Mittwoch, 11. Mai 2011

Und im Hintergrund: der Mensch

Ein Wort vorab zu diesem Artikel an Sie liebe Leserinnen und Leser: Eigentlich wollte ich einen ganz anderen Artikel schreiben. Ich wollte Ihnen ein bisschen aus der Geschichte schreiben, etwas über die Entwicklung und Zusammenhänge, aber im Angesicht der sozialen Lage in unserem Land kamen nur folgende Gedanken zusammen, die ich heute mit Ihnen teilen möchte.

In einer Leistungsgesellschaft wird es besonders auffällig, welchen „Rang“ der Mensch an sich einnimmt. Es geht um Leistung. Wenn es um Leistung geht, ist der Mensch automatisch gefordert, den Ansprüchen gerecht zu werden. Zum einen, weil man es vielleicht für sich selbst so will, wobei die Freiwilligkeit nicht auf freiwilliger Basis erfolgt, sondern anerzogen wurde. Zum anderen die Leistung gefordert wird. Und schon erscheint das eigentliche, freiwillige Handeln in Bezug auf Leistung erbringen in einem anderen Licht. Es ist nicht freiwillig, es steht ein meist unausgesprochenes „Muss“ dahinter.

Wer Leistung bringt, kann sich auch mehr leisten. Sollte man meinen, in Hinblick auf einen gerechten Lohn für seine Leistung driften wir jedoch kontinuierlich vom eigentlichen (Leben) ab. Kaum jemand wird heute noch so bezahlt, wie es seiner Leistung entspricht. Also warum wundern wir uns dann alle, dass unser soziales Gebilde langsam aber sicher zusammenbricht? Weil es eben nicht in erster Linie um Leistung geht.

Das Leben ist kein Leistungssport. Das Leben ist das Leben, und arbeiten geht man, um davon leben zu können. So sollte es zumindest menschlich betrachtet sein. So ist es aber schon lange nicht mehr, wenn es überhaupt schon einmal so war, abgesehen von den Naturvölkern, die so viel leisten, wie sie zum Leben brauchen.

Der Mensch tritt mehr und mehr in den Hintergrund, das macht unser Gesundheitswesen ganz deutlich. Die Berufe, die dem Menschen helfen oder dienlich sein sollten, die werden am schlechtesten bezahlt. Einen kranken Menschen zu versorgen, ihn zu pflegen, gegebenenfalls an seinem Lebensende zum Übertreten in das „andere“ Leben  zu begleiten, wird unterbezahlt oder auf der sogenannten ehrenamtlichen Ebene getätigt.

Warum? Weil ein kranker Mensch, weil ein Sterbender der Gesellschaft nichts mehr bringt, keine Leistung mehr erschafft. Ehrenamtlich wird es geleistet, denn es ist eine menschliche Angelegenheit… hat etwas mit Wärme und Gefühl zu tun, das wird nicht bezahlt, das soll selbstverständlich sein.

Das war es vielleicht früher einmal, als die Menschen noch näher zusammenlebten, heute wird alles auseinander gerissen, angefangen in den Kindergrippen, über die Kindergärten, (Schule- wollen wir hier einmal ausklammern, denn lernen ist wichtig) und dann in Pflegeheimen und im Hospiz. Und die Lücke dazwischen ist die Leistungsgesellschaft.

Wer keine Leistung mehr bringt, arbeitslos, krank oder alt wird, der ist nicht mehr leistungsfähig, also auch nicht mehr brauchbar, wird eben aussortiert, an den Rand der Gesellschaft gedrückt. So werden in unserer Gesellschaft generell Menschen behandelt, die es „nicht mehr bringen“.

Und die Gesellschaft drückt fleißig mit. Das kann man daran erkennen, wie sich Menschen gegenüber anderen Menschen empören oder aber sich von ihnen abwenden, wenn diese arbeitslos, krank und/oder alt werden.

