Sonntag, 19. Mai 2013

Die sexualisierte Gesellschaft


Wir laufen durch die Stadt und werden überall mit eindeutiger oder auch zweideutiger Werbung konfrontiert. Auf der Straße prangt ein großes Werbeplakat eines großen Textilien-Konzerns, deren Leitspruch: »Just do it!«. Auf dem U-Bahnhof leuchten uns mehrere Werbebanner entgegen, z.B. von einem US-Onlinedienst, der mit dem Werbe-Satz: »Bin ich schon drin?« Bekanntheit erlang. Haben wir einen heißen Sommer, kann es gut passieren, dass wir bereits sehr junge Mädchen mit kurzem Röckchen und bauchfreiem Top begegnen. Und selbst wenn wir versuchen, den Blick abzuwenden, zuhause erwartet uns im Fernsehprogramm oder auch im Internet, durch Werbung, Musikvideos, Filmen oder zweideutigen Anspielungen stets das eine: Sex.

Schönheitsideale

»Ein ganz großer Teil der jungen Mädchen ist durch ein Idealbild fremdbestimmt«

»Hey, you, what do you see? Something beautiful, something free?«, singt der US-Rocker Marilyn Manson in seinem Lied »Beautiful People« und stellt damit die aufgestellten Schönheitsideale in Frage. Denn ohne Zweifel sind neben der herrschenden sozioökonomischen Struktur einer Gesellschaft, auch die vorgegebenen Schönheitsideale, die Werte, an der sich ein Großteil der in ihr lebenden Menschen orientieren. Festhalten lässt sich, dass Schönheit auch von den kulturellen Normen einer Gesellschaft abhängt, so wird beispielsweise Schönheit in Saudi-Arabien sicher anders definiert als in den USA. Die westlichen Industriegesellschaften jedoch, haben einen gemeinsamen Kodex an männlicher und weiblicher Schönheit aufgestellt. Ansonsten gäbe es wohl auch keine erfolgreichen Models, wenn Schönheit tatsächlich so subjektiv wäre, wie oftmals gerne behauptet wird. Im westlichen Konsum-Überfluss gelten daher dünne, schlanke Frauen als schön, mit vollen Lippen, langen Haaren und mittelgroßen Brüsten. Und obwohl der Feminismus Männer zu Frauen machen will, gelten heute immer noch, muskulöse, große und markant aussehende Männer zum Schönheitsvorbild.

Sex Sells

Mit Sex werden riesige Profite erwirtschaftet. Mehrere hundert Milliarden setzt die weltweite Sex- und Pornoindustrie jährlich um. Neben diesem riesigen Wirtschaftszweig ist das Thema Sex in den Medien ein immer wiederkehrendes Element. Dabei läuft das Thema Sex zweifellos mit dem gültigen Schönheitsideal zusammen. Die unausgesprochene Botschaft lautet stets: »nur wer schön ist, kann auch Sex haben«. Eindeutige oder zweideutige Aussagen, halbnackte Menschen, Diät–Fitness- oder Klamotten–Empfehlungen sowie Sex in der Musik sind täglicher Aufhänger oder direktes Thema diverser Medien. Auch in politischen Wahlkämpfen wird mittlerweile mit Sex Jagd nach Wählerstimmen gemacht, wie zuletzt bei der Bundestagswahl 2009 wo Angela Merkel zusammen mit Vera Lengsfeld auf einem Plakat zu sehen waren, worauf ihr halber Busen hervorlugte. Dazu der Spruch: »Wir haben mehr zu bieten – CDU«. Selbst Sexual-Verbrechen werden als großer Skandal verkauft, obwohl sich diese im Verhältnis zu anderen Verbrechensformen im Promillebereich bewegen dürften. Sex Sells als gesellschaftliches Credo.

Mögliche Folgen

»Dadurch erhielten die weiblichen Zuschauer ein klares Signal: Der Erfolg kommt davon, dass man ein attraktives Sex-Objekt ist.«

