Dienstag, 5. März 2013

Israel: Purim und genozidale Phantasien

Ran HaCohen

Purim. Einer der gleichermaßen bei allen beliebtesten jüdischen Festtage – bei den orthodoxen, traditionellen und sogenannten säkularen Juden. In den Straßen drängen sich Kinder und Erwachsene in Kostümen, geschminkt und auf alle möglichen Arten maskiert, auf dem Weg von einer fröhlichen Purim-Party zur nächsten. Glückliche Tage. Hinter den Karnevalsmasken lauern jedoch unheilbringende Dämonen.

Tel Aviv, Sonntag, 24. Februar
Hanan Usruf, ein 40 Jahre alter arabischer Arbeiter bei der Stadtreinigung, wurde brutal von einigen Dutzend jüdischer Männer geschlagen. Die Jerusalem Post berichtete, dass Usrufs Verletzungen eine Fraktur seiner rechten Augenhöhle und tiefe Wunden an seinem rechten Ohr und im gesamten Kopfbereich umfassen. Laut der Ärtze sei sein Sehvermögen am linken Auge beeinträchtigt, er könne aber kleine Zahlen und Buchstaben erkennen.
Die Times of Israel fügte hinzu, dass das Opfer – ein israelischer Bürger wohlgemerkt – das von „betrunkenen Jugendlichen“ angegriffen worden ist, mit Dutzenden Stichen genäht werden musste und die Ärzte ihr Bestes gaben, um sein Auge zu retten. Unter seinem horrenden im Krankenhaus aufgenommenen Foto wird Usruf zitiert mit der Aussage, dass ihn die Jugendlichen traten und Flaschen auf seinem Kopf zerschlugen, während sie ihn mit rassistischen Ausdrücken beschimpften. „Sie schrien Dinge wie ‚Sch... Araber’ und ‚mach, dass du in dein eigenes Land kommst.’“

Jerusalem, Montag 25. Februar
Hana Amtir, eine arabische Frau, die an der Straßenbahn-Haltestelle nächst dem zentralen Busbahnhof stand, wurde von einer Gruppe junger jüdischer Frauen attackiert. AFP zitiert einen (jüdischen) Zeugen, der Aufnahmen von dieser Attacke machte und diese auf Facebook stellte:
Plötzlich waren Schreie zu hören und eine Gruppe von jungen religiösen jüdischen Frauen griff die Frau an, und plötzlich schlug ihr eine junge jüdische Frau auf den Kopf, ... die anderen machten daraufhin mit und schlugen und schubsten die arabische Frau. Die Frau versuchte, sie abzuwehren, aber sie schrien sie an, sie solle ja nicht wagen, Juden anzufassen, und attackierten sie weiter und rissen mit Gewalt ihre Kopfbedeckung herunter ... Der Zwischenfall wurde beobachtet von einem Wachmann der Bahngesellschaft und von einer Gruppe ultraorthodoxer jüdischer Studenten, die daneben standen und nichts taten. 

Zuordnung

Über beide Vorfälle – die Lynchaktion in Tel Aviv und die Attacke in Jerusalem – wurde breit in den israelischen Medien berichtet (getrennt oder sogar gemeinsam), beide wurden richtig eingeordnet als Hassverbrechen, manchmal mit einem Hinweis auf ähnliche Verbrechen in der jüngsten Vergangenheit. Einiger öffentlicher Protest folgte – eine Demonstration, Petitionen und Kommentare. Wie auch immer, kein Bericht, den ich sah, erwähnte die Tatsache, dass beide Verbrechen an Purim (24.2.) begangen wurden, einem Fest, das in Jerusalem einen Tag länger dauert (24.-25.2.). Bestenfalls wurde der Festtag nebenbei erwähnt, zum Beispiel in der Times of Israel, die auch die Angreifer in Tel Aviv als betrunken beschrieb: „Die Polizei hat noch keine Verhaftungen vorgenommen [...] Erst nach der Festnahme der Verdächtigen wird die Polizei sagen können, ob die Attacke rassistisch motiviert war oder die Aktion von ausgerasteten Purim-Feierern,“ als ob sich rassistische Motivation und Purim feiern gegenseitig ausschließen würden. Insgesamt wurde Purim einfach als irrelevant ignoriert.
Ist der jüdische Feiertag wirklich irrelevant? Dass die Angreifer betrunken waren, kann leicht auf die religiöse Pflicht zurückgeführt werden, sich zu Purim zu betrinken. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Purim wurde seit Jahrhunderten identifiziert mit jüdischer Gewalt (und mit Anschuldigungen gegen Juden wegen Gewalttaten, seien sie wahr oder erfunden). Man denke zum Beispiel nur an die Stadt Hebron in der West Bank: es war an Purim 1981, als jüdische Siedler das Dach über einer arabischen Polsterfabrik in „Beit Hadassa“ zum Einsturz brachten, deren Eigentümer vertrieben und das Haus übernahmen, ein entscheidender Schritt in der Entwicklung zu einer voll ausgewachsenen ethnischen Säuberung im Herzen der palästinensischen Stadt. Die Purim-Aufmärsche in dieser Stadt wurden mittlerweile zu einer Tradition der Provokationen, bei denen jüdische Gewalt von Jahr zu Jahr anwächst – mit dem Höhepunkt zu Purim 1994, als ein jüdischer Siedler 29 muslimische Betende massakrierte und 125 in der Höhle der Pariarchen verwundete. Der Schlächter zog in die Ehrenhalle der Siedler ein: „Purim in Hebron nach 1994 war wie Purim in Hebron seit 1981, nur um eines mehr – mit einem neuen jüdischen Helden, als der sich jüdische Kinder verkleideten,“ schreibt der israelische Historiker Professor Elliott Horowitz in seinem exzellenten Buch ‚Reckless Rites: Purim and the Legacy of Jewish Violence (‚Verwegene Bräuche: Purim und das Erbe jüdischer Gewalt’, 2006), welches die Wurzeln und die Geschichte der jüdischen Gewalt zu Purim (gemeinsam mit deren antisemitischen Missbräuchen durch Christen) dokumentiert von uralten Zeiten bis in die Gegenwart.  

