Sonntag, 11. August 2013

Nichts Neues unter der Sonne - Die Kriege des 21. Jahrhunderts


Von Peter Strutynski - AG Friedensforschung an der Uni Kassel


  • Nach den Anschlägen von New York und Washington, so sagt man, sei nichts mehr wie vorher. Die Regierenden hüben wie drüben des Atlantiks ziehen daraus vor allem die eine Lehre: Nun müsse wieder Krieg sein, Krieg gegen den weltweiten Terrorismus, und dieser Krieg werde mit ganz neuen Mitteln geführt und sehr lange dauern. Seit dem 7. Oktober wird Krieg gegen Afghanistan geführt. Schon der gewaltige Truppenaufmarsch, der dem Krieg voranging - es war der größte Truppenaufmarsch seit dem Golfkrieg, wenn nicht sogar seit Ende des Zweiten Weltkriegs -, deutete eher auf eine "konventionelle" Art der militärischen Reaktion hin. Den Warnungen aus der Friedensbewegung und allen Aufrufen zur politischen Besonnenheit zum Trotz nimmt auch der Umfang der militärischen Operationen ähnlich gigantische Züge an wie die monströse Wucht des Terroranschlags selbst. 


Die Frage, ob nun ein Zeitalter ganz neuer Kriege eingeläutet sei, sollte indessen nicht ohne Rückbezug auf den historischen Kontext, in dem die Terroranschläge stehen, beantwortet werden. Immerhin muss konstatiert werden, dass sowohl im friedenswissenschaftlichen Diskurs als auch in der politischen Rhetorik schon seit der historischen Wende 1989/91 die alten, "klassischen" Kriege ausgedient und einem neuen Typus von Krieg Platz gemacht zu haben scheinen. Dabei verstand man unter den "klassischen" Kriegen meist zwischenstaatliche Gewaltauseinandersetzungen, die nach den hergebrachten Regeln der Diplomatie (z.B. Kriegserklärung, formale Beendigung des Krieges durch einen Waffenstillstand bzw. einen Friedensvertrag) und der Kriegführung (Anerkennung der Regeln des humanitären Kriegsvölkerrechts) begonnen, durchgeführt und beendigt wurden. Neue Kriege zeichneten sich demgegenüber dadurch aus, dass sie überwiegend innerstaatlichen Charakter besäßen (Bürgerkriege), keinen Regeln mehr gehorchten, außerordentlich gewalttätig seien und den teilnehmenden Parteien (z.B. Warlords) unmittelbaren ökonomischen Vorteil gewährten, sodass diese Kriege die Tendenz haben sich immer wieder selbst zu reproduzieren. Hinzu kommt, dass die Kriegshandlungen häufig keine klaren Grenzen zu terroristischen Aktionen aufweisen. 

Sieht man sich das aktuelle Kriegsgeschehen in aller Welt an, so findet man in der Tat zahlreiche Belege für solche "neuen" Kriege: Sierra Leone, Kongo und Sudan als afrikanische "Prototypen", Kolumbien in Lateinamerika, Philippinen, Indonesien, Fidschi und Salomonen in Südostasien und Pazifik sowie einige Länder im Nahen/Mittleren Osten. Selbst in Europa existieren mittlerweile Konfliktregionen, in denen die gewaltförmigen Auseinandersetzungen den Strukturmerkmalen der "neuen Kriege" zum Verwechseln ähnlich sehen: Die Konflikte im Kosovo (1998/99), in Südserbien (2000) und seit dem Frühjahr 2001 in Mazedonien sind in ihrem Kern nichts anderes als Kämpfe um die Verteidigung von ökonomischen Pfründen etwa in Form von monopolisierten Handelswegen für Drogen, Waffen oder Menschen. Dass diese Konflikte zudem von internationalen Akteuren zur Durchsetzung anderer, in diesem Fall politischer und geostrategischer Interessen instrumentalisiert werden, macht sie zusätzlich kompliziert und verdeckt ihren ökonomischen Hintergrund. Doch davon soll weiter unten noch die Rede sein. 

Nun gibt es aber auch eine Menge empirischer Belege dafür, dass die "neuen" innerstaatlichen Kriege so neu auch wieder nicht sind. Ich möchte hier sogar die These vertreten, dass in kriegs- und friedenspolitischer Hinsicht die epochale Wende 1989/91, also die Beendigung des "Kalten Kriegs" gar nicht sonderlich dramatisch ausgefallen ist. Als Begründung führe ich einmal die reale Kriegsentwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg an, wobei ich mich im Wesentlichen auf die wissenschaftlichen Ergebnisse der Arbeitsgruppe Kriegsursachenforschung (AKUF), Hamburg, stütze; und zum Zweiten meine ich deutliche Hinweise darauf zu sehen, dass der alte "Kalte Krieg" teils noch gar nicht überwunden ist, teils in neuer Gestalt wieder aufersteht. 

