Freitag, 17. Mai 2013

Pater Hanna Ghoneim aus Damaskus: „Christen in Syrien werden eher aus dem Westen verfolgt“


Wir bringen Auszüge aus der Ansprache des christlichen Paters Hanna Ghoneim aus Damaskus, die dieser am 15. März 2013 im Wiener Stephansdom gehalten hat. Wer diese gelesen hat, ahnt, warum in unseren Medien darüber der Mantel des Schweigens gebreitet wurde:

"Christen in Syrien wurden bislang nicht wegen ihres Glaubens verfolgt: weder vom Staat noch von ihren islamischen Mitbürgern. Im Gegenteil! Diese bemühten sich stets, sie als wertvolle Kulturträger zu behalten. Die Christen in Syrien leben nicht als Minderheit sondern sind seit den frühesten tagen des Christentums, seit den Tagen der Bekehrung des Apostels Paulus in Damaskus, ein unabdingbarer Teil der Gesellschaft und zutiefst in ihr verwurzelt.

Syrien lebt heute in großer Angst vor heimtückischen, zerstörerischen Plänen, die im Westen – besonders in den USA, Großbritannien und Frankreich – geschmiedet werden und durch die Türkei, Nordlibanon, Jordanien sowie Irak durchgeführt und von Saudi Arabien und Katar finanziert werden. Das Ziel ist nicht, Syrien zur Schaffung einer Demokratie zu verhelfen und das Volk von einem Diktator zu befreien, wie die allermeisten Weltmedien oberflächlich berichten. Nein! Der Plan ist, das Land in ein Chaos zu stürzen. Das langfristige Ziel ist es, Syrien in islamische Emirate wahabitischer Prägung aufzuteilen.

Über westliche Großmächte schockiert

Syrien erlebt seit zwei Jahren eine vom Menschen ausgelöste Katastrophe. Alles deutet darauf hin, dass islamische Extremisten, die sogenannten Salafisten aus der ganzen Welt, die Macht für sich alleine beanspruchen und so das syrische Volk der Scharia unterwerfen wollen. Was wir Syrer nicht nachvollziehen können und uns schockiert, ist, dass dieses verwerfliche Vorhaben von westlichen Weltmächten – unter dem Vorwand der Menschenrechte und Demokratisierung! – sogar unterstützt wird. Erst jetzt sickert allmählich in der hiesigen Medienberichterstattung durch, dass westliche Staaten die Rebellen mit Waffen unterstützen. Mit diesen Waffen wird nicht wirklich die offizielle Armee bekämpft, die noch über ein großes Waffenarsenal verfügt. In erster Linie werden schutzlose und unbewaffnete Zivilisten getötet. Viele junge und ältere Menschen haben sich inzwischen dem Militär angeschlossen, um Waffen zu erhalten und ihre Häuser vor den internationale Terroristen (Rebellen) zu verteidigen. …

Was in Syrien passiert, ist für uns Syrer unfassbar. Menschen werden von Rebellen getötet, entführt und gefoltert, von ihren Wohnungen vertrieben, ihre Häuser werden ausgeraubt, sie werden erpresst, Frauen vergewaltigt und Kinder missbraucht. Vielerorts werden Bombenanschläge verübt, Massaker finden statt, Häuser werden nach Bombenanschlägen geplündert und verwüstet. Ausländische Rebellen dringen im Namen des Islam in die Häuser der Zivilisten ein mit der Begründung: Sie möchten das Land von der Diktaturmacht befreien. Die Bewohner bekommen Angst und fliehen Hals über Kopf in einen sicheren Ort. […] Wer gegen die sogenannte „Freie Armee“ der Rebellen ist, wird kurzerhand von ihnen hingerichtet, enthauptet oder erschossen. Solche Gräueltaten, die tagtäglich vorkommen, werden dann per Video von den Rebellen selber aufgenommen und im Internet triumphierend präsentiert. …

Inzwischen ist die gesamt Infrastruktur im Land zusammengebrochen. Viele Dörfer leben bereits seit Monaten ohne Stromversorgung, ohne Heizung und Benzin, und ohne Internet- und Telefonverbindung. Müllberge häufen sich auf den Straßen. Der Warentransport wird durch die vielen Kontrollstellen erschwert: Das treibt unter anderem auch die Lebensmittelkosten auf dem Markt in unerschwingliche Höhe. Wie können Menschen, die ihr ganzes Hab und Gut und oft auch ihren Arbeitsplatz verloren haben, diese Verteuerung aushalten? Tausende können nicht mehr zu ihren zerstörten Häusern zurückkehren. Sie müssen sich irgendwo um eine neue Unterkunft bemühen. Viele Menschen können sich auch keine einfache Miete mehr leisten….

Solange ausländische Rebellen mit Waffennachschub über die türkischen Grenzen in das Land eingeschleust werden, ist kein Ende dieser tragischen Situation in Sicht. Die USA-Regierung hat selbst zugegeben, dass sich etliche dieser Rebellen aus dem Terrornetzwerk Al-Qaida rekrutieren.

“Muslime in Syrien schützen Christen mehr als die Christen im Westen“

Seit einigen Wochen merkt man offensichtlich, dass Christen allmählich zur Zielscheibe der Terroristen werden. Kürzlich wurden Mörsergranaten gezielt auf christliche Viertel in Damaskus abgefeuert. Das hat viel Todesopfer gefordert. Viele Christen geraten in Panik, weil sie jetzt ernsthaft bedroht werden. Oft werden sie entführt – mit hohen Lösegeldforderungen. Wir Christen gewinnen allmählich den Eindruck, dass wir von den Machtzentren westlicher Staaten ignoriert werden. Die westlichen Regierungen unterstützen die Rebellen, um gewisse geopolitische und vor allem wirtschaftliche Ziele zu erreichen, doch sie merken nicht, welchen Schaden sie dadurch den Christen im Land antun. Ein Bischof aus dem Irak hat mir zu Beginn der syrischen Krise sinngemäß gesagt: „Der amerikanischen Regierung und Saudi-Arabien ist ein Fass Erdöl mehr wert als das Blut – sprich: das Leben – eines Christen im Nahen Osten.“

Wenn wir heute von Christenverfolgung in Syrien sprechen wollen, dann kommt diese Verfolgung eher aus dem Westen. Die Solidarität zwischen einheimischen Muslime und Christen in Syrien hat sich durch den Krieg eher verstärkt! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Muslime in Syrien die Christen mehr schützen als die Christen im Westen ihre syrischen Brüder und Schwestern."

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