Ein kranker Mensch zieht sich automatisch zurück, denn ein kranker Mensch benötigt meist Ruhe zur Erholung, das ist völlig natürlich. Aber heute kann man sich kaum noch Krankheit „leisten“, hier greift man schnell zu Mitteln, die einen ganz flott wieder leistungsfähig machen (sollen). Ist ein kranker Mensch durch seine Diagnose schon fast dem Tode geweiht, ziehen sich die nicht unmittelbar Betroffenen (meist auch diese) von dem Kranken zurück. Wir sind aber alle dem Tod geweiht, irgendwann einmal.

Werden Menschen arbeitslos, was in unserer heutigen, unsicheren Zeit ohne weiteres jedem passieren kann, dann werden mit zunehmender, länger anhaltender Arbeitslosigkeit die (Geld-)Mittel, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, schmäler. Die Menschen ziehen sich zurück, werden so ausgegrenzt, weil sie nicht mehr „mithalten“ können oder grenzen sich eben genau aus diesem Grund selbst aus.

Erzieher/innen, die für die Kleinsten da sind, werden ebenfalls sehr schlecht bezahlt, es sei denn, sie steigen in den Beamtenstatus auf, der jedoch den Leiter/innen vorbehalten bleibt. Kinder sind noch nicht leistungsfähig, sie benötigen noch „Erziehung“, außerdem kosten sie erst einmal Geld. Und auch für diese Menschengruppe ist kaum Geld da.

Mittlerweile bekommen es auch schon unsere Ärzte zu spüren, die kalte Atmosphäre erreicht bereits die Arztpraxen. Nicht erst seit der Einführung der 10 Euro Praxisgebühr, aber hier begann der schleichende Weg, und er ist längst noch nicht zu Ende gegangen. Die Menschen werden immer ärmer, viele sparen sich bereits die 10 Euro Praxisgebühr, weil diese 10 Euro sonst an anderen, dringender benötigten Mitteln fehlt. Denn sie wissen, die Medikamente, die sie brauchen, auch wieder Geld kosten, Geld, das nicht da ist. Was ist kostbarer als die eigene Gesundheit? Sie meinen das sei übertrieben? Dann kennen Sie keine Armut.

Viele Menschen sind verzweifelt, man sieht es ihnen nicht an, sie schämen sich. Sie schämen sich, weil sie arbeitslos sind, weil sie krank sind und diejenigen, welche es nicht mehr schaffen, sieht man sowieso nicht mehr. Sie trifft man höchstens noch in Pflegeheimen oder in einem Hospiz.

Liebe Leserinnen, liebe Leser, in was für einer Welt leben wir…? Und wie kann es sein, dass eine Eurozone mehr Gewicht, mehr Achtung durch unsere Politiker erfährt als die Menschen in den Eurozonenländern? Diese nämlich empfindlich beschnitten werden durch Arbeitslosigkeit, durch den unsagbaren Druck, der auf so Vielen lastet, die da noch in Arbeit sind, die Kranken, die Alten, die Kinder so unter diesem selbsterzeugten Druck ihr Leben in Armut und Krankheit leben müssen?

Verstehen sie das noch? Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe es auch nicht, warum sich die Menschen hier nicht empören, schließlich geht es uns alle an. Aber die Menschen klammern sich lieber an etwas, was sie kennen, dabei kennen sie nichts oder wollen es nicht er-kennen.  Stattdessen beginnt der Kampf untereinander, ums Überleben, anstatt zusammen zu stehen, gemeinsam und das europaweit.

Sie können morgen schon der Nächste sein,  anstatt wild um sich zu schlagen, um ihr Hab und Gut fest zu klammern -, der Mensch wird erst panisch, oft auch gewalttätig, wenn er etwas zu verlieren oder zu verteidigen hat, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? -sollte man vielleicht einmal darüber nachdenken, dass es im Miteinander leichter ist, man etwas erreichen kann, anstatt sich gegenseitig zu zerfleischen beginnen und andere, die Hilfe benötigen noch weiter in den Schmutz zu treten, um sich selbst daran zu erhöhen, mehr ist es doch nicht.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das kann doch nicht so schwer sein….


Vielen Dank für Ihr Interesse
Ihre
Petra Hanse


 

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