeldes einstellte. Aufgrund der ethnischen und religiösen Differenzen innerhalb der islamischen Gesellschaften könnten die Islamisten selbst nach einem militärischen Sieg über die Vereinigten Staaten keine stabile Machtbasis errichten. Die islamische Welt ist seit mehr als einem Jahrtausend zerstritten und instabil, und es sieht nicht so aus, als könnte sie diese Differenzen in naher Zukunft beilegen. Doch selbst eine Niederlage der Vereinigten Staaten würde deren Weltmachtstellung nicht gefährden. Wie der Vietnamkrieg ist der Krieg gegen den Islamismus nur eine vorübergehende Erscheinung. Heute scheint der amerikanisch-dschihadistische Krieg derart zentral, dass wir uns kaum vorstellen können, er könnte einfach an Bedeutung verlieren. Seriöse Beobachter erklären, der Konflikt werde das kommende Jahrhundert beherrschen, doch aus Sicht der Zwanzig-Jahres-Perspektive ist es mehr als unwahrscheinlich, dass er die Welt noch bis ins Jahr 2020 beschäftigen könnte. Im Gegenteil, die weiteren Entwicklungen in der islamischen Welt werden letztlich keine große Rolle spielen. Wenn wir davon ausgehen, dass der Machtzuwachs der Vereinigten Staaten weiter anhält, dann wird das Jahr 2020 von ganz anderen Herausforderungen bestimmt werden.

Die amerikanische Strategie

Bleibt ein Element der gegenwärtigen Dynamik, das wir uns ansehen müssen: die übergreifende Strategie hinter der amerikanischen Außenpolitik. Die Reaktionen auf die Anschläge des 11. September 2001 schienen keinen Sinn zu ergeben, sie wirkten ziellos und willkürlich. Doch sie waren zu erwarten. Wenn wir einen Schritt zurücktreten und die Lage analysieren, ergeben diese vermeintlich planlosen Reaktionen nämlich sehr wohl einen Sinn. Die Strategie beginnt, wo die Politik endet. Nehmen wir an, Roosevelt hätte im Jahr 1940 nicht für eine dritte Amtszeit kandidiert. Hätten sich Japan und Deutschland anders verhalten? Hätten sich die Vereinigten Staaten einfach mit der japanischen Vorherrschaft im Pazifik abgefunden? Hätten sie die britische Kapitulation zugelassen und die Hände in den Schoß gelegt, während ihre Flotte in deutsche Hände fiel? Vielleicht wäre der Krieg im Detail anders verlaufen, doch es ist kaum vorstellbar, dass sich die Vereinigten Staaten nicht früher oder später eingeschaltet und den Krieg mit einem alliierten Sieg beendet hätten. Die grobe Linie, die durch die übergreifende Strategie vorgegeben wurde, wäre dieselbe geblieben. Wäre im Kalten Krieg eine amerikanische Strategie ohne die Eindämmung der Sowjetunion denkbar gewesen? Die Vereinigten Staaten konnten nicht in Osteuropa einmarschieren, da die sowjetische Armee zu stark war. Andererseits konnten sie nicht zulassen, dass die Sowjetunion Westeuropa eroberte, denn mit Hilfe der westeuropäischen Industrie wäre diese als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgegangen. Die Eindämmung war nicht die Strategie der Wahl, es war die einzig mögliche Reaktion. Jede Nation verfolgt ihre übergreifenden Strategien, was nicht bedeutet, dass sie diese auch durchsetzen kann. Das strategische Ziel Litauens ist es beispielsweise, sich seine Unabhängigkeit von ausländischen Nationen, insbesondere von Russland, zu bewahren. Doch die litauische Wirtschaft, Bevölkerungssituation und Geografie machen es unwahrscheinlich, dass das Land dieses Ziel dauerhaft erreichen kann. Anders als die meisten anderen Nationen der Welt haben die Vereinigten Staaten ihre strategischen Ziele weitgehend erreicht, wie ich gleich noch zeigen werde. Oft sind sich Politiker und Militärs der übergreifenden Strategie ihrer Nation nicht einmal bewusst. Ihr Denken wird derart durch diese Strategie bestimmt, dass sie beinahe zu einer unbewussten Realität wird. Doch aus einer geopolitischen Perspektive wird die Logik hinter den Handlungen der politischen Führer sichtbar. Strategie beinhaltet nicht notwendigerweise Kriege. Sie beinhaltet vielmehr alles, was die Position einer Nation erhält und festigt. Doch im Falle der Vereinigten Staaten beinhaltet die übergreifende Strategie – mehr als bei anderen Ländern – sehr wohl Krieg, beziehungsweise eine Wechselwirkung von Krieg und Wirtschaft.

