Freitag, 19. Februar 2016

Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft | Kapitel 1

"Wer hundert Jahre im voraus lebt, den überrascht die Gegenwart nicht."
Viktor Schauberger
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George Friedman  ist Gründer und Leiter des weltweit führenden privaten Informationsdienstes Stratfor. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zu den Themen Sicherheitspolitik, Nachrichtenwesen und Technologie veröffentlicht. Als renommierter Experte für Geopolitik ist er regelmäßig in führenden US-Medien wie auch international präsent, unter anderem im Fernsehen, in Time Magazine, Wall Street Journal und New York Times Magazine.

George Friedman: Die nächsten hundert Jahre - Die Weltordnung der Zukunft

Für Meredith, Muse und Lehrmeisterin

»Wer die Welt vernünftig ansieht,  den sieht sie auch vernünftig an.« 
Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Inhalt

Ein Wort vorab
Prolog: Der Anbruch einer neuen Ära
1. Das Amerikanische Zeitalter
2. Das islamische Beben
3. Kulturkampf und Technologie
4. Die neuen Gräben
5. China: Der Papiertiger 
6. Russland: Die Revanche 
7. Die Wirtschaft in der Krise
8. Eine neue Weltordnung 
9. Der Aufmarsch
10. Am Vorabend des Kriegs
11. Der neue Weltkrieg: Ein Szenario
12. Ein goldenes Nachkriegsjahrzehnt
13. Der Kampf um das Zentrum der Welt - Epilog - Dank

Ein Wort vorab

Ich habe keine Kristallkugel. Was ich habe, ist eine Methode, die mir – trotz aller Unvollkommenheit – beim Verständnis der Vergangenheit und beim Blick in die Zukunft gute Dienste geleistet hat. Ich sehe meine Aufgabe darin, hinter der scheinbaren Unordnung der Geschichte eine Ordnung zu erkennen und zu prognostizieren, welche konkreten Ereignisse, Tendenzen und Technologien diese Ordnung hervorbringen wird. Eine Vorhersage für die nächsten hundert  Jahre treffen zu wollen, mag manchem leichtfertig erscheinen, doch ich hoffe, Ihnen demonstrieren zu können, dass es sich um einen vollkommen rationalen Prozess und eine machbare Aufgabe handelt. In nicht allzu ferner Zukunft werde ich Enkelkinder haben, von denen einige das 22. Jahrhundert erleben werden. Dieser Gedanke lässt mein Unterfangen sehr real erscheinen. In diesem Buch möchte ich Ihnen ein Gefühl für die Zukunft vermitteln. Natürlich werde ich mich in zahlreichen Details irren. Mir geht es jedoch darum, die geopolitische, technologische, demografische, kulturelle und militärische Entwicklung in ihren großen Zügen zu umreißen und die wichtigsten Ereignisse zu skizzieren. Ich bin zufrieden, wenn ich einige der wichtigsten Tendenzen der Gegenwart benennen und daraus glaubwürdig ableiten kann, wie sich die Zukunft entwickelt. Und ich würde mich freuen, wenn meine Enkel dieses Buch im Jahr 2100 in die Hand nehmen und sagen: »Das war gar nicht so schlecht.«

Prolog: Der Anbruch einer neuen Ära

Stellen Sie sich vor, wir schreiben das Jahr 1900 und Sie befinden sich in London, der wichtigsten Metropole der damaligen Welt. Europa beherrscht die gesamte östliche Hemisphäre. Es gibt kaum einen Ort, der nicht von einer europäischen Hauptstadt aus direkt beherrscht oder zumindest indirekt kontrolliert wird. Der Kontinent lebt in Frieden und beispiellosem Wohlstand. Die europäischen Nationen sind so stark durch Handel und Finanzwirtschaft miteinander verwoben, dass Beobachter die Auffassung vertreten, ein Krieg sei unmöglich geworden, und wenn es tatsächlich dazu käme, dann könne dieser nur wenige Wochen dauern, da die internationalen Finanzmärkte dem Druck nicht standhielten. Die Zukunft scheint sicher: Ein friedliches, wohlhabendes Europa wird die Welt regieren. Machen wir nun einen Sprung in das Jahr 1920. Nach einem schier endlosen Krieg liegt Europa in Trümmern. Das deutsche Kaiserreich, Österreich-Ungarn, das russische Zarenreich und das Osmanische Reich sind von der Landkarte verschwunden, der jahrelange Krieg hat Millionen von Opfern gefordert. Er endete erst mit der Intervention einer eine Million Mann starken US-amerikanischen Armee, die so schnell wieder verschwand, wie sie gekommen war. In Russland haben die Kommunisten die Herrschaft an sich gerissen, doch es ist noch nicht sicher, ob sie diese auch halten können. Länder wie die Vereinigten Staaten und Japan, die einst am Rand der europäischen Machtsphäre lagen, sind plötzlich zu wichtigen Mächten aufgestiegen. Eines ist jedoch ganz sicher: Der Friedensvertrag von Versailles, der Deutschland aufgezwungen wurde, wird dafür sorgen, dass das Land nicht so schnell wieder aufstehen wird. 

Versetzen Sie sich nun in das Jahr 1940. Deutschland ist nicht nur wieder aufgestanden, sondern es hat Frankreich erobert und beherrscht Europa. Der Kommunismus hat überlebt, und die Sowjetunion ist ein Verbündeter des nationalsozialistischen Deutschland. Großbritannien steht Deutschland allein gegenüber, und aus Sicht vieler Beobachter ist der Krieg zu Ende. Es mag kein Tausendjähriges Reich geben, doch zumindest für das kommende Jahrhundert scheint das Schicksal Europas besiegelt: Deutschland ist die beherrschende Macht und tritt die Nachfolge der großen europäischen Reiche an. Machen wir einen weiteren Sprung in das Jahr 1960. Fünfzehn Jahre zuvor war Deutschland im Krieg zerstört worden, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion hatten Europa besetzt und in der Mitte geteilt. Die europäischen Kolonialreiche sind in Auflösung begriffen, und die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion streiten sich um das Erbe. Die Vereinigten Staaten haben die Sowjetunion eingekreist und könnten sie mit ihrem gewaltigen Arsenal an Nuklearwaffen binnen weniger Stunden auslöschen. Sie sind zu einer Supermacht aufgestiegen, beherrschen die Weltmeere und könnten dank ihrer atomaren Streitkräfte in aller Welt die Bedingungen diktieren. Die Sowjetunion kann bestenfalls auf ein Patt hoffen, es sei denn, sie würde in Deutschland einmarschieren und den Rest Europas besetzen. Als weitere Gefahr sehen viele Beobachter das maoistische und als fanatisch geltende China am Horizont auftauchen. Versetzen wir uns jetzt in das Jahr 1980. Kurz zuvor waren die Vereinigten Staaten in einem sieben Jahre dauernden Krieg besiegt wor- den – aber nicht etwa von der Sowjetunion, sondern von Nordvietnam. Außenstehende und Amerikaner sehen das Land gleichermaßen auf dem Rückzug. Auf die Niederlage in Vietnam folgt das Debakel im Iran, die persischen Ölfelder entgleiten der amerikanischen Kontrolle und drohen in sowjetische Hände zu fallen. Um die Sowjetunion in Schach zu halten, gehen die Vereinigten Staaten ein Bündnis mit den Chinesen ein, der amerikanische Präsident und der Vorsitzende der chinesischen Kommunistischen Partei treffen sich in Peking zu einem freundschaftlichen Gespräch. Allein dieses Bündnis scheint in der Lage, den Aufstieg der mächtigen Sowjetunion zu verhindern.

Machen wir schließlich einen Sprung ins Jahr  2000. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen. China ist der Theorie nach noch eine kommunistische, aber in der Praxis bereits eine kapitalistische Nation. Die NATO hat sich nach Osteuropa und selbst auf Teile der früheren Sowjetunion ausgedehnt. Die Welt lebt in Frieden und Wohlstand. Die Geopolitik ist hinter die Wirtschaft zurückgetreten, einzig in Problemregionen wie Haiti oder dem Kosovo halten sich kleinere regionale Konflikte. Doch dann kommt der 11. September 2001, und die Welt wird ein weiteres Mal auf den Kopf gestellt. Bei der Vorhersage der künftigen Ereignisse können wir nur eines mit Sicherheit sagen: Der gesunde Menschenverstand irrt. Es gibt keinen magischen Zwanzig-Jahres-Zyklus und keinen einfachen, alles lenkenden Geist der Geschichte. Was zu einem beliebigen Zeitpunkt unveränderlich erscheint, kann sich erstaunlich schnell ändern. Epochen kommen und gehen. Das internationale Beziehungssystem von heute wird bereits in zwanzig oder weniger Jahren ganz anders aussehen. In den 1980er Jahren war der Zerfall der Sowjetunion völlig unvorstellbar, und genau das ist der Punkt. Konventionelle geopolitische Analysen leiden oft unter einem schwerwiegenden Mangel an Fantasie. Sie halten vorüberziehende Wolken für dauerhafte Einrichtungen und übersehen die langfristigen Veränderungen, obwohl diese für jedermann sichtbar sind. Wenn wir noch am Anfang des 20. Jahrhunderts stünden, wären wir nicht in der Lage, die eben geschilderten Ereignisse im Detail zu prognostizieren. Doch einige Entwicklungen waren abzusehen. So war es zum Beispiel offensichtlich, dass sich das Deutsche Reich, das erst im Jahr 1871 gegründet worden war, als Großmacht zwischen Frankreich und Russland in einer unsicheren Lage befand und die europäischen und globalen Machtverhältnisse neu definieren wollte. In den beiden großen Konflikten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging es um den Status Deutschlands in Europa. Auch wenn niemand Ort und Zeitpunkt vorhersehen konnte, sahen viele Europäer einen Krieg am Horizont aufziehen. Da war es schon schwerer abzusehen, wie verheerend diese Kriege verlaufen würden, und dass die europäischen Nationen nach dem Ende der beiden Weltkriege ihre Kolonialreiche verloren haben würden. Doch vor allem nach der Erfindung des Dynamits gab es durchaus Stimmen, die warnten, dass Kriege von nun an katastrophale Ausmaße haben würden. Mit einer Kombination aus geostrategischen und technologischen Prognosen hätte man den Niedergang Europas sehr wohl vorhersehen können. Auch der Aufstieg der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion wurde bereits im 19. Jahrhundert vorhergesagt. Alexis de Tocqueville und Friedrich Nietzsche hatten die kommende Vormachtstellung dieser beiden Nationen prognostiziert. Mit Disziplin und etwas Glück wäre es also durchaus möglich gewesen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Entwicklungen der folgenden hundert  Jahre in groben Zügen zu skizzieren.