Die Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts 

Zunächst also sollte in Erinnerung gerufen werden, dass die Kriegsentwicklung in den vergangenen 50 Jahren ein erstaunliches Maß an Kontinuität aufweist, die auch von der epochalen Wende 1989/91 nicht grundsätzlich erschüttert wurde. Gemäß der AKUF-Definition sind Kriege "gewaltsame Massenkonflikte", die folgende Merkmale aufweisen:
  1. An den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, wovon mindestens eine Seite aus regulären Streitkräften der Regierung bestehen muss.
  2. Auf beiden (oder mehr) Seiten muss ein gewisses Maß an zentral gelenkter Organisation der Streitkräfte und des Kampfes gegeben sein.
  3. Die Kampfhandlungen weisen eine gewisse Kontinuität auf und die Kriegsparteien operieren nach einer planmäßigen Strategie. (AKUF 2001, S. 10) Terroraktionen wie die vom 11. September 2001 würden aus diesem Grund nicht unter die Kriegsdefinition fallen.
Nach dieser Definition haben zwischen 1945 und 2000 weltweit 218 Kriege stattgefunden. Dabei hatten wir es mit mindestens vier globalen Trends zu tun:
  1. Die Zahl der aktuellen Kriege und militärischen Konflikte hat sich in der Nachkriegszeit stetig erhöht, und zwar pro Jahrzehnt um etwa 10 Kriege durchschnittlich. D.h. in den 50er Jahren wurden im Jahresdurchschnitt 10 Kriege geführt, in den 60er Jahren 20, in den 70er Jahren 30 und in den 80er Jahren waren es 40 Kriege. Die Zahl der Kriege stieg zu Beginn der 90er Jahre - u.a. bedingt durch den Zerfall der UdSSR und des Warschauer Pakts - auf rund 50, um - nach 1993 - wieder auf unter 30 Kriege zu fallen. Seit 1997 ist wieder eine Zunahme kriegerischer Konflikte zu verzeichnen. 1999 und 2000 wurden jeweils 35 Kriege gezählt.
  2. Die meisten Kriege finden nicht mehr in Europa statt, sondern an der "Peripherie", in den Ländern der sog. Dritten Welt Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Während auf Afrika und Asien jeweils 27 Prozent aller Kriege entfielen, fanden im Vorderen und Mittleren Orient (Naher Osten bis zu den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien) 25 Prozent aller Kriege statt. Auf Lateinamerika entfielen 14 Prozent und auf Europa sieben Prozent. Die Metropolen blieben im wesentlichen verschont - was nicht heißt, dass von ihnen, z.B. von Großbritannien, den USA und Frankreich, keine Kriege ausgingen! Unter den vier Staaten, die seit dem Zweiten Weltkrieg am häufigsten Krieg geführt haben, befinden sich die drei hoch entwickelten Industriestaaten und Musterdemokratien Großbritannien, USA und Frankreich (das vierte Land ist Indien). Dann erst folgen mit Irak, Kongo, China und Indonesien Staaten, denen der vorurteilsbeladene zivilisierte Mitteleuropäer schon eher eine inhärente Kriegslüsternheit unterstellt. (Die im Warschauer Pakt organisierten kommunistischen Staaten tauchen übrigens in der Liste der kriegführenden Länder erst auf den hintersten Plätzen auf - so viel zur Legende von der Aggressivität des expansionistischen Weltkommunismus, den es mittels NATO in Schach zu halten galt!) Europa, das Jahrhunderte lang wichtigster Kriegsschauplatz gewesen war und wo die beiden Weltkriege überwiegend stattgefunden haben, hat das Zeitalter des "Kalten Kriegs" relativ friedlich erlebt. Umso größer musste selbstverständlich der Schock ausfallen, als der Krieg nach dem Ende der Blockkonfrontation wieder nach Europa zurückkehrte (Balkan). Das ändert aber nichts daran, dass die Länder und Völker des Trikont am meisten unter der Geißel des Krieges zu leiden haben.