1.) Abstumpfung
Cosmopolitan Werbung
Die wohl am häufigsten genannte Konsequenz der Sexualisierung ist die der zwischenmenschlichen Abstumpfung, eine Schwächung der individuellen Empathie und des Einfühlungsvermögens. Diese These kommt häufig von religiösen Kritikern, welche die zunehmende Sexualisierung eben auch als unmoralisch empfinden. Trotzdem sollte dieser Einwand nicht einfach beiseite gewischt werden, so weisen beispielsweise viele daraufhin, dass Kinder unter dem Druck von Medien und Gleichaltrigen, heute sehr früh erste sexuelle Erfahrungen sammeln. Die gab es auch früher im Rahmen der sexuellen Erforschung des anderen Körpers, aber nicht in der gezielten auf Sex ausgerichteten Aktivität. So gibt es Fälle, wo Jungen mit 5-6 Jahren Mädchen auf die Toilette folgen und versuchen ihren Penis in die Vagina zu stecken mit Bemerkungen »wie gefällt dir das?«. Auch viele Streetworker und Sozialpädagogen weisen daraufhin, wie sehr die sexuelle Verrohung unter Jugendlichen verbreitet ist: »Heute können Kinder im Internet zu jeder Tageszeit unzählige Menschen beim Sex beobachten – und lernen so auch die Sexualität durchs Zuschauen. Vorbilder sind dabei keine Liebenden, die etwas füreinander empfinden. Scham und Ekel funktionieren bei vielen fast gar nicht mehr. Die Grenzen lösen sich auf«.

2.) Leistungsdruck

Gleichzeitig konstatieren Forscher jedoch eine sexuelle Überreizung und zunehmende Sex-Unlust vieler Paare. Ursache hierfür sind vor allem Leistungsdruck und Minderwertigkeitskomplexe. Wer immer und überall den vermeintlich perfekt aussehenden Menschen sieht, der den vermeintlich perfekten Geschlechtsverkehr hat, wird es auf Dauer schwer haben, keine Komplexe zu bekommen und sich nicht unter Leistungsdruck zu setzen. Die Folgen sind zunehmende Unsicherheit und mangelndes Selbstbewusstsein. Das Hinterherjagen nach dem Idealbild, bewirkt Frust, Resignation oder auch die Negierung der eigenen Individualität. Der innere Zwang zur Anpassung und Konformität sorgt schließlich dafür, dass sich immer mehr Menschen für Schönheitsoperationen unters Messer legen. Der Sex-Experte Oswalt Kolle konstatierte in seinem »Sex-Report 2008«, dass wir zwar »oversexed« seien, aber auch »underfucked«. Für ihn seien wir zur »Masturbationsgesellschaft« mutiert.

3.) Objektreduzierung
BMW Werbung: »You know you're not the first«
BMW Werbung:
»You know you're not the first«

In der sexualisierten Gesellschaft reduzieren sich Menschen gegenseitig als Objekte der Begierde bzw. als Objekte der eigenen Bedürfnisbefriedigung. Der andere hat vor allem die eigenen Wünsche und Erwartungen zu erfüllen. Menschen als Subjekte wahrzunehmen und anzuerkennen, würde die Akzeptanz menschlicher Schwächen bedingen. Wenn jedoch das Erreichen von vermeintlicher Perfektion das Ideal einer sexualisierten Gesellschaft ist, dann sind menschliche Schwächen überflüssiger Ballast, ja sogar störend und hinderlich. Menschen werden insofern als Dinge, als »Konsumartikel» wahrgenommen und verbraucht. Hier gibt es eine große Ähnlichkeit zu Huxleys »Schöne Neue Welt«, in der Sex für jeden jederzeit kostenlos zugänglich war – jeder kann es mit jedem treiben. Gefühle oder große moralische Überlegungen gab es in dieser Dystopie nicht mehr. Noch haben wir das Ideal der Liebe, aber Swinger-Clubs, Sex-Partys, Sex-Reisen und dergleichen mehr sind erste Anzeichen einer »Schönen Neuen Welt«, in der alle der Illusion anheim fallen, Vergnügen sei mit Glück gleichzusetzen.

Fazit
Burger King Werbung
Sicherlich war die vermeintlich sexuelle Befreiung der 68er Generation gut und notwendig. Ich plädiere hiermit auch keinen sexuell-konservativen Rollback, denn dieser ist häufig bigott und verlogen. Fremdgehen ist heute keine Seltenheit mehr. Es gibt sogar Internetseiten, die einem dafür Hilfestellung leisten, worauf man achten sollte: »Um für ein spontanes Sextreffen erreichbar zu sein ist ein zweites Handy lohnenswert«. So banal und einfach es klingen mag: wir sollten unser ganzes Handeln, Entscheiden und Denken nicht dem Sex-Trieb unterwerfen. Glück und Freude können zweifelsfrei durch Geschlechtsverkehr zustande kommen, aber auch nur, wenn er als ein zwischenmenschlicher Akt der Liebe und der körperlich sowie geistigen Vereinigung empfunden wird. Sex als Sportaktivität ist Vergnügen. Und eine Gesellschaft, die sich nur dem Vergnügen hingibt, wird niemals wahre Freude oder Glück empfinden können.

Alternative Medien

Blog-Archiv