Das 21. Jahrhundert

Um etwas über den Verlauf des 21. Jahrhunderts aussagen zu können, müssen wir nun also ein zentrales Ereignis finden, das die kommenden hundert Jahre so prägen wird wie die Gründung des Deutschen Reichs das 20. Jahrhundert. Nachdem die Trümmer der europäischen Kolonialreiche und die Überreste der sowjetischen Supermacht beiseite geräumt wurden, ist nur eine dominierende Weltmacht übrig geblieben: die Vereinigten Staaten von Amerika. Diese machen zwar heute – wie so oft – den Eindruck, als würden sie mit allem scheitern, was sie anfassen. Doch wir sollten uns durch dieses vorübergehende Chaos nicht täuschen lassen. Wirtschaftlich, militärisch und politisch sind die Vereinigten Staaten die mächtigste Nation der Welt. Trotz der heutigen Stimmungslage wird sich in hundert  Jahren genausowenig noch jemand an den Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und den radikalen Islamisten erinnern, wie sich heute jemand an den Spanisch-Amerikanischen Krieg vor hundert  Jahren erinnert. Seit dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs im Jahr 1865 erleben die Vereinigten Staaten einen noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Aufschwung. Das einstmals marginale Entwicklungsland verfügt heute über eine Volkswirtschaft, die größer ist als die nächsten vier Volkswirtschaften zusammengenommen. Militärisch sind die Vereinigten Staaten von einer unbedeutenden regionalen Größe zu einer Supermacht aufgestiegen. Wenn Ihnen dieses Buch ausgesprochen amerikalastig vorkommt, dann haben Sie damit vermutlich Recht. Der Grund ist jedoch ganz einfach, dass sich die Welt im 21. Jahrhundert tatsächlich um die Vereinigten Staaten dreht. Das liegt allerdings nicht allein an der Machtposition der Vereinigten Staaten selbst, sondern an einer grundsätzlichen geopolitischen Verschiebung. In den letzten 500 Jahren war Europa das Zentrum des internationalen Gefüges und schuf mit seinen Kolonialreichen das erste globale Systeme der Menschheitsgeschichte. Das Tor zu Europa war der Nordatlantik. Wer diesen kontrollierte, der kontrollierte den Zugang zu Europa und Europas Zugang zur Welt. Anfang der 1980er Jahre setzte jedoch eine bemerkenswerte Entwicklung ein. Erstmals erreichte der transpazifische Handel die Dimensionen des transatlantischen Handels. Nach dem politischen Niedergang Europas in der Folge des Zweiten Weltkriegs und der Ver- schiebung der Handelsmuster war der Nordatlantik nicht mehr das alleinige Tor zur Welt. Wer heute den Nordatlantik und den Pazifik kontrolliert, kann das gesamte Welthandelssystem und damit die Weltwirtschaft beherrschen. Ein Land mit Zugang zu beiden Weltmeeren hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen entscheidenden Vorteil. Der Aufbau und weltweite Einsatz von Seestreitkräften bringt natürlich immense Kosten mit sich. Das Land, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts diese beiden Ozeane beherrscht, wurde daher aus demselben Grund zur weltweit führenden Seemacht wie Großbritannien im 19. Jahrhundert: Es grenzt an die Gewässer, die es kontrollieren muss. Daher verschob sich das Machtzentrum der Welt von Europa nach Nordamerika. Wer den nordamerikanischen Kontinent beherrscht, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die weltweit dominierende Macht. Zumindest im kommenden Jahrhundert sind dies die Vereinigten Staaten. Dank ihrer Macht und ihrer geostrategisch hervorragenden Lage sind die Vereinigten Staaten die Schlüsselfigur des 21. Jahrhunderts.
Das macht sie nicht unbedingt beliebt. Im Gegenteil, ihre Macht erzeugt Angst. Vor allem die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts wird daher von zwei gegenläufigen Bestrebungen bestimmt. Zum einen werden nachgeordnete Regionalmächte versuchen, Bündnisse einzugehen, um die Macht der Vereinigten Staaten einzudämmen. Zum anderen werden die Vereinigten Staaten Präventivmaßnahmen ergreifen, um die Entstehung solcher Bündnisse schon im Vorfeld zu unterbinden. Das Amerikanische Zeitalter, das mit dem Ende des Europäischen Zeitalters angebrochen ist, begann mit einer Gruppe von Muslimen, die versuchten, das Kalifat wiederherzustellen – das islamische Reich, das einst vom Atlantik bis zum Pazifik reichte. Es war unvermeidlich, dass diese Gruppierung sich gegen die vorherrschende Macht wenden und diese in einen Krieg ziehen würde, um deren Schwäche bloßzustellen und eine islamistische Revolte zu provozieren. Die Vereinigten Staaten reagierten mit einem Einmarsch in die islamische Welt. Das Ziel war kein militärischer Sieg – es war nicht einmal klar, wie ein militärischer Sieg überhaupt aussehen könnte. Das Ziel war lediglich, die islamische Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen, sie zu spalten und auf diese Weise die Entstehung eines islamischen Reichs zu verhindern. Die Vereinigten Staaten müssen keine Kriege gewinnen. Es reicht aus, wenn sie die andere Seite aus dem Gleichgewicht bringen und daran hindert, so stark zu werden, dass sie eine Gefahr darstellt. Daher kommt es im 21. Jahrhundert zu einer Reihe von Konfrontationen verschiedener Regionalmächte, die den Einfluss der Weltmacht mit Hilfe von Bündnissen eindämmen wollen, mit den Vereinigten Staaten, die diese Bündnisse schon im Aufbau stören. Im 21. Jahrhundert wird es noch mehr Kriege geben als im 20., doch aufgrund der technologischen Veränderungen und der Art der geopolitischen Herausforderungen werden diese weit weniger katastrophal verlaufen. Wie wir gesehen haben, sind die Veränderungen, die eine neue Epoche einleiten, immer überraschender und sogar schockierender Natur, und die ersten zwei Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts stellen keine Ausnahme dar. Kaum geht der Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und den Islamisten zu Ende, zeichnet sich bereits ein neuer Konflikt ab. Russland ist im Begriff, seine alte Einflusssphäre wieder herzustellen, und gerät damit automatisch in Konflikt mit den Vereinigten Staaten. Russland wird versuchen, entlang der großen nordeuropäischen Tiefebene in Richtung Westen zu expandieren und trifft dabei in den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie in Polen auf die NATO. Das wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht der einzige Konflikt sein, doch nach dem Ende des Kriegs zwischen den Vereinigten Staaten und den Islamisten wird dieser neue Kalte Krieg zwischen Russland und dem Westen der wichtigste Krisenherd. Russland bleibt kaum etwas anderes übrig, als zu versuchen, seine Macht wiederherzustellen und den Vereinigten Staaten bleibt nichts anders übrig, als sich dem entgegenzustellen. Doch Russland kann nicht gewinnen. Aufgrund seiner gravierenden innenpolitischen Probleme, seines massiven Bevölkerungsverlusts und seiner schwachen Infrastruktur hat das Land langfristig schlechte Überlebensaussichten. Daher wird der zweite Kalte Krieg zwar weniger bedrohlich und global verlaufen als der erste, doch er wird genauso enden: mit einer Niederlage Russlands. Viele Beobachter sind der Ansicht, dass China, nicht Russland der nächste große Herausforderer der Vereinigten Staaten sein wird. Ich sehe das anders, und zwar aus drei Gründen. Erstens zeigt ein genauerer Blick auf die Weltkarte, wie isoliert China ist. Da es im Norden an Sibirien und im Süden an das Himalaja und die tropischen Urwälder grenzt, und da sich die Bevölkerung vor allem auf den Osten des Lands konzentriert, hat China kaum Expansionsmöglichkeiten. Dazu kommt, dass China schon seit Jahrhunderten keine Seemacht mehr ist; der Aufbau einer Flotte erfordert Generationen nicht nur des Schiffbaus, sondern der Ausbildung von Mannschaften und der Entwicklung einer Seefahrtskultur. Doch China wird auch noch aus einem dritten Grund geopolitisch keine Rolle spielen. Das Land ist in sich instabil. Wann immer es in der Geschichte seine Grenzen geöffnet hat, profitierten die Küstenregionen, während die große Mehrheit der Chinesen im Landesinnern arm blieb. Dies führt einerseits zu inneren Spannungen und Konflikten, und andererseits dazu, dass aus politischen Gründen wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden, die Ineffizienz und Korruption zur Folge haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich China dem Handel mit dem Ausland geöffnet hat und aus diesem Grund seine innere Stabilität verliert. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass eine Führergestalt wie Mao auf den Plan tritt, um das Land gegen das Ausland abzuschotten, den Wohlstand – beziehungsweise die Armut – zu verteilen und den Kreislauf von vorn zu beginnen. Manche Beobachter sind der Ansicht, die Entwicklung der letzten dreißig Jahre könne sich endlos fortsetzen. Ich bin dagegen der Auffassung, dass der chinesische Zyklus im kommenden Jahrzehnt unvermeidlich in seine nächste Phase eintritt. China ist kein Gegner, sondern eher ein Puffer, den die Vereinigten Staaten unterstützen, um Russland einzudämmen. Die gegenwärtige chinesische Wirtschaftsdynamik hat langfristig keine Aussicht auf Erfolg. Um die Jahrhundertmitte werden neue Mächte auf den Plan treten, denen heute noch keine große Bedeutung beigemessen wird, die jedoch in den kommenden Jahrzehnten immer einflussreicher und selbstbewusster werden. Ich möchte insbesondere drei Länder hervorheben. Das erste ist Japan. Der Inselstaat verfügt heute nicht nur über die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, sondern auch über die verwundbarste, da er kaum über eigene Rohstoffe verfügt und fast ausschließlich auf Importe angewiesen ist. Japan hat eine lange Geschichte des Militarismus und wird kaum die friedliche Wirtschaftsmacht bleiben, die wir heute kennen. Aufgrund seiner gravierenden Bevölkerungsproblematik und seiner Abneigung gegen Einwanderung in großem Umfang wird Japan gar nichts anderes übrig bleiben, als im Ausland nach neuen Arbeitskräften zu suchen. Die Verwundbarkeit Japans wird einen Politikwechsel unumgänglich machen. Das zweite Land ist die Türkei, das heute auf Rang 17 der größten Volkswirtschaften der Welt steht. Wann immer in der Vergangenheit ein bedeutendes islamisches Reich entstand, wurde es von den Türken beherrscht. In der Folge des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstand die moderne Türkei. Diese erweist sich heute als Insel der Stabilität inmitten des Chaos. Der Balkan, der Kaukasus und die arabische Welt sind sämtlich Krisengebiete. Schon heute verfügt die Türkei in der Region über eine wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung, und mit der weiteren Zunahme ihrer Macht wird auch ihr Einfluss größer. Das dritte Land ist schließlich Polen. Obwohl Polen seit dem sechzehnten Jahrhundert keine Macht mehr war, wird es das meiner Ansicht nach wieder werden, und zwar aus zwei Gründen. Der eine ist der Niedergang Deutschlands. Die deutsche Wirtschaft ist zwar groß und wird auch in Zukunft weiter wachsen, doch sie verfügt nicht mehr über die Dynamik, die sie in den vergangenen beiden Jahrhunderten hatte. Dazu kommt der dramatische Bevölkerungsverlust, der die Wirtschaftskraft Deutschlands in den kommenden fünfzig Jahren weiter aushöhlen wird. Der zweite Grund ist, dass Deutschland wenig geneigt sein wird, Polen gegen russische Interessen zu verteidigen und sich womöglich auf einen dritten Krieg mit Russland einzulassen. Die Vereinigten Staaten werden Polen im Gegensatz dazu sehr wohl unterstützen und dem Land massive technische und wirtschaftliche Hilfe zukommen lassen. Krieg fördert das Wirtschaftswachstum (immer vorausgesetzt, dass er ein Land nicht zerstört), weshalb Polen die führende Macht in einem gegen Russland gerichteten Staatenbündnis wird. Japan, die Türkei und Polen bekommen es mit einer amerikanischen Nation zu tun, die noch selbstbewusster auftritt als nach dem Ende der Sowjetunion. Daraus ergibt sich eine explosive Situation. Wie wir im weiteren Verlauf des Buchs noch sehen werden, wird die Beziehung dieser vier Länder das 21. Jahrhundert weitgehend be- stimmen und schließlich in den nächsten Weltkrieg münden. Dieser Krieg unterscheidet sich in seinem Verlauf von allen anderen in der bisherigen Geschichte der Menschheit, und er wird mit Waffen geführt werden, die heute noch der Welt der Science-Fiction angehö- ren. Doch wie ich zeigen werde, ist dieser Krieg das langfristige Re- sultat von Dynamiken, die bereits zu Beginn des neuen Jahrhunderts entstehen. Genau wie der Zweite Weltkrieg wird auch dieser Krieg massive technische Fortschritte anstoßen. Entscheidend wird dabei die Energieerzeugung mit nicht-fossilen Brennstoffen sein. Theoretisch ist die Sonnenenergie die effizienteste aller Energiequellen, doch ihr Einsatz setzt den Bau gewaltiger Solaranlagen voraus, die große Flächen benötigen und negative Auswirkungen auf die Umwelt haben, ganz zu schweigen davon, dass sie dem Wechsel von Tag und Nacht unterliegen. Während dieses Kriegs werden jedoch Systeme entwickelt werden, mit deren Hilfe Energie im Weltall erzeugt und in Form von Mikrowellen auf die Erde gesandt wird. Wie das Internet und die Eisenbahnen wird auch diese neue Technologie aus dem Verteidigungshaushalt bestritten werden und einen massiven wirtschaftlichen Aufschwung bewirken. Hintergrund ist jedoch die wichtigste Entwicklung des 21. Jahrhunderts: das Ende der Bevölkerungsexplosion. Im Jahr 2050 erleben die heutigen Industrienationen einen drastischen Bevölkerungsrückgang, und bis zum Jahr 2100 verzeichnen selbst die am wenigsten entwickelten Länder stabile Einwohnerzahlen. Seit 1750 basieren Wirtschaft und Politik auf kontinuierlichem Bevölkerungswachstum. Mehr Arbeiter, mehr Konsumenten, mehr Soldaten – so lautete die Erwartung. Im 21. Jahrhundert geht diese Rechnung nicht mehr auf. Das gesamte Produktionssystem wird sich verändern. Die Folge ist eine immer stärkere Technologieabhängigkeit: erstens von Robotern, die menschliche Tätigkeiten übernehmen, und zweitens von der Gentechnik, die dafür sorgt, dass Menschen nicht nur länger leben, sondern vor allem länger produktiv bleiben. Die unmittelbare Folge des Bevölkerungsrückgangs in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts ist ein erheblicher Arbeitskräftemangel in den führenden Industrienationen. Heute sehen die reichen Länder der Welt das Problem zumeist darin, Zuwanderung zu verhindern. In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wird das Problem zunehmend darin bestehen, Einwanderer zu rekrutieren. Industrienationen werden so weit gehen, Einwanderer mit Geld anzulocken. Das trifft auch auf die Vereinigten Staaten zu, die im internationalen Wettbewerb um die zunehmend knappen Arbeitskräfte alles tun werden, um Mexikaner zum Kommen zu bewegen – eine ironische, aber unvermeidliche Wende. 

