Freitag, 13. Mai 2011

Wir leben in Abhängigkeit

Niemand lässt sich so etwas an den Kopf werfen. Schon gar nicht, wenn er für sein Geld hart arbeitet. Ein Zustand der Abhängigkeit wäre ehrenrührig. Auch die weibliche Hälfte des Volkes hat sich schließlich schon vor Jahrzehnten leidenschaftlich aus der ehemaligen Rolle von „Frau und Mutter“ gelöst, wurde erwerbstätig, um in keinem Abhängigkeitsverhältnis zum Ehepartner zu stehen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. So sollte man zumindest meinen. In welcher Form sich diese Abhängigkeit manifestiert, wird uns zum Glück sehr selten bewusst. Meistens nur dann, wenn die Bereitstellung dessen, worauf wir im täglichen Leben nicht oder nur schwer verzichten können, einmal unterbleibt.
Vermutlich gibt es nicht all zu viele Menschen, denen ihre Individualität von sonderlicher Bedeutung ist. In erster Linie sind wir Teil einer Gemeinschaft, achten darauf, unseren Platz in dieser einzunehmen und richten unsere Wertmaßstäbe in Relation zu dieser aus. Sozusagen, solange jeder für Brot und Unterkunft Baumwolle pflückt, kann doch daran nichts falsch sein. Auf die heutige Situation in Mitteleuropa umgelegt, gibt es doch sehr viele, die etwa das Steuersystem verteidigen, weil ja schließlich „jeder seine Steuern zu zahlen hat“, folgen Gesetzen, ohne über deren Sinn nachzudenken, weil man sich an diese einfach zu halten hat, und werfen Gesellschaftskritikern gerne plump an den Kopf: „Und wo auf der Welt soll es besser sein?“
Zu den wesentlichen Kriterien einer individualistischen Lebensauffassung zählt, erst dann mit dem Strom zu schwimmen, nachdem die Fließrichtung überprüft wurde. Schafe folgen dem Rest der Herde, auch wenn der Weg in den Schlachthof führt. Das gelegentliche Schicksal der Lemminge wird oft genug als Beispiel zitiert. Also, wer sich als Individuum betrachtet, erwartet auch, über das Recht zu verfügen, sich individuell entscheiden zu dürfen. Er erachtet dies sogar als Grundvoraussetzung von Freiheit.
Das Ideal der Freiheit geht einher mit Unabhängigkeit. Vor entscheidenden Konfrontationen arbeiten wir einen „Plan B“ aus. Wir wollen uns schließlich von unserem Verhandlungspartner nicht unter Druck setzen lassen. Und so ein Plan B sollte eigentlich schon dann zur Verfügung stehen, wenn die Situation, dass er benötigt wird, noch gar nicht eingetroffen ist. Kann sich doch schließlich Plan A jederzeit und überraschend als fehlerhaft oder anfällig erweisen. Haben Sie einen Plan B vorbereitet?
Sie erfreuen sich eines angenehmen oder zumindest akzeptablen Arbeitsplatzes. Millionen von Menschen waren in der gleichen Situation und fanden sich plötzlich mit Veränderungen konfrontiert. Ein neuer Vorgesetzter, mit dem man einfach nicht zurecht kommt. Das Unternehmen geht pleite oder es wird schlicht Personal abgebaut. Finden Sie sich mit der Situation konfrontiert, dass Sie dieser Arbeit nicht mehr nachgehen können oder wollen, haben Sie einen Plan B?
Sie üben einen Beruf aus, für den immer seltener Stellenangebote zu finden sich. Ja, auch das bringt der Fortschritt mit sich. Berufe die entweder aussterben oder in die Dritte Welt verlagert werden. Was wäre Ihre persönliche Alternative?
Sie besitzen einen kleinen Laden. Plötzlich eröffnet in nächster Nähe ein Diskontmarkt. Ihre Umsätze fallen. Der Veräußerungswert Ihres Geschäftes verfällt mit den Umsätzen. Plan B könnten finanzielle Reserven sein. Oder, im Falle von Verschuldung oder mangelnder Eigenmittel, Hartz IV?
In der Wohnung neben der Ihren ziehen plötzlich Menschen ein, die Sie – was auch immer der Grund dafür sein möge – keineswegs als Nachbarn haben wollen. Ihr Leben wird immer unerträglicher. Diese Leute zum Ausziehen zu zwingen ist selten möglich – und „hängt“ schließlich auch von der Entscheidung eines Richters „ab“. Plan B wäre natürlich, eine andere Wohnung zu suchen, was aber meist mit erheblichen Unkosten verbunden ist. Sind Sie vorbereitet?
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die ja schließlich nicht gar so lange zurückliegt, hält aber noch mehr Beispiele parat, was alles auf Menschen, und insbesondere wenn sie in Großstädten leben, zukommen kann. Sie vertrauen auf Ihr Erspartes und plötzlich verfällt der Geldwert rapide. Sollten Sie sich dem Glauben hingeben, dass so etwas heutzutage nicht mehr passieren kann, dann werfen Sie einfach einen Blick auf die Ausdehnung sowohl des Geldvolumens (M3) als auch auf die Staatschulden.
In Kriegs- und Zwischenkriegszeiten gab es Versorgungsengpässe, was, wie wir aus Erzählungen unserer Eltern und Großeltern wissen, Hungersnöte mit sich brachte. Dabei kamen die Lebensmittel damals gar nicht von so weit her. Die Städte waren bei weitem nicht so überbevölkert. Die Versorgung wurde durch eine wesentlich größere Zahl von Kleinbetrieben gesichert. Für die Verfügbarkeit vieler Produkte, auch im Bereich der Nahrungsmittel, zeichnen sich mittlerweile immer weniger Großbetriebe verantwortlich. Die Folgen des Ausfalls eines einzigen dieser Unternehmen ziehen somit wesentlich größere Kreise.