Die Vereinigten Staaten sind, historisch gesehen, eine kriegerische Nation. Sie haben sich seit ihrer Gründung während rund 10 Prozent ihrer Geschichte im Krieg befunden. Diese statistische Angabe beinhaltet lediglich größere Auseinandersetzungen – den Britisch-Amerikanischen Krieg des Jahrs 1812, den amerikanisch-mexikanischen Krieg, den Amerikanischen Bürgerkrieg, die beiden Weltkriege, den Koreakrieg und den Vietnamkrieg. Nicht darin enthalten sind kleinere Konflikte wie der Spanisch-Amerikanische Krieg oder der erste Irakkrieg. Im 20. Jahrhundert waren es rund 15 Prozent, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sogar 22 Prozent. Und wenn das 21. Jahrhundert im Jahr 2001 beginnt, dann haben sie sich in diesem Jahrhundert ununterbrochen im Krieg befunden. Krieg ist eine zentrale amerikanische Erfahrung, und zwar in zunehmendem Maße. Er ist fester Bestandteil der amerikanischen Kultur und tief in der Geostrategie des Lands verwurzelt. Daher müssen wir sehr genau verstehen, welchem Zweck er dient. Die strategischen Ziele der Vereinigten Staaten entspringen der Angst. Das trifft auf viele Nationen zu. Rom hatte nie vor, die Welt zu erobern. Zu Anfang verteidigten sich die Römer lediglich, und aus diesen Anstrengungen entstand ihr Weltreich. Die Vereinigten Staaten wollten nicht mehr von den Briten angegriffen und besiegt werden, wie dies im Jahr 1812 geschah. Jede Angst, die überwunden wird, ist jedoch Auslöser für ein neues Gefühl der Verwundbarkeit und neue Angst. Nationen, die von Angst angetrieben werden, befürchten, alles zu verlieren. Vor diesem Hintergrund sind die folgenden fünf übergreifenden geostrategischen Ziele der Vereinigten Staaten zu verstehen. Beachten Sie, dass jedes dieser Ziele umfassender, ehrgeiziger und schwerer zu erreichen ist als das jeweils vorangegangene.

1. Vollständige Kontrolle über den nordamerikanischen  Kontinent durch die eigene Armee

Wären die Vereinigten Staaten ein loses Bündnis kleiner Einzelstaaten zwischen der Atlantikküste und den Appalachen geblieben, dann hätten sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Sie mussten sich nicht nur zusammenschließen, sondern sich auch auf das riesige Territorium zwischen den Appalachen und den Rocky Mountains ausdehnen. Damit erhielt das Land nicht nur die notwendige strategische Tiefe, sondern erschloss sich auch eine der landwirtschaftlich ertragreichsten Regionen der Welt. Außerdem gewann es auf diese Weise ein ausgezeichnetes System von schiffbaren Flüssen, die es ihm erlaubten, die überschüssigen landwirtschaftlichen Erträge auf den Weltmarkt zu bringen. So entstand eine in der Geschichte einmalige Klasse von landwirtschaftlichen Unternehmern. Im sogenannten Louisiana Purchase des Jahrs 1803 erwarben die Vereinigten Staaten ein riesiges Gebiet westlich des Mississippi, mit dem sie ihr damaliges Territorium verdoppelten, doch erst in der Schlacht von New Orleans im Jahr 1814, in der Andrew Jackson die britische Armee zurückschlug, gewannen sie tatsächlich die Kontrolle über die Region, denn New Orleans war das schmale Zugangstor zum gesamten Flusssystem des Mittleren Westens. Wenn in der Schlacht von Yorktown die Nation gegründet wurde, dann wurde in der Schlacht von New Orleans deren Wirtschaft begründet. Gesichert wurde dieser Landgewinn schließlich im Jahr 1836 durch die Schlacht von San Jacinto, einige hundert Kilometer westlich von New Orleans, als die mexikanische Armee geschlagen wurde und so keine Bedrohung mehr für das Mississippi-Delta darstellte. Die mexikanische Niederlage war keineswegs unvermeidlich, denn Mexiko war zu diesem Zeitpunkt in vieler Hinsicht eine höher entwickelte und mächtigere Nation als die Vereinigten Staaten. Doch mit diesem Sieg hatten sich die Vereinigten Staaten die Vormachtstellung auf dem nordamerikanischen Kontinent gesichert und waren so groß und reich geworden, dass sie niemanden mehr zu fürchten hatten.