Diese Veränderungen sind schließlich Auslöser für die letzte große Krise des 21. Jahrhunderts. Heute befindet sich Mexiko auf Rang 15 der größten Volkswirtschaften der Welt. Wie die Türkei wird Mexiko seine Platzierung durch den Niedergang der Europäer weiter verbessern und gegen Ende des Jahrhunderts zu den führenden Industrienationen der Welt gehören. Während der großen, von den Vereinigten Staaten geförderten Auswanderungswelle verschieben sich die Bevölkerungsverhältnisse im amerikanischen Südwesten, den die Vereinigten Staaten Mitte des 19. Jahrhunderts von Mexiko erobert haben, bis diese Region überwiegend von mexikanischen Staatsbürgern bewohnt ist. Die mexikanische Regierung wird diese gesellschaftliche Realität lediglich als eine Korrektur der historischen Niederlagen betrachten. Spätestens für das Jahr 2080 erwarte ich eine ernsthafte Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und einem zunehmend selbstbewussten Mexiko. Diese Konfrontation wird unvorhergesehene Kon- sequenzen für die Vereinigten Staaten haben und bis 2100 nicht bei- gelegt sein. Was ich hier beschrieben habe, ist vermutlich nicht ganz leicht nachzuvollziehen. Die Vorstellung, dass das 21. Jahrhundert mit einer Auseinandersetzung zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten enden könnte, ist im Jahr 2009 genausowenig vorstellbar wie eine mächtige Türkei. Doch sehen Sie sich noch einmal den Beginn dieses Kapitels und die prognostizierte Abfolge der Ereignisse des 20. Jahrhunderts an, und Sie werden verstehen, worauf ich hinaus will: Wenn etwas bei einer Vorhersage für das 21. Jahrhundert nicht weiterhilft, dann ist es der gesunde Menschenverstand. Je weiter die Beschreibung ins Detail geht, desto unzuverlässiger ist sie natürlich. Es ist vollkommen unmöglich, das kommende Jahrhundert bis in die Einzelheiten hinein vorherzusagen, ganz abgesehen davon, dass ich bis dahin längst tot sein und nie herausfinden werde, wo ich mich geirrt habe. Doch ich behaupte, dass wir den groben Rahmen der Ereignisse sehr wohl vorhersehen können. Deshalb versuche ich, einen solchen Rahmen zu skizzieren, so spekulativ das in vieler Hinsicht sein mag. Davon handelt dieses Buch.

