Samstag, 25. Juni 2011

Unsere aktuelle Situation: Selbstgewählter Sklaverei


Willst du wissen was Wahr ist? Dann entscheide dich für die richtige Pille!



Wer von uns tut etwas für seine Überzeugungen? Wir können uns noch immer von Bequemlichkeit ausbremsen lassen, wischen unser besseres kritisches Bewusstsein weg, wenn wir in unsere alten Spritschleudern steigen, wenn wir Steuern zahlen oder zehn Euro für den Arzt hinlegen. Wir geben uns einer Illusion hin; dabei nehmen wir uns aus, vom Rest der Masse und ihrer Idiotie, um in einer Blase von überheblicher Selbstgefälligkeit zu existieren. Wir wissen, dass wir könnten, wenn wir wollten. Doch es kommt immer etwas dazwischen, das unseren Willen von unserem Handeln trennt. 

Ist das nicht Zynismus?


Warum denken jene Menschen aus den Industriestaaten an Revolte? Was ist geschehen?
Wir hungern nicht und die Regale sind immer noch voller bunter Sachen. Es gibt auch noch genügend Öl für alle. Allerdings sind die Dinge aus den oberen Regalreihen für immer mehr Menschen nicht mehr greifbar. Jene fühlen sich beschnitten in ihrer Freiheit. Jene, das ist eine ständig wachsende Masse weltweit, die in ihrer neugewonnenen Freizeit (mangels Geldes für befreienden Konsum) beginnt, nachzusinnen. Die Welt wacht auf.
Internet, Bücher und Filme haben es uns einfacher gemacht zu zweifeln. Wir sehen mit unseren eigenen Augen Dokumentationen über Elend und über die Konsequenzen unserer Ausbeutung der natürlichen Ressourcen – und das immer bewusster. Verkündung von einer dunklen Zukunft sind keine Verschwörungstheorien mehr, sondern derzeit spürbare Auswirkungen für und an uns selbst. Ob der Klimawandel tatsächlich von unserer Industrie herbeigeführt wird, ist nicht zu hundert Prozent bewiesen. Oder wissen Sie aus eigenen Experimenten, was CO2 mit O3 anrichtet? Die meisten nehmen das hin, was ein Weißkittel mit Doktortitel sagt. Dennoch müssen wir keine Chemieexperten sein, um nicht wenigstens berechtigte Zweifel zu haben. Wären wir welche, hätte unsere Schule eine bessere Arbeit verrichtet. Wir wüssten – durch Experimente, durch aktives Lernen – was der Wahrheit näher ist und was nicht. Je weniger Bildung ein Mensch besitzt, umso leichter ist es, ihn zu (ver)führen. Unabhängig vom Bildungsgrad allerdings, wachsen bei Jedermann Zweifel: Ob beispielsweise die Finanzkrisen kontrollierbar sind oder nicht, wissen nicht einmal die „Experten“ und führen den Glauben an Kompetenz und Eliten ad absurdum.

Wir sind in einem Paradigmenwechsel, denn die Menschen sind gebildet. Mehr denn je. Unsere bunten Medien: auf Plakaten, auf Bildschirmen, im Radio; die schönen Konsumgüter sind die Antagonisten von Bildung und damit einer freien Aufklärung: Der Kapitalismus unterdrückt nicht aktiv – er nutzt unsere Psyche subtil – so, wie es alle vorigen Systeme getan haben: Er propagiert, uns die Angst vor dem Leben nehmen zu können. Wir sind Primaten und träumen von einem Vorbild, von jemandem der klare Regeln aufstellt – denn für klare Regeln ist der Ängstliche dankbar; sie stecken einen vermeintlich sicheren Weg durchs Leben ab.
Der Ängstliche schließt Verträge mit der Gesellschaft, um sich sicher fühlen zu können. Der Gedanke ist alt. Hume, Rousseau und Kant haben hierzu ihre Vertragstheorien zur Gesellschaft entwickelt: Der Mensch muss sich einen Teil seiner Freiheit begeben, um in der Gesellschaft frei zu sein. Doch haben die nicht den Kapitalismus in Höchstform eingerechnet. Es ist Fakt, dass der Mensch nicht unumschränkt frei sein kann, da er nicht losgelöst von der Gesellschaft und ihren Gesetzen zu existieren vermag. Auch jenen Gesetzen hat der Kapitalismus zu gehorchen – wenn es denn eine globale Instanz gibt, die ihn zu regulieren vermag. Er hat sich allerdings ein weiteres Element zu eigen gemacht: Er führt, indem er zerstreut. Er zerstreut den Geist des Menschen und zerstreut die Menschen untereinander und er versucht zumindest, an Gesetzen Vorteil zu nehmen, durch Lobbyismus und Druck. Damit hat er eine Grundfeste der politischen Ordnung infiltriert. Er hat sich wie ein Parasit in den Begriff „Demokratie“ geschlängelt. Oft habe ich den Eindruck, diese zwei Dinge seien tatsächlich untrennbar.