2.  Beseitigung jeder Bedrohung durch andere Mächte der westlichen Hemisphäre

Nachdem sich die Vereinigten Staaten den nordamerikanischen Kontinent gesichert hatten, kam die nächste unmittelbare Bedrohung aus Südamerika. In Wirklichkeit sind Nord- und Südamerika voneinander getrennte Inseln: Panama und Zentralamerika sind für größere Armeen nicht passierbar. Auch ist kaum vorstellbar, dass sich die südamerikanischen Länder zu einem großen Staatenverbund zusammenschließen. Wenn wir uns die Karte von Südamerika ansehen und sämtliche nicht passierbaren Regionen auslassen, dann wird deutlich, dass der Kontinent durch Gebirge und Urwälder in zwei Teile geteilt wird, weshalb ihn keine Macht in seiner Gesamtheit einnehmen kann. Aus den Ländern Südamerikas selbst drohte den Vereinigten Staaten also keine Gefahr. Die größte Gefahr stellten die europäischen Mächte mit ihren Flottenstützpunkten in Süd- und Zentralamerika und der Karibik sowie die mexikanischen Landstreitkräfte dar. Genau darum ging es in der Monroe-Doktrin: Lange bevor die Vereinigten Staaten in der Lage waren, die Europäer an der Einrichtung von Flottenstützpunkten auf dem Kontinent zu hindern, erklärten sie deren Verdrängung zur Maxime. Die Vereinigten Staaten interessieren sich immer nur dann für Lateinamerika, wenn ausländische Mächte dort ihre Stützpunkte errichten.

3.  Vollständige Kontrolle der Küstengewässer durch  die eigenen Seestreitkräfte, um jede Möglichkeit einer  Invasion auszuschließen

Im Jahr 1812 segelten britische Kriegsschiffe die Chesapeake Bay hinauf und zerstörten die neue Hauptstadt Washington. Das gesamte 19. Jahrhundert hindurch lebten die Vereinigten Staaten in der ständigen Furcht, die Briten könnten ihre Vormachtstellung im Nordatlantik verwenden, um eine Seeblockade zu verhängen und das Land von seinen Märkten abzuschneiden. Daher rührt auch der amerikanische Kubawahn, der im Spanisch-Amerikanischen Krieg begann und sich durch den Kalten Krieg bis heute erhalten hat. Nachdem sie sich Ende des 19. Jahrhunderts die Hemisphäre gesichert hatten, ging es den Vereinigten Staaten darum, fremde Mächte von den Schifffahrtswegen zu ihren Häfen fernzuhalten. Zunächst sicherten sie die Seewege im Pazifik. Während des Bürgerkrieges erwarben sie Alaska, und im Jahr 1898 besetzten sie Hawaii. Indem sie mögliche Ankerplätze und Versorgungsstützpunkte in ihren Besitz brachten, verhinderten sie, dass sich eine feindliche Flotte von Westen her dem Kontinent nähern konnte. Während des Zweiten Weltkriegs nutzten die Vereinigten Staaten schließlich die Schwäche der Briten, um diese von der amerikanischen Küste fernzuhalten und sich den Atlantik zu sichern. Bei Kriegsende verfügten sie über eine derart mächtige Flotte, dass die Briten nur noch mit ihrer Zustimmung im Atlantik operieren konnten. Damit hatten sich die Vereinigten Staaten vor jeder Invasion geschützt.