Die Vorhersage eines Jahrhunderts

Ehe ich ins Detail gehe und die künftigen Kriege sowie demografische und technologische Entwicklungen beschreibe, möchte ich etwas zu meiner Methode sagen und die Frage beantworten, wie ich all diese Entwicklungen vorhersagen kann. Ich erwarte nicht, dass Sie die Einzelheiten des Kriegs wörtlich nehmen, den ich für die Jahrhundertmitte vorhersehe. Ich hoffe jedoch sehr wohl, dass Sie einige andere Prognosen ernst nehmen – etwa hinsichtlich der generellen Art der Kriegsführung; der Vormachtstellung der Vereinigten Staaten; der Konfrontation mit Ländern, die diese Machtposition in Frage stellen; sowie hinsichtlich der Länder, die als mögliche Herausforderer in Frage kommen. Die Vorstellung einer Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko wird bei den meisten Lesern Zweifel aufkommen lassen, doch ich will erklären, warum und wie ich diese Behauptungen aufstellen kann. Wie bereits erwähnt, hilft der gesunde Menschenverstand in der Regel nicht weiter, wenn es darum geht, Prognosen über die Zukunft zu treffen. Stattdessen muss das alte Motto der Linken »sei praktisch, verlange das Unmögliche« abgewandelt werden in »sei praktisch, erwarte das Unmögliche«. Genau darauf basiert meine Methode. Ein anderer, etwas anspruchsvollerer Terminus für diese Methode ist »Geopolitik«. Geopolitik ist mehr als ein vollmundig klingender Begriff für »internationale Beziehungen«. Es handelt sich um eine Methode, die es uns erlaubt, gegenwärtige Ereignisse zu beschreiben und Prognosen über die Zukunft zu treffen. Wirtschaftswissenschaftler verwenden das Schlagwort der »unsichtbaren Hand« und meinen damit die eigennützigen und kurzfristigen Handlungen der Menschen, die schließlich das hervorbringen, was Adam Smith den »Wohlstand der Nationen« nannte. Geopolitik überträgt die Vorstellung der unsichtbaren Hand auf das Verhalten von Nationen und anderen internationalen Akteuren. Wenn Nationen und ihre politischen Führer eigennützige und kurzfristige Ziele verfolgen, dann ist das Resultat zwar nicht unbedingt der Wohlstand der Nationen, doch zumindest ein vorhersehbares Verhalten. Dies wiederum ermöglicht es, auch zukünftige Entwicklungen des internationalen Gefüges vorherzusehen. Die Geopolitik und die Wirtschaftswissenschaften gehen davon aus, dass die Akteure rational, will sagen, ihrem kurzfristigen Eigeninteresse gemäß handeln. Da es sich um rationale Akteure handelt, lässt ihnen die Wirklichkeit verhältnismäßig geringe Entscheidungsspielräume. Menschen und Nationen verfolgen ihr Eigeninteresse zwar nicht unbedingt, ohne dabei Fehler zu begehen, doch man kann davon ausgehen, dass sie nicht willkürlich handeln. Ihr Verhalten lässt sich mit einem Schachspiel vergleichen. Rein theoretisch hat jeder Spieler die Wahl zwischen zwanzig möglichen Eröffnungszügen. In der Praxis sind es jedoch erheblich weniger, denn die meisten dieser Züge sind so schlecht, dass sie schnell zur Niederlage führen. Je besser ein Schachspieler, desto klarer sieht er seine Optionen und desto weniger Eröffnungszüge stehen ihm zur Verfügung. Je besser ein Schachspieler, desto vorhersagbarer sind also seine Züge. Ein Großmeister spielt mit absolut vorhersehbarer Präzision – bis zu dem einen, brillanten und unerwarteten Schlag. Nationen verhalten sich nicht anders. Die Möglichkeiten der Millionen von Einwohnern einer Nation werden von der Wirklichkeit vorgegeben. Sie bringen Führungspersönlichkeiten hervor, die nie dorthin kämen, wo sie sind, wenn sie sich irrational verhielten. Es kommt selten vor, dass sich Narren an die Spitze eines Staats setzen. Führungspersönlichkeiten verstehen, welche Züge ihnen zur Verfügung stehen, und sie führen sie, wenn nicht fehlerfrei, so doch ganz ordentlich aus. Gelegentlich wird ein genialer Politiker einen brillanten Schachzug durchführen, doch meistens besteht die Regierungskunst ganz einfach darin, den nächsten logischen Schritt zu gehen. Das gilt für Innen- wie für Außenpolitiker. Stirbt ein politischer Führer oder wird er abgewählt, rückt ein anderer nach und setzt mit großer Wahrscheinlichkeit die Politik seines Vorgängers fort. Ich behaupte nicht, dass Politiker Genies, Gelehrte oder auch nur anständige Leute sind. Sie verstehen vielmehr zu führen, sonst wä- ren sie keine Politiker geworden. In jeder Gesellschaft sind Politi- ker Zielscheibe des Spotts, und natürlich machen sie ihre Fehler. Doch bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass diese Fehler selten das Ergebnis ihrer Dummheit sind. Meistens wurden sie ihnen durch die Umstände aufgezwungen. Wir glauben gern, dass wir beziehungsweise unser Kandidat niemals derart dumm gehandelt hätten. Doch das stimmt nur in den seltensten Fällen. Die Geopolitik interessiert sich daher genauso wenig für einzelne Politiker, wie sich die Wirtschaftswissenschaften für einzelne Unternehmer interessieren. Bei- de sind Akteure, die es verstehen, die Abläufe ihres jeweiligen Spiels zu lenken, die aber nicht in der Lage sind, dessen strikte Regeln zu sprengen. Politiker sind also in den seltensten Fällen freie Akteure. Ihre Entscheidungen werden ihnen durch die jeweiligen Umstände vorgegeben. Politik ist ein Resultat der Wirklichkeit, nicht des politischen Willens. Im Kleinen können einzelne Entscheidungen natürlich sehr wohl etwas bewirken. Doch selbst der brillanteste isländische Politiker wird es nicht schaffen, sein Land in eine Supermacht zu verwandeln, während selbst der dümmste Politiker des antiken Rom nicht in der Lage gewesen wäre, die Macht des Römischen Reichs in ihrem Fundament zu beschädigen. Geopolitik beschäftigt sich also nicht damit, ob eine bestimmte politische Entscheidung richtig oder falsch ist, oder ob Politiker ehrenhaft oder unehrenhaft handeln, und sie interessiert sich nicht für weltpolitische Debatten. Geopolitik beschäftigt sich mit den großen, überpersönlichen Kräften, die Nationen und Menschen einen Handlungsrahmen vorgeben und sie zwingen, in der einen oder anderen Weise zu handeln. Um die Wirtschaft verstehen zu können, muss man wissen, dass jede Handlung ungeplante Folgen hat. Maßnahmen, die Menschen in ihrem eigenen Interesse ergreifen, haben Auswirkungen, die sie weder absehen können noch intendieren. Das ist in der Geopolitik nicht anders. Es ist kaum anzunehmen, dass die Bewohner des kleinen Dorfes Rom zu Beginn ihrer Expansion im siebten vorchristlichen Jahrhundert bereits die Blaupausen für die Eroberung des Mittelmeerraums fünf Jahrhunderte später in der Tasche hatten. Doch die ersten Maßnahmen, die sie gegen die Nachbardörfer ergriffen, setzten einen Prozess in Gang, der durch die Wirklichkeit vorgegeben und von ungeplanten Folgen begleitet wurde. Das Römische Reich war nicht geplant, doch es war keineswegs ein Zufallsprodukt. Die geopolitische Analyse basiert auf zwei Annahmen: Erstens, dass sich Menschen zu größeren Gruppen zusammenschließen und daher politisch tätig werden müssen. Menschen empfinden eine natürliche Loyalität für Strukturen, in die sie hineingeboren werden, etwa für ihre Heimatregion oder ihre Nation. Die nationale Zugehörigkeit spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Geopolitik lehrt uns, dass das Verhältnis zwischen Nationen eine entscheidende Dimension im menschlichen Leben darstellt, was wiederum zur Folge hat, dass Kriege allgegenwärtig sind. Zweitens geht die geopolitische Analyse davon aus, dass der Charakter einer Nation und das Verhältnis zwischen Nationen zu einem guten Teil durch die Geografie vorgegeben werden. Der Begriff Geografie wird dabei weit gefasst und beinhaltet nicht nur die physischen Eigenschaften einer Region, sondern auch die Auswirkungen einer bestimmten Örtlichkeit auf Menschen und Gesellschaften. So waren beispielsweise die Differenzen zwischen den antiken Stadtstaaten Sparta und Athen in der Hauptsache auf die Unterschiede zwischen einer Stadt im Binnenland und einer Seemacht zurückzuführen. Athen war reich und weltoffen, Sparta arm, provinzlerisch und zäh. Zwischen Spartanern und Athenern lagen politisch und kulturell Welten. Ausgehend von diesen Prinzipien können wir uns große Bevölkerungen vorstellen, die durch menschliche Bande zusammengehalten werden und sich innerhalb fester geografischer Räume in einer ganz bestimmten Art und Weise verhalten. Die Vereinigten Staaten sind die Vereinigten Staaten und müssen sich daher in einer klar definierten Art und Weise verhalten. Dasselbe gilt für Japan, die Türkei und Mexiko. Wenn wir uns diejenigen Kräfte genauer ansehen, die eine Nation formen, dann stellen wir fest, dass jede nur eine eng begrenzte Auswahl von Spielzügen zur Verfügung hat.

Das 21. Jahrhundert unterscheidet sich nicht von allen vorangegangenen. Es wird Kriege und Armut, Siege und Niederlagen, Tragödien und glückliche Entwicklungen geben. Die Menschen werden arbeiten, Geld verdienen, Kinder bekommen, sich verlieben und hassen. Das sind die unabänderlichen Bedingungen des Menschseins. Doch das 21. Jahrhundert wird sich in zweierlei Hinsicht von der Vergangenheit unterscheiden: Erstens stehen wir am Beginn eines neuen Zeitalters, und zweitens erleben wir die Herrschaft einer neuen Weltmacht. Das kommt nicht allzu oft vor. Wir leben heute im Amerikanischen Zeitalter. Um dieses Zeitalter zu verstehen, müssen wir die Vereinigten Staaten verstehen, nicht nur, weil sie die mächtigste Nation sind, sondern auch, weil ihre Kultur die Welt durchdringen und prägen wird. So wie Franzosen und Briten zur Zeit ihrer Vorherrschaft die Welt mit ihrer Kultur definiert haben, wird nun die amerikanische Kultur, so jung und barbarisch sie ist, der Welt vorgeben, wie sie zu denken und zu leben hat. Wer sich mit dem 21. Jahrhundert beschäftigt, muss sich damit zwangsläufig auch mit den Vereinigten Staaten auseinandersetzen. Wenn ich das 21. Jahrhundert in einer Aussage zusammenfassen sollte, dann würde ich sagen, das Europäische Zeitalter ist zu Ende, das Amerikanische Zeitalter hat begonnen, und der nordamerikanische Kontinent wird für die nächsten hundert  Jahre von den Vereinigten Staaten dominiert werden. Die Ereignisse des 21. Jahrhunderts drehen sich um die Vereinigten Staaten. Das bedeutet nicht, dass diese notwendig gerecht und moralisch handeln werden. Und es bedeutet schon gar nicht, dass sie eine reife Zivilisation sind. Es bedeutet nur, dass die Geschichte des 21. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht die Geschichte der Vereinigten Staaten sein wird.