Warum Purim?

Wie jedes Vermächtnis, das sich aus der Welt der Antike durch das Mittelalter bis in die moderne Zeit erstreckt, ist das Judentum eine Kultur mit vielen Facetten: es kann genau so universell sein wie nationalistisch, egalitär wie rassistisch, liberal, ja sogar revolutionär wie ultrakonservativ – alle diese Botschaften können in ihm gefunden werden. Unter anderm hat Purim seit jeher tiefgehende genozidale Phantasien der Rache widergespiegelt. Das Buch Esther, die biblische Grundlage dieses Festes, erzählt die Geschichte von der wunderbaren Errettung der persischen Juden vor ihren Feinden, besonders vor dem bösen Haman. Sie endet damit, dass Haman vom persischen König gehängt wird. Folgerichtig nehmen die Juden Rache und töten die zehn Söhne Hamans, ermorden einige hundert Nichtjuden in der Hauptstadt Susa und massakrieren anschließend 75.000 Nichtjuden in ganz Persien. Damit endet das Buch Esther. Die (wahrscheinlich nicht existenten) historischen Grundlagen dieser Vorfälle spielen keine Rolle: es sind der Mythos und die Erinnerung, die zählen. 
Die völkermörderischen Grundlagen von Purim reichen sogar noch tiefer: Wie das kurze Buch Esther betont, ist Haman ein „Agagit,“ das ist ein Abkömmling von Agag. Agag war der König der antiken Amalekiten, des archetypischen Feindes der Juden, die dem Völkermord auszuliefern die Bibel gebietet: „so sollst du das Gedächtnis der Amalekiter austilgen unter dem Himmel. Das vergiß nicht!“ (Deuteronom 25,19). Als König Saul sündigt, indem er König Agags Leben verschont, tut es Gott leid, dass Er ihn zum König von Israel gemacht hat, und der Prophet Samuel „hieb den Agag zu Stücken vor dem HERRN“ (Samuel 15,33).
Das sind etwa nicht nur müßige Interpretationen für die Gelehrten oder tiefe Geheimnisse für die Auserkorenen, das alles ist verankert in den liturgischen Riten zu Purim. Während die öffentliche Lesung des Buches Esther selbst im Mittelpunkt des Festes steht, wird der Torah-Text über die Ausrottung Amaleks in der Synagoge am „Sabbat der Erinnerung“ gelesen, dem letzten Samstag vor Purim. Wenn einmal die Araber als Haman/Amalek gesehen werden, wird Purim zu einem Karneval der Aufhetzung gegen sie.

Die Erziehung der israelischen Soldaten

Das Oberrabbinat der israelischen Armee hat vor kurzem ein kurzes Video produziert, um den israelischen Soldaten Purim zu “erklären”. Es beginnt damit, das Offenkundige festzustellen, nämlich dass Persien der heutige Iran ist. Unter den Bildern, die immer wieder auftauchen, wenn Haman erwähnt wird, sehen wir nicht nur Ahmadinejad, sondern auch Nasrallah, den Anführer von Hisbollah, einige Male auch Hitler und, ja, Jesus Christus, der auch eine kurze Erscheinung beiträgt. In einer aus der Luft gegriffenen Neufassung der Legende, die offensichtlich gegen die heutigen Palästinenser gerichtet ist, wird gesagt, dass Haman und seine Söhne im Land Israel gehaust haben, wo sie gegen die Juden hetzten und forderten, die Bautätigkeit in Jerusalem (!) einzustellen, ehe sie nach Persien zogen, wo sich dann das Buch Esther abspielt.
Anders gesagt, das „Erziehungs“video der Armee zieht eine Verbindungslinie von Haman zu Jesus, zu Nazi-Deutschland, zum heutigen Iran und Hisbollah, wie auch zu den heutigen Palästinernsern. Und Haman, den das Video allerdings nicht explizit erwähnt, ist Amalek, der ewige Feind der Juden: „so sollst du das Gedächtnis der Amalekiter austilgen unter dem Himmel. Das vergiß nicht!

Von Hebron nach Tel Aviv

Es ist wahrlich erstaunlich, dass die israelischen Medien den Zusammenhang der Gewaltausbrüche in Tel Aviv und Jerusalen mit Purim ignoriert haben. Jüdische Israelis sehen einen Trend der „Wiederentdeckung von“ und „Wiederverbindung zu“ ihren „jüdischen Wurzeln“. In einer derartigen Atmosphäre würde man annehmen, dass diese „Wiederentdecker“ sich bewusst wären des jüdischen Kontexts von der Gewalt: immerhin ist das auch Teil des jüdischen Erbes, auf das sie angeblich so stolz sind. Aber nein: anstatt mit Licht und Schatten der reichen jüdischen Tradition zurechtzukommen, fallen nicht-orthodoxe Israelis auf unheilbringende jüdische Dämonen herein, ohne ihrer überhaupt gewahr zu werden, Dämonen, die sich einer ununterbrochenen Existenz unter orthodoxen Juden wie den radikalen Siedlern von Hebron erfreuen konnten, sich aber jetzt sogar in das „säkulare“ Tel Aviv eingeschlichen haben.

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