4.  Vollständige Beherrschung der Weltmeere zur  Sicherung des eigenen Territoriums und zur Kontrolle  des internationalen Handelssystems

Da die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur über die stärkste Seestreitmacht verfügten, sondern auch über Flottenstützpunkte in aller Welt, konnten sie die Spielregeln ändern. Wie bereits erwähnt, ist die US-Marine in der Lage, jedes Schiff, ob militärisch oder zivil, vom Persischen Golf bis zum Südchinesischen Meer zu beobachten, anzuhalten oder zu versenken. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind sämtliche Seestreitkräfte der Welt zusammengenommen unbedeutend im Vergleich mit der Flotte der Vereinigten Staaten. Dies unterstreicht die vielleicht wichtigste geopolitische Tatsache: Die Vereinigten Staaten beherrschen sämtliche Weltmeere. Dies ist ein einmaliger Vorgang in der Geschichte. Auf diese Weise sind sie nicht nur in der Lage, ihre eigene nationale Sicherheit zu garantieren, sondern auch das Welthandelssystem zu kontrollieren. Daher ist die Kontrolle über die Weltmeere heute das wichtigste strategische Ziel der Vereinigten Staaten.

5.  Sicherung der weltweiten Seemacht gegen  mögliche Konkurrenten

Um diese historisch einmalige Position zu halten, besteht die einfachste Lösung darin, andere Nationen am Aufbau einer eigenen Flotte zu hindern. Dazu wandten die Vereinigten Staaten die klassische Strategie von Zuckerbrot und Peitsche an. Zuckerbrot bedeutete, jedem den freien Zugang zu den Schifffahrtswegen zu gewähren, ohne Seestreitkräfte zum Schutz der eigenen Flotte unterhalten zu müssen. Peitsche bedeutet, mögliche Feinde in Konfrontationen im Binnenland zu binden und sie auf diese Weise zu zwingen, ihren Verteidigungshaushalt auf Landstreitkräfte statt auf den Aufbau einer Flotte zu verwenden. Die Interessen und die Strategie der Vereinigten Staaten sind nach dem Kalten Krieg im Grunde dieselben geblieben. Sie wollen nach wie vor verhindern, dass eine eurasische Macht stark genug wird, um eine Flotte aufzubauen. Nachdem die Bedrohung durch eine eurasische Zentralmacht überwunden ist, konzentrieren sich die Vereinigten Staaten auf regionale Hegemonialmächte, die stark genug werden könnten, um ihre Fühler in Richtung Meer auszustrecken. Daher haben sie ein System ständig wechselnder Bündnisse geschaffen, mit dem sie den Aufstieg von potenziellen Regionalmächten verhindern wollen. Die Vereinigten Staaten mussten sich darauf einstellen, regelmäßig und in unvorhergesehener Weise in Eurasien aktiv zu werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion führten sie verschiedene Operationen durch, die darauf abzielten, das Gleichgewicht in der jeweiligen Region aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass eine regionale Hegemonialmacht entstand. Der erste größere Einsatz fand in Kuwait statt, wo die Vereinigten Staaten den irakischen Ambitionen ein Ende setzten. Der nächste Schauplatz war Jugoslawien, wo die Entstehung einer serbischen Vormachtstellung auf dem Balkan verhindert werden sollte. Der dritte Einsatz galt schließlich der islamischen Welt und zielte darauf ab, al-Qaida (oder wen auch immer) daran zu hindern, ein islamistisches Reich zu errichten. Die Kriege in Afghanistan und im Irak sind als Teil dieses Projekts zu verstehen. Bei aller Aufregung waren sämtliche dieser Einsätze kleinere Angelegenheiten. Im Irak, dem Schauplatz der größten Militäroperation, kamen weniger als 200 000 Soldaten zum Einsatz, und weniger als 5 000 kamen dabei ums Leben. Das sind 6 bis 8 Prozent der Opfer des Vietnamkriegs und ein Prozent der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Für ein Land mit mehr als einer Viertel Milliarde Einwohnern ist eine Besatzungstruppe dieser Größenordnung nichts. Die Neigung, kleinere Interventionen überzubewerten, hängt mit der relativen Unreife der Vereinigten Staaten als Nation zusammen. Ein Verständnis der übergreifenden Strategie der Vereinigten Staaten hilft uns, deren Reaktion auf die Anschläge des 11. September 2001 und andere Ereignisse einzuordnen. Nachdem sie ihre strategischen Ziele erreicht hatten, ging es ihnen darum, den Aufstieg einer Macht in Eurasien zu verhindern, welche die eigenen Interessen gefährden konnte. Trotz aller politischen Rhetorik ging es bei den Militärinterventionen nie darum, etwas zu erreichen, sondern stets darum, etwas zu verhindern. Es sollte verhindert werden, dass sich Regionen sta- bilisierten, in denen eine potenzielle Hegemonialmacht aufsteigen konnte. Das Ziel war also die Destabilisierung, nicht die Stabilisierung. Dies erklärt die amerikanische Reaktion auf das islamistische Erdbeben: Sie sollte die Entstehung eines starken islamischen Staats unterbinden. Trotz aller Rhetorik haben die Vereinigten Staaten wenig Interesse an Frieden in Eurasien. Genausowenig haben sie ein Interesse an einem militärischen Sieg. Wie in Vietnam und Korea geht es lediglich darum, eine mögliche Hegemonialmacht einzudämmen oder eine Region zu destabilisieren, und nicht darum, Ordnung herzustellen. Selbst eine militärische Niederlage wäre hinnehmbar. Dieses Prin- zip, wann immer nötig mit minimalem Einsatz das Machtgleichge- wicht in Eurasien zu erhalten, wird die US-Außenpolitik das gesamte 21. Jahrhundert hindurch bestimmen. Es wird noch zahlreiche Einsätze wie die im Kosovo und dem Irak geben. Wenn man davon ausgeht, dass das Ziel in der Stabilisierung einer bestimmten Region besteht, wird die Reaktion der Vereinigten Staaten immer irrational erscheinen. Doch da es in Wirklichkeit darum geht, die Vormachtstellung einer anderen Nation oder Organisation zu verhindern, sind diese Einsätze in Wirklichkeit vollkommen rational. Sie werden immer den Anschein erwecken, keines der bestehenden Probleme zu lösen, und sie werden immer mit unzureichenden Streitkräften durchgeführt werden, die nicht im Stande sind, eine Entscheidung herbeizuführen.