Kapitel 1 - Das Amerikanische Zeitalter

Die Vereinigten Staaten leiden unter der tief sitzenden Angst, dass der Untergang ihres Lands unmittelbar bevorsteht. In Leserbriefen, Internetseiten und öffentlichen Debatten geht es um schreckliche Kriege, ein unkontrollierbares Haushaltsdefizit, hohe Benzinpreise, Schießereien an Universitäten und eine endlose Litanei weiterer Probleme, die sämtlich nicht von der Hand zu weisen sind und die das Gefühl erzeugen, der Amerikanische Traum sei ausgeträumt und Amerika habe seinen Zenit überschritten. Wenn Sie das nicht überzeugt, fragen Sie die Europäer – diese werden Ihnen bereitwillig erklären, warum die Vereinigten Staaten ihre besten Tage hinter sich haben. Das Merkwürdige ist nur, dass diese Vorahnungen bereits zu Zeiten von Präsident Nixon durch das Land spukten – die Themen waren weitgehend dieselben. Die Amerikaner werden von der Angst umgetrieben, die Macht und der Wohlstand der Vereinigten Staaten seien nur eingebildet und der Absturz stehe unmittelbar bevor. Dieser Eindruck herrscht über alle Partei- und Ideologiegrenzen hinweg. Umweltschützer und bibeltreue Christen verkünden dieselbe Botschaft: Wenn wir nicht Reue zeigen und umkehren, werden wir bestraft werden – aber vielleicht ist es bereits zu spät. Es ist eine interessante Feststellung, dass ein Land, das an seine göttliche Bestimmung glaubt, in der Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe lebt oder zumindest von der Furcht umgetrieben wird, es könne möglicherweise nicht mehr das sein, was es einmal war. Amerikaner hegen nostalgische Gefühle für die 1950er, als alles »so viel einfacher« war. Das ist allerdings eine merkwürdige Sicht, denn die Goldenen Fünfziger waren mit dem Koreakrieg, den Kommunistenverfolgungen durch McCarthy, den Rassenunruhen von Little Rock, dem Sputnikschock, der Berlinkrise und der anhaltenden nuklearen Bedrohung eine Zeit der Angst und der bösen Vorahnungen. Ein Bestseller von W. H. Auden trug den Titel The Age of Anxiety – »Das Zeitalter der Angst«. Damals erinnerte man sich ebenfalls voller Nostalgie an ein längst vergangenes Amerika, genau wie wir heute auf die Fünfziger zurückblicken. Die Kultur der Vereinigten Staaten ist eine manische Mischung aus arroganter Selbstüberschätzung und tiefer Niedergeschlagenheit. Das heißt, das amerikanische Selbstbewusstsein wird immerfort ausgehöhlt durch die Angst, das Land könne in der Flut der schmelzenden Polkappen untergehen, oder ein zorniger Gott könne es für die Einführung der Schwulenehe zerschmettern, beides durch eigenes Verschulden. Diese Stimmungsumschwünge machen es schwer, das Land zu Beginn des 21. Jahrhunderts einzuschätzen. Tatsache ist jedoch, dass die Vereinigten Staaten über eine gewaltige Macht verfügen. Es kann durchaus sein, dass viele Amerikaner das Gefühl haben, auf eine Katastrophe zuzusteuern, doch wenn man sich die Tatsachen ansieht, fällt es schwer, sich vorzustellen, worin diese Katastrophe bestehen könnte. Sehen wir uns einige aufschlussreiche Zahlen an. In den Vereinigten Staaten leben nur rund 4 Prozent der gesamten Weltbevölkerung, doch sie produzieren etwa 26 Prozent aller weltweiten Güter und Dienstleistungen: Im Jahr 2007 betrug ihr Bruttoinlandsprodukt rund 14 Billionen US-Dollar, verglichen mit dem Weltinlandsprodukt von 54 Billionen. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist Japan mit einem Bruttoinlandsprodukt von 4,4 Billionen US-Dollar. Die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten ist größer als die nächsten vier Volkswirtschaften Japan, Deutschland, China und Großbritannien zusammengenommen. Viele Beobachter nennen den Niedergang der Auto- und Stahlbranche, die vor einer Generation noch der Stützpfeiler der US-Wirtschaft waren, als Beispiele für die Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten. Tatsächlich werden große Teile dieser Branchen ins Ausland verlagert, weshalb die Industrie im Jahr 2006 nur noch einen Umsatz von 2,8 Billionen US-Dollar erzielte. Damit ist sie allerdings noch immer die größte der Welt und rund doppelt so groß wie die Japans, der nächstgrößten Industrienation, und größer als die Japans und Chinas zusammengenommen. Immer wieder ist die Rede von der Rohstoffknappheit. Diese ist eine Realität, und sie wird vermutlich noch ernstere Formen annehmen. Doch wir sollten uns daran erinnern, dass die Vereinigten Staaten im Jahr 2006 pro Tag rund 8,3 Millionen Barrel Rohöl produzierten. Zum Vergleich: Russland förderte im selben Jahr 9,7 Millionen Barrel pro Tag und Saudi-Arabien 10,7 Millionen. Damit erzielen die Vereinigten Staaten 87 Prozent der saudischen Fördermenge und erzeugen mehr Rohöl als der Iran, Kuwait oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Natürlich importieren die Vereinigten Staaten zusätzlich gewaltige Mengen von Öl, doch angesichts der industriellen Produktion ist dies nur verständlich. Ein Vergleich der Gasproduktion zeigt, dass Russland im Jahr 2006 mit einer Fördermenge von rund 630 Milliarden Kubikmetern den ersten Platz belegte – vor den Vereinigten Staaten mit rund 530 Milliarden Kubikmetern auf Platz zwei. Allerdings erzeugen die Vereinigten Staaten mehr Erdgas als die folgenden fünf Förderländer zusammen. Mit anderen Worten, obwohl beständig die Sorge geäußert wird, die Vereinigten Staaten könnten von ausländischen Energielieferanten abhängig werden, ist das Land selbst einer der größten Energieproduzenten. Angesichts der gewaltigen Produktion der US-Wirtschaft ist es interessant festzustellen, dass die Vereinigten Staaten im internationalen Vergleich unterbevölkert sind. Weltweit kommen im Durchschnitt 49 Menschen auf jeden Quadratkilometer, in Japan sind es 338 und in Deutschland 230. In den Vereinigten Staaten beträgt die Bevölkerungsdichte dagegen nur 31 Einwohner pro Quadratkilometer, und wenn wir den kaum bewohnbaren Bundesstaat Alaska ausnehmen, sind es immer noch 34. Selbst wenn wir die Gesamtbevölkerung auf die zur Verfügung stehende landwirtschaftliche Nutzfläche umlegen, kommt in den Vereinigten Staaten fünf Mal so viel Land auf jeden Einwohner wie in Asien, fast doppelt so viel wie in Europa und drei mal so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Eine Volkswirtschaft basiert auf Land, Arbeit und Kapital. Die Zahlen zeigen, dass die Vereinigten Staaten in allen drei Bereichen noch erhebliches Wachstums- potenzial haben. Es gibt viele Gründe, warum die Wirtschaft der Vereinigten Staaten derart stark ist, doch der einfachste ist ihre militärische Macht. Die Vereinigten Staaten beherrschen einen gesamten Kontinent, der gegenüber jeder Invasion unverwundbar ist. Nahezu jede andere Industrienation der Welt hat im 20. Jahrhundert mindestens einen verheerenden Krieg erlebt. Die Vereinigten Staaten haben zwar Kriege geführt, aber nie selbst welche erlebt. Militärische Macht und Geografie haben eine wirtschaftliche Realität geschaffen. Andere Länder haben Zeit verloren, weil sie sich von Kriegen erholen mussten. Anders die Vereinigten Staaten: Sie sind aufgrund der Kriege sogar gewachsen. Sehen wir uns eine weitere Tatsache an, auf die ich im Verlaufe dieses Buches noch öfter zurückkommen werde. Die Marine der Vereinigten Staaten kontrolliert die Ozeane der gesamten Welt. Ob eine Dschunke im Südchinesischen Meer, ein Kreuzfahrtschiff in der Karibik, eine Dhau vor der afrikanischen Küste, ein Tanker im Persischen Golf – jedes Schiff wird von den Satelliten der Marine erfasst, welche die Weiterfahrt zulässt oder eben nicht. Die Seestreitkräfte der Vereinigten Staaten sind größer als die aller übrigen Nationen der Welt zusammengenommen. Dies ist ein historisch völlig einmaliger Vorgang. Zu allen Zeiten gab es regional dominierende Seestreitkräfte, doch noch nie konnte eine Seemacht, selbst nicht die britische Navy, weltweit eine derartige Vorherrschaft ausüben. Das hat unter anderem zur Folge, dass die Vereinigten Staaten zwar andere Länder erobern, aber nie selbst erobert werden können. Es bedeutet jedoch auch, dass die Vereinigten Staaten effektiv den Welthandel kontrollieren. Diese Stärke ist die Grundlage ihrer Sicherheit und ihres Wohlstandes. Die Vorherrschaft auf den Weltmeeren begann nach dem Zweiten Weltkrieg, sie festigte sich gegen Ende des Europäischen Zeitalters und ist heute die Basis ihrer wirtschaftlichen und militärischen Macht.