Die Methodik des Kapitalismus ist ausgereifter geworden. Er hat sich ebenso gebildet wie wir. Weil er keine Einheit ist, die gegen uns steht: Wir sind seine Marketingmenschen und wir sind seine Adressaten. Zwar gebildeter als damals, doch noch benebelt genug, um geleitet werden zu können. Der Kapitalismus macht es unserer Kritik schwer mit seinem Entertainment und der Verkomplizierung der Realität. Trotz einem weit verzweigten und verworrenen Netzwerk an Beziehungen wirtschaftlicher und politischer Art, bleiben die Prinzipien ganz einfach: Aus der Geschichte und aus der Alltagspsychologie weiß jeder von uns, wie die Dynamik in einer – egal wie großen Gruppe – von Menschen aussehen kann. Vorteilhafte Umstände, Konstitution und womöglich die Natur einiger Menschen (ein etwas hohler Begriff), lassen sie an anderen Vorteil nehmen. Dazu muss man nicht alle Spieltheorien kennen; jene Theorien, die menschliches Verhalten voraussehen lassen.
Wussten Sie, dass Spieltheorie hauptsächlich in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen gelehrt wird? Die Ökonomie hat in ihrer freien Struktur kein gemeinsames Ziel und Gedanken. Es gibt keine illuminate Entität, welche alles regiert. Wenn überhaupt, dann sind es reiche Unternehmen und Banken, die mit ihren Netzwerken und weitreichenden branchenfremden Aktivitäten alles dagegen tun, um kein einfaches Ziel zu werden. Wir sind Bankangestellte oder wenigstens Bankkunden. Die Wirtschaft macht sich offen die Psychologie zunutze, lernt sie und lässt sie ihren Zöglingen lehren – das ist Allgemeinwissen. Sie macht es uns einfach, weil das Kleingedruckte zwar die Wahrheit sagt, wir aber nicht lesen wollen, was darin steht. Einfache Psychologie: Wir vertrauen. Auch Drückerkolonnen. So ist gelegentlich die Änderung der Betrachtungsweise auf die Dinge vonnöten, um sie (besser und irgendwann richtig) zu verstehen. Das ist Teil der Aufklärung, aber leider nicht forcierbar.

Wir verstehen und adressieren die Probleme, mehr und mehr. Dennoch ist es ein harter Kampf mit uns selbst: Wir sehen Greenpeace, sehen Politiker an Korruptionsskandalen scheitern, Affären um Olympia und die FIFA, und wir tauschen uns aus. Wir wissen, dass etwas getan werden müsste und dieses das Bewusstsein dringt immer tiefer in die Gesellschaft. Obwohl die „Big Player“ davon schon lange Wind bekommen haben müssten, nimmt keiner Stellung zu unseren gelegentlichen Unmutsäußerungen. Wie auch?
Wir leben in einer (weiteren) Ära des beredten Schweigens und der Undurchsichtigkeit (des Kleingedruckten). Die Verteidigung des Status quo eines Systems ist ausgefeilter geworden. Von einem evolutionären Standpunkt betrachtet, gab es Phasen mit unterschiedlicher Methodik: Exekutiert, totargumentiert oder vorgeführt. Unsere Phase ist die Letzte (in dieser Liste zumindest). Wer aufmüpfig wird, wird lächerlich gemacht oder kriminalisiert (Vergewaltigungsvorwürfe sind Mode). Noch sind die Politiker gute Rabulisten und Drumherum-Redner, doch das wird bald nicht mehr ausreichen. Noch sind die Produkte noch bunter und verwegener zu bekommen, das Waschmittel noch frischer, die Flüge noch billiger, die Talkshows noch dümmer, die Fernsehformate immer verdorbener, doch es ändert nichts an der Tatsache, dass jenes panem et circensis die sinkende Kurve unserer realen Lage – als freie Individuen – bald nicht mehr zu überdecken vermag. Der Mensch wird plötzlich Veränderungen brauchen, denn seine Furcht hiervor steht hinter der Furcht vor Bankencrash und Arbeitslosigkeit zurück.


Das Erstaunliche am Menschen ist, dass er – obwohl er sie fürchtet - Freiheit braucht und für sie, wie eine Pflanze, Betonmauern durchbricht, um zu ihr zu gelangen. Bei ihm wird die Wahl zwischen Tod oder Leben als Sklave an einem bestimmten Punkt gegen die Unfreiheit gefällt – und sei es nach Jahren der Quälerei. Und die Hand, die dich füttert, beißt du nicht! Wir sind – auf eine andere Betrachtungsweise – Sklaven. Diese hatten ein deutscher und russischer Philosoph vor 200 bzw. 90 Jahren vorweggenommen: Das Unterwerfen unter eine erneute Massenmoral, freiwillig getragen vom Individuum (Freidrich Nietzsche) und der Verlust des freien Geistes an ein Leben „selbstgewählter Sklaverei“ zum Takt der Technologie (Nicolai Berdyayev). Wir werden medial gefüttert – und das voll und ganz zurecht. Denn wir nehmen es an. Es ist – in unserer Gesellschaftsordnung – anerkannt (und wir haben den Gesellschaftsvertrag geschlossen), dass Wirtschaft sich frei zu entwickeln habe, dass sie sich vernünftig selbst reguliere; dass sie Freiheit sei. Doch die Konsequenzen einer wirtschaftlich zügellosen Freiheit werden von uns hingenommen. Weil sie irrtümlicherweise zu eng mit Demokratie verknüpft wird. Außerdem sehen wir am Ende des Tunnels dieses dunstige Licht: Wenn wir eine 35-Stundenwoche und ein Auskommen haben, dann sind unregelmäßige Selbstbelohnungen durch Konsum genug für unser unvollkommen empfundenes Dasein. Opium. Merken Sie's? Einst war Religion dieses Opium.
Jene 35 Stunden gelten für den Mittelstand. Gibt es den noch? War es nicht Amerikas größte Furcht, den Mittelstand zu verlieren? Das hat es zu großen Teilen. Für diese Ex-Mittelständler bedeutet das Licht inzwischen nur noch die verzweifelte Hoffnung, vom Tellerwäscher zum Millionär zu kommen. Sobald wir uns nicht mehr selbst über diesen Irrsinn belügen, dauert es nicht lange, um auch noch unseren Zynismus darüber zu verlieren und zornig zu werden.





Und, welche Pille soll's nun sein?


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Quelle: theintelligence.de

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