Nachbeben

Das internationale System ist aus dem Gleichgewicht geraten. Die Vereinigten Staaten sind heute derart mächtig, dass sie von keinem anderen Land kontrolliert werden können. Das internationale Beziehungsgefüge neigt naturgemäß zum Gleichgewicht. In einer Welt, die aus dem Lot geraten ist, sind kleinere Mächte durch größere, unkontrollierte Mächte gefährdet. Daher neigen sie dazu, Bündnisse einzugehen, um der größeren Macht etwas entgegensetzen zu können. Daher schlossen die Vereinigten Staaten nach der Niederlage im Vietnamkrieg ein Bündnis mit China, um die Sowjets kontrollieren zu können, die übermächtig zu werden drohten. Im 21. Jahrhundert wird es schwer werden, Koalitionen zur Eindämmung der Vereinigten Staaten zu bilden. Schwächeren Nationen werden es vorziehen, sich mit ihnen zu arrangieren, statt sich gegen sie zu verbünden – Bündnisse zu schließen und aufrecht zu erhalten, ist eine mühsame Angelegenheit. Und wenn Bündnisse schließlich auseinanderbrechen, wie sie das in der Regel tun, können die Vereinigten Staaten äußerst nachtragend sein. Daher werden die Vereinigten Staaten im kommenden Jahrhundert zwar einerseits gefürchtet und gehasst werden. Andererseits werden sich die meisten Nationen jedoch um ein gutes Verhältnis zu ihnen bemühen. Dieses Ungleichgewicht wird das 21. Jahrhundert genauso beherrschen wie Versuche, die Macht der Vereinigten Staaten einzudämmen. Es wird ein gefährliches Jahrhundert, vor allem für den Rest der Welt. In der Geopolitik gibt es eine entscheidende Größe namens »Fehlertoleranz«. Diese gibt an, wie viel Spielraum eine Nation hat, Irrtümer zu begehen, und hängt von zwei weiteren Größen ab: der Gefahr, in der sich eine Nation befindet und der Macht, die sie besitzt. Einige Nationen haben sehr wenig Spielraum; für sie werfen noch die kleinsten Details ihrer Außenpolitik Probleme auf, da sie wissen, dass selbst ein winziger Fehltritt eine Katastrophe zur Folge haben kann. Aufgrund ihrer Größe und der Region, in der sie sich befinden, haben Israel und die Palästinensergebiete eine minimale Fehlertoleranz. Island dagegen kann sich Fehltritte erlauben; es ist zwar ebenfalls klein, doch der nächste Nachbar ist weit weg. Die Vereinigten Staaten hingegen haben eine gewaltige Fehlertoleranz. Sie sitzen sicher auf dem nordamerikanischen Kontinent und verfügen über gewaltige Macht. Sie können es sich erlauben, diese Macht achtlos einzusetzen. Das heißt nicht, dass sie dumm sind. Sie haben es nur nicht nötig, vorsichtiger zu handeln – im Gegenteil, ein sorgfältigeres Vorgehen könnte ihre Effizienz gefährden. Genau wie Banken bereit sind, schlechte Kredite zu vergeben, weil sie sich langfristige Gewinne erhoffen, handeln die Vereinigten Staaten in einer einschneidende Erfahrung. Oft muss diese Nation die amerikanischen Aktionen hilflos über sich ergehen lassen und entwickelt ein Gefühl des Hasses. Dieser Hass wird umso größer, als Amerika unverwundbar und gleichgültig ist. Diese Gleichgültigkeit der Vereinigten Staaten gegenüber den Folgen ihrer Handlungen sowie der Widerstand gegen und der Hass auf die Vereinigten Staaten im Rest der Welt werden Leitmotive des 21. Jahrhunderts sein. 