Welche vorübergehenden Schwierigkeiten die Vereinigten Staaten auch immer haben mögen, das weltweit wichtigste Problem ist die enorme Ungleichverteilung wirtschaftlicher, militärischer und politischer Macht. Jeder Versuch einer Prognose über die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts, der nicht bei dieser immensen Macht der Vereinigten Staaten beginnt, ginge an der Realität vorbei. Doch ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass die Vereinigten Staaten heute erst am Beginn ihrer Macht stehen. Das 21. Jahrhundert wird das Amerikanische Jahrhundert. Lassen Sie mich diese These ein wenig weiter ausführen. In den vergangenen fünf Jahrhunderten wurde das Gefüge der internationalen Beziehungen von den europäischen Anrainerstaaten des Nord- atlantik beherrscht: von Portugal, Spanien, Frankreich, England und in geringerem Umfang den Niederlanden. Diese Länder veränderten die Welt und schufen das erste globale wirtschaftliche und politische System der Geschichte. Wie wir wissen, verlor Europa im Laufe des 20. Jahrhunderts seine Macht und mit ihr seine Kolonialreiche. In dieses Vakuum stießen die Vereinigten Staaten, die dominierende Macht im Nordatlantik und die einzige Macht, die an den Atlantik und den Pazifik grenzt. Der nordamerikanische Kontinent hat die Position eingenommen, die Europa zwischen der Entdeckungsfahrt von Christoph Columbus im Jahr 1492 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 innehatte, und ist zum Dreh- und Angelpunkt des internationalen Systems geworden. Um das 21. Jahrhundert zu verstehen, müssen wir uns diese grundlegende strukturelle Verschiebung näher ansehen, die sich Ende des 20. Jahrhunderts ergeben und den Boden für ein Jahrhundert bereitet hat, das sich radikal von den vorhergehenden unterscheiden wird, so wie sich die Vereinigten Staaten von Europa unterscheiden. Ich behaupte nicht nur, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet hat, sondern auch, dass die Vereinigten Staaten wenig dafür konnten. Diese Entwicklung ist keine Folge von politischen Entscheidungen, sondern ist auf die Wirkungsweise von geopolitischen Kräften zurückzuführen.

Europa

Bis ins 15. Jahrhundert lebten die Menschen in hermetisch abgeschlossenen Welten. Die Menschheit begriff sich nicht als eine Einheit. Die Chinesen wussten nichts von der Existenz der Azteken, die Mayas hatten keine Ahnung von der Existenz der Zulus. Die Europäer hatten zwar von den Japanern gehört, doch sie wussten nichts über sie und hatten keinerlei Kontakt zu ihnen. Die babylonische Sprachverwirrung erschwerte die Kommunikation zwischen den Völkern. Ganze Zivilisationen lebten nebeneinander her, ohne einander wahrzunehmen. Die Nationen an der Ostküste des Nordatlantik überwanden die Grenzen zwischen diesen abgeschotteten Regionen und fügten die Welt zu einer einzigen Einheit zusammen, deren Teile miteinander interagierten. Das Schicksal der australischen Ureinwohner war plötzlich verknüpft mit dem Verhältnis zwischen England und Irland sowie dem britischen Bedarf an überseeischen Strafkolonien. Das Schicksal der Inkas hing auf einmal zusammen mit dem Verhältnis von Spanien und Portugal. Der europäische Imperialismus schuf eine globalisierte Welt. Die europäischen Atlantikanrainer waren der Dreh- und Angelpunkt des globalen Systems. Europa gab weitgehend vor, was im Rest der Welt passierte. Andere Nationen und Regionen handelten immer mit Blick auf Europa. Zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert gab es kaum ein Fleckchen Erde, das dem europäischen Einfluss entgangen wäre. Im Guten wie im Bösen drehte sich alles um Europa. Die europäische Drehscheibe war der Nordatlantik. Wer dieses Meer beherrschte, besaß den Schlüssel für das Tor zur Welt. Europa war weder die zivilisierteste noch die fortschrittlichste Region des Planeten. Warum also wurde es das Zentrum der Welt? Verglichen mit China und der islamischen Welt war das Europa des fünfzehnten Jahrhunderts technisch und intellektuell rückschrittlich. Warum ausgerechnet diese kleinen und abseits gelegenen Nationen? Und warum zu diesem Zeitpunkt, und nicht fünfhundert Jahre früher oder später? 

Der europäische Aufstieg hatte zwei Ursachen: Geld und Geografie. Europa war von Importen aus Asien abhängig, vor allem aus Indien. Der importierte Pfeffer wurde beispielsweise nicht nur als Gewürz verwendet, sondern auch zur Konservierung von Fleisch und war daher ein wichtiger Faktor der europäischen Wirtschaft. Asien war die Schatzkammer der Luxusgüter, die in Europa stark nachgefragt wurden. Die Importe wurden traditionell über die legendäre Seidenstraße und andere Handelsrouten in den Mittelmeerraum geliefert. Mit dem Aufstieg der Türkei, auf den wir später noch näher eingehen werden, kam es zur Sperrung dieser Handelswege, wodurch sich die Importe verteuerten. Verzweifelt suchten europäische Händler nach Möglichkeiten, das Osmanische Reich zu umgehen. Spanier und Portugiesen – die Iberer – suchten nach einem nicht-militärischen Ausweg: einer alternativen Handelsroute nach Indien. Nach Ansicht der Iberer gab es nur einen einzigen Weg nach Indien, der nicht durch das Osmanische Reich führte: den Seeweg um das Horn von Afrika in den Indischen Ozean. Sie spekulierten über die Möglichkeit einer Alternativroute, die darauf basierte, dass die Erde eine Kugel war, und die sie auf dem westlichen Seeweg nach Indien bringen würde. Dies war ein historisch einmaliger und entscheidender Moment. Zu einem anderen Zeitpunkt wären die Anrainerstaaten des Atlantik möglicherweise in Armut und Provinzialität zurückgefallen. Doch die wirtschaftlichen Zwänge waren real, die Türken stellten eine echte Gefahr dar – es bestand dringender Handlungsbedarf. Die Spanier, die gerade die Muslime von der Iberischen Halbinsel vertrieben hatten, standen auf dem Höhepunkt ihrer barbarischen Überheblichkeit. Außerdem verfügten sie endlich über die technischen Mittel, eine solche Entdeckungsfahrt durchzuführen. Mit der Karavelle hatten die Iberer ein hochseetaugliches Schiff. Dazu kam eine Vielzahl von Navigationsinstrumenten wie der Kompass und das Astrolabium. Schließlich verfügten sie über Feuerwaffen, insbesondere Kanonen. Sämtliche dieser Technologien hatten die Iberer von anderen Kulturen übernommen, doch erst sie waren es, die daraus ein effektives wirtschaftliches und militärisches System schufen, das sie in die Lage versetzte, weit entfernte Länder zu erreichen, dort Kriege zu führen und diese zu gewinnen. Völker, die den Schuss einer Kanone hörten und sahen, wie ein Gebäude in die Luft flog, zeigten tendenziell größere Verhandlungsbereitschaft. Bei der Ankunft am Zielort konnten die Iberer gewissermaßen die Tür eintreten und das Kommando übernehmen. Während der nächsten Jahrhunderte beherrschten die Europäer mit ihren Schiffen, ihren Kanonen und ihrem Geld die Welt und errichteten das erste globale System, das Europäische Zeitalter. Europa beherrschte zwar die Welt, doch nicht sich selbst. Über fünf Jahrhunderte hinweg zerriss sich der Kontinent in endlosen Kriegen. Daher gab es nie ein geeintes Europäisches Reich, sondern ein britisches, ein spanisches, ein portugiesisches, ein französisches, und so weiter. Während die Europäer Länder besetzten, Völker unterwarfen und schließlich weite Teile der Welt beherrschten, zehrten sie ihre Kräfte in endlosen Bruderkriegen auf. Es gibt viele Gründe, weshalb die Europäer außerstande waren, sich zusammenzuschließen, doch der entscheidende ist ein einfaches geografisches Merkmal: der Ärmelkanal. Spanier, Franzosen und schließlich auch Deutsche beherrschten zu einem bestimmten Zeitpunkt das Festland, doch keinem gelang es, den Ärmelkanal zu überqueren. Und weil niemand Großbritannien unterwerfen konnte, gab es auch keinen Eroberer, der je die Kontrolle über ganz Europa gewonnen hätte. Frieden war nie mehr als ein vorübergehender Waffenstillstand. Schon zu Beginn des Ersten Weltkriegs, in dem zehn Millionen junge Männer ums Leben kamen, war Europa müde. Nach dem Krieg war das europäische Selbstbewusstsein gebrochen, und die Wirtschaft lag am Boden. Demografisch, wirtschaftlich und kulturell war Europa nur noch ein Schatten seiner selbst. Doch das war erst der Anfang.