Noch eine Überlegung würde ich hierzu anstellen. Arbeitnehmer kennen das Instrument des Streiks, um ihrem Arbeitgehgeber gegenüber Forderungen durchzusetzen. Was die Versorgung mit Verbrauchsgütern betrifft, gehen wir grundsätzlich davon aus, dass die verschiedenen Anbieter in Konkurrenz zueinander stehen. Die logische Entwicklung des Kapitalismus führt in vielen Bereichen jedoch dahin, dass es auch im Bereich der Großkonzerne immer öfter zu Fusionen kommt. Gewiss sind wir davon noch ein ordentliches Stück entfernt, doch lässt sich nicht ausschließen, dass es für jede Branche einmal ein einziges Monsterunternehmen geben könnte, auch wenn dieses unter verschiedenen Namen auftritt, welches somit ein Monopol auf die Versorgung mit bestimmten Gütern, Nahrungsmittel wiederum eingeschlossen, ausübt. In so einem Fall könnte dieses Unternehmen den Spieß umdrehen und seine Forderungen dem Volk gegenüber erzwingen, in dem es mit der Einstellung der Lieferungen droht. Dass gewisse Unternehmen entsprechender Größenordnung ihre Unverzichtbarkeit oft genug schon als politisches Druckmittel einsetzen, ist kein Geheimnis.
Zum Glück passieren Stromausfälle selten. Dementsprechend selten denken wir auch darüber nach, wie abhängig wir vom Fortbestand der Stromversorgung sind. Nicht nur, dass Computer und Fernsehgeräte plötzlich nicht mehr funktionieren, der Elektroherd und der Kühlschrank. Ein oder zwei Stunden könnte man ja auch noch bei Kerzenlicht ein Buch lesen, Wasser statt heißem Kaffee trinken und der Kühlschrank lässt sich schlimmstenfalls ja wieder auffüllen. Solange der Supermarkt beliefert wird. Was machen Sie übrigens, wenn kein Wasser aus der Leitung kommt? In Städten „hängen“ wir von einer zentralen Wasserversorgung „ab“. Wissen Sie, wo der nächstgelegene Brunnen zu finden ist? Ein anhaltender Zusammenbruch der Stromversorgung zieht aber noch wesentlich weiterere Kreise. Wenn Ihr Computer nicht funktioniert, dann fallen auch jene Rechner aus, in denen die Daten der Unternehmen gespeichert sind, durch welche Verbrauchsgüter in die Läden geliefert werden. Läden, denen ebenfalls der Strom fehlt, sofern sie über keinen Generator verfügen. Und wie soll der Treibstoff aus den Tanks gepumpt werden?
Im Januar 2009 veröffentlichte die Webseite NASA-Science eine Studie über die Anfälligkeit des Stromnetzes gegenüber Solarstürmen. Zwar passieren solche, im entsprechend Ausmaß, selten. Angeführt wird ein Beispiel aus dem Jahr 1989, als praktisch die gesamte Stromversorgung der kanadischen Provinz Quebec für 9 Stunden restlos zusammen brach. Der bisher schwerste bekannte Sonnensturm ereignete sich am 1. und 2. September des Jahres 1859. Ein Naturereignis der damaligen Intensität könnte weltweite Folgen nach sich ziehen. Die Wiederinstandsetzung könnte sich über Monate erstrecken.
Im Januar 1998 wurde ebenfalls die Provinz Quebec, zusammen mit benachbarten Regionen, über fünf Tage von anhaltendem Eisregen heimgesucht. Strommasten knickten wie Streichhölzer und rissen Hunderte Kilometer von Kabeln mit sich. In manchen Gegenden dauerten die Reparaturarbeiten bis zu zwei Monaten. Dieser Vorfall bringt auch Überlegungen bezüglich der Gefahr von Terroranschlägen mit sich, wer immer solche im Sinn haben könnte.
Je mehr sich Systeme ineinander verketten, je mehr einzelne Staaten ihre Souveränität, durch Aufgabe der eigenen Währung und durch unauflösbare Einbindung in internationale Abkommen, aufgeben, je mehr der einzelne Bürger gezwungen wird, sich diesem System anzupassen, desto tiefer sinken wir in Abhängigkeit. Natürlich gibt es für die Wenigen, die danach suchen und es sich finanziell leisten können, noch Alternativen. Ein kleiner Bauernhof, der, weil die Größe bestenfalls für Selbstversorger ausreicht, sogar günstig zu erwerben wäre. Oder zumindest ein Garten, in dem sich im Notfall Kartoffel pflanzen lassen. Den eigenen Brunnen nicht zu vergessen. Wir belächeln den Lebensstil der Amischen und erzkonservativer Gruppen von Mennoniten, die auf Strom und Telefon verzichten und ihre Felder mit Hilfe von Pferden und Oxen bestellen. Abhängig sind diese Menschen aber nur vom Wetter und von der Harmonie innerhalb ihrer kleinen und überschaubaren Gemeinschaft. Natürlich, die meisten von uns wären bei bestem Willen nicht fähig, sich mit diese Art des Lebens anzufreunden. Wir werden uns aus der Abhängigkeit wohl kaum lösen. Aber zumindest sollten wir uns dieses Umstandes bewusst sein. Und gewisse Vorsichtsmaßnahmen lassen sich auch ohne große Einbußen ergreifen. Schließlich ist unsere Zivilisation an einem Punkt angelangt, an dem mit so mancher Überraschung zu rechnen ist.


Quelle: http://www.theintelligence.de/index.php/gesellschaft/kommentare/2635-wir-leben-in-abhaengigkeit.html

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