Zusammenfassung

Während der amerikanisch-dschihadistische Krieg seinem Ende entgegen stolpert, verläuft die Front durch die muslimischen Staaten selbst. Sie sind das eigentliche Ziel von al-Qaida, doch was immer westliche Beobachter über den Islam denken mögen, diese Staaten haben kein Interesse daran, die Macht an die islamistischen Terroristen abzutreten. Im Gegenteil, sie werden alle zur Verfügung stehenden Mittel – Sicherheitsdienste, Polizei und Militär – aufbieten, um al-Qaida zu vernichten. Solange al-Qaida verliert, gewinnen die Vereinigten Staaten. Solange die islamische Welt zerrissen bleibt und sich in Aufruhr befindet, haben die Vereinigten Staaten ihr strategisches Ziel erreicht. Wenn sie seit 2001 eines bewirkt haben, dann Chaos und Amerikafeindlichkeit in der islamischen Welt. Vielleicht haben sie auch zur Entstehung neuer terroristischer Vereinigungen beigetragen, die in Zukunft aktiv werden. Doch das Erdbeben in dieser Region hat nicht zur Entstehung einer regionalen Hegemonialmacht geführt. Im Gegenteil, die Region ist heute zerstrittener denn je, und damit hat sich dieses Thema vermutlich erledigt. Das wahrscheinlichste Resultat der Kriege im Irak und Afghanistan ist eine militärische Niederlage der Vereinigten Staaten oder ein Patt, und es wird nach außen hin den Anschein haben, als hätten beide Kriege mit einer amerikanischen Niederlage geendet. Keine Frage, die amerikanische Kriegsführung im Irak war in vieler Hinsicht ungeschickt und stümperhaft. In ihrer extrem vereinfachten Sichtweise der Sachverhalte und ihrem Machtgebrauch haben sich die Vereinigten Staaten in der Tat verhalten wie ein Halbstarker. Doch aus strategischer Sicht spielt dies keine Rolle. Solange die Muslime sich gegenseitig bekämpfen, haben die Vereinigten Staaten den Krieg gewonnen. Das heißt nicht, dass in der islamischen Welt nicht früher oder später ein Staat zu einer regionalen Hegemonialmacht aufsteigen und die amerikanischen Interessen bedrohen kann. Historisch gesehen ist die Türkei eine muslimische Macht, die heute erneut im Aufstieg begriffen ist, wie wir in den kommenden Kapiteln sehen werden. Ihr Machtzuwachs ist keine Folge des Zerfalls der Sowjetunion, sondern ist einer neuen Dynamik geschuldet. Zorn schreibt keine Geschichte. Macht dagegen sehr wohl. Macht kann durch Zorn ergänzt werden, doch sie stützt sich auf grundlegendere Faktoren: Geografie, Demografie, Technologie und Kultur. So wie diese vier Faktoren die Macht der Vereinigten Staaten ausmachen, bestimmt die Macht der Vereinigten Staaten das 21. Jahrhundert. 

Kapitel 1
Kapitel 3

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