Das Ende der alten Ordnung

Die Vereinigten Staaten gingen aus dem Ersten Weltkrieg als neue Weltmacht hervor. Diese Macht steckte allerdings noch in den Kinderschuhen. Geopolitisch war Europa noch längst nicht am Ende, und psychologisch waren die Vereinigten Staaten noch nicht bereit, auf der Bühne des Weltgeschehens dauerhaft eine Rolle einzunehmen. Doch es waren zwei Dinge passiert. Erstens hatten die Vereinigten Staaten während des Ersten Weltkriegs eine eindrucksvolle Demonstration ihrer Macht abgeliefert. Und zweitens hatten sie in Europa eine Zeitbombe zurückgelassen, die ihre Macht in der Zeit nach dem nächsten Krieg sicherstellte. Diese Zeitbombe war der Friedensvertrag von Versailles, der den Ersten Weltkrieg beendete, aber viele der Konflikte, die den Krieg verursacht hatten, nicht lösen konnte. Aufgrund dieses Vertrags waren neue Auseinandersetzungen vorprogrammiert. Tatsächlich flammte der Krieg zwanzig Jahre später wieder auf. Innerhalb von nur sechs Wochen eroberte Deutschland das benachbarte Frankreich. Die Vereinigten Staaten hielten sich zunächst heraus, doch sie stellten sicher, dass der Krieg nicht mit einem deutschen Sieg endete. Großbritannien erhielt den Widerstand aufrecht, unterstützt durch die Vereinigten Staaten und den sogenannten LendLease-Act. Die meisten erinnern sich an den »Lend«-Teil und daran, dass die Vereinigten Staaten Großbritannien Kriegsmaterial zur Verfügung stellten. Doch der »Lease«-Teil wird meist vergessen: Im Gegenzug übergaben die Briten fast sämtliche ihrer Marinestützpunkte in der westlichen Hemisphäre an die Vereinigten Staaten. Damit erhielten die Vereinigten Staaten den Schlüssel zum Nordatlantik – im Klartext: zum europäischen Tor zur Welt. Schätzungen zufolge kamen im Zweiten Weltkrieg 55 Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten – ums Leben. Der Krieg hinterließ ein Trümmerfeld, ganze Nationen waren verwüstet. Die Vereinigten Staaten hatten dagegen nur 500 000 gefallene Soldaten und kaum zivile Opfer zu beklagen – weniger als ein Prozent aller Kriegsopfer. Im Gegensatz zu allen anderen Kriegsteilnehmern verfügten sie nach Kriegsende über eine erheblich stärkere Industrie als zu Beginn. Keine amerikanischen Städte wurden bombardiert (mit Ausnahme von Pearl Harbor), kein amerikanisches Territorium besetzt (mit Ausnahme zweier kleiner Inseln in den Aleuten). Dafür kontrollierten die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur den Nordatlantik, sondern sämtliche Weltmeere. 

Sie hatten mehr oder weniger ganz Westeuropa besetzt und lenkten die Geschicke Frankreichs, der Niederlande, Belgiens, Italiens und sogar Großbritanniens. Im fernen Asien hatten sie die vollständige Kontrolle über Japan. So verloren die Europäer ihre Kolonialreiche – zum Teil aus Erschöpfung, zum Teil aus Kostengründen und zum Teil, weil deren Fortbestand nicht im Interesse der Vereinigten Staaten lag. Im Laufe der kommenden zwanzig Jahre schmolz das europäische Weltreich dahin, ohne dass die alten Kolonialherren ernsthaften Widerstand geleistet hätten. Die geopolitische Realität (die schon Jahrhunderte zuvor in Spaniens Dilemma sichtbar geworden war) kam in einer Katastrophe an ihr logisches Ende. Die entscheidende Frage lautet nun: War der Aufstieg der Vereinigten Staaten nach 1945 das Ergebnis einer brillanten machiavellistischen Politik? In einem Krieg, der 55 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, erlangten die Vereinigten Staaten die Vorherrschaft über die Welt um den Preis von 500 000 Opfern. War Franklin Delano Roosevelt ein genialer und skrupelloser Politiker, oder wurden die Vereinigten Staaten eher nebenbei zur Supermacht, während sie die »vier Freiheiten« und die Charta der Vereinten Nationen verfolgten? Unterm Strich spielt das keine Rolle. In der Geopolitik sind die ungeplanten Folgen die eigentlich wichtigen. Die Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, der sogenannte Kalte Krieg, war ein globaler Konflikt. Gegenstand der Auseinandersetzungen war letztlich die Frage, wer das zerfallende Weltreich der Europäer erben würde. Obwohl beide Seiten über erhebliche militärische Mittel verfügten, waren die Vereinigten Staaten im Vorteil. Die Sowjetunion hatte zwar ein riesiges Staatsgebiet, doch sie war im Grunde ein Binnenland. Die deutlich kleineren Vereinigten Staaten hatten hingegen Zugang zu sämtlichen Weltmeeren. Die Sowjets waren nicht in der Lage, die Vereinigten Staaten einzukreisen – umgekehrt waren es diese sehr wohl. Von Norwegen über die Türkei bis zu den Aleuten schufen die Vereinigten Staaten einen Gürtel von Verbündeten rund um die Sowjetunion. Ab 1970 gehörte sogar China dazu. Wo immer die Sowjets einen Hafen hatten, wurde dieser durch die geografischen Gegebenheiten oder die amerikanischen Seestreitkräfte blockiert. In der Geopolitik herrschen zwei widersprüchliche Auffassungen vom Zusammenhang von Geografie und Macht vor. Eine geht auf einen Engländer namens Halford John Mackinder zurück, der die Ansicht vertritt, wer Eurasien kontrolliere, der kontrolliere die Welt: »Wer Osteuropa [das russische Europa] beherrscht, beherrscht das Zentrum. Wer das Zentrum beherrscht, beherrscht die Weltinsel [Eurasien]. Wer die Weltinsel beherrscht, beherrscht die Welt.« Diese Denkweise liegt der britischen Strategie zugrunde und bestimmte die amerikanische Außenpolitik während des Kalten Kriegs, in dem es darum ging, das europäische Russland einzukreisen und abzuschnüren. Dem steht jedoch die Auffassung eines amerikanischen Admirals namens Alfred Thayer Mahan, einem weiteren geopolitischen Vordenker, gegenüber. In seinem Buch The Influence of Sea Power on History widerspricht Mahan seinem britischen Kollegen Mackinder und behauptet, die Kontrolle über die Weltmeere sei der Schlüssel zur Kontrolle über die Welt. In gewisser Hinsicht bestätigt die Geschichte beide Sichtweisen. Die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur alleinigen Weltmacht wurden, bestätigt Mackinders Theorie. Doch Mahan verstand zwei entscheidende Faktoren: Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist auf die amerikanische Seemacht zurückzuführen und verlieh seinerseits den Seestreitkräften der Vereinigten Staaten die Hoheit über die Weltmeere. Mahan führt aus, es sei immer günstiger, Güter auf dem See- als auf dem Luft- oder Landweg zu transportieren. Schon im fünften vorchristlichen Jahrhundert war Athen wohlhabender als Sparta, denn Athen verfügte über einen Hafen, eine Handelsflotte und Kriegsschiffe, die diese schützten. Bei ansonsten gleichen Voraussetzungen sind Seemächte immer wohlhabender als ihre im Binnenland gelegenen Nachbarn. Mit dem Beginn der Globalisierung im 15. Jahrhundert wurde diese Tatsache zu einer geopolitischen Konstante. Die Kontrolle über die Weltmeere bedeutete zum einen, dass die Vereinigten Staaten nicht selbst nur Seehandel betreiben, sondern die Bedingungen des gesamten Seehandels vorschreiben konnten. Sie konnten die Regeln aufstellen oder die Regeln anderer Staaten aushebeln und ihnen den Zugang zu den Welthandelsrouten verwehren. Allerdings üben die Vereinigten Staaten ihren Einfluss auf das Welthandelssystem meist subtiler aus und benutzen den Zugang zum großen amerikanischen Markt als Hebel, um auf das Verhalten anderer Nationen einzuwirken. Es ist also kein Wunder, dass die Vereinigten Staaten großen Wohlstand erlangten, und dass die Sowjetunion als Binnenland nicht in der Lage war, mit ihnen in Konkurrenz zu treten. Zum anderen verschaffte die Kontrolle über die Weltmeere den Vereinigten Staaten einen entscheidenden militärischen Vorteil. Sie selbst konnten nicht erobert werden, doch sie konnten andere Länder erobern, wann immer sie wollten. Nach 1945 konnten sie Kriege führen, ohne je eine Unterbrechung ihres Nachschubs befürchten zu müssen. Gleichzeitig konnte kein anderes Land ohne ihre Zustimmung einen Seekrieg beginnen. Die Briten konnten 1982 nur deshalb den Falklandkrieg gegen Argentinien beginnen, weil die Vereinigten Staaten dies nicht verhinderten. Und als die Briten, Franzosen und Israelis 1956 gegen den Willen der Vereinigten Staaten Ägypten besetzten, mussten sie auf deren Druck schließlich wieder abziehen. Während des Kalten Kriegs war ein Bündnis mit den Vereinigten Staaten immer profitabler als ein Bündnis mit der Sowjetunion. Die Sowjets hatten Waffen, politische Unterstützung, Technologie und vieles mehr zu bieten. Doch die Vereinigten Staaten boten Zugang zu ihrem internationalen Handelssystem und das Recht, auf dem amerikanischen Markt tätig zu werden. Das stellte jede andere Form der Unterstützung weit in den Schatten. Aus dem Handelssystem ausgeschlossen zu sein, bedeutete Armut, Teil des Handelssystems zu sein dagegen Wohlstand. Ein ausgezeichnetes Beispiel ist die unterschiedliche Entwicklung von Nord- und Südkorea sowie von Ost- und Westdeutschland. Interessanterweise waren die Vereinigten Staaten während des Kalten Kriegs psychologisch immer in der Defensive. Der Koreakrieg, McCarthys Kommunistenjagd, der Sputnikschock, die Kubakrise, der Vietnamkrieg, der linke Terrorismus der 1970er und 80er Jahre, die Kritik der europäischen Verbündeten an Präsident Ronald Reagan – das alles hinterließ ein Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Verunsicherung. Aufgrund der negativen Stimmungslage lebten die Amerikaner immer unter dem Eindruck, der Vorsprung gegenüber der Sowjetunion schmelze dahin. Doch angesichts der objektiven Machtverhältnisse hatten die Sowjets nie eine Chance. Dieser Widerspruch zwischen der amerikanischen Selbstwahrnehmung und der geopolitischen Realität ist nicht unwichtig, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen wird hier deutlich, wie unreif die amerikanische Macht ist, zum anderen zeigt sich genau hier ihre immense Stärke. Diese Unsicherheit veranlasste die Vereinigten Staaten zu einem überwältigendem Aufwand und setzte große Energien frei. Während des Kalten Kriegs überließen die Amerikaner – von den politischen Führern über Ingenieure bis zu Militär- und Geheimdienstoffizieren – nichts dem Zufall.