  3. Festzustellen ist auch, dass die Kriege der letzten Jahrzehnte immer weniger Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nehmen. Die Zahl der zivilen Opfer bei militärischen Konflikten nimmt sowohl absolut als auch im Vergleich zur Zahl der getöteten Soldaten immer mehr zu. Auch dies ist indessen nicht neu, sondern setzt einen, ich möchte fast sagen: säkularen Trend fort, der in den beiden Weltkriegen in bekannter Weise begründet wurde (vgl. hierzu Woit 1995). Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Verhältnis von getöteten Soldaten zu zivilen Opfern noch 8 zu 1 betragen hatte, kehrte sich diese Relation bis zum Ende des Jahrhunderts geradezu um: Auf einen getöteten Soldaten kommen nun acht getötete Zivilisten (Kaldor 2000, S. 18). Nach Angaben von UNICEF sind heute sogar bis zu 90 Prozent der Todesopfer Zivilisten, davon allein 40 Prozent Minderjährige. Im Zeitraum von 1988 bis 1997 sind etwa zwei Millionen Kinder in Kriegen und anderen bewaffneten Konflikten getötet worden, vier Millionen Kinder müssen mit lebenslänglichen Behinderungen leben (IFSH u.a. 1998, S.3)
  4. Die steigende Zahl ziviler Opfer erklärt sich zum Teil daraus, dass moderne Kriege häufig keine zwischenstaatlichen Kriege mehr sind, sondern innerstaatliche Kriege, also Bürgerkriege. Sie dauern nämlich in der Regel viel länger als zwischenstaatliche Kriege. Für fraglich halte ich indessen die auch von der AKUF vertretene These, dass wir es heute und künftig aufgrund der im Zuge der "Globalisierung" an Bedeutung verlierenden staatlichen Grenzen und der Schwächung von Nationalstaaten fast ausschließlich mit solchen innerstaatlichen Kriegen zu tun haben würden (vgl. z.B. Schlichte/Siegelberg 1997). Denn einmal haben auch schon zu Zeiten, als von Globalisierung noch gar nicht die Rede war, vorwiegend Bürgerkriege stattgefunden (z.B. in Form von Sezessionskriegen und von antikolonialen Befreiungskriegen). Von den 218 Kriegen waren 35 Prozent innerstaatliche Antiregimekriege (A-Kriege in der AKUF-Liste), 26 Prozent Sezessionskriege (B-Kriege), sechs Prozent reine Dekolonisationskriege (D), 16 Prozent "Mischkriege" (intern/zwischenstaatlich, A-, B- und "sonstige" E-Kriege) und nur 17 Prozent waren ausschließlich zwischenstaatliche Kriege im traditionellen Sinn (C-Kriege). Zum anderen, und dies wird gern vergessen, finden militärische Konflikte häufig auch mit dem Ziel der Staatenbildung statt. Auf diese Weise können mitunter sogar Bürgerkriege, die als innere Konflikte begonnen haben, die Gestalt zwischenstaatlicher Kriege annehmen (bestes Beispiel hierfür sind die Auseinandersetzungen im früheren Jugoslawien).
Anstatt also ausschließlich auf die Zunahme innerer bewaffneter Konflikte zu schauen, sollten wir unser Augenmerk auf die diesem Trend nicht unbedingt widersprechende Tendenz zur Internationalisierung von (Bürger-)Kriegen richten. Eine solche Internationalisierung kann als Folge kriegsbedingter Migrationen (Flüchtlingsbewegungen) eintreten, die sich nicht an staatliche Grenzen halten und somit Konfliktursachen "exportieren". Sie ergibt sich aber auch infolge militärischen Eingreifens von Drittstaaten, deren politische, territoriale oder wirtschaftliche Interessen (die Reihenfolge darf auch umgekehrt werden) durch den Krieg bzw. durch den erwarteten Kriegsausgang berührt werden. Beispiele hierfür liefern nicht nur die aus dem Kalten Krieg siegreich hervorgegangenen und seither konkurrenz- und beinahe schrankenlos agierenden "Westmächte" (insbesondere die USA und in ihrem Schlepptau weitere NATO-Staaten), eine solche Internationalisierung findet auch statt in Konflikten, die als "klassische" Bürgerkriege begonnen haben mögen und in die benachbarte Staaten mit zum Teil vergleichbaren Strukturen und Problemen hineingezogen werden oder sich hineinziehen lassen (z.B. Ruanda, Uganda, Kongo, Simbabwe, Sierra Leone, Liberia). Schließlich kann auch von einer Internationalisierung terroristischer Aktivitäten gesprochen werden. 

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