Montag, 2. Juli 2012

Poesie von Erich Mühsam: Der Gefangene

Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? ‑ Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen beßre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann's euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen ‑Tyrannei!
Dann ruf ich's in das Volk: Sei frei!
Verlern es dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!  

Erich Mühsam, 1919


Erich Mühsam (1878 - 1934): Schriftsteller, Vertreter des Anarchismus, 1919 Mitglied des Revolutionären Arbeiterrates in München, nach Zusammenbruch der bayerischen Räterepublik zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, 1924 amnestiert, 1908 - 1932 Mitarbeiter von "Die Schaubühne" und "Die Weltbühne", 1926 - 1933 Herausgeber der Zeitschrift "Fanal", 1933 von den Nazis inhaftiert und im Juli 1934 im Konzentrationslager Oranienburg bestialisch ermordet.

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