Aus diesem Grund traf sie das Ende des Kalten Kriegs vollkommen unvorbereitet. Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten hatten die Sowjetunion eingekreist. Die Sowjets konnten es sich nicht leisten, sich den Amerikanern auf dem Meer entgegenzustellen, und mussten daher ihr Budget auf die Landstreitkräfte und den Bau von Raketen verwenden. Gleichzeitig kamen sie nie an das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten heran und konnten ihre Verbündeten nicht mit vergleichbaren wirtschaftlichen Geschenken an sich binden. Die Sowjetunion fiel immer weiter zurück, bis sie schließlich zusammenbrach. Mit dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991, beinahe auf das Jahr genau fünf Jahrhunderte nach der Entdeckungsfahrt von Christoph Columbus, ging ein Zeitalter zu Ende. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend befand sich das Machtzentrum nicht mehr in Europa, und Europa war nicht mehr der Mittelpunkt der internationalen Auseinandersetzungen. Seit 1991 sind die Vereinigten Staaten die einzige Supermacht und das Zentrum des internationalen Beziehungsgefüges.
Auf den vorangegangenen Seiten haben wir den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur Weltmacht verfolgt. Ich möchte noch einmal auf eine wenig beachtete Tatsache zurückkommen, die ich bereits erwähnt habe und die Bände spricht. Im Jahr 1980, dem Höhepunkt der Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, erreichte der transpazifische Handel erstmals die Größenordnungen des transatlantischen Handels. Nun zehn Jahre später, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, lag der transpazifische Handel bereits 50 Prozent über dem transatlantischen Handel. Das Gleichgewicht des Welthandels und damit des weltpolitischen Systems hatte sich in noch nie dagewesener Art und Weise verschoben. Dies hat konkrete Auswirkungen auf den Rest der Welt. Die Kontrolle der Schifffahrtsrouten ist eine kostspielige Angelegenheit. Die meisten Handelsnationen sind nicht in der Lage, diese Kosten zu übernehmen, und sind von Ländern abhängig, die dies können. Auf diese Weise erlangen Seemächte erhebliche politische Macht. Die Kontrolle eines angrenzenden Gewässers ist teuer. Die Kontrolle eines Tausende Kilometer entfernten Meeres ist extrem teuer. In der Vergangenheit war nur eine Handvoll von Ländern in der Lage, diese Kosten zu tragen, und die Aufgabe ist seither weder einfacher noch billiger geworden. Ein Blick in den Verteidigungshaushalt der Vereinigten Staaten bestätigt dies. Die Marine des Lands gibt mehr Geld für den Unterhalt eines einzigen Flugzeugträgers samt Begleitflotte im Persischen Golf aus als die meisten Länder für ihr gesamtes Verteidigungsbudget. Den Atlantik und den Pazifik kontrollieren zu wollen, ohne direkt an beide Ozeane zu grenzen, würde die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines jeden Lands sprengen. Nur eine Nation auf dem nordamerikanischen Kontinent ist imstande, den Atlantik und den Pazifik gleichzeitig zu kontrollieren. Aus diesem Grund ist Nordamerika heute der Dreh- und Angelpunkt des internationalen Machtgefüges. Und ich nehme an, dass Nordamerika über die nächsten Jahrhunderte das Machtzentrum der Welt bleiben wird und dass die Vereinigten Staaten zumindest im kommenden Jahrhundert ihre Vormachtstellung auf dem Kontinent behalten. Doch die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten heute die dominierende Nation des Kontinents sind, bedeutet nicht, dass sie dies auch bleiben müssen, wie das Beispiel Spaniens eindrucksvoll belegt, das einst das Europäische Zeitalter einläutete. Es ist vieles denkbar, von einem Bürgerkrieg über die Niederlage in einem Krieg bis zum Aufstieg eines anderen Staats auf dem Kontinent selbst. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Vereinigten Staaten mittelfristig – also für die nächsten hundert  Jahre – militärisch, wirtschaftlich und technologisch derart übermächtig sein werden, dass ihr weiterer Aufstieg trotz aller Krisen und Kriege nicht aufzuhalten sein wird. Diese Sicht ist durchaus vereinbar mit den amerikanischen Ängsten. Die Psyche der Vereinigten Staaten ist eine sonderbare Mischung aus arroganter Selbstüberschätzung und tiefen Selbstzweifeln. Interessanterweise trifft eine solche Beschreibung auch auf das Gemüt  eines Heranwachsenden zu – und genau das sind die Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert. 

Die Supermacht befindet sich in einer anhaltenden, pubertären Identitätskrise, die von dem neu entdeckten Gefühl der Stärke und irrationalen Stimmungsumschwüngen begleitet wird. Historisch gesehen sind die Vereinigten Staaten eine  ausgesprochen junge Nation und eine unreife Gesellschaft. Daher gehören Angeberei und Verunsicherung zu dem, was wir heute von Amerika erwarten können – so fühlt sich eben ein Jugendlicher, der seinen Platz in der Welt sucht.  Doch wenn wir die Vereinigten Staaten als eine heranwachsende Nation begreifen, dann wissen wir auch, dass das Land trotz seines Selbstbildes irgendwann das Erwachsenenalter erreichen wird. Erwachsene sind in der Regel psychisch gefestigter und körperlich stärker als Jugendliche. Daher ist es stimmig, wenn wir davon ausgehen, dass sich die Vereinigten Staaten heute erst in der Frühphase ihrer Macht befinden. Es ist noch kein zivilisiertes Land. Wie das Europa das 16. Jahrhunderts sind die Vereinigten Staaten eine barbarische Nation (das ist lediglich eine Beschreibung, keine Wertung). Sie verfügen nicht über eine fertige Kultur. Sie haben jedoch einen starken Willen, und ihre Gefühle ziehen sie in unterschiedliche und widersprüchliche Richtungen. Jede Kultur durchläuft drei Phasen. Die erste ist die der Barbarei. Barbaren halten die Gepflogenheiten ihres Dorfes für Naturgesetze und meinen, wer anders lebe als sie, sei verachtenswert und müsse entweder bekehrt oder zerstört werden. Die dritte Phase ist die Dekadenz, in der eine zynische Haltung vorherrscht: Nichts ist besser als irgendetwas anderes. Wenn Zyniker jemanden verachten, dann Menschen, die an etwas glauben. Es gibt nichts, für das es sich zu kämpfen lohnt. Die zweite und seltenste Phase ist die Zivilisation. Zivilisierte Völker sind in der Lage, widersprüchliche Auffassungen nebeneinander zu dulden. Sie sind der Ansicht, dass es Wahrheiten gibt und dass sich ihre Kultur diesen Wahrheiten annähert. Gleichzeitig lassen sie die Möglichkeit zu, dass sie sich im Irrtum befinden könnten. Diese Mischung aus Skepsis und Glaube ist in sich instabil. Kulturen gehen schließlich von der Zivilisation in die Dekadenz über, da die Selbstgewissheit durch die Skepsis ausgehöhlt wird. In jeder Kultur leben barbarische, zivilisierte und dekadente Menschen nebeneinander, doch nur eines dieser Prinzipien ist jeweils vorherrschend. Im 16. Jahrhundert war Europa ein barbarischer Kontinent, die Selbstgewissheit des Christentums beflügelte seine Eroberungen. Im 18. und 19. Jahrhundert trat Europa in die Phase der Zivilisation ein und verfiel im Laufe des 20. Jahrhunderts in die der Dekadenz. Die Vereinigten Staaten stehen dagegen erst am Anfang ihrer Geschichte. Als einzige verbleibende Weltmacht entwickeln sie eine Kultur, die notwendig barbarisch ist. Die Vereinigten Staaten sind ein Land, in dem Rechte die Muslime wegen ihres Glaubens hassen, während Linke sie aufgrund ihrer Haltung gegenüber Frauen verachten. Diese beiden scheinbar unterschiedlichen Sichtweisen haben eines gemeinsam: die Gewissheit, dass die eigenen Werte die besten sind. Und wie jede barbarische Kultur sind auch die Amerikaner bereit, für ihre vermeintlichen Wahrheiten in den Krieg zu ziehen. Das soll keine Wertung darstellen – man kann schließlich auch einen Jugendlichen nicht dafür verurteilen, dass er ein Jugendlicher ist. Es handelt sich um eine notwendige und unvermeidliche Entwicklungsphase. Die Vereinigten Staaten sind eine junge Nation, die scheinbar unbeholfen, plump, direkt und manchmal brutal vorgeht und oft von inneren Streitigkeiten zerrissen ist. Doch ähnlich wie Europa im 16. Jahrhundert werden sie trotz ihrer scheinbaren Unbeholfenheit bemerkenswert effektiv sein.

1 Kommentar:

  1. Ich bin über diese Offenheit erstaunt. Was ich immer irgendwie "wusste", wird in diesem Kapitel wie selbstverständlich ausgeschrieben. Die USA manipulieren die Geschicke Europas, mindestens seit Beginn des ersten Weltkrieges.

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